Moderator Frank Plasberg hat beste Laune bei seinem Talk.
Moderator Frank Plasberg hat beste Laune bei seinem Talk. bild: screenshot ard

"Hart aber fair": Moderator kann deutsche Impf-Werbung nicht fassen

08.02.2022, 06:0308.02.2022, 08:42

Wir befinden uns in einer "merkwürdigen Zwischenzeit", meint Frank Plasberg. Die Omikron-Welle treibt die Infektionszahlen in wahnsinnige Höhen, aber auf den Intensivstationen ist die Lage im Griff. "Mal ehrlich: Gedanklich sind wir doch schon durch mit Corona", behauptet der Moderator. Frank Plasberg diskutiert das Thema "Die Pandemie in uns – wann kommt die Zeit, von Corona loszulassen?" mit folgenden Gästen:

  • Markus Blume (CSU, Generalsekretär)
  • Katrin Göring-Eckardt (B‘90/Grüne, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags)
  • Kristina Schröder (Kolumnistin bei der Tageszeitung "Die Welt", Bundesfamilienministerin für die CDU von 2009 bis 2013)
  • Dr. Cihan Çelik (Oberarzt auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt)
  • Christina Berndt (Wissenschaftsredakteurin bei der "Süddeutschen Zeitung")
  • Marc-Christoph Wagner (Deutscher, lebt mit seiner Familie in Kopenhagen, Abteilungsleiter im dänischen Louisiana Museum of Modern Art)
CSU-Generalsekretär Markus Blume will lockern.
CSU-Generalsekretär Markus Blume will lockern.bild: screenshot ard

Zuverlässiges Anzeichen, dass Bewegung in die Coronapolitik kommt, ist immer, wenn sich Bayern quer stellt. Ministerpräsident Markus Söder hat gerade bekannt gegeben, dass das Bundesland die einrichtungsbezogene Impfpflicht zunächst aussetzen wird – weil sonst zu viele Pflegekräfte kündigen würden, so die Befürchtung. Zudem will Bayern lockern.

Zu Plasberg ins Studio kommt CSU-Generalsekretär Markus Blume. Er erklärt den überraschenden Austritt der CSU aus dem "Team Vorsicht" so: "Wir waren vorsichtig, als vorsichtig gefragt war und wir sind nun vorsichtig optimistisch, weil Optimismus gefragt ist. Vorsicht war nie Selbstzweck. Beschränkungen im Alltag dürfen nie Selbstzweck sein."

Die Omikron-Welle sei mit der Delta-Welle nicht zu vergleichen, allein schon wegen der Impfungen. Nicht die Inzidenzen seien jetzt aussagekräftig, eher die Anzahl der Hospitalisierungen. Man dürfe nicht nur an die Ungeimpften denken, sondern müsse auch "den Einstieg in den Ausstieg finden" und vorsichtig durchsetzen, was die Lage zulässt.

"Kluges eigenständiges Denken oder Sabotage?", fragt Plasberg.

Katrin Göring-Eckardt ist genervt von Bayern.
Katrin Göring-Eckardt ist genervt von Bayern.bild: screenshot ard

Für Katrin Göring-Eckardt (B‘90/Grüne, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags) steht die Antwort fest: "Das hat für mich nichts mit Verantwortung zu tun." Es nerve sie sehr, "was Bayern da gerade macht – nach dem Motto: Was schert mich mein Geschwätz von gestern?"

Und auch Lockerungen sieht sie sehr kritisch: "Wir sind vor dieser Omikron-Wand und können nicht sagen, 'Lass mal lockern, wir haben die Nase voll.'" Aber natürlich müsse man Stufenpläne ausarbeiten. Gerade Kinder hätten während der Pandemie auf sehr viel verzichtet.

"Jugendliche haben die Pubertät erlebt und nicht auf dem Schulhof geknutscht."
Katrin Göring-Eckardt
Die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder übt Kritik an der Politik.
Die ehemalige Bundesfamilienministerin Kristina Schröder übt Kritik an der Politik. bild: Screenshot ard

Kristina Schröder war von 2009 bis 2013 CDU-Bundesfamilienministerin, heute ist sie Unternehmensberaterin und schreibt eine Kolumne für die Tageszeitung "Die Welt". Sie übt sich in überraschend deutlicher Politik-Schelte: Sie bemängelt die "Angstkommunikation", die die Politik die ganze Pandemie über an den Tag gelegt habe, außerdem sei das Ziel die ganze Zeit über "bemerkenswert unklar" gewesen.

Für sie als Geboosterte wären zwar kaum noch Einschränkungen spürbar, aber für die Kinder noch sehr drastisch. Ihre siebenjährige Tochter müsse mit Schule und anschließender Hortbetreuung sieben Stunden am Tag Maske tragen. In zwei Wochen würden die Infektionszahlen sinken, dann könne man noch zwei Wochen warten. Aber dann müsse man "wirklich mal lockern".

Für eine Impfpflicht ist sie nicht unbedingt. Man solle lieber "Hausbesuche" mit Arzt und Dolmetscher durchführen. "Man weiß doch, in welchen Wohnvierteln die wohnen, die oft nicht geimpft sind." Dass sie damit behauptet, vor allem Menschen mit Migrationsgeschichte seien ungeimpft, stört niemanden in der Runde, nicht einmal Katrin Göring-Eckardt, die sagt, dass ihr jede Idee willkommen sei.

Überhaupt nicht traut Schröder der schlichten Impfwerbekampagne, die Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) neulich präsentiert hat. "Impfen hilft" erinnere sie von den Farben an die Raststätten-Toilettenbons von Sanifair.

An der Impf-Kampagne arbeitet sich dann auch Frank Plasberg ab. Die eigentlich sehr kreative Agentur Scholz & Friends zeichnet verantwortlich für die Kampagne. Und Plasberg fragt ironisch, ob es da eine Namensverwechselung gegeben habe. "Ist der Bundeskanzler nicht ausgelastet gewesen und hat sich das mit einem drögen Freundeskreis ausgedacht?"

In der Runde besteht Einigkeit über die misslungene Kampagne, die auch Göring Eckardt als Mitglied einer Regierungspartei nicht in Schutz nehmen möchte. Markus Blume vermisst Esprit und vergleicht die Anzeigen mit Werbung für Fußpilzmittel. Frank Plasberg präsentiert als positives Gegenbeispiel die französische Kampagne, die offensiv mit "erwünschten Nebenwirkungen" wirbt und dazu emotionale Fotos von Konzerten, knutschenden Pärchen und Strandbesuch mit Familie zeigt.

"Ja, Mensch, was haben die Franzosen drauf, warum können die das?", fragt der Moderator und spielt dann als Pointe wie einst Stefan Raab bei "TV total" einen Filmschnipsel ab: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) wie er bei einer Pressekonferenz sagt: "Das sind nicht wir, das sind wir nicht."

Lungenarzt Cihan Çelik hat Sorge, dass viele Kollegen wegen Krankheit ausfallen.
Lungenarzt Cihan Çelik hat Sorge, dass viele Kollegen wegen Krankheit ausfallen.bild: screenshot ard

Man merkt wirklich, was Plasberg zu Anfang gesagt hat: Er ist mental schon raus aus Corona. So locker ist er selten in seiner Sendung. Doch für Oberarzt Cihan Çelik ist es zum Lockern noch zu früh. "Was auf unsere Station zukommt, wissen wir noch nicht." Auch alle Patienten, die nicht wegen Corona, aber mit Corona ins Krankenhaus kommen, müssen ja auf die Corona-Station. Sie hätten jetzt eine dritte eingerichtet und würden mit Aushilfsärzten planen, weil sie mit vielen krankheitsbedingen Ausfällen rechnen beim Personal.

Er mahnt, dass es "kein Selbstläufer ist, wenn nur genug Zeit vergangen ist". Die Immunität durch eine Omikron-Infektion "sei eher schmal und dünn" und im Herbst könnten wir wieder vor Problemen stehen. Sehr zurückhaltend wirbt er so für die Impfung, was auch Plasberg bemerkt: "Sie haben die dezenteste Form, Menschen zum Impfen aufzufordern. Vielleicht wirkt das ja."

"SZ"-Wissenschaftsredakteurin Christina Berndt ist auch weiterhin Mitglied im "Team Vorsicht". In Israel, das eine ähnliche Impfquote bei den Übersechzigjährigen habe wie Deutschland, seien die "Todeszahlen so hoch wie nie zuvor. Absurd, dass man in dieser Lage auf die Idee kommt, zu öffnen." Wir bräuchten die Impfpflicht für den Herbst, findet sie.

Frank Plasberg ist ganz hingerissen von Marc-Christoph Wagners Film aus der Kopenhagener U-Bahn.
Frank Plasberg ist ganz hingerissen von Marc-Christoph Wagners Film aus der Kopenhagener U-Bahn.bild: screenshot ard

Ganz ohne Impfpflicht hat In Dänemark eine Impfquote von 81,2 Prozent und 96 Prozent Geboosterte bei den Übersechszigjährigen erreicht. Seit dem 1. Februar gibt es trotz einer Inzidenz von 5.000 keine Corona-Beschränkungen mehr.

Der Kulturwissenschaftler Marc-Christoph Wagner lebt in Kopenhagen, der Abteilungsleiter im Louisiana Museum of Modern Art hat die Abschaffung aller Maßnahmen mit 14 Freunden an einer langen Essenstafel gefeiert. Die Dänen seien vorsichtig, aber nicht ängstlich.

"In Dänemark hat ja fast jeder Omikron gehabt."
Marc-Christoph Wagner

Zweimal die Woche testen würden sie sich trotzdem noch. "Man hält Abstand, man nimmt Rücksicht." Auf dem Weg nach Köln zur Sendung hat er morgens in Kopenhagen in der U-Bahn noch ein paar Videos aufgenommen, die er im Studio zeigt. "Völlig unspektakulär", sagt er und Plasberg widerspricht. "Nein, das ist spektakulär – Menschen ohne Maske." Und in der Tat: Nach zwei Jahren Pandemie hat sich die Wahrnehmung von "normal" schon ziemlich verändert.

Warum die Impfquote in Dänemark so hoch sei und warum die Politik so akzeptiert, will der Moderator wissen. "Es gibt ein großes Zutrauen in die Regierung", sagt Wagner. "Man hat der Bevölkerung reinen Wein geschenkt und das hat zu Akzeptanz geführt." Die Dänen seien eine "lustige Kombination" aus unter anderem dickköpfig, liberal und solidarisch. "Das war jetzt eine Zeit der Solidarität, das haben die Dänen auch angenommen."

Denn auch Dänemark hatte schwere Zeiten: Weihnachten waren große Zusammenkünfte untersagt. Heute befinde sich Deutschland zeitlich in der Omikron-Welle, wo Dänemark vor Weihnachten war. "Da hat niemand Lockerungen gefordert." Die Regierung habe immer genau dosiert: "harte Botschaften, aber auch wieder losgelassen". Für den Kulturwissenschaftler steht fest:

"Der Staat kann einiges abverlangen, aber er muss auch liefern."
Marc-Christopher Wagner

Wenn es keinen Präsenzunterricht gebe, sei es in Dänemark selbstverständlich, dass er eben digital stattfindet. Wie der deutsche Wahl-Däne das so sagt, wird schnell klar, dass er auch aus der Distanz das Gefühl hat, der Deutsche Staat habe eher "nicht geliefert". Aber zum Schluss hat Wagner auch noch tröstende Worte: "Auch Sie kommen in den Frühling!"

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