Leben
Young couple hugging on sofa in front of fireplace at home, rear view. Click here for more

Ohne es zu merken, tappte unsere Mutter-Kolumnistin in die Mental-Load-Falle. Bild: iStockphoto / nyul

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Mutter: Das ist der schlimmste Satz, den mein Mann zu mir sagt

"Schonungslos ehrlich" – die Mama-Kolumne ohne Insta-Filter

Letztens holte ich meinen Sohn vom Kindergarten ab und musste beim Ausziehen feststellen, dass er seine eher schmal geschnittene Regenhose falsch herum trug. Nun handelt es sich hier um einen Waldkindergarten und um ein Kind mit ausgeprägtem Hang zum Klettern. Ich habe mich also gefragt, wie der Tag bewegungstechnisch wohl so war, wenn einem der Schritt in der Poritze klemmt. Und dann dachte ich, was für ein Klischee: Es war das erste Mal, dass mein Mann ihn morgens für den Kindergarten angezogen hatte.

Diese kleine Anekdote, die sich wunderbar eignen würde, um sie schmunzelnd weiterzuerzählen, ist leider nicht lustig. Klar kann so etwas in der morgendlichen Hektik passieren, aber für mich ist diese Story viel weitreichender, weil sie – in unserem Fall – so viel mehr erzählt.

Sie erzählt, wie selbstverständlich es war, dass ich mich mit der langen Liste an Outdoor-Kleidung und Zubehör für den Kindergarten auseinandergesetzt habe. Dass ich alles recherchiert, ausgewählt und besorgt habe. Dass ich dieses Kind jeden Morgen anziehe, fertig mache, die Brotbox befülle und es bis vor kurzem auch hingebracht sowie abgeholt habe. Dass ich im Grunde für alles zuständig bin, was unter dem Begriff Care-Arbeit kursiert.

Seien wir mal ehrlich: Ich bin Mutter und Hausfrau, die in den wenigen Stunden, in denen das Kind betreut wird, gerade so viel arbeitet, dass sie nicht aus der Versicherung fliegt. Nie hätte ich gedacht, dass ich eine solche Rolle annehmen würde. Ich bin einfach so reingerutscht. Und als ich es bemerkte, war es fast zu spät. Unser Sohn hatte sich so sehr an mich als Versorgerin gewöhnt, dass er mich ständig einforderte. Wollte mein Mann ihn ins Bett bringen, fing er an zu heulen.

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Unsere Autorin berichtet über die unschönen Seiten des Mutterdaseins – schonungslos ehrlich. Bild: Emmy Lupin Studio

Unsere Autorin......

.....wurde mit Anfang 30 Mutter. Und kommt noch immer nicht damit klar, dass ihr altes, schönes Leben seitdem vorbei ist. Sie ist wütend, dass Eltern nie den Mut hatten, zu erzählen, was es wirklich bedeutet, ein Kind zu haben. Aus diesem Grund legt sie alle zwei Wochen den Finger in die Wunde – und berichtet schonungslos. Und weil sie weiß, dass Mütter sehr giftig werden können, wenn es um ihr Heiligstes geht, bleibt sie lieber anonym. Die täglichen Entrüstungsstürme ihres Sohnes reichen ihr völlig aus.

Kinderlos waren wir ein modernes, unabhängiges Paar

"Was hat uns bloß so ruiniert?" heißt einer meiner Lieblingsfilme zum Thema Familie. Inzwischen stelle ich mir diese Frage täglich. Kinderlos waren wir ein modernes, weltoffenes, unabhängiges Paar. Mein Mann war nie ein Macho, ihm gefiel es, dass ich meine Ideen verwirklichte und er unterstützte mich bei allen Vorhaben. Unser Beruf bedeutete uns beiden viel, wir arbeiteten mit Leidenschaft und starteten sogar ein gemeinsames Projekt.

Dann wurde ich schwanger. Der größte Fehler war wohl, dass wir uns vorher nie Gedanken über gleichberechtigte Elternschaft gemacht hatten. Wie selbstverständlich nahm ich ein Jahr Elternzeit. Ich hatte schließlich die Brüste, er das Unternehmen. Ich saß mit Kind zu Hause, er arbeitete. Als wir nach einem Jahr weder einen Kita- noch einen Tagesmutter-Platz bekamen, lief es einfach so weiter: Ich blieb das zweite Jahr zu Hause und arbeitete abends oder dann, wenn die Großeltern auf ihn aufpassten.

Impftermine, Arztbesuche, Einkäufe, Mittagessen, Abendessen, Koordinierung der Haushaltshilfe, Kleidung, soziale Kontakte zu anderen Kindern, Musikschule, Kinderturnen, Geburtstagsfeiern, Geschenkbesorgungen und nebenbei das Kind möglichst liebevoll zu einem bitteschön glücklichen, grandiosen Wesen erziehen – ich, ganz allein. Und jeden Abend war ich vollkommen erschöpft und frustriert.

"Tatsächlich dauerte es ziemlich lange, bis mir bewusst wurde, zu welchem Klischee ich geworden war."

Ich war, ohne es zu begreifen, in die Mental Load Falle geraten. Mutter ist der undankbarste, aufopferndste und nervenzehrendste Vollzeitjob. Unbezahlt und ohne Anerkennung. Ich ackerte den ganzen Tag – ohne jegliches Erfolgserlebnis. Tatsächlich dauerte es ziemlich lange, bis mir bewusst wurde, zu welchem Klischee ich geworden war. Noch dazu war ich jetzt finanziell vollkommen abhängig.

Und dann krachte es. Ich zeigte ihm auf, was ich unfreiwillig aufgegeben hatte und welche Folgen sich daraus ergaben. Ich hatte sogar Zahlen parat. Der Einkommensverlust, den eine Frau durch ein Kind im Laufe ihres Lebens in Kauf nehmen muss, liegt bei bis zu zwei Drittel ihres Lebenserwerbseinkommens.

Das war der schlimmste Satz, den mein Mann zu mir sagte

Der schlimmste Satz von allen? "Aber ich verdiene doch mehr." Wie soll ich mir denn etwas aufbauen oder aufsteigen und somit mehr verdienen, wenn ich nicht genauso viel arbeiten kann? Wie sieht denn der Rest meiner Berufslaufbahn aus, wenn ich jahrelang nur auf Sparflamme arbeite? Was mache ich dann beruflich, wenn das Kind älter ist? Und rutsche ich in die Armut, sollten wir uns irgendwann trennen? Denn dann stehe ich ohne vorweisbare Karriere und ohne berufliches Netzwerk da, worauf ich aufbauen könnte.

Ich weiß, dass ich in der Lage wäre, genauso viel Geld zu verdienen wie er. Ich habe so einige Ideen, die ich unfassbar gerne umsetzen würde. Ja, sagt er dann, aber ich habe Angestellte, ich habe Verantwortung. Ich kann nicht einfach zwei Tage die Woche zu Hause bleiben oder jeden Tag um 15 Uhr gehen. Doch, kannst du. Was wäre das schlimmste, was passieren würde? Ein Umsatzrückgang. Also Geldverlust. Geld versus meine Unabhängigkeit, meine Selbstverwirklichung, meine Zufriedenheit? Wow.

"Ein kompletter Tag allein mit Kleinkind ist für uns die Hölle."

"Ich verstehe nicht, warum er nicht freiwillig Zeit mit seinem Sohn verbringen will, warum er ihn nicht aufwachsen sehen möchte", sagte letztens eine Freundin zu mir. Ich redete lange herum, wusste selbst nicht so richtig, wie ich es erklären sollte.

Doch dann wurde es mir klar: Wir würden beide lieber arbeiten, als unserem Kind den kompletten Tag beim Aufwachsen aka sich Entwickeln aka hart am Nerven zuzusehen. So siehts aus. Ein kompletter Tag allein mit Kleinkind ist für uns die Hölle. Ein Tag im Büro, wo man Kaffeepausen nach Belieben einlegen kann, Sätze zu Ende denken darf, sich mit Erwachsenen zu spannenden Ideen austauscht? Nice.

Ich muss wie ein Diktator bestimmen

Die einzige wirklich faire Lösung wäre für mich, wir würden uns alles 50/50 aufteilen. Beide arbeiten reduziert und kümmern sich gleich viel ums Kind und den ganzen Kram drumherum. Leider sind wir davon noch weit entfernt. Aber die ersten Schritte habe ich eingeleitet.

Entsetzt musste ich feststellen, dass es nur dann läuft, wenn ich ganz klare Regeln festlege. Einer steht Samstagmorgen auf, einer Sonntagmorgen. Er bringt das Kind zum Kindergarten, ich hole ab. An einem Tag der Woche holt er es mittags ab und ich arbeite durch. Ich gehe zur Musikschule, er übernimmt das Kinderturnen. Er bringt es an diesen Abenden ins Bett, ich an jenen. Doch warum muss ich das wie ein Diktator bestimmen? Warum kommt er nicht selbst auf die Idee, Dinge, die das Kind betreffen, zu übernehmen, zu regeln, gerecht aufzuteilen?

Es ist schließlich unser gemeinsames Kind, das er bekommen wollte. Und warum muss ich für jeden Schritt, der selbstverständlich sein sollte, so kräftezehrend kämpfen? Mein Mann denkt in so vielen Dingen fortschrittlich und visionär, aber hier hängt er in patriarchalischen Strukturen fest. Möglicherweise, weil er es nicht anders vorgelebt bekommen hat. Genau das muss sich ändern. Im nächsten Schritt meines Masterplans habe ich ihn heute Morgen in die Whatsapp-Gruppe des Kindergartens aufnehmen lassen. Have fun!

Meinung

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