Nicolas Puschmann

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Nicolas Puschmann wurde durch seine Teilnahme an der Show "Prince Charming" bekannt. Bild: TVNOW/ Stefan Gregorowius

Interview

Nicolas Puschmann mahnt: "Du bist keine bessere Person, nur weil du heterosexuell bist"

Nicolas Puschmann wurde deutschlandweit als Prince Charming in der gleichnamigen TV-Show bekannt. 2019 wurde er von TVNow dabei begleitet, wie er unter 20 Männern seine große Liebe suchte. So offen, wie er in der Sendung mit seiner Sexualität umging, so schwer war für den 29-Jährigen der Weg dahin. In dem Buch "Coming Out" von Autor und Journalist Sebastian Goddemeier beschreibt Puschmann neben 17 anderen Stars, wie er damit umgegangen ist.

Im Interview mit watson spricht der ehemalige Prince Charming von 2019 nun offen über den Umgang mit seiner Homosexualität in der Gesellschaft, erklärt, was sich noch ändern muss und offenbart, welche großen Ängste ihn bei seinem persönlichen Coming-out begleitet haben.

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Sebastian Goddemeier hat für das Buch "Coming Out" (Link zum Buch bei Amazon) mehrere Stars porträtiert. Bild: Münchner Verlagsgruppe

watson: Du bist einer von 18 Prominenten, der im Buch "Coming-Out" über seine persönliche Geschichte und Sexualität spricht. Ist dir das trotz deiner Offenheit schwergefallen?

Nicolas Puschmann: Es ist mir schwergefallen, sehr detailgenau über Situationen mit meiner Familie zu sprechen. Es war mir dennoch wichtig, die Emotionen zu erfassen, ohne dabei respektlos meiner Familie gegenüber zu werden. Denn wir sind inzwischen ein starkes Team und eine offene und sehr tolerante Truppe geworden. Der Leser soll aber verstehen, wie ich mich wirklich gefühlt habe oder wie die Situation war.

Gleich zu Beginn steht folgendes Zitat von dir: "Ich habe nur dieses eine Leben und das ist mein Leben. Ihr dürft euer Leben leben, wie ihr wollt. Insofern möchte ich auch mein Leben leben, wie ich möchte – und das ist schwul." Wie wichtig ist es heutzutage noch, immer wieder klar zu machen, dass die diversen Lebensweisen der Menschen akzeptiert werden sollen?

Das ist nach wie vor sehr wichtig. Es gibt viele aufgeklärte Leute, die fragen, warum wir noch CSDs haben oder warum da noch so ein großes Thema drum gemacht wird. Leider gibt es im Jahr 2021 aber immer noch sehr, sehr viele Fallbeispiele von Diskriminierung oder gewalttätigen Delikten. Das zeigt, warum das Thema Coming-out so wichtig ist. Mein Zitat richtet sich an die Gesellschaft. Die heterosexuelle Gesellschaft ist mit ihren Vorzügen oder mit ihren urnatürlichen Standards sehr verwöhnt. Die haben wir noch nicht. Viele heterosexuelle Mitglieder unserer Gesellschaft sind tatsächlich immer noch schockiert, wenn ich denen erzähle, was wir nicht dürfen.

Was meinst du genau?

Oftmals fehlt auch dort die Aufklärung, dass wir noch nicht so weit sind. Es gibt immer wieder Situationen, wo wir einfach noch wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Das ist einfach das, was ich damit sagen will. Du kannst dein Leben leben, wie du willst und lass mich doch bitte auch mein Leben leben, wie ich es möchte. Du bist keine bessere Person, nur weil du heterosexuell bist. Wir sind auf Augenhöhe. Lass mich doch mein wertvolles Leben, was mir geschenkt wurde, so leben und so kreieren, wie das für mich richtig erscheint.

"Ich wollte mich in frühen Jahren tatsächlich schon nicht verleugnen."

Wie verlief rückblickend dein Coming-out? Du warst damals 15 Jahre, als du deinen Eltern davon erzählt hast und beschreibst dein Coming-out eher als Trotzreaktion.

In der Verzweiflung war es für mich meine Notlösung, irgendwie damit rauszukommen. Ich wollte mich in frühen Jahren tatsächlich schon nicht verleugnen. Ich wollte nicht sagen, nein, ich habe noch keine Zeit für eine Freundin oder Freundinnen sind zu teuer, was man so als kleiner Junge erzählt. Ich dachte mir, hey, mein Leben ist doch genauso viel Wert wie das der anderen.

Daher bist du diesen Weg gegangen?

Deswegen dachte ich mir, ok, ich muss es sagen. Aber ich habe niemals, wie viele andere in diesem Buch sagen, den richtigen Zeitpunkt gefunden. Irgendwann habe ich für mich realisiert, den gibt es nicht. Mein Coming-out war aus der Angst heraus. Ich hatte zu viel Panik und Angst, das auf normalem Weg zu machen. Aus diesem Grund habe ich das mitten in der Nacht einfach mal so rausgehauen. Ich habe damals keine andere Möglichkeit gesehen. Ich hatte einfach zu viel Schiss.

Würdest du heute sagen, dass du damals in einer Krise gesteckt hast?

Ja, schon. Ich wusste nicht, wie ich das sagen soll oder wie man das am besten rüberbringt. Mit 15 hat man natürlich auch sehr viele Zweifel, ist überhaupt nicht informiert. Ich wusste nicht, dass es Jugendcafés für queere Menschen gibt. Ich hatte sowas alles nicht. Ich hatte auch keine Vorbilder. Ich hatte nur eine lesbische Freundin, mit der ich mich mal austauschen konnte. Das war das erste Mal, dass ich queeres Leben mitbekommen habe und auch durch sie lesbische Freundinnen kennenlernte. Das hat mich ermutigt, dass ich nicht der einzige bin, der so ist. Wenn man nur seinen Dorfhorizont kennt und aus einer Kleinstadt mit 10.000 bis 12.000 Einwohnern kommt, dann weiß man das nicht.

"Ich hätte mir zu dieser Zeit mehr Support gewünscht, habe das aber selbst nicht gefordert."

War deine Freundin die einzige Person, die dich damals unterstützt hat und hättest du dir mehr Hilfe und Zuspruch von anderen gewünscht?

Sie hat mir auf jeden Fall sehr viel geholfen. Vor allem aber auch ihre Eltern, weil sie mir gezeigt haben, dass das normal ist und man keine Angst davor haben sollte. Sie lieben schließlich ihre Tochter immer noch genauso. Ich hätte mir zu dieser Zeit mehr Support gewünscht, habe das aber selbst nicht gefordert. Dadurch, dass ich darüber nicht gesprochen habe, konnte man mir die Möglichkeit nicht geben, weiter unterstützt zu werden. Meine Schulfreunde haben mir damals gesagt, das ist nur eine Phase. Vor denen musste ich mich rechtfertigen. In der Schule wurde man ansonsten nur gemobbt.

Wie sah das aus?

In meiner Schulzeit wurde ich von der siebten bis zur zehnten Klasse sehr, sehr doll gemobbt. In den großen Pausen habe ich mich nicht mehr getraut, das Klassenzimmer zu verlassen und habe mich im Klo eingeschlossen. Irgendwann hat mich meine Klassenlehrerin erwischt. Sie war enttäuscht von mir, dass ich sie so anlüge, mich verstecke und gegen die Regeln verstoße. Nach zwei oder drei Jahren ist es dann aus mir rausgeplatzt.

Hat dir jemand geholfen?

Ich ging zur Vertrauenslehrerin, aber sie konnte mir leider auch nicht die pädagogische Hilfestellung geben, die ich gebraucht hätte. Das ist die nächste große Baustelle: Klar, es gibt Vertrauenslehrer und das sind bestimmt auch gute Pädagogen, aber gerade in dem Fall von Homosexualität müssen sich viele Lehrer ein Stück weit mehr informieren und da ist viel Engagement und Courage gefragt. Ich saß beispielweise damals mit meiner Vertrauenslehrerin und den anderen Jungs, die mich gemobbt haben im Lehrerzimmer und immer, wenn sie sich umgedreht hat, haben meine Mitschüler mir den Mittelfinger gezeigt und mir deutlich gemacht, dass ich wegen "des Petzens" noch mehr Ärger bekomme.

"Ich dachte, endlich ist dieser Lebensabschnitt hier vorbei."

Hast du dich in der Schule auch selbst geoutet?

Ich habe mich schon in der fünften Klasse an eine Schulfreundin gewandt und das im Vertrauen gesagt. Sie hat das aber nicht für vollgenommen. Mir kamen später echt die Tränen, als ich meinen Realschulabschluss gemacht habe und dann aufs Wirtschaftsgymnasium wechseln konnte. Ich dachte, endlich ist dieser Lebensabschnitt hier vorbei. Das war für mich wirklich die Hölle.

Was würdest du heute anders machen?

Ich hatte niemanden, zu dem ich aufschauen konnte. Eine helfende Hand hat mir gefehlt. Wenn das Coming-out im Jahr 2021 gewesen wäre, hoffe ich, dass ich mehr Anlaufstellen gehabt hätte. Dazu zählen Jugendcafés mit Gleichgesinnten oder Beratungsstellen, wo jeder ohne Anmeldung hinfahren kann, um sich Rat zu holen. Vielleicht hätte ich mich eher meinen Eltern anvertraut. Aber damals konnte ich das leider nicht, weil ich nicht geoutet war beziehungsweise das Mobbing nicht direkt etwas mit dem Outing zu tun gehabt hat, denke ich. Die wussten nicht, dass ich schwul bin. Die haben sich das zwar gedacht, was ja auch stimmt, aber das war nie offiziell.

Du bist bei deinem Vater damals auf Ablehnung gestoßen, heute versteht ihr euch gut. Wie schwer war bis dahin der Weg?

Ich hatte mit meinem Vater eine Zeitlang keinen Kontakt. Später haben wir wieder zueinander gefunden. Der Weg war steinig, am Anfang war es sehr schwierig. Mein Privatleben wurde nie zum Thema gemacht. Bei Familientreffen, wo es um Partnerschaften ging, wurde ich immer wieder übersprungen. Ich habe mich mundtot gefühlt, wurde verleugnet, obwohl mein Outing schon raus war. Ich war sauer und der Kontakt brach ab.

"Da könnte ich schon wieder weinen."

Irgendwann habt ihr wieder zueinander gefunden.

Das Verhältnis wurde besser, als wir anfingen, uns Briefe zu schreiben. An meinem 25. Geburtstag, das werde ich nie vergessen, hat mein Vater tatsächlich zu mir gesagt: "Mensch Nicolas, weißt du eigentlich, wie stolz ich auf dich bin?" Da könnte ich schon wieder weinen. Da dachte ich: krass. Das war für mich ein Schlüsselmoment.

Hast du dich mit deinem Vater auch richtig ausgesprochen?

Es war für mich ganz wichtig, das nicht totzuschweigen. Ich habe Papa auch noch ein paar Mal richtig hart damit konfrontiert, weil ich immer noch dachte, er akzeptiert mich nicht so, wie ich mir das erhofft habe. Die Antwort lautete dann: "Mensch Nicolas, es ist doch jetzt alles gut." Ich habe ihm erklärt, dass mir die emotionale Unterstützung fehlt. Mir reicht es nicht, dass es ok ist, sondern ich muss es auch ein Stück weit spüren. Jetzt akzeptiert er das komplett. Er liebt meinen Freund über alles.

Du bist davon genervt, dass du dich quasi immer wieder outen musst. Was stört dich daran am meisten?

Am meisten stört mich das stereotype Denken, das von der Gesellschaft vorausgesetzt wird: Wenn du ein Typ bist, dann stehst du auf Frauen. Im Autohaus habe ich meinen Firmenwagen abgeholt und der Mann sagte: "Hier ist Ihr Auto, da können Sie ja mal mit Ihrer Freundin eine schöne Rundfahrt machen." Ich habe überlegt, ob ich jetzt etwas sage, ob es überhaupt relevant für das Gespräch ist. Auch bei Geburtstagsrunden heißt es immer: Und, hast du eine Freundin? Da denke ich mir: Nein, ich habe einen Freund!

"Oftmals wird man nur noch über die Homosexualität definiert."

Das kann auch zu unangenehmen Situationen führen.

Es gibt Momente, wo ich wieder voll das krasse Outing habe. Warum kann man es nicht dabei belassen, dass man einfach nur sagt, ich habe einen Freund. Ich möchte keinen Augenaufreißer haben oder einen Euphorieschrei von irgendwelchen Mädels. Das definiert mich nicht. Das ist das größte Manko, was ich in der Gesellschaft sehe: Oftmals wird man nur noch über die Homosexualität definiert. Das macht mich aber als Mensch nicht komplett aus.

In der Öffentlichkeit ist es immer wieder ein Thema.

Die mediale Welt, wie ich sie auch selbst miterlebt habe, wird zum Glück bunter und diverser. Ich finde, dass auch durch "Prince Charming" ein medialer Stein ins Rollen gekommen ist. Es outen sich immer mehr Leute, die auch in der Öffentlichkeit stehen und von vielen angehimmelt werden. Die Fans sehen, der ist schwul, aber ich finde den trotzdem cool. So naiv oder so albern, wie das klingt, glaube ich, das führt ein Stück weit zum Umdenken der Gesellschaft.

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