Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel waren bei ProSieben mit ihrer Live-Sendung gerade zum zweiten Mal auf Sendung.
Linda Zervakis und Matthias Opdenhövel waren bei ProSieben mit ihrer Live-Sendung gerade zum zweiten Mal auf Sendung.
Bild: dpa / Bene Mueller
Analyse

Übersättigung durch zu viele Nachrichtensendungen im TV? Medienexperte erklärt Strategie der Privatsender – "aus Imagegründen wichtig"

22.09.2021, 14:3622.09.2021, 16:35

Spätestens seit RTL Dieter Bohlen aus seinen Samstagabendshows "DSDS" und "Das Supertalent" entfernt hat, dürfte klar sein: Hier wird kräftig am Programm geschraubt. Die neuen Senderverantwortlichen wollen für mehr Familienfreundlichkeit sorgen – und auch dem gesteigerten Informationsbedarf der Zuschauer gerecht werden.

Denn nicht zuletzt die Quoten in den vergangenen anderthalb Jahren haben gezeigt, dass vor allem Polit-Talks, wie sie ARD und ZDF mit Illner, Maischberger oder Lanz im Programm haben, immer gefragter sind. Medien- und PR-Experte Ferris Bühler erklärt dazu gegenüber watson: "Dies ist einerseits darauf zurückzuführen, dass durch die Corona-Krise unglaublich viele Fake-News im Internet kursieren und viele Menschen auf journalistisch aufbereitete Informationssendungen im Fernsehen zurückgreifen wollen, und andererseits die Konkurrenz durch die Streaming-Plattformen im Unterhaltungsbereich massiv zugenommen hat. Nachrichten sind in solchen Zeiten daher ein sicheres Gut für die Sender."

RTL und ProSieben greifen ARD und ZDF an

Also zogen ProSieben und RTL nach und legten den Fokus jeweils verstärkt auf ein erweitertes Nachrichten- und Informationsprogramm.

Dabei bediente man sich auch nur zu gerne bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz – vor allem, wenn es um die Moderatoren ging. Linda Zervakis wechselte von der "Tagesschau" zu ProSieben, wo sie seit nun zwei Wochen durch ihre eigene Sendung "Zervakis & Opdenhövel. Live" mit dem Kollegen Matthias Opdenhövel führt und über aktuelle Themen spricht – ohne nur Nachrichten ablesen zu müssen. "Tagesschau"-Chefsprecher Jan Hofer, der sich im Dezember 2020 von der ARD verabschiedet hatte, hat nun seine eigene Nachrichtensendung bei RTL.

Jan Hofer steht für "RTL Direkt" vor der Kamera.
Jan Hofer steht für "RTL Direkt" vor der Kamera.
Bild: dpa / Markus Nass

Auch Pinar Atalay wurde von RTL für die hauseigenen Nachrichtensendungen abgeworben, wechselte im August von den "Tagesthemen" zum Kölner Sender.

Kann es zu viele Nachrichtenformate geben?

Doch mit den neuen Nachrichtenformaten ist es noch nicht genug des Wandels. Vor allem ProSieben setzt kurz vor der Bundestagswahl auch verstärkt auf Talks mit den Spitzenpolitikern. So sicherte sich der Sender das erste Interview mit der Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock, nachdem bekannt wurde, dass sie sich parteiintern gegen Robert Habeck durchgesetzt hatte. Hinzukamen TV-Trielle und andere Formate mit den drei Kanzlerkandidaten, die sich die Privatsender ebenfalls nicht entgehen ließen.

Doch wann ist der Punkt gekommen, an dem es einfach zu viel ist – zu viele Nachrichten- und Informationssendungen? Kann es solch einen Punkt überhaupt geben? Watson sprach darüber mit zwei Medienexperten und beide sind sich einig: Zu viel kann es in diesem Bereich gar nicht geben.

"Meines Erachtens ist jede Informations- und Nachrichtensendung begrüßenswert. Es kann so zu einer breiteren Verteilung von Aufmerksamkeit kommen. Die öffentlich-rechtlichen Informationssendungen erreichen bereits jetzt überwiegend ältere Zuschauer und Zuschauerinnen. Die jüngeren Rezipienten werden sich eher den privat-kommerziellen Angeboten zuwenden. Das ist positiv zu bewerten", meint Christian Schicha, Professor für Medienethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Eine Übersättigung sieht er demnach "auch nicht als Problem". Denn: "Grundsätzlich belebt Konkurrenz das Geschäft. Alternative Angebote ermöglichen eine breitere Auswahl. Die aktiven Zuschauer und Zuschauerinnen entscheiden selbst, was und wann sie Medieninhalte konsumieren."

Trielle wurden sowohl bei den öffentlich-rechtlichen als auch bei den privaten Sendern gezeigt.
Trielle wurden sowohl bei den öffentlich-rechtlichen als auch bei den privaten Sendern gezeigt.
Bild: imago images / Frederic Kern

Medienexperte mahnt: Formate müssen sich abgrenzen

Das sieht Ferris Bühler ähnlich. "Ich denke nicht, dass es zu viele Informations- und Nachrichtensendungen im TV geben kann", stellt er gegenüber watson klar und erläutert:

"Vielmehr ist es wichtig, dass die einzelnen Sendungen oder Formate entsprechend einzigartig daher kommen. Damit sich die Zuschauenden im Informations-Dschungel orientieren können, sollte klar sein, welche News sie in welcher Sendung auf welche Art und Weise von wem serviert bekommen. Weil alle mehr oder weniger dieselben News anbieten, kann ich mich als Sender daher nicht über die Nachrichten selbst differenzieren, sondern darüber, wie ich sie für mein Publikum verpacke und benenne."

Bühler zieht dafür einen passenden Vergleich: "Wenn wir dies mit einem aktuellen Produkt vergleichen: Um heute erfolgreich Eistee zu verkaufen, brauche ich eine auffällige Verpackung und ein bekanntes Gesicht wie Capital Bra oder Shirin David."

Die Sendungen der Privaten müssen sich also auf eine gewisse Weise von denen der Konkurrenz abgrenzen, um ein entsprechendes Publikum anzusprechen. "Zervakis und Opdenhövel versuchen den Spagat zwischen ernsten politischen Themen und Unterhaltungsorientierung in einem Format hinzubekommen. Es bleibt abzuwarten, welcher Bereich langfristig dominierend sein wird. Es besteht zumindest das Risiko, dass unklar bleibt, wofür das Format eigentlich steht", mahnt Schicha.

Quote entscheidet über Halbwertszeit

Am Ende stellt sich allerdings noch eine andere Frage: Wie ist es generell um die Halbwertszeit dieser neuen Formate bestellt? Gerade in Pandemiezeiten und in den Wochen und Monaten vor der Bundestagswahl ist das Interesse an Nachrichtenthemen natürlich gesteigert. Ist es also überhaupt möglich, dass die Flut an Nachrichten- und Informationssendungen nach der Bundestagswahl im gleichen Maße weitergeht oder werden sich gerade die privaten Sender doch wieder etwas umorientieren?

"Letztendlich hängt das Angebot der Informationsangebote zentral von den Einschaltquoten ab. Wenn es sich nicht rechnet, können diese Angebote eingeschränkt oder gestrichen werden", meint Medienethiker Schicha, gibt allerdings auch zu bedenken: "Gleichwohl ist es für die privat-kommerziellen Sender auch aus Imagegründen wichtig, ein Vollprogramm anzubieten, das ausreichend Informationsanteile enthält."

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