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Mutter sein ist anstrengend – wie anstrengend allerdings, darüber sprechen nur wenige. (Symbolbild) Bild: iStockphoto / Kaan Sezer

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Mutter gesteht: "Ich existiere nur noch für dieses Kind" – Was Eltern verschweigen

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Als ich vor zweieinhalb Jahren ein Kind bekam, wurde ich mit der Geburt zu einem Tausch gezwungen, von dem ich bis dahin nichts geahnt hatte. Hilfloses Baby gegen Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung, Selbstwertgefühl. Kurz: gegen mein bisheriges Leben. Und ich fand mein Leben bis dahin echt cool.

Ich konnte meine Gedanken in Texten ausdrücken und bekam dafür Geld. Ich saugte Inspirationen durch Städtetrips, Konzerte, Designmessen und menschliche Begegnungen auf. Ich aß mich regelmäßig durch kulinarische Highlights. Ich genoss den Zauber des Wochenendes, nie zu wissen, wo der Abend enden würde. Ich tanzte Stress auf Musikfestivals weg und meine Freunde waren meine selbstgewählte Familie, mit der ich mich intensiv über alles austauschte, was uns bewegte.

Und dann bekam ich ein Kind.

"Ich hatte wirklich geglaubt, als Mutter sei man eben dauermüde, aber scheinbar so glücklich, dass man die Müdigkeit gerne in Kauf nahm."

Dass die ersten Wochen hart werden könnten, hatte ich einkalkuliert. Dass ich durch die Abhängigkeit dieses Babys kein freier Mensch mehr sein würde, hatte mir nie jemand anvertraut. Das einzige, wovon alle immer redeten, war der Schlafmangel. Ich hatte wirklich geglaubt, als Mutter sei man eben dauermüde, aber scheinbar so glücklich, dass man die Müdigkeit gerne in Kauf nahm.

Die Realität sah ganz anders aus. Nur noch alle drei Tage gestresst für ein paar Minuten mit brüllendem Kind in der Wippe duschen, nachts und tagsüber alle eineinhalb Stunden jeweils eine Stunde lang stillen und das Kind nie ablegen können, wirklich nie, weil es sonst sofort anfing zu schreien, führte erst zu Panik und dann zu der Erkenntnis: Mein eigenes Leben existiert nicht mehr. Ich existiere nur noch für dieses Kind.

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Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich. Bild: Emmy Lupin studio

Unsere Autorin...

... wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Ich konnte fast eineinviertel Jahre lang abends niemanden außerhalb des Hauses treffen oder etwas unternehmen, weil mein Sohn nur an meiner Brust einschlief. Ich konnte mit meinem Mann nach zwei Jahren das erste Wochenende alleine verreisen, weil er erst dann so weit war, alleine bei Oma und Opa zu bleiben. Ich konnte nach über zwei Jahren wieder stundenweise anfangen zu arbeiten, weil ich einen Tagesmutter-Platz bekam (von dem ich ihn um 13 Uhr abholen muss, weil er sich weigert, dort zu schlafen).

"Ich existiere nur noch für dieses Kind."

Möchte ich mit einer Freundin ein paar Tage wegfahren, muss ich die Großeltern akquirieren. Möchte ich mit meinem Mann abends etwas trinken gehen, muss ich einen Babysitter für 12 Euro die Stunde organisieren und hoffen, dass er weder kurz vorher absagt, noch während des Abends anruft, weil unser Sohn nach mir brüllt. Leichtigkeit und Spontaneität sind abhanden gekommen. Ich habe keine Zeit für Inspirierendes, für das Weiterspinnen von Gedanken, für die Entwicklung von Kreativität. Weil mein Kind zu jeder Sekunde, die ich mit ihm verbringe, volle Aufmerksamkeit einfordert und mich dadurch aussaugt.

Die Freude an den schönen Dingen des Lebens war für mich immer Energiespender. Und Begegnungen, die meinen Horizont erweitern, fehlen mir so unfassbar sehr. Ich habe jetzt die Verantwortung, die Bedürfnisse eines Kindes zu erfüllen, das nicht versteht, wie es mir ohne die Erfüllung meiner Bedürfnisse geht.

"Warum spricht niemand über die Momente, in denen man bereut, alles aufgegeben zu haben?"

Warum hat mir das nie jemand erzählt? Warum glauben Mütter bis heute, gut da stehen zu müssen? Warum sagt kaum eine, wie beschissen der Großteil eines Tages ist, den man mit Kind allein zu Hause verbringt? Warum gibt fast niemand zu, wie sehr er sein altes Leben vermisst? Und warum spricht niemand über die Momente, in denen man bereut, alles aufgegeben zu haben?

Weil mich diese Haltung so unglaublich wütend macht, habe ich von Anfang an auf jedes "Wie geht’s?" mit einem schonungslosen Lagebericht geantwortet. Ich habe mir geschworen, allen die Wahrheit zu erzählen, damit jeder vorgewarnt ist – und falls er sich für ein Kind entscheidet, im besten Fall positiv überrascht wird. Genau aus diesem Grund schreibe ich diese ehrliche Kolumne.

Meinung

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