Das Industriegas CO2 ist für zahlreiche Prozesse in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie unerlässlich. Bei einigen Produkten kann es durch die Knappheit zu Engpässen kommen.
Das Industriegas CO2 ist für zahlreiche Prozesse in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie unerlässlich. Bei einigen Produkten kann es durch die Knappheit zu Engpässen kommen.Bild: imago images / photothek
Analyse

Das CO2 geht aus – mehrere Produkte könnten knapp werden: Wie das deinen Einkauf beeinflusst

14.09.2022, 16:43

In Deutschland und Europa wird das Industriegas Kohlenstoffdioxid knapp. Damit gemeint ist ausnahmsweise nicht das umweltschädliche Treibhausgas CO2, sondern sogenanntes reines Kohlendioxid. Das wird zum Problem für die Ernährungsindustrie, denn das Industriegas ist für zahlreiche Prozesse in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie unentbehrlich.

Schuld an der Knappheit sind einem Bericht der "Welt" zufolge die hohen Energiepreise infolge des Krieges in der Ukraine. Denn diese führen dazu, dass Düngemittelfabriken ihre Produktion drosseln – und CO2 entsteht als Nebenprodukt bei der Herstellung von Dünger.

Lesenswert: König Charles verliert nach Panne die Fassung

Wird also weniger Düngemittel produziert, sinkt infolgedessen auch die Produktion von CO2. Lediglich 30 bis 40 Prozent der eigentlich benötigten Menge des Industriegases stehen dem Bericht der "Welt" demnach noch zur Verfügung.

Massive Tierschutzprobleme durch CO2-Mangel

Nicht nur zum Ärger von Lebensmittel- und Getränkeherstellern, sondern auch zum Schaden von Schlachtbetrieben – und nicht zuletzt den Nutztieren selbst. Denn CO2 wird sowohl zur Betäubung der Tiere genutzt, als auch um Fleisch- und Wurstwaren für die Verbraucher:innen länger haltbar zu machen.

"Ein System, welches bei Lieferschwierigkeiten zu massiven Tierschutzproblemen führt, ist nicht tragbar. Es geht um Lebewesen, nicht um Autos."
Patrick Müller vom Verein Pro Vieh

"Insbesondere würden ganz erhebliche Tierschutzprobleme daher entstehen, dass die ausgewachsenen Tiere nicht geschlachtet werden können", gibt Patrick Müller im Gespräch mit watson zu bedenken. Müller ist Referent des Vereins ProVieh, der sich gegen tierquälerische Massentierhaltung einsetzt.

Bildnummer: 56831882 Datum: 01.04.1996 Copyright: imago/teutopress
Thema: Fleisch / Schlachthof (Schweineschlachtung) 04/96 mo Lebensmittel Industrie Fleisch Tier Schwein Schlachtung Featurefoto quer  ...
Der CO2-Mangel führt vor allem in der Schlachtindustrie zu großen Problemen.bild: imago images / teutopress

Der Grund für die Tierschutzprobleme: Fehlt das CO2 zur Betäubung der Tiere beim Schlachtvorgang, können die Tiere nicht geschlachtet werden. Die Folge: Sie werden größer und dicker, sodass der Platz in den Ställen nicht mehr ausreicht. Hinzu kommt, dass weiterhin Ferkel nachkommen – für die aber ebenfalls keine Stall-Plätze vorhanden sind.

"Frischfleisch und Wurst im Supermarkt könnten knapp werden."
Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Fleischwirtschaft Heike Harstick

"Dieses Problem haben wir bereits jetzt in den von der Afrikanischen Schweinepest betroffenen Gebieten in NRW", sagt Müller. "Dort gibt es schon jetzt, viel mehr aber in den nächsten Wochen, erhebliche Tierschutzprobleme." Schweine aus diesem Gebiet würden nur schwer oder gar nicht von Schlachtereien abgenommen.

Frischfleisch und Wurst vom Schwein im Supermarkt könnten knapp werden

Dies zeige, wie verletzlich die agrarindustriellen Systeme sind. "Ein System, welches bereits bei kurzfristigen Lieferschwierigkeiten zu massiven Tierschutzproblemen führt, kein bisschen resilient gegenüber äußeren Schwankungen und Einflüssen ist – ist nicht länger tragbar", betont Müller. "Es geht hier schließlich um Lebewesen, nicht um Autos."

Alternative Methoden zur Schlachtung der Schweine gibt es nicht – dafür fehlen das Personal, die technische Ausstattung und entsprechende Räumlichkeiten.

Heike Harstick, Hauptgeschäftsführerin des Verbands der Fleischwirtschaft (VDF) schließt Lücken im Sortiment des Einzelhandels für die kommenden Wochen daher nicht mehr aus. Gegenüber der "Welt" sagte sie: "Es kann passieren, dass zeitweise kein Frischfleisch und keine Wurst vom Schwein verfügbar ist."

Bei welchen Produkten drohen Engpässe?

Aber die Anwendungsgebiete für das Industriegas sind vielfältig. So wird CO2 unter anderem der Luft in Gewächshäusern beigemischt, damit die dort angebauten Pflanzen schneller wachsen und reifen können.

"Das CO2 verdrängt den Sauerstoff, dadurch wird die Ware länger haltbar."
Hauptgeschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes Eckhard Heuser

Besonders wichtig ist Kohlendioxid für die Haltbarkeit von Lebensmitteln. Bei Verpackungen von Fleisch, Wurst, Käse oder Joghurt wird es als Schutzgas eingesetzt. "Das CO2 verdrängt den Sauerstoff, dadurch wird die Ware länger haltbar", erklärte der Hauptgeschäftsführer des Milchindustrie-Verbandes (MIV), Eckhard Heuser, gegenüber der "Welt".

So sei Hartkäse normalerweise mindestens 90 Tage haltbar – ohne das Schutzgas CO2 allenfalls zwei Wochen, dann würden Bakterien und Schimmelpilze den Käse verderben. Die plötzlich verkürzte Haltbarkeit kann je nach Produkt schon zu Schwierigkeiten bei der Logistik bis zu den Endverbraucher:innen führen. Heuser sieht, wie er gegenüber der "Welt" erklärte, daher Produktion und Lieferketten bei den Molkereien bedroht.

Mineralwasser, Cola, Limonade: Auch das könnte knapp werden

Bei Herstellern von Mineralwasser gab es bereits Produktionsausfälle. Denn auch hier wird das CO2 benötigt, das in Verbindung mit Wasser zu Kohlensäure wird. In Deutschland könnte das zu Verärgerung unter den Kund:innen führen, denn hierzulande trinken die Leute dem Geschäftsführer des Verbands Deutscher Mineralbrunnen (VDM) zufolge allem voran Sprudelwasser.

Aber nicht nur die Mineralwasserproduktion ist betroffen. Auch bei anderen Erfrischungsgetränken wie Cola oder Limonade könnte es regional zu Engpässen kommen.

Für bessere Luft: Londoner Bürgermeister will dreckige Autos aus der Stadt verbannen

Für Besitzer von Autos mit schlechten Abgaswerten soll das Fahren in ganz London im kommenden Spätsommer teuer werden. Bürgermeister Sadiq Khan will Ende August die bereits in den Innenstadtbezirken geltende Niedrigemissionszone auf alle Teile der britischen Hauptstadt ausweiten und damit dreckige Fahrzeuge so weit wie möglich verbannen. Davon sind Hunderttausende Autofahrer betroffen.

Zur Story