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DFB-Schiedsrichtertalent Jonah Besong während eines Freundschaftspiels im vergangenen Sommer.Bild: www.imago-images.de / Aalto-Foto
Bundesliga

"Müssen uns Gedanken machen": DFB-Schiedsrichtertalent Jonah Besong über den Umgang mit Unparteiischen

14.05.2022, 13:0114.05.2022, 13:04

Am Wochenende bepöbelt, beleidigt und mitunter auch angeschrien zu werden, ist für die Unparteiischen im Profi-Fußball Alltag. Beleidigungen im Stadion werden quasi als Normalität akzeptiert. Kommen dann noch strittige Pfiffe, Fehlentscheidungen trotz Video-Assistenten und Fehler bei Auswechslungen hinzu, wird die Leistung tagelang diskutiert und den Schiedsrichtern von Experten – vor allem von ehemaligen Spielern – jegliche Kompetenz abgesprochen.

Auch Jonah Besong kennt das und hat solche Situationen schon einmal erlebt. Der 24-Jährige ist Schiedsrichter im Nachwuchs- und Amateurbereich und leitet Partien in der U-19-Bundesliga, der Regionalliga West und auch mal in der Landesliga Niederrhein.

"Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir etwas sagen und analysieren und wie die Fußballwelt mit Fehlern umgeht."
DFB-Nachwuchsschiedsrichter Jonah Besong zum Umgang mit Schiedsrichtern

"Egal, wie viel Technik wir haben werden: Es werden immer Fehler passieren. Zwar sagt man immer, es geht um so viel Geld, aber an diesem Geld hängen Menschen und die machen nun einmal Fehler", sagt Besong.

Dass das nicht jeder akezptiert, wird immer wieder durch krasse Fälle besonders deutlich: Da kommt es zu Morddrohungen, wie sie beispielsweise Felix Zwayer nach dem Spiel Dortmund gegen Bayern im Dezember erlebte, oder fliegende Bierbecher, die Unparteiische am Hinterkopf treffen – wie zum Beispiel Linienrichter Christian Gittelmann im März in Bochum.

"Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir etwas sagen und analysieren und wie die Fußballwelt mit Fehlern umgeht. Wenn die Art und Weise nicht immer so verletzend wäre, würde es vielleicht mehr Leute geben, die Lust auf die Schiedsrichterei hätten", erklärt er.

Zahl der Schiedsrichter nimmt immer weiter ab

Auch Besong nimmt eine besorgniserregende Entwicklung im Umgang mit Schiedsrichtern wahr. "Es ist immer schlimmer geworden", beschreibt er kurz und knapp. Seit er 14 Jahre alt ist, ist der gebürtige Duisburger als Unparteiischer aktiv und stellt fest, dass es mittlerweile "salonfähig geworden ist, auf dem Platz zu pöbeln."

Das ändert jedoch nichts an Besongs Absicht, den Job als Schiedsrichter auszuüben. Denn ohne sie geht es im Fußball nun einmal nicht. "Im Endeffekt liegt es an den Menschen, der Fußballgesellschaft und den Vereinen, das Miteinander in bessere Wege zu leiten."

Schiedsrichter Jonah Samuel Njie Besong 18.10.2020, Fussball GER, Saison 2020 2021, U19 Bundesliga West, 3. Spieltag, FC Schalke 04 - Borussia Dortmund 2:3, Foto: TEAM2sportphoto Gelsenkirchen Parksta ...
Schiedsrichter Jonah Besong beim A-Jugend-Derby zwischen Schalke 04 und Borussia DortmundBild: www.imago-images.de / Maik Hölter/TEAM2sportphoto

Denn das Verhalten der Zuschauer habe auch Auswirkungen darauf, dass die Zahl an Schiedsrichtern seit Jahren in Deutschland kontinuierlich sinkt. Laut des Datenportals Statista waren in der Saison 2016/17 noch 59.022 Unparteiische in Deutschland aktiv, 2020/21 nur noch 44.821.

Junge Menschen vom Schiedsrichter-Job schnell abgeschreckt

"Im Fußball ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass ein Schiedsrichter nicht freundlich empfangen wird, wenn er auf den Sportplatz kommt", sagte Thaya Vester Ende des vergangenen Jahres dem ZDF. Die Kriminologin der Universität Tübungen veröffentlichte 2019 eine Studie über Gewaltphänomene im (Amateur-) Fußball.

In Interviews zur Studie hat Vester vor allem Gewalterfahrungen als Grund für den Mangel an Nachwuchskräften ausgemacht. Dabei gehe es jedoch nicht nur um Angriffe auf den Unparteiischen, sondern auch um einen aggressiven Umgang der Spieler untereinander.

Hinzu kommt: "Die Bindung ans Ehrenamt ist nicht mehr so stark wie früher. Jüngere Leute denken eher in Projekten und wechseln woanders hin, wenn sie die Wertschätzung vermissen", sagte sie dem ZDF.

Bundesliga-Schiedsrichter Deniz
Aytekin als Vorbild

Auch Jonah Besong hat schon ähnliche Situationen wie den fliegenden Bierbecher in Bochum erlebt, in seinen Spielen in der Regionalliga und A-Jugend-Bundesliga. Gerade beim Weg in die Katakomben mache man sich häufiger Gedanken, was jetzt passieren könne, erzählt er.

"Man kann sich aber schlecht auf Szenen vorbereiten oder schulen, weil es immer auf die äußeren Umstände ankommt. Zudem geht jeder Mensch anders mit solchen Situationen um."

Trotz solcher Vorfälle fühlt er sich als Teil des DFB-Förderkaders vom Verband gut unterstützt. Und so stand Besong bereits mit den Bundesliga-Referees Deniz Aytekin, Patrick Ittrich und Sören Storks in Kontakt und hat sich Tipps geholt.

Besonders über die Nachrichten von Aytekin hatte sich der 24-Jährige gefreut, da er ihn zu seinen Vorbildern zählt. Die Ruhe, mit der der 43-Jährige die Spiele leite, sei beeindruckend.

Besong selbst ist auf dem Platz im Umgang mit den Spielern sehr offen und auch nicht um den ein oder anderen Spruch verlegen, wenn es zu Meckereien auf dem Feld kommt.

Besong hält Altersgrenze für Schiedsrichter für sinnvoll

Dass die erfahrenen Bundesliga-Schiedsrichter ein besonderes Augenmerk auf ihn gelegt haben, da er ihnen künftig den Platz streitig machen könnte, glaubt er nicht. "So denken sie nicht. Sie haben natürlich auf dem Schirm, dass es talentierte Schiedsrichter gibt, aber die gibt es in jedem Landesverband."

Ex-Bundesliga-Schiedsrichter Manuel Gräfe, der 2021 seine Karriere wegen der Altersbeschränkung beenden musste, übte in einem Gastbeitrag bei der "Bild"-Zeitung vor zwei Wochen Kritik an der Beförderungskultur im DFB: "Da sind wir wieder beim Leistungsprinzip, das seit Langem bei der DFB-Schiedsrichterführung leider hinten ansteht."

"Es muss eine Grenze geben."
DFB-Schiedsrichtertalent Jonah Besong zur Altersgrenze für Profi-Schiedsrichter

Jonah Besong sieht das anders. "Du kannst kein Spiel gewinnen, drei Punkte holen und am Ende ganz oben stehen. Die Einschätzung des Beobachters ist immer individuell. Manchmal ist da auch ein bisschen Glück dabei und am Ende sind es Nuancen, die entscheiden, ob du eine Liga aufsteigst."

Dass es auch für Schiedsrichter neben der Sporteignungsprüfung eine Altersgrenze gibt, ist für ihn "sinnvoll". Wenn es keine Grenze geben würde, wäre die Bundesliga überbesetzt. "Dann könnte keiner mehr von der 2. Liga in die Bundesliga aufsteigen. Denn warum soll ich einen Schiedsrichter, der Leistung bringt, absteigen lassen. Es muss eine Grenze geben." Ob diese Grenze jedoch schon bei 48 Jahren liegen muss, hält er für diskutabel.

Bis Jonah Besong diese Grenze erreicht hat, dauert es noch eine Weile. Und so lang lebt in ihm der Traum, im Profi-Fußball zu pfeifen. "Aber bis dahin muss ich noch viele kleine Schritte gehen."

WM 2022: ARD muss erneut Moderatoren auswechseln

Die öffentlich-rechtlichen TV-Sender übertragen auch bei dieser Weltmeisterschaft zahlreiche Spiele live. An den ersten drei Tagen übernahm das ZDF, am Mittwoch übertrug die ARD das erste Gruppenspiel Deutschlands gegen Japan. Donnerstag werden drei der vier Spieler wieder im ZDF übertragen, bevor am Freitag die Live-Übertragung wieder im Ersten stattfinden.

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