Leben
Woman pushing supermarket cart during COVID-19

An Masken im Supermarkt haben wir uns inzwischen gewöhnt. Bild: E+ / GabrielPevide

Ein halbes Jahr Corona in Deutschland: Absurde Szenen, die wir fast vergessen hätten

Es waren Wochen, in denen wir uns gefühlt von Dosensuppe, Spaghetti und selbstgebackenem Brot ernährten. Wir Video-Calls erst so richtig zu schätzen lernten. Über vierspurige Hauptstraßen zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Rad schlagen konnten.

Die Corona-Pandemie sorgte für Szenen, die wir uns vor einem halben Jahr noch nicht hätten vorstellen können: Am 27. Januar 2020, also heute vor einem halben Jahr, wurde der erste mit Sars-CoV-2 infizierte Mensch in Deutschland ermittelt. Nur 16 Stunden zuvor, um 8.03 Uhr, hatte die Deutsche Presse-Agentur noch vermeldet: "RKI zu neuem Coronavirus: Gefahr in Deutschland weiter sehr gering". Aber dann nahm die Krise ihren Lauf und die pandemische Welle schwappte erst langsam und plätschernd – und dann mit einer gewaltigen Wucht durchs Land.

Die erste Krise scheint allerdings überstanden. Weit weg wirken die absurden, traurigen, lustigen und herzerweichenden Szenen, die sich während des Lockdowns ereignet haben – aber ganz vergessen werden wir sie wohl lange nicht. Watson hat für euch die Meilensteine der Corona-Zeit noch einmal zusammengestellt: Was im vergangenen halben Jahr passiert ist.

Leere Regale und Schlangen vor dem Supermarkt: Als die Hamsterkäufer zuschlugen

Es ging los mit dem Run auf Desinfektionsmittel. Bald aber folgten haltbare Lebensmittel wie Nudeln, Konserven oder Mehl: Die Hamsterkäufer sorgten zu Beginn der Pandemie für Bilder in Supermärkten, als wäre eine Hungersnot im Land ausgebrochen.

Abgesehen davon, dass Einkaufen wegen des Lockdowns sowieso schon nur unter erschwerten Bedingungen stattfinden konnte (möglichst selten mit möglichst viel Abstand und möglichst wenigen Leuten im Laden): Wenn wir sämtliche Hürden überwunden hatten, um unsere wohlverdiente Packung Spaghetti mit Pesto zu holen, gab's die schon meist nicht mehr. Was dazu führte, dass jeder, der wieder auf eine Nudel-Goldgrube stieß, mal lieber gleich zwei Packungen einsteckte anstatt einer. Und so schuf ein Hamsterkäufer den nächsten.

Mittlerweile hat sich die Lage in den Supermärkten schon längst wieder beruhigt und der Durchschnittsdeutsche konnte sich noch einmal vergegenwärtigen, dass er nicht überdurchschnittlich viele Packungen Barilla im Vorratsschrank braucht. Allerdings wurden nicht nur Nudeln und Konserven zu symbolträchtigen Produkten der Corona-Krise...

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Gähnende Leere in den Supermarkt-Regalen: Zustände, die wir während Corona erlebt haben. Bild: www.imago-images.de / Jason Tschepljakow

Als wir so viel Klopapier im Haus hatten wie nie zuvor

Ausgerechnet das Wegwerfprodukt, das unscheinbar neben dem stillen Ort eines jeden Zuhauses sitzt, erfuhr während der Corona-Krise eine Aufwertung, wie es sich niemals jemand zuvor hätte vorstellen können: Klopapier. "Das Toilettenpapier unterscheidet den Menschen vom Tier", sagte auch Psychiater Michael Huppertz im Interview mit watson und erklärte damit, warum viele Menschen ausgerechnet dieses Produkt hamsterten: weil es uns Würde gewährleistet.

Deswegen wurde Klopapier wohl am meisten gehamstert während der Krise. Und fast jeder von uns wird es zumindest einmal erlebt haben, von Supermarkt zu Supermarkt zu gerannt zu sein, auf der Suche nach einer Packung Toilettenpapier. Glücklicherweise sind diese Zeiten nun vorbei. Vorerst zumindest.

Klatschen gegen Corona: Als wir auf dem Balkon standen und applaudierten

Trotz – oder vielleicht gerade wegen – Social Distancing scheint die Gesellschaft während der Corona-Krise ein wenig enger zusammengerückt zu sein. Viele Menschen boten ihren älteren Nachbarn an, für sie einkaufen zu gehen, oder zeigten Solidarität mit denen von uns, die an vorderster Front gegen das Virus kämpften oder in ihren Berufen keine Möglichkeit hatten, sich ausreichend zu schützen. Das betraf vor allem Menschen in systemrelevanten Berufen wie Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Lebensmittelbranche oder Medizin, für die wir eine Zeit lang auf unseren Balkonen standen und applaudierten.

Das hallende Klatschen in den menschenleeren Straßen wird noch eine Weile nachklingen, gebracht hat es den Verkäufern und Verkäuferinnen sowie Pflegekräften möglicherweise nicht allzu viel. Das kritisierte auch Krankenpflegerin Nina Böhmer, die in einem Facebook-Posting ihrer Wut Luft machte, der tausendfach geteilt wurde:

"In einem Beruf, der jahrelang unterbezahlt ist... wo alle am Limit arbeiten... wir sollen jetzt die Helden sein und werden so behandelt? Eigentlich sollten genau jetzt alle Pflegekräfte ihren Job kündigen!"

Hoffentlich verklingen Worte wie die von Böhmer nicht wie der abendliche Applaus während der Corona-Zeit – und tragen zum nachhaltigen Wandel und Aufwertung ihres Berufs bei.

Die absurde Debatte um die Maskenpflicht – und ein Politiker, der zeigte, wie man es nicht macht

Erst hieß es: Masken bringen nicht viel, um vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen. Dann hieß es: Doch, sie helfen – aber eben nicht jeder Maskentypus. Am Ende haben wir uns doch auf ein verpflichtendes Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung geeinigt, und sei es auch nur, um ein "Zeichen gegen Corona" zu setzen, wie Virologe Christian Drosten von der Charité es einmal in seinem NDR-Podcast "Coronavirus-Update" formulierte. Schließlich hilft auch das Tragen von selbstgebastelten Stoffmasken, zumindest andere Menschen nicht anzustecken und so eine weitere Verbreitung des Virus zu vermeiden.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet von der CDU hat eindrucksvoll vorgemacht, wie es nicht geht – und bei der Besichtigung des Virtuellen Krankenhauses in Aachen Ende März schön die Nase aus der Maske hängen lassen. Ansteckungsschutz geht dabei gegen Null, aber volle Punktzahl beim Unterhaltungswert.

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Auch Armin Laschet musste das mit der Maske ein bisschen üben. Bild: dpa / henning kaiser

Ohne Fans fängt der Spuk erst an: Geisterspiele im Fußball

Wochenlange Pause, abgesagte Spiele, sogar eine verschobene Europameisterschaft: Den Fußball hat die Corona-Krise besonders stark getroffen. Millionen von treuen Fans blutete das Herz, als sie ihre Lieblingsvereine nicht mehr im Stadion und zeitweise auch nicht mehr auf dem Bildschirm sehen konnten.

Die Geisterspiele, die schließlich ohne Beisein der Fans in gespenstisch leeren Stadien stattfanden, sind wohl einzigartig in der Geschichte des Fußballs. Geklappt hat das ja – irgendwie. Sportpsychologe Andreas Meyer sagte sogar im Interview mit watson, dass Geisterspiele für manche Spieler ein Vorteil sein könnten, denn so seien die nicht dem "Druck der Zuschauer ausgeliefert". Wahrscheinlich aber werden die meisten Vereine und auch Fans froh darüber sein, wenn die Spiele wieder regulär stattfinden können.

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Die menschenleere Mercedes-Benz Arena: So kommt wohl kaum Stimmung auf beim Spiel. bild: imago images/uwe koch/ eibner-pressefoto

Reines Wasser und die Rückkehr der Tiere: So gut ging es dem Klima lange nicht mehr

Es wirkt makaber, von den positiven Auswirkungen der Corona-Krise zu sprechen. Als wir uns allerdings vermehrt in unsere Wohnungen und Häuser zurückzogen, die Autos in den Garagen ließen und sämtliche geplante Reisen absagten, konnten sich vor allem viele touristische Orte erholen.

Mallorca zum Beispiel freute sich über bessere Luft und klareres Wasser. In Venedig trauten sich mehr Fische und Quallen, die Kanäle zu erkunden. Im Bosporus wurden sogar Delfine gesichtet. Und in Nordindien ließ die Luftverschmutzung so weit nach, dass die Qualität so gut war wie schon seit 20 Jahren nicht mehr.

Auch der Nachhaltigkeitsforscher Kai Niebert bestätigte im Interview mit watson, dass sich die Feinstaubwerte während des Lockdowns hierzulande deutlich verbessert hätten. Allerdings mahnt er auch: "Wenn wir jetzt nichts ändern, wird der Corona-Effekt ein sehr kurzfristiger sein." Setzt sich die Klima-Bewegung also weiter durch und packen wir alle ein wenig mit an, könnte der Anblick von sauberem Wasser und seltenen Tieren keiner sein, an den wir uns nur im Zusammenhang mit dem Lockdown erinnern.

(ak)

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