Meinung

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Was meine Forderung nach einem neuen Wort für "Schamlippen" für eine Debatte auslöste

Vor zwei Wochen habe ich hier dazu aufgerufen, das Wort "Schamlippen" durch das Wort Vulvalippen zu ersetzen.

Vul-va-waaas?

Hintergrund: Im Duden gibt es kein anderes Wort für "Schamlippen". Ein intimer Teil unseres Körpers, den wir nicht benennen können, ohne "Scham" zu sagen? Was für ein Quatsch. Diese Lippen sind schließlich ein normaler, lustvoller Teil unseres Körpers und nichts zum Schämen. Ich beschloss, zu recherchieren, wie man das ändern kann. Denn Sprache beeinflusst unsere Realität.

Seitdem ist einiges passiert.

  1. Es gab viel Unterstützung
  2. Es gab viel Verwunderung
  3. Es gibt jetzt eine Petition – bei der größten Petitionsplattform der Welt

Aber der Reihe nach:

Unterstützung für meine Forderung

Ein neues Wort, eine neue Bewegung braucht ein neues Zeichen: die VL-Finger (Victory-Zeichen plus Daumen – für VulvaLippen).

Bild

Auf Instagram rief ich dazu auf, mir Bilder mit dem VL-Zeichen zu schicken. Innerhalb kurzer Zeit erreichten mich bei Whatsapp und Instagram die ersten Selfies. Bilder von Freundinnen, von Freundinnen von Freundinnen, von mir völlig unbekannten Frauen, von bekannten Frauen und auch von Kollegen.

Hier eine Auswahl:

Viele Frauen, feministische Gruppen, Blogger und Medienmacher teilten den Aufruf. Ich wurde von Redaktionen angeschrieben, die darüber berichten wollten. Unter anderem wurden die Vulvalippen im Deutschlandfunk, im Zeit-Magazin und in der taz thematisiert.

Die Künstlerin Petra Mattheis gestaltete ein Bild:

Bild

Bild: Petra Mattheis

Doch es gab nicht nur Unterstützung für die Vulvalippen. Es gab auch, sagen wir mal, Verwunderung. Was mich zu Punkt Zwei bringt:

Unverständnis

Die Verwunderung lässt sich in drei Punkte aufteilen.

1) Das Totschlagargument

"Da werden Mädchen zwangsverheiratet und ihr wollt Schamlippen umbenennen, geht’s noch?"

Das war so eine Reaktion, die ich immer mal wieder gehört habe. Mal ganz abgesehen davon, dass ich die leise Vermutung hege, dass solche Einwände nicht von Leuten kommen, die sich für zwangsverheiratete Mädchen einsetzen, ist die Antwort: Ja, will ich.

Mit diesem Einwand könnte man jedes Engagement zunichte machen. Was, jemand will privat ein Beet bepflanzen? Und was ist mit der Sanierung des maroden Sportplatzes? Mit der Altersarmut? Mit den schmelzenden Polkappen?

Wer Themen gegeneinander ausspielt, setzt sich nicht inhaltlich mit dem Problem auseinander und verhindert Dialog. Es sind die ekligen Rechthaber unter den Pseudo-Argumenten. Aber die Welt ist halt nicht schwarz und weiß. Sich für Vulvalippen einzusetzen heißt nicht, kein Bewusstsein oder keine Energie für andere Probleme zu haben.

Außerdem: Die Unterdrückung von Sexualität, die Verstümmelung von Geschlechtsteilen, die Fremdverfügung über Körper, das Nicht-ernst-nehmen von Stimmen, speist sich aus Diskursen, die genau das über Jahrhunderte antrainiert haben: Dass Gefühl, dass es nicht wichtig, nicht relevant, oder sogar verachtenswert ist, was Frauen selber über ihre Körper entscheiden, was sie fühlen, was sie spüren.

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Bild: giphy

2) Die Unkenntnis...Vul...va?!

Viele Menschen wissen offenbar nichts bis wenig über die Anatomie der Frau.

Was "untenrum" denn noch mal "was" ist, wurde ich auch öfters gefragt. Und auch deswegen setze ich mich für die Vulvalippen ein: Es sind die Lippen der Vulva. Und die Vagina ist nicht das gleiche. ☝️

3) Das Aber-warum-denn-dieses-Wort-Argument

Auftritt, die selbsternannten Wort-Ästheten.

"Ja, kann dich schon verstehen, aber 'Vulva' ist einfach kein schönes Wort! "

Diesen Einwand habe ich wirklich oft gehört. Ich habe das auch anfangs gedacht. Klingt halt doch recht medizinisch und fremd. Aber das ändert sich, wenn man das Wort nur häufig genug ausspricht. Wenn es Normalität wird.

Wörter schaffen Wirklichkeit. Wörter legen Zeugnis ab von Geschichte und sie schreiben sie fort. Im Fall der Schamlippen ist es die Geschichte der unterdrückten Sexualität.

Wir können das verändern – mit einer Petition

Die größte Petitionsplattform der Welt change.org ist auf die Vulvalippen-Aktion aufmerksam geworden und auf mich zugekommen. Mit der Autorin und Journalistin Mithu Sanyal habe ich dort nun eine Kampagne gestartet, um das neue Wort so bekannt wie möglich zu machen:

Hier könnt ihr unterschreiben und nachlesen, wie ihr das Anliegen unterstützen könnt.

Schreibt mir gerne, schickt mir Selfies mit dem VL-Zeichen auf Instagram, twittert den Hashtag #vulvalippen und unterschreibt die Petition.

Keine Scham mehr.

Auch noch mal im Video:

abspielen

Video: watson/Gunda Windmüller, Lia Haubner

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