Nicht jedem fällt es leicht, wieder zum normalen, sozialen Leben zurückzukehren. (Symbolbild)
Nicht jedem fällt es leicht, wieder zum normalen, sozialen Leben zurückzukehren. (Symbolbild)
Bild: Getty Images
Meinung

Post-Corona-Panik: Warum ich mich nicht so ganz auf die Lockerungen freuen kann

29.05.2021, 14:02

Freitagabend in Berlin-Mitte: Die Bar-Terrassen, an denen wir vorbeiziehen, sind brechend voll, der Park voller Menschen. Hier und da ertönt Musik, Lachen, Gläserklirren. Die Luft ist so dick vor Erleichterung, dass man sie mit einem Messer schneiden könnte: fast so, als hätte die Corona-Pandemie niemals existiert.

Ich finde das, gelinde gesagt, gewöhnungsbedürftig. Die Geräusche, Lichter, Gerüche überfordern mich leicht. Nicht, dass ich nicht auch mal ein paar Stunden in der Bar oder eine Party genießen kann. Aber Abende wie dieser machen mir bewusst: Es wird mir möglicherweise nicht allzu leicht fallen, mich an das "neue Normal" zu gewöhnen. Und vielen anderen Menschen, dieser lautlosen, zurückgezogenen Masse, wird es womöglich ähnlich gehen wie mir.

Wir haben viele Gründe zum Feiern – doch nicht jedem ist nach Party

Seit vergangener Woche dürfen in der Hauptstadt und auch in einigen anderen Bundesländern wie Bayern oder Nordrhein-Westfalen wieder die Außenbereiche der Gastronomie öffnen, die mit einem negativen Corona-Test besucht werden können. Vor den Schnelltest-Zentren bilden sich wieder entsprechend Schlangen. Die Inzidenz sinkt stetig, am Mittwoch liegt sie bei unter 50 – zum ersten Mal seit über einem halben Jahr.

Das alles sind Gründe zum Feiern: sowohl für die pandemie-müde Bevölkerung, die nun endlich wieder einigermaßen risikoarm ihr frisch gezapftes Bier genießen kann, ohne dabei um den Block laufen zu müssen – als auch für die existenziell gefährdete Gastronomiebranche. Es wäre absolut undankbar und moralisch verwerflich, sich zu diesem Zeitpunkt des Infektionsgeschehens den harten Lockdown zurückzuwünschen.

"Wer Partys früher mied, weil man eh nur still in der Ecke steht und Kontakte meidet, hat zur Eindämmung der Pandemie beigetragen, indem er genau das weiterhin tat."

Das verdrängt allerdings nicht die Tatsache, dass auch der Wandel von Pandemie zu Post-Pandemie für einige Menschen emotional nicht leicht verdaulich ist. Ein bisschen haben manche von uns es sich in ihrer Corona-Bubble bequem gemacht. Mehr noch: Sie sind richtig darin aufgegangen. In der Lage zu sein, viel Zeit mit sich selbst verbringen zu können und vielleicht ein bisschen "socially awkward" zu sein, ist plötzlich eine Superkraft geworden. Wer Partys früher mied, weil man eh nur still in der Ecke stand und Kontakten aus dem Weg ging, hat zur Eindämmung der Pandemie beigetragen, indem sie oder er genau das weiterhin tat. Der Gedanke daran, sich nun nicht mehr sozial akzeptiert zurückziehen zu können, mag den einen oder anderen nervös machen.

Einerseits ist es verständlich, dass das Hin und Her der vergangenen 14 Monate uns alle auf die ein oder andere Art mitgenommen hat. Innerhalb von gerade einmal über einem Jahr mussten gesellschaftliche Regeln mehrmals radikal geändert werden. Erst hieß es, wir müssen alle auf Abstand gehen. Dann durften wir uns kurz näher kommen – nur, um dann umso mehr und länger auf soziale Distanz zu gehen. Und jetzt, nachdem die dritte Welle gebrochen scheint, platzt der Knoten. Den Leuten zappeln die Füße und sie haben das ewige zu Hause Sein und Spazierengehen satt.

Andererseits gab es auch gar nicht so wenige Menschen, die mit den Corona-Maßnahmen gut zurechtgekommen sind. Laut dem Psychologen Stephan Grünewald hat sich etwa ein Drittel der Menschen mit dem Lockdown ganz gut arrangiert, wie er im Interview mit watson sagt. Artikel in mehreren Medien läuteten zu Beginn der Pandemie im März 2020 das Zeitalter der Introvertierten ein, die mit der sozialen Distanz verhältnismäßig besser klarkommen würden.

Die Bars und Cafés in Berlin sind wieder gut besucht, hier im Stadtteil Neukölln.
Die Bars und Cafés in Berlin sind wieder gut besucht, hier im Stadtteil Neukölln.
Bild: www.imago-images.de / Jürgen Held

Der soziale Zwiespalt ist zurück

Nun bin ich kein stark introvertierter Mensch. Ich kann sehr sozial sein, wenn ich will – aber häufig will ich das nicht. Gespräche zu zweit oder in kleinen Gruppen sind mir immer lieber, als mich ins Getümmel zu stürzen. Mit zu vielen, vor allem fremden Menschen zu sprechen, ermüdet mich. Deswegen habe ich, als der erste Lockdown begann, tatsächlich so etwas wie Erleichterung gespürt: Meine Welt ist plötzlich sehr überschaubar geworden. Der ständige Zwiespalt "Lasse ich die Party über mich ergehen – oder bleibe ich einsam daheim?" war plötzlich kein Thema mehr. Weil sich alle darüber einig waren, die Partys eine Weile ausfallen zu lassen.

Das heißt nicht, dass ich soziale Kontakte nicht prinzipiell genieße. Es müssen eben die richtigen in genau der richtigen Menge sein. Und tatsächlich hat mir der Lockdown den Raum geboten, den ich brauche, um meine Freundschaften ungestört zu pflegen.

Ich glaube, ich habe während der Pandemie einen so stabilen Freundeskreis aufgebaut, wie ich ihn seit Jahren nicht hatte. Meine beste Freundin, die üblicherweise überschwemmt ist mit Terminen und Arbeit, hatte plötzlich Zeit, um regelmäßig stundenlang mit mir zu telefonieren – und ich habe das Gefühl, das hat unsere Beziehung noch stärker gemacht. Ich habe einige neue Leute kennengelernt, kurz vor der Pandemie oder währenddessen, mit denen ich unzählige Runden spazieren gegangen bin, viele tiefsinnige Gespräche geführt habe und die mir ans Herz gewachsen sind.

"Ich explodiere jetzt nicht vor Freude, wenn ich an einem Freitagabend mit meinen Freunden an den Bars vorbeiziehe. 'Boah, endlich wieder, ist das nicht geil?' Joa, geht so."

Jetzt werden diese Freundschaften, die in den vergangenen Monaten entstanden sind oder sich vertieft haben, natürlich nicht von heute auf morgen vergessen sein. Aber mich verfolgt die Angst, dass sie von der allgemeinen Ausbruchstimmung überschattet werden. Der Zwiespalt geht von Neuem los: In Kauf nehmen, sich wieder auf Partys in große Gruppen zu fügen, mit fremden Leuten Smalltalk zu führen – oder allein zu Hause bleiben und hoffen, den Anschluss nicht zu verlieren?

Ich kann nicht sagen, dass ich der Pandemie dankbar wäre, das fände ich in Anbetracht der Katastrophe, die sie angerichtet hat, zynisch. Aber ich konnte viele gute Momente aus ihr ziehen. Einiges, wie zum Beispiel Reisen, habe ich vermisst. Vieles aber auch nicht. Insofern explodiere ich jetzt auch nicht vor Freude, wenn ich an einem Freitagabend mit meinen Freunden an den Bars vorbeiziehe. "Boah, endlich wieder, ist das nicht geil?"

Joa, geht so.

Das Gefühl der Überforderung wird vorübergehen

Ich bin mir gleichzeitig sicher, dass dieses Gefühl der Überforderung in Anbetracht der vollen Bars und die Angst davor, nicht mitziehen zu können, bald wieder vergehen. Genauso, wie wir lernen mussten, emotional mit Corona und den Maßnahmen dagegen umzugehen, müssen wir nun lernen, nach der Pandemie wieder in Gesellschaft zu funktionieren. Den einen mag das leichter fallen als den anderen.

Ich sehne mich jedenfalls etwas nach dem Moment, an dem ich mich wieder ehrlich darüber freuen kann, wenn jemand sagt: "Hey, lass uns in dieser und jener Bar was trinken gehen, Peter, Paul und Lisa kommen auch vorbei!"

Das wird bei mir womöglich etwas länger dauern, als die umgekehrte Umstellung zu Beginn der Pandemie – als ich mich daran gewöhnen musste, auf solche sozialen Situationen zu verzichten. Aber der Moment wird kommen.

Meinung

Kinder im Dauerstress: Warum die Kindheit mit dem Kita-Besuch aufhört

Ilona Böhnke ist Erzieherin in Dortmund. In ihrer 40-jährigen Laufbahn hat sie eine wichtige Beobachtung gemacht: Kinder verbringen immer mehr Zeit in Kitas, deren Alltag ist durchgetaktet. Dass Spielen nach Stundenplan und das ständige Zusammensein in der Gruppe auch Arbeit für die Kinder bedeutet, wissen viele Erwachsene nicht. Böhnke warnt nun vor möglichen Folgen.

Morgens Mathe, dann Bildungsbereich Natur bis mittags. Nach der Mittagspause Entspannung, vielleicht noch eine Runde Malen oder Singkreis und dann noch Turnen, bis es wieder nach Hause geht.

Was auf den ersten Blick wie der Alltag von mindestens einem Grundschüler wirkt, ist tatsächlich ein ganz normaler Tag für ein Klein- oder Vorschulkind in der Kita. Zeit für freies Spielen? Bleibt da eigentlich gar nicht.

Viele der Probleme, die in deutschen Kitas vorherrschen, sind zwar immer noch nicht …

Artikel lesen
Link zum Artikel