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Anne Will, Markus Lanz, Maybrit Illner, Sandra Maischberger und Frank Plasberg ("Hart aber fair") (von links nach rechts) sind in der Corona-Krise besonders gefragt. bild: imago images/ jacob schröter/ gbrci/ christoph hardt/ future image/ stefan schmidbauer/ metodi popow/ unsplash/ watson montage

Von "Illner" über "Lanz" bis "Maischberger" – warum die Polit-Talks von ARD und ZDF gerade besonders boomen

Als das Coronavirus langsam begann, sich auch außerhalb Chinas zu verbreiten, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die ersten Fälle in Deutschland auftreten würden. Am 27. Januar 2020 wurde dann tatsächlich hierzulande der erste Fall gemeldet. Und spätestens seitdem ist Corona das vorherrschende Thema in den Nachrichten und den Polit-Talkshows von ARD und ZDF. Vor allem 2020 gab es kaum eine Talk-Runde bei Markus Lanz oder Anne Will, die ohne einen Virologen auskam.

Der Informationsbedarf war einfach hoch – und ist es noch immer. Doch wirkt sich das auch auf die Quoten aus? Ganz klar ja, das stellten auch die Verantwortlichen bei der ARD fest. "Der hohe Informationsbedarf der Zuschauerinnen und Zuschauer lässt sich tatsächlich auch an den Quoten unserer Talk-Formate ablesen", bestätigte ein ARD-Sprecher gegenüber watson.

Wenn man den Zeitraum März 2019 bis Februar 2020 – also die 12 Monate vor der ersten Welle – mit den darauf folgenden 12 Monaten vergleicht, sehe man sowohl bei "Anne Will" als auch bei "hart aber fair" und "Maischberger" eine "deutliche Steigerung der realen Zahlen und der Marktanteile", erklärte der Sprecher weiter.

"hart aber fair", "Anne Will" und "Maischberger" seit Pandemie deutlich beliebter

Während Frank Plasbergs ARD-Talk "hart aber fair" vor der Pandemie durchschnittlich 2,45 Millionen Zuschauer verfolgten (das entsprach einem Marktanteil von 8,5 Prozent), sind es seit März 2020 durchschnittlich 3,15 Millionen Zuschauer. Der Marktanteil ist somit auf 10,6 Prozent gewachsen.

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Frank Plasberg in seiner Sendung "hart aber fair". Bild: WDR/Dirk Borm

Bei "Anne Will" sieht es ähnlich aus. Während sonntags bei ihr zwischen März 2019 und Februar 2020 durchschnittlich 3,26 Millionen Zuschauer einschalteten, sind es seit März 2020 stolze 4,14 Millionen Menschen. Der Marktanteil steigerte sich demnach von 12,2 auf 14,6 Prozent.

Bei Sandra Maischberger ist der Zuwachs etwas weniger signifikant, aber dennoch nicht zu verachten. In ihrem Fall ging es von durchschnittlich 1,22 Millionen Zuschauern in den 12 Monaten vor der Pandemie auf immerhin 1,41 Millionen Zuschauer hinauf.

In den Mediatheken sind die Polit-Talks der ARD hingegen nicht die großen Klick-Bringer, wie ein Sender-Sprecher verrät, denn die Sendungen werden "in der Regel live" geschaut. Konkret heißt das: "Alle drei Talkshows kamen im Zeitraum vor der Pandemie auf jeweils ca. 140.000 Abrufe im Monat, im Folgezeitraum waren es jeweils zwischen 220.000 und 250.000. Also auch hier eine deutliche Steigerung", so der Sprecher gegenüber watson.

Alle anderen Sendungen überholt: ZDF freut sich über starke Quoten für Maybrit Illner

Beim ZDF sah es ähnlich gut aus – wenn nicht sogar noch besser. Talk-Host Maybrit Illner hatte die Nase vorn und erreichte, wie ein ZDF-Sprecher gegenüber watson mitteilte, "im Jahr 2020 im Schnitt einen Marktanteil von 14,3 Prozent – das war im vergangenen Jahr der Topwert für Polit-Talks im deutschen Fernsehen". Das ist im Vergleich zu 2019 eine deutliche Steigerung. Damals schalteten durchschnittlich 2,36 Millionen Zuschauer ein, was einem Marktanteil von 11,7 Prozent entspricht.

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"Maybrit Illner" ist seit Corona gefragt wie nie. Bild: screenshot zdf

ZDF-Chefredakteur Peter Frey zeigte sich über die Entwicklungen im Dezember 2020 äußerst zufrieden:

"Unsere Nachrichten- und Informationssendungen haben ihre Akzeptanz deutlich erhöhen können – Gleiches gilt für unseren Polittalk am Donnerstagabend. Auch daran wird deutlich, dass die Zuschauer und Zuschauerinnen in dieser dynamischen Krise großes Interesse an Diskussionen und der Darstellung unterschiedlicher Sichtweisen haben."

Besonders bemerkenswert: Im ersten Quartal 2021 konnte sich Illner sogar noch steigern. Mit 15,4 Prozent Marktanteil (3,28 Millionen Zuschauer) liegt die Sendung absolut an der Spitze der Polit-Talks und hat sogar "Anne Will" überholt, was den Marktanteil anbelangt.

Online in der Mediathek des ZDF wurden die bislang in 2021 ausgestrahlten 15 Talk-Sendungen von Maybrit Illner insgesamt 1,89 Millionen Mal angesehen.

"Markus Lanz" wird immer beliebter – vor allem online

Und auch Markus Lanz und sein Team dürfen mit den Entwicklungen zufrieden sein. Während 2019 noch im Schnitt 1,45 Millionen Zuschauer die dreimal die Woche ausgestrahlte Show ansahen (12,3 Prozent Marktanteil), verfolgten 2020 durchschnittlich 1,77 Millionen Zuschauer die Sendungen, was einem Marktanteil von 14,8 Prozent entspricht. Gerade im März, Oktober und November 2020, also den Monaten, in denen der Lockdown verlängert wurde, war die Talk-Sendung nochmal gefragter. Wenn es für Lanz an einem Abend mal richtig gut läuft, schauen knapp drei Millionen Menschen zu – und das zu wirklich später Stunde.

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Markus Lanz läuft mit seinem Talk dreimal wöchentlich. Bild: screenshot zdf

Was allerdings bei Lanz besonders deutlich wird: Das Interesse an dem Format ist vor allem in der Mediathek sehr groß. "Online erreichte das Angebot insgesamt 18,46 Millionen Sichtungen – ein Plus von 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr", erklärte der ZDF-Sprecher. Auch auf Youtube werden die Videos der Sendung hunderttausendfach, manchmal mehr als eine Million Mal, angesehen.

RTL und ProSieben wollen bei Nachrichtenformaten mitspielen

Dass durch die aktuelle Lage vor allem das Interesse an Informationssendungen steigt, ist im Grunde nicht verwunderlich. Erstaunlich ist eher, dass die Privatsender lange Zeit nur dabei zugesehen haben, wie die Öffentlich-Rechtlichen in diesem Bereich die Nase vorn haben. Allerdings wollen künftig sowohl RTL als auch ProSieben in dieser Hinsicht gegensteuern.

Während RTL ein neues Nachrichtenformat mit Ex-"Tagesschau"-Sprecher Jan Hofer plant, will sich ProSieben mit Linda Zervakis – ebenfalls einstiges Aushängeschild der "Tagesschau" – und Matthias Opdenhövel im Nachrichten- und Informationsbereich ebenfalls neu aufstellen. Am Mittwoch feierte Zervakis ihren Einstand bei "ProSieben – mit einem Kanzlerkandidaten-Interview mit SPD-Politiker Olaf Scholz.

HANDOUT - 27.04.2021, ---: Die ehemalige «Tagesschau»-Sprecherin Linda Zervakis und der Moderator Matthias Opdenhövel stehen neben einem ProSieben-Logo. Zervakis wechselt zu ProSieben und wird mit Opdenhövel eine neue zweistündige Primetime-Sendung entwickeln. Diese soll «Zervakis & Opdenhövel. Live» heißen und Informationen, Interviews und Hintergrundinformationen bieten, teilte ProSieben am 28.04.2021 mit. Foto: Michael De Boer/ProSieben/dpa - ACHTUNG: Das Foto darf nicht verändert und nur im vollen Ausschnitt verwendet werden. Keine Archivierung. Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit einer Berichterstattung über die Sendung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits. +++ dpa-Bildfunk +++

Linda Zervakis bekommt bei ProSieben ein eigenes Format mit Matthias Opdenhövel. Bild: dpa / Michael De Boer

Medienexperte prognostiziert Ende des Polit-Talk-Booms

Ob die Privatsender auf diese Weise aber an die Polit-Talk-Erfolge der Öffentlich-Rechtlichen heranreichen können, ist eine andere Frage. Und noch viel relevanter: Kommen RTL und ProSieben mit ihrer Wandlung vielleicht sogar zu spät? Denn ob das Interesse an Nachrichtenformaten und Polit-Talks auch nach der Pandemie noch so hoch sein wird, ist fraglich.

Lutz Frühbrodt, Professor für Fachjournalismus an der Hochschule Würzburg, glaubt nicht, dass der Boom von Dauer sein wird:

"Der derzeitige Talk-Boom hat zwei Ursachen. Die eine: Das erhöhte Informationsbedürfnis vieler Menschen, vor allem das Bedürfnis nach plausiblen und fundierten Einordnungen in Pandemie-Zeiten. Deshalb auch die 'Virologen-Inflation'. Die andere: Viele Menschen haben schlichtweg mehr Zeit zum Fernschauen, weil die klassischen Freizeitalternativen Kneipe, Kino und Co. nicht da sind. All das wird sich wieder ändern und die Quoten werden sich nur knapp über dem Vor-Corona-Niveau einpendeln. Vorerst wird sich das Hoch der Talkshows aber fortsetzen, weil wir vor einem spannenden Bundestagswahlkampf wie lange nicht mehr stehen."

Demnach könnte spätestens im Winter 2021 das Interesse an "Lanz", "Illner", "Maischberger", "Will" und Plasberg stark abebben. Doch bis dahin kann noch viel passieren – das zumindest hat uns die Pandemie wohl eindeutig gelehrt.

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