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Kasim Edebali beendete im Oktober seine Karriere bei den Hamburg Sea Devils. Zuvor spielte er jahrelang in der NFL. Bild: www.imago-images.de / imago images
Interview

"Nur falsch pupsen": Kasim Edebali über das Leben in der NFL und die Football-Entwicklung in Deutschland

11.11.2022, 16:04

Kasim Edebali hat sich seinen großen Traum erfüllt. Von 2014 bis 2019 spielte der 33-Jährige in der NFL, ehe er seine Karriere in seiner Heimat bei den Hamburg Sea Devils im September beendete.

Am Wochenende ist die NFL nun zum ersten Mal für ein Spiel in Deutschland zu Gast. Am Sonntag treffen dort die Tampa Bay Buccaneers um Weltstar Tom Brady auf die Seattle Seahawks.

Im Interview mit watson erklärt Kasim Edebali, warum wir bald mehr deutsche Spieler in der NFL sehen werden und worauf es besonders ankommt, um es in die Liga zu schaffen – und dort auch zu bleiben.

"Wenn du einmal falsch pupst, kannst du weg sein."
Ex-NFL-Spieler Kasim Edebali

watson: Herr Edebali, am Wochenende kommt mit Tom Brady der wohl beste Football-Spieler aller Zeiten nach Deutschland. Wann sehen wir den ersten Deutschen, der in einem NFL eine tragende Rolle in einem Team einnimmt?

Kasim Edebali: Grundsätzlich kann ich mir vorstellen, dass es diese Situation eines Tages gibt. Der Football in Deutschland wird größer und wir haben immer mehr Talente. Wenn wir noch mehr deutsche Spieler in der Liga haben, wird die NFL das Spiel sicherlich auch so organisieren, dass höchstwahrscheinlich ein Deutscher in diesem Spiel dabei sein wird.

Zudem haben sich die New England Patriots und die Carolina Panthers Markenrechte für Deutschland gesichert. Ist das nur der Anfang?

Definitiv. Die deutschen Football-Fans geben den Spielern nochmal eine ganz andere Energie. Das ist wie, wenn du das erste Mal etwas isst und das ist richtig gut gewürzt (lacht). Jetzt sieht die NFL, was wirklich in Deutschland abgeht.

"Du wirst so programmiert, wie Roboter zu wirken: Emotionen zur Seite und einfach funktionieren."
Ex-NFL-Spieler Kasim Edebali

Die deutsche Talentförderung funktioniert offenbar. Aktuell stehen einige Profis mit deutschen Wurzeln bei den 32 Teams unter Vertrag. Zudem gibt es vereinslose Spieler, die sich jedoch im Dunstkreis der NFL bewegen. Was ist der Knackpunkt, dass sie es nicht schaffen, eine tragende Rolle einzunehmen?

Das ist ein wirklich umfangreiches Thema. Die prozentuale Chance, dass wir deutschen Jungs es in die NFL schaffen, liegt bei unter einem Prozent. Und selbst für amerikanische Jungs, die auf der Highschool sind, liegt die Wahrscheinlichkeit, in der NFL zu spielen, bei unter einem Prozent.

In seinem Buch "Dreamchaser" beschreibt Kasim Edebali seinen Weg in die NFL.
In seinem Buch "Dreamchaser" beschreibt Kasim Edebali seinen Weg in die NFL. bild: Münchner Verlagsgruppe

Aber es ist eine Entwicklung erkennbar?

Absolut. Es werden immer mehr Ressourcen in die deutsche Jugendarbeit gesteckt und wir schaffen es, sie nach Amerika zu schicken. Über ein Dutzend Kids aus Deutschland sind aktuell an der Highschool und am College. Wir sind auf dem richtigen Weg.

Gibt es einen Austausch zwischen den Nachwuchsspielern, den aktuellen NFL-Spielern und Ihnen?

Natürlich. Ich habe das Gefühl, wir sind eine brüderliche Gruppe. Das ist wie, wenn Batman sein Symbol in den Himmel projiziert, nur bei uns ist es eine Deutschland-Flagge. Die jüngere Generation um Spieler wie Jakob Johnson oder Marcel Dabo können ehemalige Spieler wie mich, Sebastian Vollmer oder Markus Kuhn jederzeit anrufen oder bei Instagram anschreiben, um nach einem Rat zu fragen.

Marcel Dabo sagte im watson-Interview, dass NFL auch für "Not for long" steht. Auch in ihrem Buch zitieren Sie einen Mitspieler, der Ihnen sagte: "Du bist nur so lang hier, bis sie einen besseren finden. Und sie suchen jeden Tag einen." Klingt nach knallhartem Business.

Das ist es zu 100 Prozent. Ich hab genügend Jungs gesehen, die tausendmal besser waren als ich. Aber mit diesem konstanten Druck kann nicht jeder umgehen. Wenn du einmal falsch pupst, kannst du weg sein (lacht). Ich wusste ganz genau: wenn jemand seine Chance nicht nutzt, dann will ich da sein und sie ergreifen. Nur so schaffst du es in den Kader.

Nicht umsonst dauert eine NFL-Karriere im Schnitt auch nicht länger als drei Jahre.

Ich habe genug Talente gesehen, die machen das größte Play und sind super gut. Aber im nächsten Spielzug sind sie der Grund, warum der Gegner einen 50-Yard-Touchdown erzielt. Und dann geht es darum, mit wem sich das Team sicherer fühlt und am Ende zählen eben nur Siege. Hinzu kommt dann wieder die Business-Seite.

Das müssen Sie erklären.

Je älter ein Spieler ist, desto mehr Grundgehalt müssen die Teams bezahlen. Vom Business-Aspekt investierst du lieber in einen Spieler, der zwischen 22 und 25 Jahre alt ist und den du noch formen kannst. Wenn du kein Superstar bist und alt, lohnt es sich für die Teams nicht, dich auf das Feld zu stellen und dir viel Geld zu bezahlen.

Nach Ihrer Zeit in New Orleans standen Sie zwischen 2017 und 2019 bei acht verschiedenen Teams unter Vertrag. Hinzu kommen noch zahlreiche Probetrainings bei anderen Teams. Haben Sie manchmal an sich gezweifelt, ob Sie überhaupt noch Football spielen können?

Nein, niemals. Ich weiß ganz genau, wo meine Stärken liegen. Aber mein Vorteil war, dass ich auch meine Schwächen ganz genau kannte. Jedes Team wusste aber, dass ich keine Fehler machen werde und so schnell wie möglich 100 Prozent geben werde. Nur deswegen konnte ich mich so lang in der NFL halten.

Sie legen selbst großen Wert auf mentale Gesundheit, doch aus Ihren Erfahrungen spielte das am College und in der NFL keine große Rolle.

Ich glaube, zu meiner Zeit gab es schon die Ressourcen dafür, aber niemand hat einen darauf aufmerksam gemacht. Seitdem es aber eine höhere Sensibilität für Gehirnerschütterungen in der Liga gibt, versucht man den Jungs viel mehr psychisch zu helfen.

Also hätten Sie diese Möglichkeit während Ihrer aktiven Karriere gern genutzt?

Als mein bester Freund gestorben ist und ich richtig niedergeschlagen war, wäre es für mich wohl ein bisschen leichter gewesen. Ich hätte diese Ressourcen gerne genutzt. Aber du wirst so programmiert, wie Roboter zu wirken: Emotionen zur Seite und einfach funktionieren.

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