Langsam hat unsere Autorin keine Lust mehr auf freiwillige Dauerquarantäne aus Angst vor Corona.
Langsam hat unsere Autorin keine Lust mehr auf freiwillige Dauerquarantäne aus Angst vor Corona.Bild: iStockphoto / HbrH
Meinung

"Ich bin geboostert und vorsichtig und trotzdem kriegen gerade alle um mich herum Corona": Unser Autorin ist nach zwei Jahren Einschränkungen frustriert – und will ihre Strategie ändern

19.01.2022, 10:09

"Zu Corona hat jeder irgendeine Geschichte zu erzählen", erzählte der Historiker Jörn Leonhard im watson-Interview . Und das ist wirklich mal ein sehr treffender Satz. Mir kommt es so vor, als bestehe die Pandemie aus nichts anderem: Ein wirres Konstrukt aus schwammigen Gefühlen, Gerüchten und Geschichten, in denen die harten Fakten oft ganz verloren gehen. Auch der Geist ist infiziert, Corona im Kopf.

"Meine Freundin hat zig negative Schnelltests gemacht, obwohl sie Corona hatte." Oder: "Meine Cousine hatte Corona und überhaupt keine Symptome." All diese Geschichten wabern in meinem Kopf, bis mir schwindelig wird. Irgendwie ist dieser ganze Tratsch aber auch verständlich: Ich meine, sehr viel Spannenderes passiert ja derzeit in unserem Alltag nicht.

Was mich so verstört, sind aber Geschichten folgender Art: "Unsere Nachbarn haben sich zu viert an Weihnachten getroffen, drei davon geboostert, alle geimpft und mit Schnelltest. Danach waren trotzdem drei Menschen mit Corona infiziert." Solche und ähnliche Erzählungen höre ich gerade immer häufiger, reihum infizieren sich Freunde und Bekannte trotz aller Vorsicht mit Omikron.

"Ich bin geboostert und vorsichtig und trotzdem kriegen gerade alle um mich herum Corona."

Das sorgt bei mir einerseits für enormen Frust: Zwei Jahre lang habe ich gelitten. Ich habe um Impftermine gekämpft, um das Leben von Familie und Freunden gebangt, habe nahestehende Menschen an querdenkende Heilsbringer verloren, auf Erfahrungen, auf Reisen und auf das normale Leben verzichtet. Ich bin geboostert und vorsichtig und trotzdem kriegen gerade alle um mich herum Corona. Die Frage ist doch dann: Nicht ob, sondern wann trifft es mich? Kann ich das überhaupt noch verhindern?

Bei der morgendlichen Dosis "Apokalypse & Filterkaffee", brühwarm serviert von Micky Beisenherz, traf einer seiner Berichte im Podcast Anfang dieser Woche meinen Nerv. Es ging um den Kolumnisten Jan Fleischhauer. Ein Zeitgenosse, dessen Sichtweisen ich normalerweise nicht unterstütze.

Dieser Jan Fleischhauer twitterte, dass er im Corona-Detox-Urlaub auf Lanzarote sei – entgegen der Empfehlungen der Bundesregierung. Es reiche ihm nun, er habe zwei Jahre lang alles mitgemacht, sei geimpft und wolle nun einfach wieder leben. Ein Leben, in dem er sich an die Corona-Regeln halte, aber ohne Angst vor der Infektion lebt und sich nicht alles verbietet. Und irgendwie kann ich das verstehen. Der Tweet bekam über 11.000 Likes. Fleischhauer scheint damit einen Nerv getroffen zu haben.

Denn genau das ist derzeit auch die große Frage, die ich mir stelle: Lohnt es sich wirklich, mein Leben aus Angst vor Corona weiterhin so krass einzuschränken? Auf so essentielle Dinge wie Sport, Freizeit und Freundschaften zu verzichten, um sich das Virus nicht einzufangen?

"Keiner wird davonkommen."
Der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz gegenüber watson

Denn jetzt, mit der super ansteckenden Omikron-Welle, bekommen wir es doch sowieso fast alle, darin sind sich die Experten ausnahmsweise einig. Und die Impfung dient ja primär genau dazu: den Verlauf milde zu halten, nicht ins Krankenhaus zu müssen. Eine Garantie, sich nicht anzustecken, gibt es nicht. So lange war ich eine der Übervorsichtigen, die nicht ins Restaurant ging, bei einer roten Warn-App niemanden traf und große Freundestreffen mied, während einige andere Idioten einfach nur taten, weswegen wir jetzt in dieser Lage sind.

"Omikron wird wohl jeden erwischen."
Virologin Isabella Eckerle in der "Wirtschaftswoche"

Und ich frage mich jetzt also: Wir haben zwei Jahre lang alles getan, was wir konnten. Wir haben Risikogruppen geschützt, versucht Impfgegner zu überzeugen, wir haben uns über die ständig wechselnden Corona-Regeln informiert und diese befolgt.

"Vielleicht ist es also das Risiko wert, an Corona zu erkranken und trotzdem einfach mal wieder zum Sport zu gehen – für meine psychische Gesundheit."

Und obwohl uns allen die Puste ausgeht, tut die Mehrheit der Bevölkerung auch weiterhin alles, um die Pandemie zu beenden: Wir sind geboostert, wir testen uns im Akkord und wir bleiben im Zweifel lieber zu Hause. Und trotzdem kriegen wir, zumindest gefühlt, gerade alle das Virus: Ist es da nicht okay, mal zum Sport zu gehen und eine Infektion zu riskieren?

Sind es gewisse Dinge nicht wert, ein Risiko einzugehen, um nicht komplett verrückt und depressiv zu werden? Wie vorsichtig, ist zu vorsichtig? Das wäre doch mal eine schöne Frage, über die die Expertinnen und Experten sich Gedanken machen können.

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