Nachhaltigkeit
Doppelinterview

Klima-Aktivisten: Wie viel es kostet, die Welt zu retten – Zahlen überraschen

Der Film "The Power of Activism" zeigt den Einfluss der australischen Meeresbiologin und Aktivistin Alice Forrest für den Schutz der Ozeane.
Der Film "The Power of Activism" zeigt den Einfluss der australischen Meeresbiologin und Aktivistin Alice Forrest für den Schutz der Ozeane. bild: privat
Doppelinterview

Klima-Aktivisten: Wie viel es kostet, die Welt zu retten – Zahlen überraschen

Im Interview mit watson sprechen die australische Produzentin Michelle Dado-Millynn und Aktivistin Alice Forrest darüber, warum es notwendig ist, den Wert des Aktivismus zu beziffern und was sie sich von ihrer Arbeit und dem Film erhoffen.
13.03.2023, 18:1516.03.2023, 08:50
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Was kostet es, die Welt zu retten? Und welche Rolle spielt dabei der Aktivismus?

Diese Fragen will der Film "The Power of Activism" beantworten, der im Rahmen der "Ocean Film Tour" gezeigt wird. Die Produzentin, Michelle Dado-Millynn, hat dafür drei Aktivistinnen filmisch begleitet, die sich mit aller Kraft für Umwelt- und Klimaschutz einsetzen.

Mit einer Besonderheit: Sie haben ein Preisschild an die Arbeit der Aktivistinnen gehängt und zeigen so, wie wertvoll ihr Einsatz auch ökonomisch gesehen ist.

Allein das Engagement von Meeresbiologin und Aktivistin Alice Forrest ist beispielsweise mehr als 12 Millionen Euro wert – pro Jahr. Die Arbeit einer anderen Aktivistin, die in zahlreichen Communities Beutel aus recycelten Stoffen nähen lässt, beziffert sich sogar auf 173 Millionen Euro. Und der finanzielle Wert einer weiteren Aktivistin, die sich gegen den Haifang einsetzt, beläuft sich auf 625.000 Euro.

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watson: Kürzlich wurden die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, die besagt, dass durch die Klimakrise bis zu 900 Milliarden Euro an Schäden entstehen – allein in Deutschland. Warum scheint es, als bräuchten wir für alles ein Preisschild, auch für Umwelt- und Klimaaktivismus?

Alice Forrest: Ich denke, verschiedene Menschen werden von verschiedenen Dingen angezogen: Für mich ist es die Verbindung zur Natur, in der Wildnis zu sein und diese besonderen Momente zu erleben, weil ich etwa mit einem Buckelwal schwimme. Und für andere Menschen sind es eben wirtschaftliche Aspekte. Ich würde gern in einer Welt leben, in der Geld nicht das Wichtigste ist. Aber ich glaube, dass Preisschilder für den Aktivismus die einzige Möglichkeit sind, Menschen neben der Wissenschaft und der Naturverbundenheit von der Notwendigkeit des Klimaschutzes zu überzeugen.

"Eine Wirtschaftswissenschaftlerin beziffern zu lassen, was der Aktivismus (...) wert ist, soll Regierungen zum Handeln bewegen."
Produzentin von "The Power of Activism", Michelle Dado-Millynn

Michelle Dado-Millynn: Ich denke, die Realität sieht so aus, wie es Jordyn, eine andere Aktivistin aus "The Power of Activisism" beschrieben hat: "Es sind die Leute mit Geld, die die Macht haben." In einer kapitalistischen Welt wie unserer spricht Geld in gewisser Weise jeden an – auch uns. Mit unserem Film wollen wir einen Weg finden, Menschen für den Klimaschutz zu begeistern, die sonst eher keinen Zugang zu dem Thema haben.

Eine Wirtschaftswissenschaftlerin beziffern zu lassen, was der Aktivismus der drei Protagonistinnen wert ist, soll Regierungen und Entscheidungsträger auf der ganzen Welt zum Handeln bewegen. Und wenn dieser erste Schritt darüber läuft, dem Ganzen einen finanziellen Wert beizumessen, dann müssen wir das tun. Sobald die Menschen zuhören und tiefer in das Thema einsteigen, werden sie sehen, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist, weil alles mit allem zusammenhängt.

Können wir an jede Art von Aktivismus ein Preisschild hängen?

Michelle: Ich denke schon, denn darunter kann sich jeder etwas vorstellen. Vielleicht wird den Leuten dadurch klar, dass das Engagement der Aktivisten einen Wert und Nutzen für uns alle hat. Viele Dokumentarfilme lassen einen überwältigt und hoffnungslos zurück, man ertappt sich bei der Frage: "Welchen Unterschied macht es schon, was ich tue?" Die drei Protagonistinnen aus "The Power of Activism" zeigen, dass ihre Arbeit sehr wohl einen Unterschied macht. Sie reißen die Menschen mit, machen Hoffnung und lassen die Zuschauer voller Tatendrang zurück.

Als Aktivistin und Meeresbiologin versuchst du, die Menschen für die Ozeane, Buckelwale und Pinguine zu begeistern, damit sie sich für den Schutz dieser engagieren. Wann hast du dich in den Ozean verliebt?

Alice: Eine wirkliche Verbindung zum Meer habe ich erst aufgebaut, als ich Tauchen gelernt und viel Zeit unter Wasser verbracht habe. Das hat mir die Augen geöffnet und gezeigt, wie viel mehr unter der Oberfläche schwelt, es ist eine magische Welt. Es hat mich verblüfft zu erfahren, dass jeder zweite Atemzug, den wir nehmen, aus dem Meer stammt und wir wirklich von ihm abhängig sind. Und trotzdem haben wir es überfischt, die Wale beinahe ausgerottet.

"Deshalb ist es auch so wichtig, diese Dinge mit einem Geldwert zu versehen und zu schauen: Was ist uns ein sauberer Ozean wert?"
Meeresbiologin und Aktivistin Alice Forrest

Diese tiefe Verbundenheit zum Ozean zeigt ihr auch im Film. Was ist eure Botschaft?

Michelle: Wenn bei den Menschen der Funke überspringt – ob durch die Verbindung zu den Meeren oder den finanziellen Nutzen des Aktivismus, wird ein Domino-Effekt in Gang gesetzt. Es wird erkenntlich, dass die Arbeit der Aktivistinnen, einen Unterschied macht. Und auch wenn es manchmal länger dauert, wird man die Veränderungen sehen, wenn man weitermacht.

Wir sollten niemals unterschätzen, wie mächtig solche Vorbilder wie etwa Alice oder die anderen Protagonistinnen aus dem Film sein können. Und eben diese Botschaft wollen wir verbreiten.

"Es gibt keine Alternative – entweder man ist im 'Team Lösung', oder man ist im 'Team Problem'."
Produzentin von "The Power of Activism", Michelle Dado-Millynn

Alice, gibt dir das Hoffnung, etwas zu bewegen?

Alice: Normalerweise betrachte ich die Welt nicht durch den wirtschaftlichen Blickwinkel. Für mich ergibt sich der Wert aus anderen Dingen. Das Problem mit der Umwelt ist nur: Wir setzen kein Preisschild an einen gesunden Ozean oder saubere Luft. Und weil es kostenlos ist, nehmen sich die Menschen, was sie brauchen.

Deshalb ist es auch so wichtig, diese Dinge mit einem Geldwert zu versehen und zu schauen: Was ist uns ein sauberer Ozean wert? Und welchen Wert hat die Arbeit zum Schutz dieser Dinge. Wenn ich meinen Aktivismus anhand des wirtschaftlichen Werts betrachte, hätte ich eine Menge Geld verdienen können (lacht).

Und weil die Luftverschmutzung kaum zu sehen ist, ist sie leicht zu ignorieren?

Alice: Ganz genau. Das Leben der meisten Menschen wird sich nicht verändern, bis es plötzlich zu spät ist. Deshalb ist die Botschaft unseres Films so wichtig. Wir müssen diese Botschaft auf so vielen Wegen wie möglich vermitteln, damit sie die Menschen erreicht, bevor es zu spät ist. Noch bleibt uns etwas Zeit, aber wir kommen diesem Kipppunkt immer näher.

Alice schwimmt mit einem Buckelwal. Vor allem die Kälber genießen es, mit Menschen zu spielen und zu schwimmen.
Alice schwimmt mit einem Buckelwal. Vor allem die Kälber genießen es, mit Menschen zu spielen und zu schwimmen.bild: Scott Portelli

Michelle: Das war auch für mich eine Art Trigger, weil ich gemerkt habe: Wenn ich etwas tue und mich engagiere, geht es mir besser. Ich war vorher oft hilflos, deprimiert, traurig und wütend. Aber das bringt einen nicht weiter. Also habe ich diesen Film gedreht. Und plötzlich war ich selbst wieder voller Zuversicht.

Wir brauchen nur genügend Menschen, bei denen der Funke überspringt: Wenn man zehn Jahre zurückblickt, sieht man bereits einen solch gravierenden Wandel. Es gibt keine Alternative – entweder man ist im "Team Lösung", oder man ist im "Team Problem". Und sorry, es gibt keine Wahl – geh diesen Weg, geh mit uns!

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