Sport
Lionel Messi macht noch Werbung für das neue Barcelona-Trikot.

In den Schaufenstern der Barca-Fanshops ist Lionel Messi weiterhin omnipräsent. Dass der Klub einen möglichen Abgang des Superstars nicht akzeptieren wollte, zeigte auch die Werbung für das neue Trikot. Bild: www.imago-images.de / Jordi Boixareu

Interview

Barcelona-Experte: "Messi befleckt sein Image als Vereinsikone"

Die spanische Zeitung "Marca" titelte "Die Bombe ist explodiert", das Konkurrenzblatt "Sport" schlug einen ähnlich martialischen Ton an: "Totaler Krieg."

In der vergangenen Woche ließ Lionel Messi dem FC Barcelona über seine Anwälte mitteilen, dass er seinen bis 2021 laufenden Vertrag mittels einer Klausel kündigen und ablösefrei wechseln wolle.

Der Haken: Die entsprechende Klausel ist laut dem Klub am 10. Juni ausgelaufen. Dadurch greife wieder die festgeschriebene Ablösesumme von 700 Millionen Euro. Messi hingegen ist der Ansicht, dass die Frist seiner Wechselklausel verlängert werden muss, weil auch die Saison wegen der Corona-Zwangspause verlängert worden sei.

Anschließend schwelte zwischen dem 33-jährigen Argentinier und dem katalanischen Klub eine Auseinandersetzung, ein schmutziger Rosenkrieg. Die Fronten blieben verhärtet – bis es zu einer überraschenden Wendung kam. Inzwischen hat Messi erklärt, dass er Barca doch nicht verlassen wird. Als Grund nennt er, dass er keine Lust auf den drohenden Rechtsstreit habe.

Doch wie konnte es überhaupt so weit kommen? Was waren die Gründe für den Streit? Diese und weitere Fragen haben wir Alex Truica gestellt. Er ist freier Sportjournalist und Chefredakteur von "Barcawelt", dem größten deutschsprachigen Nachrichtenportal über den FC Barcelona. Er kennt sich aus mit dem FC Barcelona und ist Fachmann für spanischen Fußball, über den er auch regelmäßig im La-Liga-Podcast "Tiki Taka" spricht.

Alex hat uns erklärt, was im Klub aktuell brodelt und was er als Insider und Fan über die Causa Messi denkt.

Hinweis: Das Interview wurde geführt, bevor Messi seinen Verbleib beim FC Barcelona verkündet hat.

Barca-Experte über Messi: "Verstehen kann und will ich es bis heute nicht"

watson: Was war dein erster Gedanke, als du vergangene Woche davon gehört hast, dass Lionel Messi den Verein verlassen will?

Alex Truica: Ich habe es ungläubig aufgenommen. Es fühlt sich bis heute surreal an. Messi ist ja nicht irgendein Spieler, er ist die Ikone vom FC Barcelona, der beste Spieler der Vereinshistorie. Wenn so ein Spieler nach so langer Zeit, die er bei Barca spielt, am Ende der Karriere nochmal wechseln will, kann man das kaum begreifen. Verstehen kann und will ich es bis heute nicht.

Messi und Barca – das galt als Traumbeziehung, wie man sie im Fußballgeschäft kaum noch vorfindet. War es zuvor in irgendeiner Weise abzusehen, dass es zu einem solchen Knall kommen könnte?

Dass er unzufrieden ist und sich sogar im Verein unwohl fühlt, das war recht offensichtlich. In den vergangenen Monaten hat er schon einige Interviews und Statements gegeben, in denen er verdeutlicht hat, dass er nicht zufrieden mit der Entwicklung, der Leistungsstärke und den Perfomances der Mannschaft ist. Er hat auch mehrmals gesagt, dass er zwar bleiben will, aber ein "Proyecto Ganador", also ein siegreiches, erfolgreiches Projekt, vorfinden will. Ein Team, das wettbewerbsfähig ist und um Titel spielen kann. Aber dass er jetzt endgültig sagt, er will weg, das kam überraschend. Es ist ein Schlag in die Magengrube aller Fans.

"Messi hat gesehen: Mit dieser Mannschaft kann ich auf diesem Niveau nichts mehr erreichen."

Wie man hört, ist es auch eine persönliche Sache zwischen Messi und der Vereinsführung. Kannst du das kurz erklären?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass das ganze Rückgrat der Mannschaft unzufrieden ist mit der Vereinsführung, man versteht sich nicht gut miteinander. Aber das ist nicht der Hauptgrund für Messi, den Klub verlassen zu wollen. Es ist vielmehr die mangelnde sportliche Perspektive und die Art und Weise der zahlreichen Niederlagen in den vergangenen Jahren in der Champions League. Die Tiefschläge gegen Liverpool, Rom, Paris, Turin, jetzt das 2:8 gegen die Bayern. Über Jahre gab es traumatische Barca-Niederlagen, bei denen Messi gesehen hat: Mit dieser Mannschaft kann ich auf diesem Niveau nichts mehr erreichen. Auch mit der Struktur des Kaders ist er nicht zufrieden. Auch dass sein Kumpel Luis Suárez jetzt den Klub verlassen soll, missfällt ihm.

Was man auch schon oft gehört hat, ist, dass Messi eine Art heimlicher Barca-Boss ist, auf dessen Geheiß auch schon Trainer entlassen wurden. Stimmt das? Wie mächtig ist er innerhalb des Klubs?

Aktuell ist es so, dass Barcelonas Präsident Bartomeu nun sagt, dass er zurücktreten würde, damit Messi bleibt. Messi ist viel mächtiger, als er denkt. Er hat aber eher eine Art "soft power", so würde ich es umschreiben. Er geht nicht direkt zum Management und lässt einen Trainer entlassen – auch wenn er es könnte. Was er aktiv macht, ist, dass er zum Beispiel im vergangenen Sommer in Interviews relativ offensiv eine Neymar-Rückkehr von PSG ins Spiel gebracht hat.

"Das ist absolutes Mismanagement seitens des Klubs."

Inwiefern trägt der FC Barcelona eine Mitschuld daran, was gerade passiert?

Der Klub hat den Vertrag von Messi aufgesetzt und ihm darin die Freiheit gegeben, diesen zu kündigen, um ablösefrei wechseln zu können. Der Hauptfehler, dass es jetzt zu diesen vertraglichen Querelen kommt, ist dementsprechend sein Arbeitspapier. Das ist absolutes Mismanagement seitens des Klubs. Schwer zu sagen, wer am Ende am längeren Hebel sitzt.

Aktuell ist die Situation so, dass Messi seit seiner unpersönlichen Kündigung nicht mehr zum Training erscheint und auch schon einen Corona-Test geschwänzt hat. Wie findest du persönlich dieses Verhalten?

Das ist darin begründet, dass seine Anwälte ihm davon abgeraten haben, zum Training zu erscheinen. Alles andere wäre quasi ein Eingeständnis, dass sein Vertrag noch gilt. Aber Messi und seine Anwälte sagen ja, dass er rechtzeitig von seiner Kündigungsklausel Gebrauch gemacht habe und sein Vertrag nun ungültig sei.

Aber es ist natürlich eine super unschöne Sache. Man wünscht sich nicht annähernd solche Streitigkeiten mit dem wichtigsten Spieler in der Geschichte des Klubs, der jetzt derartige Maßnahmen ergreift, um seinen Abgang zu forcieren. Das ist höchst unglücklich. Ich hätte mir gewünscht, dass Messi aktiver und offener mit dem Klub und den Managern kommuniziert und eben nicht diese unpersönliche, elektronische Kündigung einschickt. Jetzt ist eine Hängepartie, die für alle Seiten unwürdig ist.

"Undankbarkeit würde ich ihm nicht vorwerfen."

Der FC Barcelona hat Messi mit 14 Jahren in die Akademie geholt und ihn zu dem Star gemacht, der er heute ist. Würdest du sagen, sein Verhalten ist undankbar?

Undankbarkeit würde ich Messi nun nicht vorwerfen. Der Klub hat ja umgekehrt auch unglaublich von ihm profitiert. Es gibt auch Stimmen, die sagen, der Verein sollte ihm dankbarer sein und seinen Wunsch gewähren. So wie Barcelona auch Iniesta und Xavi ablösefrei hat ziehen lassen. Diesen beiden Klublegenden hat man keine Steine in den Weg gelegt, beide durften sich sogar ihren Wechselzeitpunkt aussuchen.

Da war es aber so, dass beide schon über ihren Zenit waren und nicht innerhalb Europas wechseln wollten, sondern beide ließen außerhalb Europas ihre Karriere ausklingen...

... Genau. Bei Messi ist jetzt das Problem, dass er nach wie vor der wichtigste und beste Spieler bei Barca ist, und er jetzt offenbar am ehesten zu Manchester City wechseln will, was ein Konkurrent von Barcelona auf internationalem Terrain in der Champions League ist. Wenn Messi ein paar Jahre älter wäre und zu Newell's Old Boys, seinem Jugendklub in Argentinien, gehen wollte, dann wäre die Sache garantiert weniger hässlich.

"Er befleckt gerade sein Image, seine Legacy."

Ein Aspekt ist auch, dass der Streit mit Barca von außen betrachtet auch gar nicht zu Messi passt, der ja eigentlich immer eher unschuldig und bodenständig wirkt. Macht sich Messi gerade seinen guten Ruf kaputt?

Grundsätzlich stimme ich zu, das passt nicht zu ihm. Er ist ein introvertierter Mensch, der eher wenig spricht. Nicht der typische Fußballstar. Aber seitdem er Kapitän von Barcelona ist, haut er häufiger auf den Tisch. Es gab in den vergangenen drei, vier Jahren einen Wandel im Charakter Messis. Er ist nicht mehr der brave Junge von früher, der er garantiert mal war.

Er befleckt gerade sein Image, seine Legacy. Vor allem das Image als Vereinsikone, das er rund um den FC Barcelona hat. Das ist so schade, und das hätten die meisten Fans ihm auch nicht zugetraut, wie er sich verhält.

Glaubst du denn, dass Messi am Ende wirklich wechselt? Kannst du dir das als Barca-Fan und -Experte überhaupt vorstellen?

Ich hoffe natürlich, dass er beim FC Barcelona bleibt. Alles andere wäre einfach falsch. Da würde mir sicher auch jeder neutrale Fußballfan zustimmen. Klar, es wäre sicher interessant, mal zu sehen, wie er sich in einer anderen Liga schlägt. Aber Messi ist Barca, und Barca ist Messi. Er sollte in Barcelona bleiben und seine Karriere dort beenden.

(as)

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