Noch ist das Weihnachtsshopping in den meisten Bundesländern nur mit Maske und Abstand möglich. Doch das wird sich bald ändern und – wie bereits in Berlin umgesetzt – der Zutritt in den meisten Läden nur noch für Geimpfte und Genesene erlaubt sein.
Noch ist das Weihnachtsshopping in den meisten Bundesländern nur mit Maske und Abstand möglich. Doch das wird sich bald ändern und – wie bereits in Berlin umgesetzt – der Zutritt in den meisten Läden nur noch für Geimpfte und Genesene erlaubt sein.Bild: Getty Images Europe / Sean Gallup
Vor Ort

Bundesweit kommt, was in Berlin schon gilt: 2G-Weihnachtsshopping – das sagen Kunden, Verbände und Personal

02.12.2021, 18:3103.12.2021, 15:20

Im deutschen Einzelhandel herrscht Katerstimmung: Am ersten Adventswochenende blieb die Kundschaft angesichts hoher Inzidenzen wohl lieber Zuhause. Ohnehin lockten Rabatte im Zuge von Black Friday und Cyber Monday Kundschaft in diesen Tagen in den Online-Handel. Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Deutschland, sieht aber auch noch andere Gründe für den mauen Auftakt im Weihnachtsgeschäft:

"Der Kundenrückgang war sicher auch den in einigen Bundesländern schon gültigen 2G- und 3G-Regelungen für den Handel geschuldet. Die dadurch entstehenden Schlangen vor den Türen der Geschäfte schrecken viele Kunden ab. Black Friday und Cyber Monday sind traditionell online sehr starke Anlässe, das Wachstum in diesem Bereich ist seit Jahren enorm. Wenn jetzt 2G bundesweit für den Einzelhandel mit Gütern des nicht-täglichen Bedarfs kommt, wird sich der Online-Anteil im Weihnachtsgeschäft sicherlich weiter erhöhen.
Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des deutschen Handelsverbandsgegenüber watson

Und jetzt könnte, ausgerechnet im wichtigsten Quartal zum Ende des Jahres, die vierte Corona-Welle dem Weihnachtsgeschäft 2021 den Garaus machen – denn mit den Beschlüssen der Ministerpräsidentenrunde dürfen bundesweit tatsächlich nur noch Geimpfte und Genesene in Warenhäusern, Modegeschäften und Elektronikläden einkaufen.

Ein solcher Schritt könnte dem Einzelhandel schwer zu schaffen machen, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erwartet. "Wir gehen davon aus, dass 2G beim stationären Einzelhandel zu Umsatzeinbußen im Dezember von etwa 5,3 Milliarden Euro führen würde", hatte IW-Experte Christian Rusche dem RedaktionsNetzwerk Deutschland vor der Bund-Länder-Entscheidung gesagt. Dabei müsse man bedenken, dass die Betriebe bereits im zweiten Jahr im wichtigen Weihnachtsgeschäft unter massiven Beschränkungen leiden. "Eine flächendeckende Einführung von 2G würde vor allem kleinere Betriebe sehr hart treffen. Vieles spricht dafür, dass zahlreiche Inhaber überlegen würden, ob es sich noch lohnt, das Geschäft zu öffnen. Aus diesem Grund wäre es sinnvoll, die finanziellen Hilfen für die betroffenen Handelsunternehmen auszuweiten und bürokratische Hürden bei der Gewährung der Hilfen zu beseitigen."

"Die ersten Erfahrungen mit 2G zeigen, dass die Umsätze bei betroffenen Händlern teilweise um bis zu 50 Prozent sanken."
Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des deutschen Handelsverbands gegenüber watson

In Berlin, Brandenburg, Thüringen und Sachsen sowie in drei besonders Corona-gebeutelten Landkreisen Baden-Württembergs gilt bereits, was der Einzelhandel in den anderen Bundesländern bis heute so gefürchtet hat: 2G in allen Läden, die über die Deckung des alltäglichen Bedarfs hinausgehen. Von der Regelung ausgenommen sind Supermärkte, Drogerien und Apotheken. Die strengeren Regeln gelten zum Teil schon seit Mitte vergangener Woche, in Berlin trat die neue Regelung am 27. November in Kraft.

Stefan Genth sieht auf den Einzelhandel mit den 2G-Beschlüssen große Herausforderungen auf den Handel zukommen, auch in der Umsetzung. "Denn die Handelsunternehmen müssen zusätzliches Personal für die Kontrollen engagieren und bezahlen. Zudem bilden sich vor den Ladentüren in Folge der Kontrollen Schlangen, die die Kunden vom Einkaufen abschrecken. Die ersten Erfahrungen mit 2G zeigen, dass die Umsätze bei betroffenen Händlern teilweise um bis zu 50 Prozent sanken."

watson hat sich in einem Berliner Einkaufszentrum umgehört, was Kunden, Mitarbeiter in den Geschäften und Sicherheitspersonal über die 2G-Regel denken und wie sie sich auf ihren Alltag auswirkt.

Auf den ersten Blick ist kein Unterschied zu den letzten Wochen und Monaten zu erkennen im Einkaufszentrum Das Schloss an der Steglitzer Schloßstrasse, der zweitgrößten Einkaufsmeile Berlins. Die Weihnachtsdeko blinkt fleißig und die Masse an Kunden scheint einem späten Vormittag unter der Woche angemessen.

Wie ist das also mit 2G, stört das beim Weihnachtseinkauf? Wird sich überhaupt konsequent an die Kontrollvorgabe gehalten? Wird der Nachweis über eine erfolgte Impfung oder die ärztliche Bescheinigung einer überstandenen Corona-Infektion vor Betreten der Geschäfte abgefragt? Eine Berlinerin, 71, mit zwei Tüten in der Hand, nickt: "Ja, ja, ich bin im Taschenladen und im Media Markt nach dem Impfnachweis und meinem Ausweis gefragt worden." Gestört habe sie das nicht. Gleich im Eingang des zweiten Geschäfts im Einkaufszentrum, eine große US-Bekleidungsmarke, versperrt eine dicke rote Samtkordel den Zutritt. Dahinter steht eine Verkäuferin, die seit vergangenen Samstag Kunden nach den 2G-Prinzip filtert, bevor sie den Laden betreten. Was sind ihre Erfahrungen der letzten Tage, wie reagieren die Leute? "Bis jetzt sind sie ganz entspannt, alle machen mit", sagt sie gegenüber watson. Man müsse nur darauf achten, dass kein Betrug stattfinde, keine Screenshots vom Impfnachweis gezeigt werden, sondern dass auch wirklich die App geöffnet wird. Und gab es auch schon Ungeimpfte, die draußen bleiben mussten? "Ja, wir hatten einen Ungeimpften, der an der Tür gefragt hat. Aber bis jetzt kommen eigentlich alle geimpft oder genesen hier an."

Dürfen Genesene nach Ablauf der Sechsmonatsfrist noch in den Laden? Weiß keiner

Bei Geimpften reicht der gelbe Impfausweis oder der digitale Nachweis via QR-Code, bisher gilt da auch kein Ablaufdatum. Wie ist das bei Genesenen? "Auf dem Zettel vom Arzt steht das Datum. Theoretisch gilt der Status ein halbes Jahr", so die Verkäuferin. Ob sie den Genesenen auch nach Ablauf der sechs Monatsfrist noch in den Laden lassen darf? "Dass weiß ich jetzt nicht genau", sagt die Verkäuferin schulterzuckend. "Wenn man geimpft ist, gilt das ja auch länger als sechs Monate, und angeblich soll die Impfung ja auch nach sechs Monaten nicht mehr wirken." Es habe auch keine Anweisung seitens des Arbeitgebers gegeben, dass Genesene nach Ablauf der sechsmonatigen Frist nicht mehr eingelassen werden. Und hat sich der Kundenandrang verringert seit 2G? "Im Allgemeinen sind es durch Corona weniger Kunden geworden, nicht nur wegen der 2G-Regeln. Es haben ja auch viele Geschäfte deshalb zu gemacht."

"Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ausgebildet, um offen und herzlich auf Menschen zuzugehen, zu verkaufen und zu beraten. Jetzt müssen wir sie als Türsteherinnen und Türsteher einsetzen, nicht wenige haben da auch Angst."
Philip Haverkamp, Handelsverband Berlin-Brandenburggegenüber watson

Im nächsten Geschäft, ein internationaler Modekonzern, gibt es keine Absperrung, nur ein Schild mit dem Hinweis auf 2G, Maskenpflicht und eine Flasche Desinfektionsmittel auf einem Tischchen. Kurz nach Betreten des Geschäfts macht sich eine junge Frau bemerkbar, sie kommt zwischen den Regalen herüber und fragt nur nach dem Impfnachweis. Auf Nachfrage erklärt sie, hier zur 2G-Kontrolle und zur Verkaufsberatung eingesetzt zu sein. Und das funktioniert, Beratung und 2G-Kontrolle in einem? "Allein funktioniert das nicht. Zu zweit geht das. Mein Kollege ist im hinteren Bereich des Ladens zuständig, und ich im vorderen Bereich." Sie empfindet diese Situation als anstrengend. "Man muss immer gucken, wer ist da und wer kommt."

Wie reagieren die Kunden in diesem Geschäft auf die 2G-Regel? "Na ja, so fünfzig-fünfzig. Manche finden das gut, dass wird das machen, andere sind voll dagegen und sehr negativ den Kontrollen gegenüber eingestellt." Sie berichtet auch von Widerstand. "Es wird viel gestritten hier am Eingang bei uns, die Leute sagen 'Ich bin doch schon geimpft, warum muss ich meinen Ausweis zeigen.' Manche kommen auch deshalb gar nicht mehr, es sind weniger Kunden geworden."

Diese Problematik bestätigt auch Philip Haverkamp vom Handelsverband Berlin-Brandenburg (HBB): "Die meisten reagieren gelassen, aber es gibt natürlich die Unbelehrbaren, die Impfgegner und Coronaskeptiker. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind ausgebildet, um offen und herzlich auf Menschen zuzugehen, zu verkaufen und zu beraten. Jetzt müssen wir sie als Türsteherinnen und Türsteher einsetzen, nicht wenige haben da auch Angst." Grundsätzlich fände auch die 19-jährige Teilzeitkraft es besser, wenn im Einkaufszentrum nicht in jedem Laden einzeln, sondern am Eingang Sicherheitsleute die Nachweise kontrollieren würden.

"Stört mich persönlich nicht, das ist doch unkompliziert. Man hat ja auf dem Handy immer alles gleich parat"
Kundin zu 2G-Nachweisen

Auf dem Weg zum nächsten Geschäft: Zwei Mütter mit Kinderwagen stehen gerade vom Kaffeetrinken in einem der Cafés auf. Ist das nicht umständlich, wenn man mit quengelndem Kind auch noch ständig Handy und Ausweis rausziehen muss? "Stört mich persönlich nicht, das ist doch unkompliziert", sagt die 31-jährige Mutter gelassen, "man hat ja auf dem Handy immer alles gleich parat." Sie fühlt sich generell nicht eingeschränkt, hat kein Problem mit der Impfung oder einem Test. Aber sie findet, dass bei der Vorlage eines aktuell negativen Tests für sie kein Unterschied im persönlichen Sicherheitsempfinden bestünde, ob nun 2G- oder 3G-Regeln angewandt werden. "Für das Kinderturnen meines älteren Sohnes muss ich jetzt auch gleich, trotz Impfung, zur Teststelle, da gilt 2G plus mit offiziellem Test."

Man gibt sich flexibel: Die Krankenkassenkarte geht auch als Ausweis durch

Auf der vergleichsweise kleinen Verkaufsfläche des Franchisenehmers einer schwedischen Modemarke ist die einzige Verkäuferin gerade mit einer Kundin an der Kasse beschäftigt. Erst nach einigen Minuten hat sie die Zeit, nach dem Impfnachweis zu fragen. Inzwischen haben noch zwei andere Kundinnen den Laden betreten. Sie sei allein heute, sagt sie entschuldigend, da habe sie keine Zeit für Fragen, es sei so schon stressig genug.

"Als die 2G-Regel noch nicht galt, da haben sie uns die Bude eingerannt."
Sicherheitsmann bei der Einlasskontrolle gegenüber watson

Im Eingang des schwedischen Textilriesen gegenüber steht kein Verkaufspersonal, sondern der Sicherheitsmann einer Fremdfirma und kontrolliert die Kunden vor Betreten des Ladens freundlich, aber gewissenhaft auf Nachweise und Ausweise. Die Krankenkassenkarte eines jungen Mannes lässt er dennoch unbürokratisch als Identitätsnachweis durchgehen.

Er habe gar keine Probleme seit Einführung der 2G-Regel vergangenen Samstag, da wäre es vor einem halben Jahr mit der 3G-Regelung schwieriger gewesen: "Da haben die Kunden etwas weniger Einsicht gezeigt, dass sie sich testen lassen müssen. Mittlerweile sind ja viele so weit, dass sie denken, okay, die Impfung muss sein, die braucht man für den Einzelhandel, und die gehen da auch mit bei 2G. Das mit dem Testen, das war ein Problem, das wollten viele nicht." Dennoch empfindet auch er keinen Unterschied im persönlichen Sicherheitsempfinden, ob an seinem Arbeitsplatz nun 2G- oder 3G-Regeln gelten. Und es würden nun deutlich weniger Kunden kommen: "Den Unterschied hat man gesehen, von Freitag zu Samstag. Freitag war ja hier 'Black Friday', Samstag galten die Angebote noch immer. Als die 2G-Regel noch nicht galt, da haben sie uns die Bude eingerannt."

In diesen Punkten pflichtet Haverkamp dem Sicherheitsmann bei:

"Unsere Läden sind sichere Häfen. Durch Maskenpflicht, Lüftungssysteme und Zutrittsteuerung gilt der Handel nicht als Infektionsherd, das sagt übrigens auch das RKI. Die 2G-Regelung trifft uns in der wichtigsten Zeit des Jahres, der Weihnachtszeit, in der manche Unternehmen bis zu 50 Prozent ihres Jahresumsatzes machen. Die Frequenzen sinken dadurch, die Personalkosten steigen. Wir kritisieren, dass der Einzelhandel hier in eine Situation gebracht wird, die massiv einschränkt und zeitgleich keinen nennenswerten Beitrag haben wird, um die Corona-Lage zu verbessern."
Phillip Haverkamp, Handelsverband Berlin-Brandenburg gegenüber watson

Die geschäftsführende Bundeskanzlerin Angela Merkel hat auf der Pressekonferenz nach den Beratungen mit den Ministerpräsidenten von einem "Akt der nationalen Solidarität" gesprochen, um die Infektionen zu senken. Ob die Kunden sich auch trotz 2G dem stationären Handel gegenüber solidarisch verhalten, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

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