Mandatory Credit: Photo by Alex Nicodim/Shutterstock 13602545gh Referee Sascha Stegemann Steaua Bucharest v West Ham United, UEFA Europa Conference League, Group B, Football, National Arena, Bucharest ...
Schiedsrichter Sascha Stegemann sorgte am vergangenen Spieltag für Diskussionen.Bild: imago / shutterstock
Bundesliga

Nach Schiri-Diskussionen: Legende Urs Meier fordert große Änderungen – und der DFB ist nicht abgeneigt

04.11.2022, 15:53

"Das ist ein Witz, das geht mir tierisch auf den Sack", wütete Frankfurts Sportvorstand Markus Krösche am vergangenen Spieltag nach der 1:2-Niederlage gegen Borussia Dortmund. Beim Stand von 1:1 hätten die Frankfurter einen klaren Elfmeter bekommen müssen. Dortmunds Karim Adeyemi hatte Eintrachts Jesper Lindström in den Rücken gestoßen.

Schiedsrichter Sascha Stegemann hatte allerdings auf Handspiel von Lindström entschieden. Selbst Videoassistent Robert Kampka blieb bei der Entscheidung. Der Frankfurter Unmut war daher perfekt.

29.10.2022, Hessen, Frankfurt/Main: Fu
Mario Götze und Jesper Lindström zeigten sich fassungslos über Stegemanns Entscheidung.Bild: dpa / Arne Dedert

Urs Meier fordert Professionalisierung der DFB-Schiedsrichter

Im Anschluss an diese Situation gab es viele emotionale Diskussionen um die deutschen Schiedsrichter und den Videoassistenten. Gegenüber watson forderte Urs Meier unter anderem eine Umstrukturierung und damit einhergehende Professionalisierung des Schiedsrichterwesens.

Der ehemalige Top-Schiedsrichter stellt fest: "Viele Schiedsrichter auf höchster Ebene könnte man von der Bezahlung als Profis durchgehen lassen. Sie verdienen viel Geld, aber es braucht auch professionelle Strukturen." Mit Strukturen meint Urs Meier vor allem gemeinsame Trainingsmöglichkeiten. Er fordert, dass die Schiedsrichter nach einem Bundesliga-Wochenende von Montag bis Mittwoch in Frankfurt zusammen kommen.

Montags würde der vergangene Spieltag besprochen werden. "Was war gut? Was nicht? Dadurch würde auch die einheitliche Regelauslegung gefördert werden", sagt Meier. Er glaubt, dass regelmäßige gemeinsame Besprechungen helfen würden, eine gemeinsame Linie zu finden.

Urs Meier galt in den 1990er und den frühen 2000er Jahren als Weltklasse-Schiedsrichter.
Urs Meier galt in den 1990er und den frühen 2000er Jahren als Weltklasse-Schiedsrichter.Bild: dpa / Soeren Stache

Für die folgenden Tage bringt Meier eine Trainingseinheit der Schiedsrichter mit einer U19-Mannschaft ins Gespräch. Dabei sollten die Spieler bestimmte Foulspiele wie Stoßen, Handspiel oder Ellbogeneinsatz bei Kopfballduellen begehen. Die Schiedsrichter sollten diese Situationen dann erkennen. "In einer Videobesprechung danach könnte ausgewertet werden, was richtig und was falsch gemacht wurde", sagt Meier.

Am abschließenden Mittwoch stünde laut Meiers Konzept eine härtere Konditionseinheit und die Besprechung der Partien für das kommende Wochenende an. Mit individuellen Trainingsplänen für die restlichen Tage würden die Schiedsrichter dann nach Hause fahren.

Soweit die Forderungen von Meier, aber wie steht der DFB dazu? Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich verweist gegenüber watson auf den Status quo. Aktuell würden die Schiedsrichter bereits gut betreut werden. So würden für die Schiedsrichtergespanne der ersten drei Ligen umfangreiche Sommer-Trainingslager organisiert werden.

"Dort werden Probleme der vergangenen Saison, aber auch Neuerungen vor dem Saisonstart besprochen. Eine einheitliche Linie in der Regelauslegung spielt dabei natürlich eine ganz zentrale Rolle", erklärt Fröhlich. Dazu käme ein Wintertrainingslager, in dem der bisherige Saisonverlauf samt Regelauslegung besprochen werde.

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Lutz Michael Fröhlich war Bundesliga-Schiedsrichter und ist seit 2016 Sportlicher Leiter der Elite-Schiedsrichter.Bild: imago / martin hoff

Die einheitliche Regelauslegung ist für Schiri-Legende Meier enorm wichtig. Für Spieler, Trainer und Fans müssten die Entscheidungen der Schiedsrichter "vorhersehbarer" werden. Deshalb fordert er, dass sämtliche Schiedsrichter eines Bundesliga-Wochenendes auch die Entscheidungen ihrer Kollegen besprechen.

Was nach dem Spieltag passiert

Aktuell ist es so, dass die eingesetzten Schiedsrichter am Dienstag beziehungsweise Mittwoch nach einem Spieltag eine Auswertung mit einem Schiedsrichter-Coach – oft ehemalige Referees – haben. Während dieser Auswertung werde "eine ausführliche Analyse der Spielleitung und der für das Spiel wichtigen Entscheidungen mit dem Schiedsrichter" durchgeführt, erklärt Schiri-Chef Fröhlich gegenüber watson. Donnerstags folgt dann wiederum eine Sitzung zur Vorbereitung auf den nächsten Spieltag.

"Wichtige Szenen werden nach einem Spieltag aufgearbeitet und in einer Playlist mit der richtigen Entscheidung und Begründung versehen."
DFB-Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich

Allerdings: All diese Besprechungen finden nur mit dem jeweiligen Schiedsrichter und seinem Coach statt. Eine Sitzung mit allen Schiedsrichtern gibt es nicht. Stattdessen hat sich der DFB etwas anderes überlegt. "Wichtige Szenen werden nach einem Spieltag aufgearbeitet und in einer Playlist mit der richtigen Entscheidung und Begründung versehen – die Aufgabe der Schiedsrichter ist es, sich diese Entscheidungen anzuschauen und diese bei ihren künftigen Spielleitungen zu berücksichtigen", führt Fröhlich aus.

Die Kommunikation zu diskutablen Szenen eines Spieltags geschehe laut Fröhlich aber nicht nur einseitig. Der 65-Jährige ergänzt: "Auch einzelne Referees melden sich, wenn sie Klärungsbedarf zu Entscheidungen vom vergangenen Spieltag sehen. Wir analysieren dann die Sachverhalte, besprechen sie gegebenenfalls auch nochmal mit den Schiedsrichtern. Wenn es zu einer Situation unterschiedliche Auffassungen gibt, nehmen wir das auch mit in den nächsten Workshop und besprechen das gemeinsam."

Neben den Vor- und Nachbesprechungen zu den Spieltagen finden auch regelmäßige Workshops statt – teilweise digital, teilweise vor Ort. "Wenn wir feststellen, dass zum Beispiel die einheitliche Linie bei Roten oder Gelben Karten, beim Handspiel oder anderen Entscheidungen nicht passt, dann müssen wir darauf hinweisen", erklärt Fröhlich die Regelmäßigkeit der Workshops.

DFB zeigt sich bei manchen Vorschlägen nicht abgeneigt

Der DFB ist demnach in manchen Punkten gar nicht so weit weg vom Konzept von Meier. Lediglich das praktische Training vor Ort existiert in der aktuellen Schiedsrichterarbeit noch nicht und die Besprechungen finden noch nur zwischen den Coaches und den Schiedsrichtern statt.

Einen Vorteil, den Meier durch eine weitere Professionalisierung sieht, wäre die Aufhebung der Altersgrenze. Aktuell dürfen Schiedsrichter im deutschen Profi-Geschäft pfeifen, bis sie 47 Jahre alt sind. Bei einer Professionalisierung der Strukturen sieht Meier wenig Gegenargumente, diese Regel zu verändern.

"Dass man die Tür ab einem gewissen Alter völlig schließt, das sollte nicht sein."
DFB-Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich über die Altersgrenze für Schiris

Neuerdings lehnt auch Schiedsrichter-Chef Fröhlich eine Aufweichung der Altersgrenze nicht mehr ab. Im Gespräch mit watson sagt er: "Dass man die Tür ab einem gewissen Alter völlig schließt, das sollte nicht sein. Die öffentliche Diskussion zeigt auch, dass solche Regelungen durch mehr Flexibilität ersetzt werden sollten."

Kurz darauf fügt er an, dass sich der DFB darüber Gedanken machen würde, wie mit älteren und erfahrenen Schiedsrichtern umzugehen sei. "Das ist eine Diskussion, die wir immer auch im Kontext einer langfristigen Kaderplanung führen. Die Fortführung einer Tätigkeit im Schiedsrichterwesen über das 47. Lebensjahr hinaus ist eben nicht ausgeschlossen."

Fröhlich koppelt eine Weiterführung der Schiedsrichter-Karriere aber auch an Bedingungen: "Wichtig ist in erster Linie die körperliche und mentale Verfassung sowie die Leistung, die die Aspekte Spielmanagement und Entscheidungsqualität einbezieht." Zudem müssten auch grundsätzliche Voraussetzungen wie Loyalität und ein respektvoller Umgang miteinander gegeben sein.

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Manuel Gräfe hat sich seinerzeit darüber beklagt, dass sich Schiedsrichter im Stich gelassen fühlen..Bild: dpa / Tom Weller

Zuletzt hatte Top-Schiedsrichter Manuel Gräfe im Sommer 2021 seine Karriere wegen der Altersbeschränkung beenden müssen. Im Anschluss hatte Gräfe den DFB heftig kritisiert und von "Altersdiskriminierung" gesprochen.

Der nächste deutsche Top-Schiedsrichter, der von der Altersgrenze betroffen wäre, ist Felix Brych. Nach der aktuellen Saison müsste er eigentlich die Pfeife weglegen. Nun hat der 47-Jährige allerdings doch noch eine Option erhalten, weiter auf dem Feld aktiv zu sein.

FC Bayern: Ex-DFB-Spieler verteidigt Aktion von Gnabry – "veraltete Maßstäbe"

Serge Gnabry ist gemeinhin dafür bekannt, nicht nur auf, sondern auch abseits des Platzes Highlights zu setzen. So fällt der 27-Jährige auch immer wieder durch extravagante Mode-Statements auf. Im Rahmen seiner Leidenschaft für High-Fashion besuchte er zuletzt die Pariser Fashion Week – und erntete dafür allerlei Kritik von der Vereinsführung.

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