German Chancellor Angela Merkel addresses a news conference on the coronavirus disease (COVID-19), following video consultations with the premiers of Germany's 16 federal states, at Chancellery in Berlin, Germany November 16, 2020.  Odd Andersen/Pool via REUTERS

Ist noch erlaubt: Zwei Haushalte treffen sich draußen. Bild: reuters / POOL

Länder blockieren Merkel-Pläne für schärfere Corona-Maßnahmen: Das sagt ein Epidemiologe dazu

Quarantäne bei Erkältungssymptomen, deutliche Verschärfung der Kontaktbeschränkung, geteilte Klassen in der Schule, von denen nur die Hälfte in den Präsenzunterricht darf: All das hatte Angela Merkel geplant, wollte einen "Winter-Knigge" beim Corona-Gipfel mit den Ländern beschließen.

Doch die Ministerpräsidenten der Bundesländer haben nach Darstellung von Merkel neue verpflichtende Beschränkungen wegen der Corona-Krise verhindert. Die Länder seien mehrheitlich der Meinung gewesen, vor Ablauf der derzeitigen Vorschriften Ende November keine "Zwischen-Rechtsänderungen" vorzunehmen, sagte Merkel nach den Beratungen am Montagabend in Berlin. Bei diesem Thema sei sie durchaus etwas anderer Meinung gewesen.

Am Ende bleibt also nur der Appell an die Bürger, ihre sozialen Kontakte zu minimieren und auf private Feiern zu verzichten.

Aber: Reicht ein Appell angesichts des aktuellen Infektionsgeschehens aus, um die Anzahl der Corona-Neuinfektionen wieder zu senken? Watson fragte bei Timo Ulrichs nach. Er ist Epidemiologe aus Berlin und lehrt an der Akkon-Hochschule. Seit 2006 arbeitete Ulrichs auch als Referent am Bundesministerium für Gesundheit und war dort unter anderem für die Influenza-Pandemieplanung zuständig.

"Ich bin optimistisch, dass wir mit der konsequenten Umsetzung der bestehenden Maßnahmen erfolgreich sein und gerade nochmal davonkommen werden."

watson: Wäre es in der aktuellen Situation nötig gewesen, die Corona-Richtlinien zu verschärfen?

Timo Ulrichs: Leider ja, denn das exponentielle Wachstum konnte zwar bis Mitte November gebremst werden, die Zahlen sind aber weiterhin hoch. Und das ist gefährlich mit Blick auf die zeitversetzte Zunahme von Krankenhauseinweisungen und Patientenzahlen auf Intensivstationen. Die Maßnahmen, die Bundeskanzlerin Merkel vorgeschlagen hatte, wären eine folgerichtige Verschärfung der bereits bestehenden. Es ist allerdings auch richtig, die Schulen und Kitas weiterhin offenzuhalten.

Warum sollten die Schulen offenbleiben?

Sie sollen nach Möglichkeit nicht geschlossen werden, weil auch unter Corona-Bedingungen Bildung für alle Schülerinnen und Schüler angeboten werden sollte. Aus epidemiologischer Sicht ist es sinnvoll, damit die freigestellten Schüler keine neuen Kontakte außerhalb des Klassenverbandes haben. Bis zu den Weihnachtsferien sollten wir es mit den bereits eingeführten Maßnahmen schaffen, die Schulen offenzuhalten.

Laut ihrem "Winter-Knigge" riet die Kanzlerin von unnötigen Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln ab. Spielen die bei der Übertragung tatsächlich eine Rolle?

Nach allem, was wir wissen, spielen sie eine eher kleinere Rolle. Allerdings sollten alle Situationen einer möglichen Übertragung vermieden werden.

"Wenn es irgendwie machbar ist, könnte eine Selbstisolation schon vor einer Weiterübertragung schützen, gegebenenfalls auch durch Maskentragen zu Hause."

Auch durch Selbstisolation im eigenen Haushalt, wie Merkel ebenfalls ursprünglich vorschlug?

Wenn es irgendwie machbar ist, könnte eine Selbstisolation schon vor einer Weiterübertragung schützen, gegebenenfalls auch durch Maskentragen zu Hause. Und sinnvoll wäre es allemal. Denn eine Übertragung innerhalb der Haushalte zu reduzieren, würde sehr helfen, das Virus nicht in weitere Gruppen und Bereiche zu tragen.

In Österreich kam es jetzt wieder zu einem Lockdown mit Schul- und Einzelhandel-Schließungen. Was haben die Österreicher falsch gemacht?

Sie haben zu lange mit einem Wellenbrecher-Lockdown gewartet. Die Gefahr eines zweiten Lockdowns besteht zwar auch bei uns weiterhin, aber ich bin optimistisch, dass wir mit der konsequenten Umsetzung der bestehenden Maßnahmen erfolgreich sein und gerade nochmal davonkommen werden ohne eine Überlastung des Gesundheitssystems.

"Weihnachten 2020 wird in Corona-Zeiten im Ablauf zwar anders werden als gewohnt, kann aber inhaltlich sehr wohl gelingen…"

Halten Sie ein Weihnachtsfest dieses Jahr für möglich?

Grundsätzlich ja, aber mindestens unter Beibehaltung der geltenden Regeln zur Kontaktbeschränkung. Weihnachten sollte in besonderem Maß Anlass sein, an Gesundheit und Wohlergehen anderer zu denken und sich solidarisch zu verhalten. Weihnachten 2020 wird in Corona-Zeiten im Ablauf zwar anders werden als gewohnt, kann aber inhaltlich sehr wohl gelingen…

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    Alle Leser-Kommentare
  • stahlbau-grauerwolf 17.11.2020 10:49
    Highlight Highlight seit Jahren verbocktes, negiertes und schön geredetes lassen sich
    nicht von heute auf morgen korrigieren.
    Wenn man es den überhaupt will.
    An falschen Stellen wie immer gespart.
    Corona zeigt uns die Grenzen, kein Weiter so.
    Eigentlich warte ich immer noch auf eine Analyse mit
    Langzeitstrategie zur Bekämpfung von Corona.
    Da fehlt ein richtiger Koordinierungsstab mit Regeln die für
    alle Länder gelten.
    "Das ist Ländersache" kann nicht immer gut sein !

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