Reportage

Die Sorben: Kampf um den Erhalt einer Minderheit

Die Sorben siedelten schon ab dem sechsten Jahrhundert im Osten Deutschlands, lange bevor die Deutschen sich überhaupt als Nation definierten. Doch die Lausitz, die strukturschwache Heimat der Sorben, blutet aus: Die Bevölkerung schwindet und damit ist auch ihre Kultur in Gefahr. In dieser Serie geht es um Menschen, die sich für den Erhalt der sorbischen Kultur engagieren.
11.05.2022, 14:3220.05.2022, 14:23

Bei Trachten denkt man in Deutschland zuerst an Bayern und seine Volksfeste. Von den Sorben, ihren bunten Legenden, Traditionen und Kleidern haben jedoch viele noch nie etwas gehört. Obwohl sicher viele das Buch kennen, wissen die wenigsten, dass die Figur des "Krabat" – der Held im gleichnamigen Roman von Otfried Preussler – einer sorbischen Volkssage entstammt.

Dabei sind die Sorben, neben den Friesen, Sinti und Roma sowie den Dänen eine der anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland. Und das mit einer sehr, sehr langen Geschichte, denn sie waren schon vor den Deutschen hier. Einige Sorben sehen sich deshalb sogar selbst als indigenes Volk an.

De Trachten der Sorben sind besonders kunstvoll.
De Trachten der Sorben sind besonders kunstvoll.null / imago images
Wer sind die Sorben?
Ab etwa dem Jahr 600 n. Chr. wanderten die Sorben in das von den Germanen weitgehend verlassene Gebiet östlich von Elbe und Saale.

Heute wohnen in der Niederlausitz (Land Brandenburg) etwa 20.000 Niedersorben und in der Oberlausitz (Freistaat Sachsen) ca. 40.000 Obersorben, die sich sprachlich und auch kulturell voneinander unterscheiden.

Die Sorben sind in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt. Sie haben neben ihrer Sprache eine offiziell Flagge und Hymne. Sorben sind in aller Regel deutsche Staatsangehörige.
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Eine Volksgruppe in Auflösung

Doch die Sorben haben ein Problem: sie verschwinden. Immer weniger Sorben sprechen noch ihre eigenen Sprache und die Bevölkerungszahl in den strukturschwachen Teilen Brandenburgs und Sachsens sinkt stetig. Im Jahr 2000 lebten in der Lausitz laut Zahlen der Ämter für Statistik in Brandenburg und Sachsen noch 1,38 Millionen Menschen, 2018 waren es noch knapp 1,15 Millionen.

Damit hat die Heimat der Sorben in nur zwei Jahrzehnten rund 16,7 Prozent ihrer Bevölkerung verloren. Eine Ausnahme bildet das Wachstum im Landkreis Dahme-Spreewald, das jedoch eher durch die Lage im Speckgürtel Berlins zu erklären ist.

Dagegen kämpfen die anderen Landkreise in der Lausitz wie Bautzen, Oberspreewald, Spree-Neiße, Elbe-Elster, Görlitz und Cottbus schon seit dem Ende der DDR mit einem Bevölkerungsschwund. In der Region gibt es nur wenige Arbeitsplätze und das Ende des Braunkohle-Abbaus 2037, der lange Zeit ein wichtiger Arbeitgeber war und die Region prägte, wird sie vermutlich weiter schwächen.

Die geographische Lage der Lausitz in Deutschland.
Die geographische Lage der Lausitz in Deutschland. IAB (2018)

Der jahrzehntelange Abbau der Kohle in der Lausitz brachte zwar Jobs, zerstörte aber gleichzeitig die Umwelt und die Heimat: Durch die Förderung wurden im Laufe der Zeit an die 137 Dörfer weggebaggert und rund 2.500 Menschen umgesiedelt. Der letzte Ort, der nun weichen soll, ist das obersorbische Mühlrose, dessen Bewohner bereits mitten in der Umsiedlung sind.

Die sorbische Kultur wurde lange unterdrückt und bekämpft

Leicht hatten es die sorbischen Siedler und Siederinnen oft nicht in Deutschland. Schon das feudale und später das kaiserliche Deutschland ging gegen die Minderheit vor. Während der Herrschaft der Nationalsozialisten wurde dann versucht, die Sorben einzugliedern und für ihre Ziele zu vereinnahmen. Als dies fehlschlug, wurden 1937 alle sorbischen Vereinigungen sowie die sorbische Sprache und Brauchtümer in der Öffentlichkeit verboten.

Das sorbische Volk sollte sich assimilieren, also seine sorbische Kultur aufgeben und deutsch werden. Widerstandskämpfer wie Maria Grollmuß oder Alois Andritzki wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht.

Nach den beiden Weltkriegen wurde es nicht besser: Nun versuchte die DDR-Regierung, die Sorben für ihre Zwecke einzuspannen. Zwar wurde das sorbische Volk 1968 in der DDR-Verfassung als nationale Minderheit anerkannt, trotzdem war die offizielle Politik gegenüber den Sorben weiter von ideologischer Bevormundung und Kontrolle geprägt.

Wer kennt die Sorben?
Die Sorben siedelten schon ab dem sechsten Jahrhundert im Osten Deutschlands, lange bevor die Deutschen sich überhaupt als Nation definierten.

Doch die Lausitz, die strukturschwache Heimat der Sorben, blutet aus: Die Bevölkerung schwindet und damit ist auch ihre Kultur in Gefahr.

In dieser Serie geht es um Menschen, die sich für den Erhalt der sorbischen Kultur engagieren.

Serienteil 1:
Die Sorben: Kampf um den Erhalt einer Minderheit

Serienteil 2:
Eine alte Kultur mit modernen Menschen: Über Traditionen und High-Fashion-Tracht

Diskriminiert werden Sorben bis heute

Ein schlechtes Ansehen haben die Sorben bei gewissen Randgruppen der Gesellschaft auch heute noch: Zunehmend wird über rechtsextreme Attacken gegenüber Sorben berichtet – obwohl sie schon vor den Sachsen in der sächsischen Lausitz siedelten.

Der Vorsitzende des sorbischen Dachverbands Domowina, Dawid Statnik, spricht in der Wochenzeitung "Zeit" sogar von einem gezielten und "organisiertem Verbrechen". Die Täter würden zu ausgewählten Veranstaltungen fahren und gezielt sorbische Jugendliche attackieren, bedrohen oder beschimpfen. Er sagt: "Seit 2014 haben die Angriffe eine andere Qualität."

Eine reiche Kultur

Dabei erfreuen sich die Legenden und Traditionen der Lausitz weit über ihre Grenzen hinaus großer Beliebtheit: Den Krabat kennt man wohl in ganz Deutschland. Für die jährlichen Krabat-Festspiele über den Waisenjungen, der Lehrling eines bösen Zaubermeisters wird, bekommt man nur schwer Karten und die fabelhaften Märchen über gewitzte Lutken, den drachenähnlichen Plon, den Wassermann oder die Hexe Morawa, stehen Grimms Märchen in ihrem Fantasiereichtum in nichts nach.

Auch sorbische Traditionen wie das Maibaumwerfen, Hexenbrennen, Osterreiten oder das kostümierte Geisteraustreiben, genannt Zampern, werden jedes Jahr mit großer Begeisterung gefeiert – auch und gerade von Sorben die mittlerweile außerhalb der Lausitz leben und die für diese besonderen Anlässe oft sogar extra in die Heimat reisen.

Für den Erhalt der sorbisch/wendischen Sprache und Kultur setzt sich die Domowina, der Bund Lausitzer Sorben, bereits seit 1912 als Dachverband sorbischer Vereine und Vereinigungen ein. Die Domowina vertritt die politischen und kulturellen Interessen der etwa 60.000 Sorben beziehungsweise Wenden in Sachsen und Brandenburg.

Die Sorben sind unter anderem bekannt für ihre kunstvoll handbemalten Ostereier.
Die Sorben sind unter anderem bekannt für ihre kunstvoll handbemalten Ostereier.Bild: www.imago-images.de / imageBROKER/Stephan Schulz

Der Wunsch nach politischer Selbstbestimmung

Sogar ein "sorbisches Parlament" gibt es, wie sich das Serbski Sejm nennt. Dieses hat sich 2018 gebildet, um die Interessen der Sorben und Wenden in Sachsen und Brandenburg innerhalb des deutschen Staats zu vertreten und zu stärken. Die demokratisch gewählte Vertretung strebt nach langer Zeit der historischen Unterdrückung das Ziel einer Selbstverwaltung der inneren Angelegenheiten des sorbischen/wendischen Volkes an.

Die Unterzeichnung des ILO-Vertrags für den Schutz der Rechte von indigenen Völkern ist ein erster wichtiger Schritt für das Recht der Sorben auf Selbstbestimmung in Bereichen wie Ressourcen und Umwelt, Bildung, politische Teilhabe und Selbstverwaltung. Denn das Serbski Sejm sieht auch die Sorben als indigenes Volk an. Somit könnte der vom Bundestag ratifizierte Vertrag ab dem 23. Juni dieses Jahres auch für sie gelten und ihnen somit mehr Rechte für Autonomie und Mitbestimmung gewähren.

Um Sorbe zu sein braucht aber niemand eine besondere Abstammung oder einen Pass: Denn die Offenheit des sorbischen/wendischen Volkes hat ein ganz besonderes Merkmal. So heißt es auf der Website des Serbski Sejm, der sorbischen Volksvertretung: "Sorbin/Wendin und Sorbe/Wende kann jeder werden, nur durch das Bekenntnis." Eine bestimmte Abstammung ist keine zwingende Voraussetzung.

Das Osterreiten ist ein feierlicher Brauch in der Lausitz.
Das Osterreiten ist ein feierlicher Brauch in der Lausitz.Bild: iStockphoto / Mark Poltermann

Dabei will das sorbische Volk niemanden ausgrenzen. Auf der Website der Serbski Sejm heißt es weiter:

"Separatismus und Nationalismus mit den üblichen Mitteln der Nationenbildung – der Ausmerzung und Vertreibung konkurrierender Ethnien – sind ihnen fremd. Ihr Heimatland, schlicht 'Siedlungsgebiet' genannt, besitzt keine nationale Grenze; es umfasst lediglich die Gemeindegebiete der sorbischen/wendischen Kommunen."

Es hört sich so an, als ob wir in Zeiten zunehmender Nationalisierung und Radikalisierung etwas von den Sorben lernen könnten. Die Fähigkeit zu Widerstand, Beharrlichkeit und Gemeinschaftssinn vielleicht. Dass ein jeder, der sich Zugehörig fühlt, auch zugehörig sein darf. Dass wir den Begriff "Heimat" nicht von rechten Kräften instrumentalisieren und uns damit stehlen lassen sollten. Oder auch einfach nur, jedem seinen Platz zum Leben zu lassen.

In den nächsten Beiträgen der watson-Serie "Wer kennt die Sorben" tauchen wir tiefer ein in die Lebensrealität der Menschen und zeigen euch den Kampf einer Minderheit um Selbstbestimmung und Kulturerhalt.

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