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Bild: steffen jähnicke

Die vielversprechende Krise der heutigen Jugend

michael nast

Mir ist schon klar, was viele über die Unter-30-Jährigen heute denken. Sie sind nicht mehr belastbar und haben keine Ausdauer, sie wollen alles erreichen, sind aber nicht mehr bereit, etwas dafür zu tun. Außerdem sind sie von ihrem Smartphone abhängig und können sich nicht länger als zehn Minuten auf etwas konzentrieren.

"Momentchen", denken jetzt sicherlich einige, "das klingt nach einer ganz schön pauschalen Aburteilung" – und wenn ich die letzten Sätze noch einmal lese, muss ich zustimmen. Allerdings entsteht dieser Eindruck tatsächlich, wenn ich mich mit Leuten unterhalte, die mit Menschen unter 30 zusammenarbeiten müssen. Mein Bekannter Malte, der Geschäftsführer einer Werbeagentur in Berlin-Mitte ist, beschwert sich bei jedem unserer Treffen über die Mitarbeiter seiner Firma, die Ende 20 oder jünger sind.

Michael Nast 

... ist deutscher Schriftsteller und Kolumnist. Er lebt derzeit in Berlin. Den Durchbruch schaffte er mit "Generation Beziehungsunfähig", das sich über 46 Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste hielt. Sein aktuelles Buch #Egoland erschien im April 2018. 

"Mit diesen Leuten kann man im Grunde genommen gar nicht arbeiten", beendete er einen 20-minütigen Vernichtungsmonolog, als wir uns vor einigen Tagen in einer Bar in der Brunnenstraße trafen. "Die sind weniger Kollegen, die sind eher ein Hindernis. Die liefern dir praktisch jeden Tag einen Entlassungsgrund." Er sah mich ratlos an und trank einen Schluck Bier, bevor er gereizt fortfuhr. "Das ist alles eine Erziehungsfrage. Wir bekommen offensichtlich die nachfolgende Generation, die wir verdient haben."

"Und diese Rechtschreibung", rief er, nachdem er sein Bier abgesetzt hatte. "Das ist unglaublich. Ich meine, die Leute kommen von der Uni und sind nicht mehr in der Lage, einen Satz fehlerfrei aufzuschreiben. Letztens hab ich einen unserer Junior-Projektmanager auf die Rechtschreibfehler in seinen E-Mails angesprochen, und weißt du, was er gesagt hat? Dass man in seiner Generation auf Rechtschreibung einfach keinen Wert mehr legt. Es ist nicht wichtig, hat er gesagt. Ganz lapidar. Mit einem völlig unerklärlichen Selbstbewusstsein! Da frag' ich mich wirklich: Was ist mit den Leuten los?"

Malte lachte bitter und ich erwiderte sein Lachen, denn ich weiß, wie unattraktiv schlechte Rechtschreibung Menschen machen kann. Aber wenn ich jetzt so darüber nachdenke, frage ich mich, ob ich die anderen Fehler, die er beschrieb, tatsächlich als Fehler sehe.

Ich habe früher ebenfalls in Werbeagenturen gearbeitet. Malte benutzte die Standardbegriffe, die in den Anforderungsprofilen der Firmen wie ein Mantra zu lesen waren: Teamfähigkeit, Belastbarkeit, die Bereitschaft, unbezahlte Überstunden zu machen und immer für die Firma erreichbar zu sein. Eigenschaften, die man von Menschen erwartete, die auf ihr Privatleben keinen Wert legen. 

Kapitalismus im Endstadium sozusagen.

Es ist die Haltung unserer Leistungsgesellschaft, mit der Malte seine Mitarbeiter beurteilt. Ein Blick, der die Menschen danach sortiert, wie gut sie sich in die bestehenden Strukturen einfügen. Sie haben gelernt, ausschließlich anhand ihrer Erfolge bewertet zu werden, weil sie annehmen, Erfolg würde sie glücklich machen. Es ist die Haltung von Eltern, die ihre Kinder für ihre Leistungen lieben.

Und in diese Strukturen fügt sich ein Großteil der nachfolgenden Generation offenbar nicht mehr ein. Sie entziehen sich den Vorgaben der Leistungsgesellschaft. Ich frage mich allerdings, ob das ein Makel ist – oder ob es nicht eher ein Symptom des Umbruchs ist, in dem sich unsere Gesellschaft gerade befindet.

Wir erleben gerade mit, wie ein vollkommen neues System entsteht. Die Welt ist dabei, sich neu zu ordnen. Sie ist unberechenbarer geworden. Unvorhersehbarer. Wir müssen lernen, flexibel zu sein, uns den dauernd wechselnden Anforderungen anzupassen. Wir können davon ausgehen, dass wir nicht unser Leben lang einen Beruf ausüben, sondern mehrere, und dass eine Vielzahl der Berufe, die es heute noch gibt, schon in zehn Jahren gar nicht mehr existieren werden. Wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass der Umbruch zum Normalzustand wird.

Die Sicherheit der Elterngeneration war es, sich in eine bestehende, vorgegebene Struktur einzufügen und sich dort zurechtzufinden. Es gab einen Lebensplan, an dem sie sich festhalten und den sie abarbeiten konnten. Aber es gibt keinen Masterplan mehr, den unsere Elterngeneration noch wie eine Schablone auf ihr Leben legen konnte, um auf Ziele hinzuarbeiten, von denen sie annahmen, sie würden sie glücklich machen. Diese Schablone ist gesprungen. Das Leben ist kein kalkulierbares Projekt mehr. Was gut ist, denn es war kein wirkliches Glück, was da verwirklicht wurde. Ein „Glück“, das auf der Annahme beruht, die Identität eines Menschen forme sich aus seinem Besitz, seinem Status und seinem Erfolg. Eine Haltung, die gerade so viele der Älteren in den Burnout trieb und treibt.

Die Frage ist doch, was es mit einem macht, wenn man vorgeschriebenes Glück bedenkenlos annimmt.

Man lernt sich selbst nicht kennen. Sich in gegebene Ordnungen zu fügen, wird nie zu einem wahren Leben führen. Es ist ein fremdbestimmtes Leben mit vorgefertigten Wünschen und Hoffnungen. Eine Generation, über die der Schriftsteller Edward Young gesagt hat: „Wir werden als Originale geboren, und sterben als Kopien.“ Anpassung ist nichts anderes, als sich selbst zu verleugnen und durch erwartetes Verhalten zu ersetzen. Sich in ein bestehendes System zu fügen bedeutet nichts anderes, als sich anzupassen, sich darin aufzulösen, bis man das Gefühl für sich selbst verloren hat. Die nachfolgende Generation hat offensichtlich verstanden, dass das ein Leben ist, das nicht erstrebenswert ist.

Wenn ich Leute höre, die sich über die fehlende Ausdauer oder Konzentration der Jugend beklagen, möchte ich einwenden: "Aber bei Instagram sind sie konzentrierter und ausdauernder denn je."

"Es ist schon eine seltsame Welt", beschwerte sich kürzlich ein Freund bei mir. "Mit Lippenstiften und Bildchen bei Snapchat wird man heutzutage reicher als mit Dingen, die Substanz oder gesellschaftlichen Nutzen haben."

Ich nickte, denn diese Entwicklungen sind tatsächlich nicht unproblematisch, aber der Satz meines Freundes zeigt das Prinzip des großen Umbruchs unserer Gegenwart: Plötzlich gibt es den vollkommen neuen Umstand, dass die Jugend die digitale Kulturtechnik unserer Zeit viel besser beherrscht als ihre Eltern. Die Elterngeneration kann einem keine Tipps geben, weil sie sie nicht mehr verstehen. Wenn mein Bekannter Markus die Arbeit seines 28-jährigen Sohnes beschreiben soll, beginnt er auszuweichen. Er weiß einfach nicht, was er sagen soll. Den Eltern fehlt das Verständnis, wie man mit den Dingen, die ihre Kinder so machen, überhaupt Geld verdienen kann.

Die Elterngeneration lehrt ihre Kinder nicht mehr – sie müssen feststellen, dass sie bei ihren Kindern Nachhilfe nehmen müssen. 

Eine Umkehrung, die zeigt, wie stark der Wandel ist, in dem wir uns gerade befinden.

Der gesellschaftliche Nutzen ist die Konsequenz, die sich aus diesen Entwicklungen ergeben kann. Das Verständnis von Arbeit wird sich ändern. Jede Arbeitskraft, die digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden. Die Arbeitslosigkeit wird steigen. Vielleicht wird es auch ein bedingungsloses Grundeinkommen geben, das unser Verständnis von Leben generell verändern wird. Das Verständnis von Erfolg wird sich ändern. Mit dem Begriff "Profit" war ja in seiner ursprünglichen Bedeutung geistiger Gewinn gemeint. Heute assoziieren wir damit ausschließlich finanzielle Erträge. Nur dieses Detail beschreibt, wie verschoben die Werte unseres Systems sind.

Liebe Jugend, wir sind auf euch angewiesen: Auf eure Originalität, Fantasie und Neugier. Dass ihr aufbegehrt gegen die Werte, Ziele und Haltungen der Älteren, euch nicht zufrieden gebt mit den bestehenden Verhältnissen, dass ihr lieber etwas Neues wagt, als euch in der vorgegebenen Welt der Elterngeneration einzurichten, in der Geld der universelle Bezugspunkt ist.

Und genau das ist es, was wir in diesen Zeiten brauchen, in denen wir gezwungen sind, die Dinge neu zu ordnen. Das ist es, wovor wir Älteren so gern die Augen verschließen, was wir aber von euch lernen können. 

Ihr könnt der Elterngeneration etwas zeigen, was so viele von ihnen verlernt haben: ZU LEBEN.

Ihr zeigt uns, dass es im Leben um Erfahrungen und Erlebnisse geht. Dass es nicht darum geht, etwas zu besitzen, sondern etwas zu erleben. Die Dinge zu entdecken, die das Leben zu bieten hat. Sich die Frage nach dem übergeordneten Sinn zu stellen, von dem unsere Auffassung vom Leben zusammengehalten wird.

Und genau darum geht es: mehr von uns selbst zu leben. Das gibt uns die große Chance, als Menschen zu wachsen. Als Mensch zu reifen. Mehr zu sein, als wir sind. Und genau das ist richtige Haltung.

Liebe Jugend, ich kann euch versichern, es ist eure Zeit.

P.S.: Aber an der Sache mit der Rechtschreibung solltet ihr wirklich arbeiten.

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