Reportage

Wo Deutschland noch Kolonialmacht ist: "Die Sorben sind de facto ein Mythos"

Die Lausitz ist die Heimat der Sorben, einer nationalen Minderheit in Deutschland. Einige Akteure kämpfen nach jahrhundertelanger Unterdrückung für mehr Autonomie. Doch seit Jahren gibt es Streit darüber, wie man das umsetzen kann.
10.07.2022, 12:4819.07.2022, 14:14

Es ist nicht so, als wären die Positionen der beiden Interessensvertretungen der Sorben unvereinbar: Martin Schneider, oder auf sorbisch auch Měrćin Krawc, wie er sich je nach Anlass nennt, ist sowohl Mitglied beim Serbski Sejm, als auch bei der Domowina. Die Domowina ist der Bund Lausitzer Sorben und das Serbski Sejm das "sorbische Parlament".

Doch bei der Frage, wie viel Selbstbestimmung die Sorben brauchen, um ihre aussterbende Kultur zu retten, hat er eine klare Meinung.

Martin Schneider vom Serbski Sejm.
Martin Schneider vom Serbski Sejm.privat

Schneider findet, dass Deutschland in der Lausitz immer noch die Stellung einer Kolonialmacht einnimmt und sagt im Gespräch mit watson:

"Wir Sorben haben 1000 Jahre Kolonialisation hinter uns. Und ich denke, wenn das deutsche Staatswesen der Meinung ist, nicht mehr Kolonialmacht sein zu wollen, dann heißt das im Umkehrschluss auch, dem sorbischen Volk seine Rechte zurückzugeben, die ihm über 1000 Jahre vorenthalten worden sind – in dem Rahmen wo es ihm nicht weh tut, weil es interne Dinge wie die Bildungsautonomie betrifft."

Der Konflikt besteht im Kern darin: Laut Völkerrecht steht das Gebiet der Lausitz dem sorbischen Volk als First Nation zwar zu, andererseits haben Staaten das Recht auf territoriale Integrität, also ihre Grenzen unversehrt zu halten.

Das sorbische Parlament will mehr Autonomie in allen Bereichen

Eine Lösung, die international auch schon bei anderen ethnischen Minderheiten angewendet wurde, wäre es, den Sorben "zumindest Selbstbestimmung und Selbstverwaltung zu ermöglichen, damit sie sich in ihrer Heimat frei entfalten können, ohne ein eigenes Territorium haben zu müssen", sagt Schneider.

Dies ist es auch, was das sorbische Parlament, der Serbski Sejm, fordert: mehr Autonomie in den Bereichen der Kultur und Bildung.

Wer kennt die Sorben?
Die Sorben siedelten schon ab dem sechsten Jahrhundert im Osten Deutschlands, lange bevor die Deutschen sich überhaupt als Nation definierten.

Doch die Lausitz, die strukturschwache Heimat der Sorben, blutet aus: Die Bevölkerung schwindet und damit ist auch ihre Kultur in Gefahr.

In dieser Serie geht es um Menschen, die sich für den Erhalt der sorbischen Kultur engagieren.

Serienteil 1:
Die Sorben: Kampf um den Erhalt einer Minderheit

Serienteil 2:
Eine alte Kultur mit modernen Menschen: Über Traditionen und High-Fashion-Tracht

Serienteil 3:
Die Sorben und ihre Sprache: Wie "Sprachbäder" und Rap das Sorbische vor dem Aussterben retten sollen

Wie das gehen soll? Am besten in Form einer Selbstverwaltungskörperschaft. Damit will man die Belange der Region in die eigene Hand nehmen, um die Interessen des sorbischen Volkes zu vertreten und die sorbische Kultur zu bewahren.

"Der beste Weg zum Erhalt ist immer der Selbsterhaltungstrieb", sagt Martin Schneider. Um Entscheidungen aber autonom und demokratisch entscheiden zu können, "braucht es ein Parlament für ein Volk, also eine Volksvertretung. Eine Vereinsstruktur reicht da nicht aus, es fehlt die Legitimation seitens der Nichtmitglieder."

Die Sorben: Ein Volk als Mythos

Durch ein Modell der Körperschaft des öffentlichen Rechts "hätte das Volk insgesamt mal eine reale Existenz, denn es existiert de facto nicht, es ist ein Mythos", wie Schneider sagt. "Es gibt den Sorben als Individuum, aber es gibt keine Kollektivrechte. Als Volk wurden die Sorben noch nie konstituiert, denn es gibt keine Rechtspersönlichkeit."

"Solange von staatlicher Seite die entsprechenden Hoheitsrechte nicht übertragen werden, gibt es auch keine Macht zu verteilen oder auszuüben."
Martin Schneider

Doch diese sei notwendig, um die Belange der Sorben auch rechtlich zu vertreten und durchzusetzen.

"In Brandenburg hat die Domowina ein gewisses eingeschränktes Verbandsklagerecht, aber das ist noch nicht auf dem Niveau einer Körperschaft, die dann für das gesamte Volk sprechen, (...) auch juristisch für das Volk und seine Probleme einstehen kann und auch mit einem starken Selbstbewusstsein, weil durch die demokratische Legitimation gestärkt, agieren kann."

Auch der Serbski Sejm kann dies bislang nicht. Das "sorbische Parlament", 2018 gewählt, ist bislang ein zahnloser Tiger: Es erlässt vor allem Beschlüsse und verfasst Stellungnahmen. "Wir sind zwar das Parlament und nach allen demokratischen Regeln auch legitimiert, aber solange von staatlicher Seite die entsprechenden Hoheitsrechte nicht übertragen werden, gibt es auch keine Macht auszuüben."

Die Domowina will Einheit statt Abgrenzung in Deutschland

Die Domowina, die es bereits seit 1912 gibt, will dagegen als Verband nicht unter der Führung des Serbski Sejm agieren. Ihr Sprecher Marcel Braumann sieht wie der Serbski Sejm auch keine Notwendigkeit für eine territoriale Selbstverwaltung der Lausitz: "Wir sind nicht für eine territoriale Autonomie, weil das aus naheliegenden Gründen in der Lausitz schwer realisierbar ist." Der Serbski Sejm spricht daher immer von einer Personalautonomie.

Marcel Braumann ist Sprecher der Domowina.
Marcel Braumann ist Sprecher der Domowina.twitter/marcel braumann

Zwar gebe es eine Handvoll Dörfer, wo sich die sorbische Bevölkerung in der Mehrheit befinde, allerdings sei die Bevölkerung in der Lausitz eben sehr gemischt. Er spricht vom Europa der Nationen und davon, "dass man die alten Konstrukte der Abgrenzung überwinden" müsse.

"Wir sind nicht für eine territoriale Autonomie, weil das aus naheliegenden Gründen in der Lausitz schwer realisierbar ist."
Marcel Braumann, Domowina

Stattdessen steht bei der Domowina als Dachverband sorbischer Vereine und Vereinigungen die Kultur- und Bildungsautonomie der Kulturerhalt im Vordergrund. Ihr Selbstverständnis ist das einer Selbstorganisation der sorbischen Zivilgesellschaft und deren politische Interessenvertretung.

Marcel Braumann ist der Meinung, über Autonomie verfügten die Sorben bereits in ausreichendem Maß über die Stiftung für das sorbische Volk. Dort sind allerdings die Mehrheit der Mitglieder Deutsche und keine Sorben, wie der Serbski Sejm kritisiert. Dieser will die Stiftung deshalb lieber in eine Körperschaft umwandeln und die Eigenregie übernehmen.

Diesen Punkt sieht zwar auch Braumann kritisch und wünscht sich, "dass formal die sorbische Seite eine Mehrheit hat und die andere Seite lediglich die Rolle einer Rechtsaufsicht spielt". Jedoch kenne er selbst keinen kulturellen Verein, der kein Geld von der Stiftung bekommen hätte.

Wer vertritt die Sorben?

Die Darstellung des Konflikts zwischen Domowina und Serbski Sejm empfinden beide Männer dennoch als überzogen. Zwar haben sie unterschiedliche Ansichten darüber, wer die Interessen der Sorben offiziell vertritt, doch sie wollen beide das gleiche: das Überleben ihres Volkes und seiner Kultur.

"Es darf keinen Interessenskonflikt geben, dass die Domowina da einen besonderen Standpunkt hätte, sondern sie wäre eine von mehreren Akteuren."
Martin Schneider, Serbski Sejm

Auch Měrćin Krawc / Martin Schneider vom Serbski Sejm wünscht sich eine starke Partnerschaft der beiden Akteure im Sinn einer Gewaltenteilung, "also eine starke personelle Verzahnung, aber eine klare institutionelle Trennung."

Schließlich gebe auch kulturelle sorbische Akteure außerhalb der Domowina, die dann genauso durch diese Körperschaft, durch dieses Parlament repräsentiert und Mittel erhalten würden. "Aber es darf keinen Interessenskonflikt geben, dass die Domowina da einen besonderen Standpunkt hätte, sondern sie wäre eine von mehreren Akteuren."

Derzeit ist die Domowina durch Landesgesetze in Brandenburg und Sachsen die einzig benannte Interessenvertretung. Diesen Sonderstatus würde sie verlieren, wenn sie einer Volksvertretung zustimmte.

Ein Lindenblatt in den Nationalfarben der Sorben.
Ein Lindenblatt in den Nationalfarben der Sorben. Bild: dpa-Zentralbild / Patrick Pleul

Das Vorbild in Sachen Autonomie: Ostbelgien

In Ostbelgien sei man schon weiter, erzählt Schneider. Doch es habe immerhin 30 bis 40 Jahre gedauert, bis die Regierung der deutschsprachigen Minderheit dort Zugeständnisse gemacht und eine Personalautonomie erlassen hat. Heute gibt es dort sogar ein Parlament der Deutschsprachigen Gemeinschaft und eigene Minister.

"Ich bin überzeugt davon, dass das Erreichen dieses Status als Selbstverwaltungskörperschaft in überschaubaren Zeiträumen gelingen wird. Denn es sei (...) die verdammte moralische Pflicht des Staates, das endlich zuzulassen."

Schneider selbst hofft, dass es hierzulande schneller geht. Denn diesen Erfolg will er noch selbst erleben. Auch die erst kürzlich gelaufenen Gespräche mit der sächsischen SPD machen ihm Hoffnung:

"Erstmals hat eine Regierungspartei (...) die Worte Personalautonomie, Selbstverwaltungskörperschaft und Staatsvertrag als ernsthaft zur Diskussion stehende Punkte mit benannt. Das ist für uns schon eine Bestätigung, dass wir auf den richtigen Weg sind."
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