Gil Ofarim sorgte mit seinem Video vor rund einer Woche für einen großen Aufschrei.
Gil Ofarim sorgte mit seinem Video vor rund einer Woche für einen großen Aufschrei.
Bild: imago images/Future Image
Interview

Gil Ofarim nach Antisemitismus-Eklat: "Habe nicht damit gerechnet, was das für Wellen schlägt"

13.10.2021, 10:25

Vor rund einer Woche machte Gil Ofarim mit einem Video einen antisemitischen Vorfall in einem Leipziger Hotel öffentlich. Der Sänger berichtete auf Instagram, ein Mitarbeiter des Hotels habe ihn aufgefordert, seine Kette mit einem Davidstern einzupacken, nachdem "irgendeiner aus der Ecke" ihn bereits zuvor darum gebeten haben soll. Erst dann dürfe er einchecken. Zuvor sei er beim Einchecken lange Zeit nicht berücksichtigt worden.

Im Interview mit watson spricht Ofarim nun darüber, wie es ihm mittlerweile geht, sagt offen, was in Deutschland mit Blick auf Antisemitismus passieren muss und erklärt, wie er die polizeilichen Ermittlungen in alle Richtungen sieht.

watson: Vor einer Woche wolltest du in einem Leipziger Hotel einchecken. Auf Instagram hast du dann bekannt gemacht, was dir dort Unvorstellbares widerverfahren sein soll. Wie geht es dir mittlerweile?

Gil Ofarim: Ich bin jetzt seit ein paar Tagen zu Hause und nutze mein Handy eigentlich so gut wie gar nicht, mache den Fernseher nicht an und bin bei meiner Familie. Das ist das, was ich mache.

Dein Video wurde bisher über drei Millionen Mal geklickt. Hast du mit dieser überwältigenden Resonanz gerechnet?

Nein, habe ich ehrlich gesagt nicht. Ich bin ein Stück weit froh, dass das rausgekommen ist – dass es was bewegt und jetzt eine Debatte gestartet wird. Das ist mir das Wichtigste, denn hier geht es nicht um mich als Person oder darum, was auch immer ich in meinem Leben mache. Es geht darum, und das ist das Schlimmste, dass erstmal jemandem, der eine Reichweite hat oder den man kennt, etwas passieren muss, bevor irgendwas in Gang gesetzt wird. Erst vor zwei Wochen bei der Mahnwache in Hamburg wurde jemand aufgrund seiner Religion zusammengeschlagen. Jeden Tag passieren Dinge in Deutschland und darüber wird so gut wie gar nicht berichtet und dann verpufft es auch schnell.

Wo siehst du da die Missstände?

Jetzt gab es einfach mal so einen riesigen Aufschrei. Es schlägt so hohe Wellen, aber auch nur, weil es mal jemandem passiert, der ein paar mehr Follower hat. Über die ganzen anderen Menschen, denen das wirklich tagtäglich passiert, darüber wird nicht berichtet, weil sie vielleicht keine Plattform haben, um darauf aufmerksam zu machen. Und gleichzeitig haben sie auch noch Angst, irgendwas zu machen oder zur Polizei zu gehen, weil sie wissen, es wird im Sande verlaufen oder weil sie davon überzeugt sind, dass es am Ende für sie selbst Konsequenzen hat. Das ist das, was mich betroffen macht.

"Mir wäre es allerdings wichtiger, dass auch wirklich was bleibt davon, dass sich in Bezug auf das Thema etwas ändert."

Viele Prominente haben sich dir gegenüber solidarisch gezeigt. Denkst du, es wird sich grundsätzlich nachhaltig etwas verändern?

Das weiß ich nicht. Ich würde es mir wünschen. Ich habe mein Handy nicht viel benutzt. Ich habe es die meiste Zeit ausgehabt, aber ich habe trotzdem ein paar Nachrichten von Freunden, Kollegen und auch von Leuten, die ich jetzt persönlich nicht unbedingt sehr gut kenne, bekommen. Die Solidarität ist gerade enorm. Das freut mich wirklich sehr. Das Video wurde sehr viel repostet, ich möchte die Solidarität nicht schmälern, im Gegenteil, aber das ist schnell gemacht, weil es gerade eine virale Sensation ist. Mir wäre es allerdings wichtiger, dass auch wirklich was bleibt davon, dass sich in Bezug auf das Thema etwas ändert.

Die Marriott-Gruppe, zu dem das besagte Hotel gehört, soll dich nun kontaktiert haben, um dir gegenüber ihr Bedauern über deine Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen. Du hast zuvor gesagt, dass es vom Hotel selbst bisher keine Entschuldigung gegeben habe, sondern lediglich um eine Kontaktaufnahme zu dir gebeten worden sei. Hat sich daran etwas geändert?

Vom Hotel ist bei mir nichts angekommen. Es hat aber vor einigen Tagen eine Kontaktaufnahme zu meinem Management stattgefunden. Die Kommunikation lasse ich verständlicherweise über mein Management beziehungsweise meinen Anwalt laufen.

Wie denkst du eine Woche danach über den Vorfall im Hotel?

Ich bin sprachlos, schockiert, fassungslos – ein Stück weit überrascht, denn ich kenne das nur vom rechten Rand oder vom ganz linken Rand der Gesellschaft. Das hat mir neulich Anna Staroselski erklärt, als ich sie getroffen habe. Sie ist die Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion Deutschland. Das hat mir die Augen geöffnet im Hinblick auf die Mitte der Gesellschaft, wie sie es mir erzählte. So kannte ich es noch nicht.

"Ich habe nicht damit gerechnet, was das für Wellen schlägt, was aus diesem Video resultiert."

Drei Anzeigen gab es bisher in diesem Fall. Ein Unbeteiligter stelle eine wegen Volksverhetzung gegen den beschuldigten Hotelangestellten. Dieser stellte zugleich eine wegen Verleumdung und eine wegen Bedrohung. Die polizeilichen Ermittlungen laufen in alle Richtungen. Hast du damit gerechnet?

Ich habe nicht damit gerechnet, was das für Wellen schlägt, was aus diesem Video resultiert. Das Einzige, womit ich gerechnet habe, ist, und das ist oft der Fall, dass hier sofort die Opfer-Täter-Rolle verschoben wird oder es heißt: Angriff ist die beste Defensive oder beste Verteidigung. Dazu, dass der Mann Strafanzeige wegen Verleumdung stellt, kann ich nur sagen: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand in seiner Position hinstellt und sagt: "Moment mal, stopp, das habe ich so gesagt und das meine ich auch." Das wird niemals passieren. Von daher bin ich ehrlich gesagt nicht überrascht.

Am Dienstag wirst du selbst Strafanzeige stellen und auch als Zeuge aussagen. Warum hast du dich für diesen Zeitpunkt entschieden?

Am gleichen Tag noch hat sich die Staatsanwaltschaft und die Polizei bei meinem Management gemeldet, das heißt, das lief schon. Und die ermittelnde Kommissarin und der ermittelnde Staatsanwalt aus Leipzig wollten das selber machen und kommen morgen nach München. Deswegen hat das so lange gedauert.

Wie die "Leipziger Volkszeitung" berichtete, hat sich ein Gast von sich aus an die Hotelleitung gewandt und soll laut dem Geschäftsführer des Hotels gesagt haben: "Er hat uns gesagt, es stimme alles nicht, was in dem Video zu hören ist." Trifft und verletzt dich das?

Ehrlich gesagt, ob mich das jetzt verletzt, weiß ich nicht. Ich finde es einfach nur bedenklich und problematisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es in der Schlange keiner gehört haben soll. Ich finde, wir haben in Deutschland nicht nur das Antisemitismus-Problem oder im weitesten Sinne ein Rassismus-Problem. Diskriminierung gegenüber anderen Menschen aufgrund ihrer Sexualität oder was auch immer. Sondern ich frage mich: Wo ist die Zivilcourage? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass keiner das gehört hat.

"Das erklärt auch noch mal einiges an dem Missverständnis an dieser Debatte."

Auch Politiker haben sich zu dem Fall geäußert. Bayerns Antisemitismusbeauftragter Ludwig Spaenle schlägt eine Zertifizierung vor, mit der Unternehmen sich von Rassismus und Antisemitismus distanzieren können. Was denkst du darüber?

Ich bin weder Antisemitismusbeauftragter noch Experte auf diesem Gebiet. Da gibt es andere Menschen, die sich damit befassen, das studiert und gelernt haben, Formeln oder Theorien haben, die vielleicht unserer Gesellschaft helfen können. Ich bin einfach froh, dass überhaupt was in der Richtung passiert. Ich glaube, jeder Schritt ist ein richtiger.

Mitarbeiter des Hotels hatten eine Solidaritätskundgebung vor dem Gebäude veranstaltet. Hast du das mitbekommen?

Ich habe gehört, dass Mitarbeiter des Hotels vor der Tür standen. Dazu möchte ich mich ehrlich gesagt nicht großartig äußern. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass ich das Banner gesehen habe. Das erklärt auch noch mal einiges an dem Missverständnis an dieser Debatte. Das Problem ist, es wird oft verwischt und aus Unwissenheit verwechselt. Da gab es die israelische Flagge und dann haben sie noch den türkischen Halbmond dazu gepackt. Das ist aber fehl am Platz, weil es weder mit dem Nahostkonflikt irgendetwas zu tun hat noch mit irgendwas anderem aus Israel, sondern es ist ein Problem in Deutschland.

Mitarbeiter des Hotel Westin wollten mit einem Banner ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen.
Mitarbeiter des Hotel Westin wollten mit einem Banner ein Zeichen gegen Antisemitismus setzen.
Bild: dpa / Dirk Knofe

Wie siehst du das?

Ich bin kein Israeli, ich bin Deutscher. Ich habe zwar Familie in Israel und wenn ich mal hinfliegen darf bzw. die Pandemie es mir nicht verbietet, dann bin ich natürlich zu Besuch dort. Ich spreche auch die Landessprache, aber das ist ein anderer Konflikt, das ist ein anderes Thema. Das ist jetzt kein Vorwurf an das Hotel oder einzelne Personen. Aber das ist wieder ein großes Beispiel dafür, dass viele in Deutschland nicht wirklich Bescheid wissen, aber viele oder jeder eine Meinung darüber hat.

"Kurz vor der Vorstellung stand plötzlich die Polizei in meiner Garderobe."

Was ist dir daran wichtig klarzustellen?

Ich bin deutscher Staatsbürger, kam in München zur Welt, bin hier aufgewachsen, habe einen deutschen Pass. Ich bin aber auch jüdischen Glaubens. Gleichzeitig, das finde ich ganz wichtig, bin ich ein säkularer Mensch. Das heißt, ich trage weder eine Kippa aufgrund meiner Religion, noch habe ich diese bekannten Pejes, also gelockte Haare. Ich bin weder fromm noch orthodox oder streng religiös. Für mich sind die Traditionen mit der Familie wichtig. So lebe ich mein Judentum aus. Das heißt, an manchen Feiertagen kommen wir als Familie zusammen und essen miteinander, aber mehr auch nicht. Den Davidstern trage ich, weil ich den von meinem Papa geschenkt bekommen habe. Ich möchte weder großartig demonstrieren und zeigen, ich bin Jude und das ist mein Ding, sondern ich mag einfach den Stern, den ich geschenkt bekommen habe. Das ist alles, was ich tue.

Weißt du, wie es für dich in diesem Fall weitergeht?

Ich habe ganz ehrlich keine Ahnung. Alles, was ich weiß, ist: Ich bin froh, endlich zu Hause zu sein. Ich habe noch am Tag danach in Remscheid Theater gespielt. Das war mir wichtig, ich wollte das Ensemble nicht fallenlassen, zumal die Kollegen auch lange nicht arbeiten konnten und durften. Deswegen war es für mich ein Unding, das abzusagen. Kurz vor der Vorstellung stand plötzlich die Polizei in meiner Garderobe. Ich möchte auch noch mal den Beamten dafür danken.

Kamen die Polizisten zu deinem Schutz?

Wirklich, ich hatte Sorge in dem Moment, denn die haben mich nach meinem Aufenthaltsort gefragt und ich wurde dann nach der Vorstellung von jeweils sechs Mann vorne und hinten zu meinem Übernachtungsort eskortiert. Die waren sehr freundlich, lieb und nett. Ich habe aber nicht mit dem gerechnet, was jetzt passiert. Dass ich mich jetzt wahrscheinlich zur Zielscheibe in diesem Konflikt oder als Aushängeschild für das Problem mache, das wollte ich auf keinen Fall. Plötzlich werde ich damit konfrontiert und die Polizei kommt von sich aus auf und mich zu und sagt: "Zu Ihrem Schutz wollen wir Sie heute eskortieren." Ich bin sehr dankbar dafür, dass sie so schnell darauf reagiert haben, ich wusste nichts davon.

"Das Thema ist immer wichtig gewesen, doch es muss erstmal was passieren, damit darüber gesprochen wird."

Dein Fall wird sich vermutlich noch länger hinziehen.

Die Nummer kriege ich wahrscheinlich so schnell nicht los. Ich habe keine Ahnung, ob da jetzt irgendwas passieren wird, ob es aufgeklärt werden kann. Ich würde es mir wünschen, aber ich habe ganz ehrlich keine große Hoffnung. Allerdings: Wenn ein sächsischer Innenminister mich öffentlich darum bittet, Anzeige zu erstatten, denke ich nur "wow". Du siehst mich nicht viel auf roten Teppichen und selbst wenn ich auf den Veranstaltungen bin, gehe ich um den Teppich herum an der Presse vorbei. Das brauche ich nicht, ich bin da nicht scharf drauf. Aus Promo-Sicht ist das wahrscheinlich eher ziemlich unprofessionell und wird nicht von jedem verstanden, aber so bin ich nun mal.

Diesmal war es dir wichtig, deine Stimme zu erheben.

Aber jetzt bei dieser Nummer musste ich es einfach sagen, ich musste es erzählen. Ich habe die ganze Nacht darüber nachgedacht und habe dann den Entschluss gefasst. Ich bin in München aufgewachsen, ich kannte noch die Omas und Opas, die die Tätowierungen mit Nummern auf dem Unterarm hatten und die Zeitzeugen bleiben nicht für immer. Die gehen langsam alle von uns. Das Thema ist immer wichtig gewesen, doch es muss erstmal was passieren, damit darüber gesprochen wird. Das ist das, was ich meine.

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