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Julia Klöckner. Retterin der Muslimas?  Bild: dpa/random house/montage:watson

Frau Klöckner, warum vergleichen Sie Migranten mit Wein?

Julia Klöckner ist vieles: Stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende, seit März diesen Jahres Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft und neuerdings vielleicht auch die Retterin aller muslimischen Frauen in Deutschland.

So zumindest wirkt es, wenn man ihr neu erschienenes Buch "Nicht verhandelbar – Integration nur mit Frauenrechten" liest.

In dem Buch bespricht die 45-Jährige gesellschaftliche Dauerbrenner-Themen: Integration, Islam und Gewalt gegen Frauen.

Das Buchcover

Farbenfrohes Cover, düsterer Inhalt Bild: Gütersloher Verlagshaus

Wenn man sich durch die sieben Kapitel liest, wird einem Angst und Bange. Alles wird scheinbar immer schlimmer, vor allem wegen der Zugewanderten aus patriarchalisch geprägten Ländern. Und das muss jetzt offenbar gestoppt werden.

Klöckner zählt die Gewalttaten der vergangenen Jahre auf, in denen Frauen durch Migranten vergewaltigt wurden, die Silvesternacht von Köln und spricht von einem neuen Problem der Massenvergewaltigung. "Probleme dieser Natur" habe man ja "nicht mit Männern aus England, Schweden oder Japan", sondern "vor allem mit Männern aus patriarchalisch geprägten Ländern." Die Frau und Töchter des SPD-Innenminister von Rheinland-Pfalz würden nur noch mit Pfeffergasspray joggen gehen.

Deswegen will sie die Probleme nun offen ansprechen, schlägt Geldzuwendungen und den Aufenthaltsstatus als "Druckmittel" vor, mit denen man bei Zugewanderten sicherstellen kann "sich hier bei uns anständig zu benehmen und sich fortzubilden."

Fragt sich nur: Für wen schreibt sie das Buch? Etwa für muslimische Frauen? Oder doch für deutsche Männer? Klöckner kritisiert aktuelle Feminismus-Bewegungen, aber sieht sie sich eigentlich selbst als Feministin? Und macht sich die CDU-Vize wirklich Sorgen um Deutschland?

watson hat mit Julia Klöckner gesprochen

watson: Frau Klöckner, für wen haben Sie dieses Buch geschrieben?
Julia Klöckner: Für die Leserinnen und Leser.

Und wer sind die Leserinnen und Leser?
Das weiß ich nicht, man schreibt ja ein Buch erstmal, wenn man selbst eine Botschaft hat und etwas vermitteln will. Die Adressaten sind ganz viele, denn es ist eine gesellschaftspolitische Debatte.

In Ihrem Buch sprechen Sie von dem "westneutralen Multi-Kulti-Fan". Was ist denn das?
Westneutral? Nein, ein "werteneutraler" Multi-Kulti-Fan. Oh ehrlich? Das ist ein Tippfehler. Oh, Sie haben Recht! Da sollte eigentlich "werteneutral" stehen. Sie sind super! Super, super, super.

Okay, gut. Was ist also ein "werteneutraler" Multi-Kulti-Fan?
Dass man sagt: "Multi-Kulti" ist per se super. So. Und nicht jede Vielfalt ist per se super. Es gibt eine Vielfalt, die mir überhaupt nicht passt. Die uns allen nicht passt. Multi-Kulti ist kein Wert an sich. Sondern es braucht ein Wertegerüst. Und dann kann Vielfalt stattfinden. 

Welche Vielfalt genau passt Ihnen nicht, passt "uns allen nicht"?
Vielfalt ist kein Wert an sich – Männer, die ihre Frauen unterdrücken, glauben, über sie bestimmen zu können, die davon ausgehen, die Sexualität der Schwester sei für die Familienehre entscheidend, die des Bruders aber keineswegs – diese Einstellungen mögen zwar zur Vielfalt der Sicht- und Verhaltensweisen beitragen, sie tragen aber nicht zur Bereicherung in einem aufgeklärten, offenen Land bei.

Sie sprechen von Männern, die aus patriarchalisch geprägten Ländern kommen. Ist Deutschland kein patriarchalisch geprägtes Land?
Welches Deutschland aus welcher Zeit meinen Sie? Unser heutiges ist weniger patriarchalisch als das vor 60 Jahren. Züge gibt es aber immer noch. Deutschland ist allerdings um einiges emanzipierter als einige der Länder, aus denen heute Zuwanderer zu uns kommen. Ich bin nicht bereit, eine Rückentwicklung der Frauenrechte deshalb für unser Land hinzunehmen. Wir haben Errungenschaften zu verteidigen, auch für die Mädchen, die noch nicht geboren sind.

Wann haben Sie begonnen, sich Sorgen um den Zustand der deutschen Gesellschaft zu machen?
Das ist mir zu pauschal, weder stehen wir vor einem Untergang des Abendlandes, noch komme ich vor lauter Sorgen nicht in den Schlaf. Aber es gibt stellenweise Entwicklungen bei nicht gelungener Integration, denen wir frühzeitig Einhalt gebieten müssen – damit Deutschland liberal bleiben kann.

Sie sprechen in Ihrem Buch viel über muslimische Frauen. Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal mit einer muslimischen Frau gesprochen?
Heute. Regelmäßig. Gestern am Flughafen. Ich habe in meinem Team Mitarbeiterinnen muslimischen Glaubens, natürlich! Ich habe heute noch mit einer Muslima gemailt, es ging um normale Job-Sachen, nicht um den Glauben.

Ein Auszug aus ihrem Buch: 

Frauen und Mädchen sind dabei die Mauerblümchen der Integrationspolitik. Bescheiden und zurückhaltend werden sie oft übersehen. 

S. 110 

Sind muslimische Frauen in Ihren Augen Opfer?
Es gibt nicht die muslimischen Frauen. Und ich mache das auch gar nicht an der Religion fest. Sondern sage, dass es gewisse patriarchalische Strukturen gibt, die die Unterdrückung der Frau mit der Religion begründen. Was zum Teil ein bisschen anspruchslos ist, weil in Afghanistan, im Irak, da gab es schon seit Jahrtausenden den Islam, aber die Frauen waren nicht immer verhüllt. Als sich die politischen Machthaber verändert haben, hat man plötzlich politisch Frauen unterdrückt und das ist das Interessante an dieser Sache. 

"Mir ist eigentlich egal, wo jemand herkommt, wichtig ist, wo jemand steht, wenn er bei uns in Deutschland ist. Und da sollte es dann keine Doppelstandards geben."

Und diese Doppelstandards sehen Sie darin, dass Frauenrechtlerinnen für Gender Sternchen und Equal Pay einstehen, wie Sie im Buch schreiben, aber Vollverschleierung nicht kritisieren?
Die Linken wollen die Frauen in der Sprache sichtbar machen, aber machen es nicht zum Thema, dass es hier, mitten unter uns im Jahr 2018, Frauen gibt, die nur in Begleitung des Bruders, des Vaters, des Cousins das Haus verlassen dürfen. Die vollverschleiert sind, die nur im Schwimm-Burkini zum Schwimmunterricht kommen und all diese Geschichten. Oder dass man Frauen die Hand nicht gibt. Und da muss es einen Aufschrei geben. Denn man muss diesen Herren ganz klar sagen: Wenn ihr hier in Deutschland ankommen wollt, dann gibt es ein paar Grundregeln, über die werden wir nicht diskutieren, die gelten schlichtweg.

Wie kann man muslimischen Frauen eine Plattform bieten, dass sie für sich selbst sprechen können oder direkt mit ihnen gesprochen wird?
Es ist nicht ganz so einfach eine Plattform zu bieten, wenn ihre Männer es nicht erlauben! Deswegen ist es wichtig, dass der Staat eine klare Haltung hat. Dass schon in der Schule oder der Kita keine kleinen Mädchen mit Kopftüchern sind, da werden kleine Mädchen zu Sexualobjekten degradiert. Und dass der Staat wirklich den Lehrerinnen und Lehrern den Rücken hier stärkt. Das ist wichtig.

Frau Klöckner, sind Sie denn Feministin?
Es kommt darauf an, wie man Feministin definiert. Eine klassische bin ich nicht. Ich bin 1972 geboren, und da hatten viele Frauen und Männer vor mir für meine Generation vieles erkämpft. Ich glaube, jede Zeit hat ihren eigenen Feminismus. Wir brauchen heute einen neuen, der nicht nur die heimischen Macho-Männer in den Blick nimmt, sondern auch die zugewanderten, die mit einem heftigen patriarchalischen Welt- und Frauenbild zu uns kommen. Wir müssen mehr die zugewanderten Frauen in den Blick nehmen und sie stärken, es darf keine Doppelstandards von Frauenrechten unter dem kulturellen oder religiösen Deckmantel geben.       

Sie vergleichen am Ende Ihres Buches Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind, mit Weinen.

Sie schreiben:

"Sauvignon Blanc oder Merlot sind keine einheimischen Rebsorten, bekannt ist die eine vor allem in Neuseeland, die andere in Frankreich. [...] aber heute sind sie von vielen Weinkarten heimischer Winzer nicht mehr wegzudenken. [...] Dennoch müssen neue Rebsorten, die Winzer hier anbauen und in Verkehr bringen wollen, in Deutschland offiziell zugelassen werden."

Julia Klöckner, "Nicht verhandelbar – Frauenrechte nur mit Integration", S.161/162

Davon ausgehend: Was haben – Ihrer Meinung nach – ein Merlot und ein Migrant gemeinsam?
Für den Epilog des Buches habe ich das Bild des Gartens von Heinrich Rombach genutzt. Rombach war Philosoph aus Freiburg, zuletzt mit Lehrstuhl in Würzburg, gestorben 2004. Er war Schüler von Heidegger. Es geht nicht darum, Menschen mit Pflanzen gleichzusetzen, sondern deutlich zu machen, dass das Thema Koexistenz, die Bedingungen für gutes Wachstum und Miteinander, das Thema Balance nicht nur im menschlichen Zusammenleben eine Rolle spielt. Schaut man sich das Beispiel des Gartens an, dann wird unemotionaler und verständnisvoller an der Sache entlang diskutiert. Natürlich bedarf auch ein Garten der Pflege, und will man Freude an allen Pflanzen haben, dann gehört zum Hegen und Pflegen auch, dass es Ordnung und Freiraum gibt.       

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