Deutschland

"Abtreiben macht frei" – Abtreibungsgegner schockieren in Köln mit Holocaustvergleich

Für radikale Abtreibungsgegner ist jeder Schwangerschaftsabbruch ein "Mord". Einige greifen sogar zu Holocaust-Vergleichen. In Köln steht jetzt eine christliche Buchhandlung in der Kritik: In ihrem Schaufenster wurde offenbar ein großes Plakat mit der Aufschrift "Abtreiben macht frei" aufgehangen. Das ruft nun die Kölner Staatsanwaltschaft auf den Plan. 

Der Spruch "Arbeit macht frei" stand während der Zeit des Nationalsozialismus an mehreren Lagertoren deutscher Konzentrationslager – am bekanntesten ist das Tor des Konzentrationslagers Auschwitz im polnischen Oświęcim.

Das Plakat in Köln ist ganz bewusst dem Auschwitz-Lagertor nachempfunden:

Bild

Bild: Rheinisches antifaschistisches Bündnis gegen Antisemitismus/imago

Das steckt dahinter:

Auf das Plakat hat am Montag zuerst die Facebookseite des "Rheinischen antifaschistischen Bündnis gegen Antisemitismus" hingewiesen. Das Foto ist nach eigenen Angaben am Sonntag vor der "Marienbuchhandlung" in Köln gemacht worden.

Geschäftsführer der Buchhandlung ist der Anti-Abtreibungs-Aktivist Karl Noswitz aus Haar bei München. Das geht sowohl aus dem Impressum der Buchhandlung, als auch aus einem Handelsregister-Eintrag auf der Plattform "Moneyhouse" hervor. Noswitz wird auch als Verantwortlicher der auf dem Plakat beworbenen Website "kindermord.org" angegeben.

Auch auf der Website wird der an das Lagertor von Auschwitz angelehnte Schriftzug verwendet. Darunter wird für eine "Mahn- und Gedenkstätte für die im Mutterleib ermordeten Kinder Deutschlands" geworben. Außerdem ist vom "größten noch andauernden Verbrechen[s] der deutschen Geschichte" die Rede. 

Vor allem mit Lügen machen Abtreibungsgegner im Netz immer wieder Stimmung:

Die radikalen katholischen Abtreibungsgegner wollen Schwangerschaftsabbrüche komplett verbieten. Frauen, die abtreiben, werfen sie "Mord" vor. Immer wieder ziehen sie dabei auch den Vergleich mit dem industriellen Massenmord an sechs Millionen Juden durch die Nazis heran.

Mit dem Kölner Fall beschäftigt sich jetzt auch die Staatsanwaltschaft. Nachdem die Berliner "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus" auf Twitter auf das Schaufenster-Plakat hinwies, leitete die Kölner Polizei die Angelegenheit zur "Prüfung eines Anfangsverdachts einer strafrechtlichen Relevanz" an die Staatsanwaltschaft weiter, wie eine Pressesprecherin watson mitteilte.

Telefonisch war die "Marienbuchhandlung" für watson bislang nicht erreichbar. Auch eine schriftliche Anfrage blieb unbeantwortet.

Flyer mit Auschwitz-Schriftzug sorgte schon einmal für Aufregung

Bereits im Juni tauchte ein Flyer mit demselben Aufdruck auf – im Bundestag. In einem Fernseh-Livestream aus dem Plenarsaal war der Flyer in den Händen des AfD-Abgeordneten Frank Pasemann zu sehen.

Die erzkonservative "Deutsche Zentrumspartei" hatte den Flyer mit einer Einladung an Abgeordnete geschickt. Die Einladung zu einer "inter-religiösen Trauerfeier" sorgte auch für Kritik und die Androhung rechtlicher Schritte aus dem Erzbistum Köln. Auf dem Flyer war nämlich der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki als Teilnehmer angekündigt – ohne davon zu wissen. Auf dem Flyer war unter anderem von "Kinderschlachtung im Akkord" und "Babyzid" die Rede. (Huffington Post, Domradio)

Holocaustrelativierung als politisches Mittel

Immer wieder werden Holocaustvergleiche von radikalen Abtreibungsgegnern verwendet, um Stimmung für ein vollständiges Abtreibungsverbot zu machen.

Auf der Website "Babykaust" wird Abtreibung gar als Steigerung des Holocausts bezeichnet.

Bild

screenshot: watson

Nur wenige Klicks entfernt finden Abtreibungsgegner für ihre Protestaktionen eine Liste mit den Adressen von Frauenärzten und Kliniken, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. 

Neben drastischen Völkermord-Vergleichen hat sich der "Babykaust"-Betreiber unter anderem darauf spezialisiert, Frauenärzte anzuzeigen – darunter auch Kristina Hänel. Die Gynäkologin informierte auf ihrer Website darüber, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführt und musste deshalb vor Gericht. ("Süddeutsche Zeitung")

Update: Laut Bild-Zeitung soll ein Unbekannter am Dienstagabend gegen 22.30 Uhr die Schaufensterscheibe des Buchladens eingeworfen haben. Die Zeitung beruft sich auf Polizeiberichte. 

Das sind die Hintergründe zum umstrittenen "Werbeverbot" für Abtreibungen:

Diese beiden Ärztinnen mussten sich aus dem gleichen Grund wie Kristina Hänel vor Gericht verantworten.

Weiterlesen:

Der watson-Guide zur Abtreibungs-Debatte um Paragraf 219

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