Twitter Musk
Seit Elon Musks Twitter-Übernahme geht es dort drunter und drüber: Kündigungen, Insolvenzandrohungen, technische Probleme.bild: IMAGO / NurPhoto
Interview

Die Twitter-Apokalypse: Was passiert, wenn Elon Musk versagt?

24.11.2022, 20:05

Angenommen, was gar nicht mehr so utopisch ist, alle technischen Angestellten bei Twitter haben keine Lust mehr auf Elon Musks Eskapaden und kündigen. Oder der ganze Laden geht insolvent, davon redet Musk ja ständig.

Dann würde das eintreten, worüber die Twitter-Community schon kürzlich unter dem #RIPTwitter ausgiebig spekulierte: Twitter würde im Chaos versinken, die Seite früher oder später zusammenbrechen, sei es nun aus technischen oder finanziellen Gründen.

Während die User sich bereits seit Tagen über alternative Treffpunkte on- und offline austauschen, hat watson mit der ZDF-Fernsehjournalistin Nicole Diekmann über die Konsequenzen einer Twitter-Apocalypse philosophiert.

Diekmann hat nicht nur ein Buch zum Thema "Hass im Netz" verfasst, sie bloggt auch zu gesellschaftlichen Aufregern im Internet und spricht in ihrer Kolumne bei T-Online über "digitale Abgründe".

"Zuckerberg wird versuchen, Leute auf Facebook zurückzuholen."
Digital-Journalistin Nicole Diekmann

watson: Wie schlimm wäre es für dich beruflich, wenn Twitter verschwindet?

Nicole Diekmann: Das wäre beruflich schrecklich. Denn ich weiß gar nicht, wo dann diejenigen hingehen, denen ich auf professioneller Ebene folge. Ich sehe diesen großen Move zu Mastodon im Moment noch nicht. Das machen eher private Accounts, die ich schätze. Ich fahre zweigleisig im Moment, wie so viele andere auch. Aber dass sich Parteien, Politiker und Institutionen auf Mastodon breitmachen, das ist noch nicht der Fall. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob die das tun werden. Denn Mastodon ist, was die Usability betrifft, nicht so richtig gut. Ein wichtiges Rechercheinstrument und auch eine wichtige Austauschplattform mit anderen Journalist:innen würde mit Twitter wegfallen.

Auf Twitter hat Nicole Diekmann über 120.000 Follower.
Auf Twitter hat Nicole Diekmann über 120.000 Follower.bild: nicole diekmann

Und privat?

Auf einer privaten Ebene wäre es auch total schade, weil ich Twitter ja nicht nur nutze, um mich zu informieren oder andere zu informieren. Sondern auch, um mich zu unterhalten, andere vielleicht mit meinen Tweets zu unterhalten und Spaß zu haben. Das darf man nie vergessen, dass Twitter auch total viel Spaß macht. Deswegen ist es umso bescheuerter, dass der Mob da tobt. Das war aber auch vor Elon Musk schon so. Twitter droht jetzt den Bach runterzugehen, weil Musk anscheinend wirklich völlig planlos, wie eine Flipperkugel, hin und her schießt.

Es gibt Theorien, dass Musk Twitter ganz gezielt down gehen lässt.

Das beobachte ich anders. Es gab am Anfang die Theorien, es würde ein Masterplan dahinterstecken. Die Annahme war zum Beispiel, dass Musk versucht, über Twitter den Weg in die Politik zu gehen. Aber von Tag zu Tag werden diese Stimmen leiser, weil er öffentlich anfängt zu feilschen; mit Stephen King beispielsweise über den Preis für den blauen Haken. Dann verschiebt er Termine, schmeißt Leute raus, die er anschließend zum Teil wieder zurückholen muss. Da fällt es selbst den hardcore Musk-Anhängern zunehmend schwer, das noch als geniale Aktion zu bejubeln.

Was würde ein Niedergang von Twitter mit der digitalen Gesellschaft anstellen?

Erst würde wahrscheinlich Folgendes passieren: Wenn Mark Zuckerberg einigermaßen schlau ist, und das ist er, wird er versuchen, Leute auf Facebook zurückzuholen. Ich vermute, dass dahinter auch Versprechungen stecken würden, wie Fake News nicht mehr so streng zu behandeln. Den Gedanken gab es Anfang des Jahres schon mal bei Meta, als die Zahlen runtergingen: erst Nutzerzahlen, dann der Umsatz.

Schon bestehende Plattformen werden versuchen, die User einzufangen, die dann völlig orientierungslos durch die Gegend schwimmen und nach Inseln suchen, die sie wieder bevölkern können. Und ich fürchte, sie werden dafür Versprechungen machen, die den Markt zwar ankurbeln, nicht aber unbedingt zugunsten derer, die an konstruktivem Austausch interessiert sind.

Twitter ist wichtig für Minderheiten, um sich selbst eine Stimme zu geben. Was machen die ohne Twitter?

Marginalisierte Gruppen oder Oppositionelle, zum Beispiel im Iran, würden dadurch ins Hintertreffen geraten. Das Tolle an Twitter ist ja, dass man selbst als introvertierter, einer absoluten Minderheit angehörender Mensch genauso kommunizieren kann wie privilegierte, weiße, laute Frauen wie ich zum Beispiel, die in der Öffentlichkeit stehen und keiner Auseinandersetzung aus dem Weg gehen müssen. Das können andere Leute aber nicht. Denen hat Twitter in den vergangenen Jahren eine Stimme gegeben. Und wenn das für sie wegfällt, fehlt ein wahnsinnig wichtiger Resonanzraum.

"Reichweite ist Macht."
Nicole Diekmann

Dann ist die Frage, wie schnell die Debatten, die durch sie und über sie angestoßen wurden, aus den sogenannten etablierten Medien verschwinden – oder dort zumindest weniger Platz eingeräumt bekommen. Die sogenannten Leitmedien sind längst nicht so divers wie soziale Medien. Es hat einen guten Grund, warum Putin, warum die Machthaber im Iran jetzt und auch schon 2009 versuchen, die Social Media-Plattformen kleinzuhalten: Weil sie genau wissen, wie mächtig Social Media ist. Man hat das zuletzt daran gesehen, dass Joko und Klaas ihre Instagram-Accounts an Iranerinnen vergeben haben. Reichweite ist Macht.

Die Verhaltensforscherin Caroline Bueno von der University of Maryland hat getwittert, dass Twitter auch ein entscheidendes Instrument für die Katastrophenkommunikation ist und wir dafür keinen Ersatz haben. Sind wir möglicherweise sogar in Bezug auf unsere Sicherheit abhängig von Twitter?

Ja, das mag sein. Das zeigt aber auch nur, wie sehr die Politik in den vergangenen Jahren geschlafen hat. Beziehungsweise wie Infrastruktur vernachlässigt worden ist, weil es längst zuverlässige Apps geben müsste, die diese Funktion erfüllen. Und das dürfen keine Dienste sein, die sich in privatwirtschaftlichem Besitz befinden. Es braucht staatliche Hilfsmittel, ob es nun die Sirenen da draußen sind, die ja auch anscheinend in großem Umfang nicht funktionieren, oder aber eben Apps, die uns zuverlässig und frühzeitig über drohende Katastrophen informieren.

Dezentralität, wie bei Mastodon, für den Datenschutz und möglicherweise staatliche Beteiligung. Wäre das eine Lösung?

Staatliche Beteiligung ist immer so ein schwieriges Wort. Das wirkt sehr schnell wie gelenkt. Aber es stimmt: Wir werden gerade wieder Zeugen eines verpassten Moments, in dem politisch Handelnde sich endlich mit dem Thema soziale Medien beschäftigen müssten. Mit den Schwierigkeiten, die die Tatsache mit sich bringt, dass eine private Einzelperson wie Elon Musk eine solche Machtfülle in die Hand bekommt. Twitter bedeutet Macht.

"Würde Zuckerberg der Präsident eines Landes werden, wäre das für ihn ein Abstieg. Weil er Macht verlieren würde."

Ein Biograph von Mark Zuckerberg hat einmal geschrieben: Würde Zuckerberg der Präsident eines Landes werden, wäre das für ihn ein Abstieg. Weil er Macht verlieren würde. Kaum jemand ist so mächtig wie derjenige, der ein weltweit so stark genutztes Netzwerk besitzt. Der Staat muss kein eigenes Netz hochziehen. Der Staat kann sich daran beteiligen: flankierend, mit Gesetzen, mit Regelungen. Zum Beispiel muss endlich geregelt werden, wie mit solchen Besitzverhältnissen umgegangen werden soll.

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Traditionen leben davon, dass man sie nicht hinterfragt. Frei nach dem Motto: "Weil wir das immer schon gemacht haben", übernehmen wir so auch zu Weihnachten die Rituale unserer Vorfahren, putzen zum 6. Dezember den Stiefel, futtern Gänsebraten und freuen uns auf das Christkind.

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