Die Philosophin Svenja Flaßpöhler ist die einzige in der Runde, die nicht für mehr Druck beim Impfen ist.
Die Philosophin Svenja Flaßpöhler ist die einzige in der Runde, die nicht für mehr Druck beim Impfen ist. bild: screenshot ard
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Philosophin bemängelt bei "hart aber fair" einseitige Berichterstattung – so reagiert der Sender

17.11.2021, 17:13
dirk Krampitz

Die vierte Pandemie-Welle hat Deutschland mit Wucht getroffen. Während die alte Regierung nur noch geschäftsführend tätig ist und die neue noch nicht geformt, steigen die Infektionszahlen fast täglich auf neues Rekordniveau. 67,5 Prozent der Bundesbürger sind vollständig geimpft, eine höhere Quote würden helfen. "Nur ja keinen Zwang – ist unsere Politik beim Impfen zu feige?", fragt Frank Plasberg folgende Gäste.

  • Stephan Weil, SPD, Ministerpräsident des Landes Niedersachsen
  • Georg Mascolo, Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung"
  • Dr. Lisa Federle, Notärztin, Pandemiebeauftragte des Kreises Tübingen
  • Svenja Flaßpöhler, Philosophin, Chefredakteurin "Philosophie Magazin"
  • Prof. Dr. Carsten Watzl, Immunologe; Leiter des Forschungsbereichs Immunologie am IfADo – Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund

Frank Plasberg hat fünf Gäste ins Studio geladen. Vier davon sind in unterschiedlichem Maße für eine Impfpflicht oder befürworten zumindest schwere Auflagen für Ungeimpfte. Die Ausnahme ist Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin des "Philosophie Magazin".

Svenja Flaßpöhler selbst ist geimpft, bei ihren pubertierenden Kindern ist sie sich nicht so sicher, hat sie neulich bei Markus Lanz erzählt. Und sie wirft sich für die Ungeimpften in die Bresche:

"Ich halte es für fatal und falsch Menschen zu kriminalisieren, die vom Recht Gebrauch machen, Eingriffe in ihren Körper abzulehnen."
Svenja Flaßpöhler

Sie sieht das politische Versagen in der Pandemie, etwa die fehlende Vorbereitung auf die vierte Welle oder den Abbau von Intensivbetten, nun auf Ungeimpfte abgewälzt, die übrigens auch kein "unterschiedsloses Kollektiv" seien, sondern alle ihre einzelnen Gründe hätten. Flaßpöhler schlägt Gegenmeinung bis Empörung aus allen Richtungen des Studios entgegen.

Vor allem mit Plasberg geriet Svenja Flaßpöhler aneinander. Während der Sendung kritisierte sie scharf die Berichterstattung der Medien: "Die Ungeimpften, das ist keine dumme Gruppe, die man in einen Topf werfen kann." Man dürfe Ungeimpfte nicht als homogene Gruppe uninformierter Menschen darstellen, da jeder unterschiedliche Motive habe, sich nicht impfen zu lassen. Außerdem fügte sie hinzu, dass die Medien einseitig berichten würden.

Der Moderator entgegnete empört, dass seine Sendung keine "Propaganda fürs Impfen" sei. Darüber hinaus fragte er sie: "Würden Sie sich wünschen, dass neben Ihnen ein dezidierter Impfgegner sitzt, der alternative Meinungen hat? Vielleicht auch alternative Fakten? Würden Sie das für eine ausgewogene Berichterstattung halten?"

Das sagt ein ARD-Sprecher zur Auswahl der Gäste bei "Hart aber fair"

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, warum zusätzlich zu Svenja Flaßpöhler nicht ein weiterer Gast eingeladen wurde, der eine ähnliche Meinung vertritt wie die Philosophin. Watson fragte einen Tag nach der Sendung bei ARD nach. Der Sender antwortete:

"Die Position wurde ja von Frau Flaßpöhler vertreten und war damit als Meinung zu dieser Frage in der Sendung repräsentiert."
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sieht einen "Lockdown für Ungeimpfte" kommen.
Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sieht einen "Lockdown für Ungeimpfte" kommen.bild: screenshot ard

"Es wäre klug gewesen zu sagen: Wir versuchen es ohne Impfpflicht"

Stephan Weil, SPD, Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, wirft ein, dass 20 Prozent der Erwachsenen noch nicht geimpft seien. "Diese 20 Prozent reichen aus eine die ganze restliche Gesellschaft in Angst und Schrecken zu versetzen. Dass man das nicht durchgehen lassen kann, liegt auf der Hand, das wird auch die ganzen nächsten Wochen bestimmen, da wird es ganz klare Grenzen geben." Um die Gesundheit der einen zu schützen müsse man die Möglichkeiten der andere einschränken. "Das läuft in der Tat auf so etwas wie einen Lockdown für Ungeimpfte hinaus", gibt er zu.

Notärztin Lisa Federle hat viele Menschen überzeugt, dass sie sich impfen lassen.
Notärztin Lisa Federle hat viele Menschen überzeugt, dass sie sich impfen lassen. bild: screenshot ard

Die Tübinger Pandemiebeauftragte und Notärztin Lisa Federle hat mittlerweile noch nur wenig Verständnis für Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. "Manche habe ich Wochen und Monate bearbeitet, dass sie sich impfen lassen. Aber ich renne nicht mit der Spritze irgendjemandem hinterher.“ Freiheit habe auch mit Verantwortung zu tun und darum ist sie schon dafür den Druck zu erhöhen, um die Menschen zu schützen. "Die Leute haben ein Recht am Leben zu bleiben.“

Georg Mascolo, Journalist, Leiter der Recherchekooperation von NDR, WDR und "Süddeutscher Zeitung" findet, es sei ein "großer politischerer Fehler gewesen", die Impfpflicht von vornherein auszuschließen.

"Es wäre klug gewesen zu sagen: Wir versuchen es ohne Impfpflicht.“
Georg Mascolo

Er will sich nicht festlegen, aber er glaubt: "Wenn die Welle so hoch steigt wie wir glauben, wird auch der Impfdruck steigen."

Der Immunologe Carsten Watzl sieht ohne Impfung ein viel höheres Risiko.
Der Immunologe Carsten Watzl sieht ohne Impfung ein viel höheres Risiko.bild: screenshot ard

Der Immunologe Carsten Watzl stellt fest, "dass sehr viele Leute Angst haben vor dieser Impfung, da ist unerhört viel Verunsicherung drin“. Aber er glaubt auch: "Ich habe ja nur die Wahl zwischen Impfung und Infektion."

Eine gefürchtete Nebenwirkung der Impfung kann zum Beispiel eine Herzmuskelentzündung sein, vor allem bei jungen Männern. Sie tritt mit dem Risiko 1:20.000 auf. Bei der Corona-Erkrankung trete diese Herzmuskelentzündung aber mit dem 6-7 mal höheren Risiko auch auf. Der Mediziner ist für bundesweit 2G und eine Impfpflicht im medizinischen Bereich.

"Gerade in Pflegeheimen ist es absolut notwendig, dass nicht nur Bewohner, sondern auch alle, die mit ihnen umgehen, geimpft sind."
Carsten Watzl

Flaßpöhler hingegen besteht darauf: "Dieses Virus betrifft die Menschen sehr unterschiedlich – wir können nicht so tun als ob es gleichwertig betrifft." Und so habe jeder Mensch seine eigene Risikoiabwägung. "Man nennt das Selbstbestimmung. Solange wir keine Impfpflicht haben, und ich bin absolut dagegen, dass wir eine haben, muss man dieses Recht auf Selbstbestimmung akzeptieren."

Die Philosophin berührt auch Argumentationslinien, die von Corona-Skeptikern und Impfgegnern benutzt werden. Sie führt die Studie der Wissenschaftler der Universitäten Main und München an, die einseitige Corona-Berichterstattung festgestellt haben, es fallen Reizworte wie Schweden, Grippe oder eben Bevormundung. Aber wirft sie nicht nur in den Raum, sie bemüht sich, ihre Argumentation auszuführen, wenn man sie lässt.

Beispiel Schweden. Das Land komme mit einer Impfquote, die unserer sehr ähnlich ist, gut zurecht. Die Menschen dort würden sich freiwillig an die Regeln halten. Es herrsche Vertrauen zwischen der Politik und der Bevölkerung. Hierzulande sei das nicht unbedingt der Fall. "Die Politik der Bevormundung führt dazu, dazu, dass die Leute verlernen verantwortlich zu handeln."

15 Prozent aller über Sechzigjährigen sind bisher ungeimpft. Das Infektionsschutzgesetzt sehe explizit die Möglichkeit vor, eine Impfpflicht für bedrohte Gruppen erlassen, sagt Flaßpöhler. "Warum wird das eigentlich nicht diskutiert?"

Plasberg und die Philosophin sticheln sich immer mal wieder an in der Sendung, bis es kulminiert, als Plasberg fragt, ob sie in ihrer Argumentation denn auch Querdenker einschließe.

Kabbelt sich mit Plasberg: Svenja Flasßpöhler.
Kabbelt sich mit Plasberg: Svenja Flasßpöhler. bild: screenshot ard

"Mein Eindruck ist, sie versuchen mich, obwohl ich hier wirklich versuche, sehr sachlich zu argumentieren, in genau diese Ecke zu schieben." Das sei lächerlich und eine "böswillige Unterstellung".

Zwar beteuert Plasberg: "Ich würde ihnen das niemals unterstellen". Aber das Verhältnis der beiden ist zerrüttet.

Man kann Flaßpöhler den Vorwurf machen, dass sie die Corona-Situation zu theoretisch betrachtet. Und Georg Mascolo fragt sie auch einmal ganz richtig: "Wir haben 5 Millionen Infizierte, demnächst sind wir bei 100.000 Toten. Wohin führt ihre Argumentation?" Doch sie lässt sich nicht beirren. "Es ist zutiefst in einer Demokratie verankert, dass Menschen sich unvernünftig verhalten." Das gelte fürs Rauchen, fürs Trinken, fürs Motorradfahren und auch fehlgeschlagene Suizidversuche. "Wir würden nie auf die Idee kommen zu sagen, dass diese Menschen selbstverschuldet krank werden, selbstverschuldet auf der Intensivstation landen. Wenn wir mit dieser Logik anfangen, das ist nicht ganz ungefährlich."

Als Plasberg einen Einspieler mit den Worten anmoderiert "Wir reden ja über vielleicht kindliche Fragen – wieviel Druck braucht ein Kind um eine Verhaltensänderung zu haben?" und dann Hubert Aiwanger, den stellvertretenden bayerischen Ministerpräsidenten, erwähnt, der sich nach langem Zögern doch hat impfen lassen, kritisiert Flaßpöhler dem Talkmaster noch mit Genuss:

"Sie haben ein völlig anderes Demokratieverständnis als ich. Wenn man über Bürgerinnen und Bürger redet und sie als Kinder bezeichnet auf die man Druck ausüben muss – da ist mein Demokratieverständnis ein anderes."
Svenja Flaßpöhler
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