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Adam Nagaitis, Chernobyl (2019) Episode 1. Photo Credit: Liam Daniel-HBO/The Hollywood Archive Los Angeles CA PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xHBOx 33821_010THA

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Meinung

"Chernobyl" statt "GoT": 4 Gründe, warum du die Erfolgsserie sehen solltest

Die Katastrophen-Serie "Chernobyl" liegt in den IMDb-Charts vor "Game of Thrones". Sie gehört völlig zurecht zu den besten Serien aller Zeiten.

Ich weiß nicht, wann ich das erste Mal das Wort "Tschernobyl" gehört habe. Vermutlich in der Grundschule, als unser Lehrer von einer Zeit berichtete, in der man keinen Salat und keine Pilze essen sollte.

Tschernobyl, das ist der Super-GAU. Die größte Katastrophe in der Geschichte der Atomenergie. Eine Warnung an uns alle, dass der technische Fortschritt nicht nur Gutes, sondern auch das Grauen bringen kann.

Dieses Grauen haben Sky (es handelt sich um ein Sky Original) und HBO in einer Koproduktion nun in einer Mini-Serie auf unsere Bildschirme gebracht. "Chernobyl" heißt die Show. Sie machte Schlagzeilen, weil sie auf IMDb, der größten Filmdatenbank im Internet, plötzlich auf Platz 1 der Serien stand. Vor "Breaking Bad" und ja, auch vor "Game of Thrones".

Das kann man sich ja mal angucken, dachte ich mir. Und einen faulen Nachmittag und vier Stunden später will ich euch erklären, warum ihr es mir gleichtun solltet. Damit ihr gerade rechtzeitig zur letzten von fünf Folgen der Mini-Serie einschaltet.

Ach ja: Ihr meint vielleicht, ihr kennt die Geschichte der Tschernobyl-Katastrophe bereits. Aber erstens tut ihr das nicht, wie euch "Chernobyl" lehren wird. Und zweitens handelt es sich bei der Show eben auch um (gut gemachtes) Fernsehen. Dieser Text enthält also kleinere Spoiler!

Tschernobyl – ein einziges Chaos

Im April 1986 explodiert im Kernkraftwerk Tschernobyl – heute in der Ukraine gelegen, damals Sowjetunion – einer der vier Reaktoren. Über Tage schleudert der brennende Reaktor giftiges Material in die Umwelt (das auch durch Wind und radioaktiven Regen bis nach Deutschland in Salate und Pilze gelangte). Mitten in der Nacht war die Simulation eines vollständigen Stromausfalls desaströs verlaufen. Man könnte auch sagen: katastrophal.

Im Katastrophen-Drama "Chernobyl" sind wir live dabei, wie Anatoli Stepanowitsch Djatlow, der stellvertretende Chefingenieur von Tschernobyl, feststellt, dass seine Mitarbeiter da großen, großen Mist fabriziert haben. Ihm brennt (wortwörtlich) das Dach.

Paul Ritter, Robert Emms, Chernobyl (2019) Episode 1. Photo Credit: Liam Daniel-HBO/The Hollywood Archive Los Angeles CA PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xHBOx 33821_022THA

Djatlow (vorne), der mit seiner Uniform ein bisschen wie ein Bäcker aussieht. Bild: www.imago-images.de

Djatlow will nicht einsehen, dass es der Reaktor war, der da explodierte. Er glaubt, nur ein Kühlsystem sei in die Luft geflogen. Er will seinen Irrtum auch dann nicht einsehen, als ihm ein Mitarbeiter berichtet, er habe eben höchstpersönlich vom Dach aus das Innere des Reaktors gesehen. "Er hat Wahnvorstellungen", sagt der Ingenieur nur.

Wie chaotisch die Explosion und ihre Folgen für die Mitarbeiter waren – vermutlich kann dich wenig auf einen Super-GAU, den noch schlimmeren Unfall als den größten anzunehmenden, vorbereiten –, wird für den Zuschauer auch dadurch deutlich, dass er nach einem kurzen Prolog mitten ins Geschehen geworfen wird. Die Figuren werden nicht vorgestellt, ihre Beziehung lässt sich nur erahnen, den Namen von Djatlow musste ich ergoogeln. Wie die Figuren tappt man zunächst ein wenig (aber nicht zu sehr) im Dunklen, dabei weiß ich als Zuschauer ja eigentlich, was in Tschernobyl passiert ist.

Oder?

"Chernobyl": Nuklear-Energie für Anfänger

Hefte raus, Klassenarbeit: Warum ist der Tschernobyl-Reaktor explodiert? Ein Test ging schief, okay. Aber was genau führte zur Explosion?

Genau das ist auch die Frage, die sich eine der Hauptfiguren stellt. Der Chemiker Valery Legasov (gespielt von Jared Harris, basierend auf einer realen Person) wird zum Leiter des Untersuchungskomitees ernannt, das die Katastrophe ergründen soll.

Legasov erklärt in der zweiten Folge von "Chernobyl" dem sowjetischen Energieminister Borys Shcherbyna mal eben im Hubschrauber, wie ein Atomkraftwerk funktioniert (Neutronen, Wasserdampf, Turbinen, etc.).

Stellan Skarsgard, Jared Harris, Chernobyl (2019) Episode 2. Photo Credit: Liam Daniel-HBO/The Hollywood Archive Los Angeles CA PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xHBOx 33821_004THA

Shcherbyna (l.) und Legasov gucken sich die Bescherung an. Bild: www.imago-images.de

Was nun die Ursache der Explosion anbelangt: Das löst "Chernobyl" auch elegant und spannend in einer der späteren Folgen auf. In einem Dialog zwischen Legasov und der brillanten Physikerin Ulana Khomyuk (die nicht auf einer wahren Person basiert; gespielt von Emily Watson) wird erläutert, warum das Graphit auf den Spitzen der Brennstäbe in Tschernobyl eine wirklich dumme Idee war und warum diese Eigenheit der Konstruktion überhaupt erst zur Katastrophe führte.

Das kann man zwar auch bei Wikipedia nachlesen. Aber man muss es nach "Chernobyl" nicht zwingend. Die Serie erklärt den Super-GAU in einer beachtlichen Tiefe. Ohne jemals dröge zu sein.

Katastrophen-Film, Drama und Thriller zugleich

"Chernobyl" langweilt auch nicht, weil es verschiedene Genres in sich vereint. Ja, die Mini-Serie ist natürlich ein Katastrophen-Film, da staunt ihr, wa?

Aber wie in jedem guten Katastrophen-Streifen sind es die menschlichen Schicksale, die berühren. Da wäre die Geschichte von Wassili Ignatenko (Adam Nagaitis). Er ist einer der ersten Feuerwehrmänner, die am Kraftwerk in der Nacht der Katastrophe ankommen. Er denkt, er löscht einen stinknormalen Brand in Tschernobyl. Dann beginnt sein Körper, sich qualvoll zu zersetzen. Zwei Wochen später ist er tot. Die ganze Zeit an seinem Bett: seine Ehefrau Ljudmila (Jessie Buckley). Auch die beiden gab es wirklich.

Während Legasov und Shcherbyna versuchen, die Katastrophe einzudämmen und dabei gegen den Widerstand der sowjetischen Behörden kämpfen müssen, zeigt uns das dramatische Schicksal von Wassili und Ljudmila, was auf dem Spiel steht.

Jessie Buckley, Chernobyl (2019) Episode 3. Photo Credit: Liam Daniel-HBO/The Hollywood Archive Los Angeles CA PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xHBOx 33821_012THA

Bild: www.imago-images.de

Da macht es umso betroffener, wie langsam die Behörden reagieren und die Evakuierung von Prypjat, der Stadt nahe des Kraftwerks, anordnen. "Wieso dauert das alles so verdammt lange?", will man den Figuren auf dem Bildschirm häufiger entgegenrufen. Aber die Sowjets sind um ihr internationales Ansehen besorgt. Und weil wir uns mitten im Kalten Krieg befinden, fragen sie auch erst viel zu spät andere Nationen um Hilfe.

"Chernobyl" wird so schnell zum Thriller. Denn neben dem Drama um den Feuerwehrmann Wassili zeigt die Serie vor allem, wie sich Legasov mit dem Führungsstab des Sowjet-Regimes anlegen muss, um Menschenleben zu retten. Immer verfolgt vom KGB, der wohl einen Landesverrat befürchtet.

"Chernobyl": Einfach gutes Fernsehen

In Summe macht das aus "Chernobyl" völlig verdient zu einer der besten Serien aller Zeiten.

Die Charaktere und ihre Darsteller sind großartig. Stellan Skarsgård (der Mathe-Prof aus "Good Will Hunting") bellt Legasov so herrlich mürrisch zu Beginn an. Um dann endlich einzusehen, dass nicht das Ansehen der UdSSR, sondern zehntausende Menschenleben auf dem Spiel stehen.

Die Cinematographie ist, wie von HBO gewohnt, ein Kracher. Der große Feind der Show ist unsichtbar: radioaktive Strahlung. Aber auch das löst die Serie: Als in der Nacht der Katastrophe Kinder in Prypjat auf der Straße spielen, werden Staub- und Rauchpartikel vom Kernkraftwerk hinübergeweht. Im Gegenlicht einer Laterne tanzen die giftigen Partikel und die Kinder. Eine Szene von schauriger Schönheit.

Scene Still, Chernobyl (2019) Episode 1. Photo Credit: HBO/The Hollywood Archive Los Angeles CA PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xHBOx 33821_019THA

Bild: www.imago-images.de

Auch auf die Schockmomente muss ich einmal hinweisen: Es ist kein schöner Anblick, von Strahlung zerfressene Menschen zu sehen (blutige Blasen und Fleischwunden!). "Chernobyl" ist keine Serie, die man während des Essens gucken sollte.

Die Serie hat sich einige Freiheiten genommen, um den historischen Stoff abzuwandeln. Es gibt Kritiker, die "Chernobyl" daher vorwerfen, zu viel Drama zu zeigen oder stellenweise zu dick aufzutragen. Aber "Chernobyl" will gar keine Doku sein, und auch keine Geschichtsstunde. Es erzählt eine starke Geschichte, mit starken Figuren. Es ist einfach gutes Fernsehen.

Auf HBO lief die letzte Folge am 3. Juni, auf Sky seht ihr die 5. und finale Folge am 11. Juni. Ab dann sind alle Episoden auch über Sky oder Sky Ticket abrufbar.

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