Jella Haase ist für "Lieber Thomas" als Beste Nebendarstellerin beim Deutschen Filmpreis nominiert.
Jella Haase ist für "Lieber Thomas" als Beste Nebendarstellerin beim Deutschen Filmpreis nominiert.Bild: www.imago-images.de / AndreLenthe Fotografie
Interview

Schauspielerin Jella Haase über Frauen im Film: "Ich habe persönlich nie einen Mangel an guten Frauenrollen empfunden"

24.06.2022, 12:4825.06.2022, 08:31

Jella Haase wurde durch die Rolle der Chantal in den "Fack ju Göhte"-Filmen berühmt, mittlerweile ist sie als eine der angesehensten Darstellerinnen in Deutschland etabliert. Dieses Jahr ist sie für ihre Rolle der Katharina Thalbach in dem biografischen Drama "Lieber Thomas" über den 2001 verstorbenen Schriftsteller und Filmemacher Thomas Brasch als beste Nebendarstellerin beim Deutschen Filmpreis nominiert – die Verleihung geht am 24. Juni über die Bühne.

Demnächst wird Jella Haase zudem in ihrer ersten Netflix-Serie zu sehen sein, in der sie auch gleich die Hauptrolle übernahm: In "Kleo" spielt sie eine DDR-Spionin, die sich nach dem Mauerfall auf einen Rachefeldzug begibt.

Mit watson sprach die 29-Jährige über ihr Streaming-Projekt, die Qualität der Frauenrollen, die ihr angeboten werden und verriet, was sie für eine Filmrolle niemals tun würde.

watson: Du hast im Verlauf deiner Karriere schon einige Filmpreise bekommen, nun bist du mit "Lieber Thomas" für den Deutschen Filmpreis nominiert. Welche Bedeutung haben solche Auszeichnungen für dich?

Jella Haase: Der Deutsche Filmpreis ist hierzulande die größte Auszeichnung für Filmschaffende. Es bedeutet, dass die Branche einen wahrnimmt, dass man gesehen wird. Es ist die allergrößte Anerkennung.

Jella Haase spielt in "Lieber Thomas" die Partnerin von Thomas Brasch.
Jella Haase spielt in "Lieber Thomas" die Partnerin von Thomas Brasch.Bild: Zeitsprung Pictures / Wild Bunch Germany (Foto: Peter Hartwig)

"Lieber Thomas" ist aber auch abseits dessen ein besonderer Film für dich. Wann wusstest du, dass bei dem Projekt alles passt?

Ich hatte gerade mit Albrecht Schuch "Berlin Alexanderplatz" abgedreht. Er erzählte mir schon, dass es diese Geschichte über Thomas Brasch gebe und sagte dann: "Vielleicht kommt bald deine Überbraschung." Als ich das Drehbuch erhielt, war ich gerade mit Freunden in der Toskana. Ich habe es gelesen und bin danach raus an die frische Luft. In diesem Moment ist die Wolkendecke aufgebrochen und die Sonne hat auf mich herunter gestrahlt. Da dachte ich: "Das ist es. Das ist etwas Besonderes."

"Um die heutige Welt zu verstehen, muss man in die Vergangenheit schauen und die Fehler von damals erkennen."

Du hast zuletzt mehrere Projekte gedreht, die einen starken Bezug zu Berlin bzw. Ostdeutschland haben und in der Vergangenheit spielen…

Es geht dabei um die Verarbeitung dieser Zeit bzw. der verschiedenen Systeme. Momentan wird sich viel mit der Frage der Identität auseinandergesetzt und auch kritisch drauf geguckt: Was hat damals eigentlich nicht geklappt? Rückblickend überlegt man, was bei der Wiedervereinigung besser hätte laufen können. "Sind wir heute wirklich wieder vereint?", ist eine relevante Frage. Ich glaube, dass in der Gesellschaft derzeit eine starke Auseinandersetzung damit stattfindet. Die Kunst spiegelt das wider.

"Berlin Alexanderplatz" mit Jella Haase ist moderne Adaption des Romans von Alfred Döblin.
"Berlin Alexanderplatz" mit Jella Haase ist moderne Adaption des Romans von Alfred Döblin.Bild: Entertainment One

Wird diese Auseinandersetzung somit durch die Gegenwart befeuert, in der wir vor vielen Problemen stehen?

Die Menschen sind im kapitalistischen System nicht glücklich, der Klimawandel schreitet voran, die Globalisierung zeigt ihre Schattenseiten. Um die heutige Welt zu verstehen, muss man in die Vergangenheit schauen und die Fehler von damals erkennen.

Du siehst Filme und Serien also auch als gutes Instrument, um Politik- und Gesellschaftskritik anzubringen?

Auf jeden Fall! Als Künstlerinnen und Künstler haben wir über das Medium Film ein Sprachrohr. Wenn wir uns so mit politischen Themen auseinandersetzen können, ist das ein großes Geschenk. Damit einher geht aber auch eine große Verantwortung. "Kriegerin" und "Berlin Alexanderplatz" waren auch schon sehr politische Filme. Es interessiert mich sehr, in diese Richtung zu gehen.

Fällt es dir manchmal schwer, eine Rolle nach den Drehs wieder abzuschütteln?

Ich merke, dass es immer schwieriger wird – auch, weil ich in dem Verständnis für meinen Beruf gewachsen bin. Ich war jetzt zwei Jahre am Theater, an der Volksbühne, wo ich noch einmal so viel gelernt habe. Man öffnet sich, fächert sein Spiel noch einmal neu auf, kitzelt alle Nuancen heraus. Wenn ich eine Figur spiele, schenke ich ihr so viel von mir, alle Poren sind geöffnet. Man holt alle Emotionen aus sich heraus, die man findet. Am Ende wieder den Deckel drauf zu machen, ist gar nicht so einfach.

"Ich würde [für eine Rolle] kein Fleisch essen. Ich bin grundsätzlich aber relativ unerschrocken, man kann mit mir immer diskutieren."

Bist du heute also kompromissloser in der Art, wie du deine Rollen angehst?

Nein, das würde ich nicht sagen. Ich war schon immer kompromisslos. Ich konnte es früher nur nicht richtig benennen.

Wie meinst du das?

Jetzt werden mir Dinge klarer und bewusster. Schon früher habe ich mich in meine Rollen hineingekniet, aber anschließende Verstimmungen im Alltag konnte ich nicht richtig deuten. Ich konnte die Symptome nicht ihrem Ursprung zuordnen. Dieses neue Bewusstsein hängt auch mit wachsender Erfahrung zusammen.

Gibt es etwas, das du nicht für eine Rolle tun würdest?

Ich würde kein Fleisch essen. Ich bin grundsätzlich aber relativ unerschrocken, man kann mit mir immer diskutieren. Man muss mich überzeugen, und wenn das nicht gelingt, ziehe ich eine Grenze.

Direkt nach deiner Zeit bei der Volksbühne hast du "Kleo" für Netflix abgedreht. Es ist dein erstes Projekt für einen Streaming-Dienst. Wie kam es dazu?

Die Autoren kamen auf mich zu und meinten, sie wollen etwas für mich entwickeln. Im Grunde wurde ich also schon angefragt, bevor es die Drehbücher gab. Dann präsentierten sie mir die Story und sagten: "Wir können uns das nur mit dir vorstellen." Die Rolle der Kleo wurde auf mich zugeschnitten.

Jella Haase wurde von Netflix für "Kleo" angefragt.
Jella Haase wurde von Netflix für "Kleo" angefragt.Bild: Netflix

Wie stehst du generell zum Thema Streaming, im Vergleich zum Kino?

Die Kino-Erfahrung ist unersetzbar, ich bin eine große Kino-Liebhaberin. Ich denke, dass das Kino überleben wird, aber dadurch, dass die Gesellschaft sich wandelt – unter anderem die Corona-Pandemie hat da reingespielt – gibt es dieses riesige Angebot der Streaming-Dienste. Das macht es für das Kino schwieriger. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass beides nebeneinander existieren kann, muss und auch weiterhin wird. Ich werde alles dafür tun, auch weiterhin tolle Kinofilme zu drehen.

"Ich habe persönlich nie einen Mangel an guten Frauenrollen empfunden, dabei bin ich sehr kritisch in der Auswahl meiner Rollen."

In "Kleo" spielst du die Titelfigur und Hauptrolle. Hast du das Gefühl, dass die Frauenrollen in Film und Fernsehen über die Jahre an Qualität gewinnen?

Da war ich zum Glück schon immer in einer privilegierten Position. Ich habe persönlich nie einen Mangel an guten Frauenrollen empfunden, dabei bin ich sehr kritisch in der Auswahl meiner Rollen. Vielleicht war auch ein wenig Glück dabei, aber ich konnte mich schon immer ausprobieren und durfte vielseitige Figuren spielen. Für mich hat sich demnach nichts verändert. Aber wenn die allgemeine Tendenz dahingeht, dass es mehr gute Frauenrollen gibt, ist das natürlich begrüßenswert. Nichts anderes macht auch Sinn!

Durch die Rolle der Chantal wurde Jella Haase deutschlandweit berühmt.
Durch die Rolle der Chantal wurde Jella Haase deutschlandweit berühmt.Bild: Constantin Film Verleih GmbH / Matthias Neidhardt

Du wirst nach wie vor sehr häufig vor allem mit der Rolle der Chantal aus der "Fack ju Göhte"-Reihe in Verbindung gebracht, obwohl du seitdem viele andere Projekte gedreht hast. Stört dich das?

Ich habe mich nie auf die Rolle reduziert gefühlt, die Frage danach stellt sich für mich auch kaum. Ich bin sehr glücklich mit meiner Figuren-Auswahl und auch glücklich über Chantal. Diese Filme waren große Erfolge, das gibt es in Deutschland vielleicht alle zehn Jahre einmal. Dass die Leute daran anknüpfen und diese Rolle so lieben, ist für mich etwas Tolles. Wenn der Name "Chantal" fällt, hat jeder das Bild dieser Figur im Kopf. In der Filmlandschaft ist das etwas Einzigartiges. Ich bin auf eine Chantal genauso stolz wie auf eine Katharina, für die ich jetzt beim Deutschen Filmpreis nominiert bin.

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