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Klingt paradox, aber dieser Experte sagt: Weil Integration GUT klappt, gibt es Konflikte

25.08.18, 15:03 25.08.18, 16:33
Felix Huesmann
Felix Huesmann

Hat Deutschland ein Integrationsproblem? Seitdem Mesut Özil mit seinem Rücktritt aus der Fußball-Nationalmannschaft eine große Debatte um Integration und Rassismus angestoßen hat, wird das immer wieder behauptet.

Der Integrationsforscher Aladin El-Mafaalani sagt hingegen: Die Integration in Deutschland funktioniere super – und gerade das führe zu Konflikten. 

Wir haben mit ihm über Rassismus in deutschen Schulen, Integration und die Gründe für den Rechtsruck der vergangenen Jahre gesprochen.

Auf Twitter haben Menschen in den vergangenen Wochen unter #MeTwo von ihren Rassismuserfahrungen in Deutschland berichtet. Ein Ort, der in diesen Berichten immer wieder auftaucht, ist die Schule. Oft geht es um Lehrer, die keine "Ausländerkinder" auf das Gymnasium schicken wollen. Gibt es diese Probleme heute immer noch?

Aladin El-Mafaalani Bild: wilfried gerharz

Aladin El-Mafaalani: Es gibt diese Probleme ganz sicher. Studien zeigen, dass es große Gruppen gibt, die bei den Empfehlungen fürs Gymnasium benachteiligt werden. Wenn man Kinder vergleicht, die gleich intelligent und gleich kompetent sind, dann unterscheidet sich die Wahrscheinlichkeit einer Gymnasial-Empfehlung je nach Schichtzugehörigkeit um ein Vielfaches. Die Herkunft spielt dabei immer noch eine Rolle. Das kann an beabsichtigter Diskriminierung liegen, das kann aber auch unbeabsichtigt sein und an Beobachtungsfehlern der Lehrer liegen.

Man muss allerdings auch sagen: Es gibt heute viel weniger Diskriminierung, als früher.

Die Chancen, auf ein Gymnasium zu kommen, sind um ein Vielfaches gestiegen. Etwa drei Viertel der Kinder waren früher auf Haupt- und Sonderschulen. Auf Gymnasien war nur ein Mikro-Teil. Das ist heute anders – auch wenn man mit der Geschwindigkeit der Veränderung unzufrieden sein kann.

Das sind die Berichte über Rassismus in deutschen Schulen

Aladin El-Mafaalani...

...ist als Kind syrischer Einwanderer in Dortmund aufgewachsen. Der Soziologe und Politikwissenschaftler arbeitete zunächst als Berufsschul-Lehrer, später als Professor an der Fachhochschule Münster. Seit März 2018 ist er Abteilungsleiter für Integration im nordrhein-westfälischen Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. Am 16. August ist sein Buch "Das Integrationsparadox" erschienen.

Sie sind als Kind syrischer Einwanderer in Deutschland aufgewachsen. Haben Sie solche rassistische Diskriminierung als Kind auch erlebt?

Ja, ich habe damals beispielsweise auch keine Gymnasial-Empfehlung bekommen. Auf dem Gymnasium war ich dennoch, weil mein Vater das so entschieden und mich dort angemeldet hat. Ich habe allerdings selten ganz eindeutig beabsichtigte Diskriminierung erlebt. Viel wesentlicher waren Situationen, die nicht so einfach zu deuten sind. Mit offener, eindeutiger Diskriminierung ist es einfacher umzugehen, weil man immer noch die Deutungshoheit hat, sich zu sagen, "was ein Arschloch", und das nicht an sich ran zu lassen.

Was ich viel öfter erlebt habe war das, was Wissenschaftler Erklärungsunsicherheit nennen. Man fragt sich andauernd, warum man gerade schlecht behandelt wird. Das macht einen fertig, weil man die ganze Zeit unsicher ist, ob man diskriminiert wird, oder ob es doch an einem selbst liegt. Und diese Unsicherheit ist etwas migrationsspezifisches. Die kann ein weißes, "biodeutsches" Kind in dieser Form nicht erleben.

Was für Auswirkungen hat das auf Kinder?

Kinder werden ambitioniert, wenn sie oft Erfolge erleben. Andererseits resignieren sie durch regelmäßige Misserfolge. 

Je öfter Kinder eine Erklärungsunsicherheit verspüren, und je häufiger sie offene Diskriminierung erfahren, desto eher resignieren sie.

Und da Menschen ungerne resignieren, schließen sie sich dann etwas anderem an. Das kann alles sein, was ihnen positiven Selbstwert gibt und was ihnen vorher fehlte. Und das ist etwas, was die jetzige türkische Regierung zum Beispiel wunderbar ausgenutzt hat. Dafür musste jedoch erstmal ein Grundstein da sein.

Man muss sich im Klaren darüber sein, dass Diskriminierung durch Lehrer oder auch Polizisten viel schwerer wiegt, weil sie Repräsentanten des Staates sind und sich gerade Jugendliche dann schnell die Frage stellen: "Ist die Diskriminierung staatlich gewollt?" Deshalb muss man an staatliche Institutionen andere Maßstäbe heranziehen als im Zusammenleben von Menschen im Alltag.

Und wie kommen wir aus dieser Situation wieder raus?

Was in anderen Ländern gut funktioniert, ist, über eine emotionale Ebene klarzumachen, dass die Kinder dazugehören. Häufig funktioniert das über eine Form von Patriotismus. Wenn man das nach Deutschland übertragen würde, müssten Lehrer den Kindern von klein auf sagen:

"Du bist Deutscher, natürlich bist du Deutscher. Wir sind alle Deutsche!"

Das Problem dabei ist, dass diese emotionale Verbundenheit mit diesem Land und seinem kulturellen Leben in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft nicht ohne Weiteres funktioniert. Patriotismus spielt sich vor allem am rechten Rand ab. Gleichzeitig kommen die Migrantenfamilien in der Regel aus Gesellschaften, die viel patriotischer sind, als die deutsche. Da entsteht eine Lücke.

Im Kern geht es also darum, Kindern mit Migrationshintergrund zu vermitteln: Ihr seid Teil des "Wir"?

Ja, das ist das Eine. Es gibt aber noch etwas Anderes, was Lehrer tun könnten. Man könnte die Kinder bereits in der Grundschule regelmäßig und ohne einen besonderen Anlass erzählen lassen, welche Diskriminierungserfahrungen sie in der vergangenen Woche gemacht haben. Das würde einen Raum schaffen, über solche Erlebnisse zu sprechen. Auch wenn Kinder von Mitschülern oder Lehrern diskriminiert werden, wüssten sie: In ein paar Tagen kann ich darüber reden. Davon profitieren am Ende alle, nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund. Dort könnten auch Übergewichtige oder Kinder mit Behinderungen Diskriminierung thematisieren. Mitschüler und Lehrkräfte würden dadurch sensibilisiert und könnten viel besser verstehen, was es heißt, unterschiedlich zu sein.

Eine positive Demonstration dieser Unterschiedlichkeit findet ja längst statt. Grundschulen feiern mittlerweile permanent sowas wie interkulturelle Frühstücke. Das ist im Schulalltag angekommen. Die negativen Seiten – wie etwa Diskriminierungserfahrungen – werden aber oft vollständig ausgespart. Das Problem daran ist, dass das nicht glaubwürdig wirkt. Denn die negativen Seiten erleben die Kinder in jedem Fall auch. Und sie brauchen das Gefühl, dass ihre Bedürfnisse und Sorgen ernst genommen werden.

Wir haben nun über einiges gesprochen, das bis heute nicht gut läuft. In Ihrem kürzlich erschienen Buch "Das Integrationsparadox" schreiben Sie, dass die Integration in Deutschland gut funktioniere – und dass gerade dadurch Konflikte entstehen. Wie meinen Sie das?

Integration bedeutet, wenn man den Begriff wirklich ernst nimmt, dass "neue" Teile ein Teil des Ganzen werden. Dadurch verändert sich aber das Ganze – unsere Gesellschaft. Und Veränderung führt zu Reibung, zu Konflikten. Das erklärt ganz entscheidend, warum Debatten heute hitziger geführt werden.

Unsere Gesellschaft hat sich viel stärker durch gut integrierte, als durch schlecht integrierte Migranten verändert.

Das führt häufig zu Spannungen in dem Teil der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Und bei den Menschen mit Migrationshintergrund gibt es einen ähnlichen Effekt: Die können sich heute nicht nur besser Gehör verschaffen, sondern sind selbstbewusster und auch sensibler, wenn es um das Erkennen von Diskriminierung geht.

Handfeste Diskriminierung ist heute messbar geringer als früher. Was man durch das Hashtag #meTwo aber sieht ist, dass sie heute stärker artikuliert wird. Über Diskriminierung kann man überhaupt erst dann richtig sprechen, wenn Integration weit fortgeschritten und die Diskriminierung schon zum Teil bekämpft ist.

Auf der einen Seite sind also die Beschwerden über Diskriminierung lauter geworden, als vor 20, 30 Jahren. Gleichzeitig hat es in den vergangenen Jahren immer mehr den Anschein, als hätten große Teile der Gesellschaft gar kein Interesse an der Integration und Teilhabe von Migranten. Die Zeichen stehen viel mehr auf Abschottung und Abschiebung.

Meiner These nach ist es ein Mythos, dass Integration Rassismus in der Gesellschaft senken könnte.

Ich würde sogar sagen, dass eine ehemalig schwache Gruppe, die sich zunehmend besser integriert, am rechten Rand viel stärker mobilisierend wirken kann, als eine weiter ausgegrenzte Gruppe. Und zwar gerade, weil sie sich stärker Gehör verschaffen kann und auch stärker als Konkurrenz wahrgenommen wird.

Auf der anderen Seite würde ich nicht sagen, dass rassistische Einstellungen bedeutend zunehmen. Was sich verändert hat ist, dass sie seit der Sarrazin-Debatte lauter geäußert werden und sich der Tonfall insgesamt verschärft hat. Das hat viel mit eben dieser Debatte zu tun, ein bisschen mit der Etablierung einer Partei, die das befördert, und ganz viel auch mit den Möglichkeiten, Positionen durch neue Medien zu äußern und zu verbreiten.

Unsere Gesellschaft wird aber zunehmend offener, und eine offene Gesellschaft ist nicht gemütlich. Im Gegenteil: Eine offene Gesellschaft, die zunehmend die Integration von Migranten und ehemals Benachteiligten fördert, sorgt auch für das Entstehen einer Gegenbewegung. Das Potential dieser Gegenbewegung war immer schon da, was sich verändert hat ist, dass es jetzt mobilisiert wird.

Aladin El-Mafaalanis Buch "Das Integrationsparadox – Warum gelungene Integration zu mehr Konflikten führt" ist am 16. August im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen. 

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