Die Maskenpflicht wird auch im kommenden Winter noch nötig sein, schätzt Infektionsforscher Markus Scholz.
Die Maskenpflicht wird auch im kommenden Winter noch nötig sein, schätzt Infektionsforscher Markus Scholz.
Bild: Maskot / Maskot
Interview

Epidemiologe: "Die Impfkampagne ist noch nicht weit genug, um eine vierte Welle zu verhindern"

04.08.2021, 18:1205.08.2021, 10:22

Die Stimmung in Deutschland ist derzeit ein bisschen wie im Thriller, wenn die Musik anschwillt und sich die Kamera durch eine quietschende Haustür auf einen dunklen, langen Flur zubewegt. Eben war es noch schön, aber man ahnt: Da wartet mal wieder was auf uns. In diesem Fall ist es der Herbst und mit dem Herbst die nächste Corona-Welle. Die Delta-Variante des Coronavirus dominiert hierzulande, das Schuljahr startet bald, fast vierzig Prozent der Deutschen sind immer noch nicht geimpft. Muss einem das alles Sorge machen?

Die Bundesregierung soll zumindest bereits Pläne für strengere Corona-Maßnahmen im Herbst haben, das berichtet die "Bild" unter Berufung auf ein Dokument des Bundesgesundheitsministeriums. Demnach sollen bereits ab Anfang oder Mitte September die ersten verschärften Regeln kommen – unabhängig von der Inzidenz. Restaurant-Besuche, Hotel-Übernachtungen, Innen-Veranstaltungen und Friseur-Besuche sollen dann nur noch für Personen mit Impf-, Genesenen- oder Testnachweis möglich sein. Ab einer höheren Inzidenz ist sogar ein "Ausschluss von der Teilnahme nicht geimpfter Personen an Veranstaltungen und in der Gastronomie" geplant.

Markus Scholz ist Professor an der Universität Leipzig und betreibt mit seiner Arbeitsgruppe seit 15 Jahren Infektionsforschung. Aktuell untersucht der Epidemiologe die Corona-Pandemie. Für watson sprachen wir mit ihm über eine vierte Welle im Herbst, erneute Lockdowns und die Gefahren einer Durchseuchung bei Ungeimpften.

"Die Impfkampagne ist noch nicht weit genug fortgeschritten, um eine vierte Welle zu verhindern."

watson: Die Inzidenz steigt vielerorts wieder an. Sehen wir den Beginn einer vierten Welle?

Markus Scholz: In der Tat sehen wir inzwischen einen stabilen Aufwärtstrend. Dies war zu erwarten, da die Delta-Variante deutlich ansteckender ist. Zudem wurde umfangreich gelockert. Die Impfkampagne ist noch nicht weit genug fortgeschritten, um eine vierte Welle zu verhindern. Eine Herdenimmunität ist jedoch ohnehin nicht möglich, da Kinder und Jugendliche nicht flächendeckend mitgeimpft werden.

Wann schlägt sich das in den Fallzahlen wieder?

Ab spätestens Herbst müssen wir wieder mit hohen Fallzahlen rechnen. Vor allem die Nichtgeimpften werden von dieser Welle betroffen sein. Da die Impfung aber keinen vollständigen Schutz bietet, werden bei sehr hohen Fallzahlen auch vermehrt Geimpfte und damit möglicherweise Risikopersonen betroffen sein. Auf Basis von Modellsimulationen rechnen wir jedoch im Moment nicht mit einer erneuten Überlastungssituation im Gesundheitssystem, da durch die Impfungen viele schwere Fälle vermieden werden.

Kann man auch sehr hohe Fallzahlen also noch tolerieren?

Das ist noch eine offene Frage. Hier spielt die Bewertung von "Long-Covid" also durch Covid-19 verursachte chronische Gesundheitseinschränkungen, eine entscheidende Rolle. Erste Daten zeigen, dass dieses Problem schon relevant ist. Weitere Forschungen zur Häufigkeit, Schwere und Dauer von "Long-Covid" sind aber noch erforderlich. Eine flächendeckende schnelle Durchseuchung, wie aktuell in Großbritannien praktiziert, halte ich unter diesem Aspekt für zu riskant.

"Ab spätestens Herbst müssen wir wieder mit hohen Fallzahlen rechnen. Vor allem die Nichtgeimpften werden von dieser Welle betroffen sein."

Wie wird sich die Urlaubs-Saison auf die Corona-Lage hierzulande auswirken?

Durch die Reiseaktivitäten erwarte ich keine deutliche Verschärfung der Lage, da die Delta-Variante bereits in Deutschland dominiert. Weitere Einträge sind sicherlich möglich, das führt aber nicht zu einer wesentlichen Beschleunigung des Trends. Zudem kann man hier mittels Testpflichten nach Abwesenheiten entgegenwirken. Einige Betriebe haben dies bereits vorgesehen.

Und wie sieht das zum Schulstart aus?

Die Situation bei den Schulen ist kritischer zu bewerten. Die engen Räumlichkeiten und die hohe Personendichte sind praktisch ideale Ausbreitungsmöglichkeiten für die hoch ansteckende Delta-Variante. Die Schulöffnungen müssen deshalb von einem umfassenden Hygienekonzept begleitet werden. Dies sollte aus regelmäßigen Tests, Raumluftfiltern und gegebenenfalls Maskenpflicht sowie einer effizienten und schnellen Kontaktnachverfolgung bei Schulausbrüchen bestehen. Eine weitgehende Durchimpfung der wesentlichen Kontaktpersonen der Kinder und Jugendlichen – wie beispielsweise Eltern, Lehrern und Erziehern – sollte angestrebt werden, um Einträge in Schulen möglichst zu vermeiden.

Was erwarten Sie im Herbst und Winter? Werden wir weitere Mutationen wie Delta erleben?

Wir sehen bei Covid-19 einen starken saisonalen Effekt. Der dämpfende Effekt der warmen Jahreszeit wird ab Herbst langsam wegfallen und damit zu einer Beschleunigung der Ausbreitung der Delta-Variante beitragen. Neue Mutationen sind sicherlich möglich, die vierte Welle wird aber maßgeblich durch die Delta-Variante getragen werden.

Werden weitere Lockdowns nötig sein?

Da eine Überlastung der Gesundheitsversorgung aktuell nicht zu befürchten ist, könnte man voraussichtlich ohne Lockdowns auskommen. Durch die weitgehende Durchimpfung der Risikogruppen können zum Beispiel deutlich höhere Inzidenzen toleriert werden. Gewisse Einschränkungen wie Hygienemaßnahmen und prophylaktische Testungen sollten aber aufgrund der unklaren Langzeitproblematik beibehalten werden.

"Da eine Überlastung der Gesundheitsversorgung aktuell nicht zu befürchten ist, könnte man voraussichtlich ohne Lockdowns auskommen."

Also könnten auch die Schulen offen bleiben?

Ob die Hygienekonzepte an Schulen ausreichen werden, wird sich erst zeigen. Dies müsste unbedingt zur Chefsache gemacht werden, da der Kinder- und Jugendbereich noch längere Zeit weitgehend ungeimpft bleiben wird und hier die Gefahr einer schnellen Ausbreitung besteht.

Es werden auch Corona-Infektionen bei durchgeimpften Menschen gemeldet. Muss uns das Sorgen machen?

Das war zu erwarten. Der primäre Zweck der Impfung ist der Schutz vor schweren Verläufen. Hier ist die Zuverlässigkeit nach einer Vollimpfung mit etwa 90-prozentiger Risikoreduktion sehr gut. Eine völlige Sicherheit besteht jedoch nicht und ist auch praktisch nicht möglich. Der Schutz vor Ansteckung ist geringer und liegt je nach Datenquelle und Impfstoff zwischen 60 und 80 Prozent. Es ist also zu erwarten, dass sich auch Geimpfte anstecken und sogar schwere Verläufe bekommen können. Das Risiko hierfür ist aber im Vergleich zu Ungeimpften deutlich reduziert.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Stellschrauben diesen Herbst?

Ich plädiere für die Beibehaltung von Hygienemaßnahmen wie Mund-Nasenschutz in engen Innenräumen mit hoher Personendichte, wie zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr und in Einkaufsmöglichkeiten. Das prophylaktische Testen sollte beibehalten werden, um beispielsweise bestimmte Veranstaltungen abzusichern. Es wäre wichtig, die jetzt niedrige Inzidenzlage dafür zu nutzen, die Kontaktnachverfolgung vollständig auf elektronisch umzustellen. Die Absicherung der Schulen und die Weiterentwicklung der Hygienekonzepte sollte zur Chefsache erklärt werden.

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