Schauspieler spielen anlässlich der Großdemonstration in Glasgow am Freitag die aktuellen Staatsoberhäupter mit Masken nach, die währenddessen auf der COP26 verhandeln.
Schauspieler spielen anlässlich der Großdemonstration in Glasgow am Freitag die aktuellen Staatsoberhäupter mit Masken nach, die währenddessen auf der COP26 verhandeln.Bild: PA Wire / Danny Lawson
Gastbeitrag

Klimaaktivist von Fridays for Future zum Weltklimagipfel: "Die COP26 wird die Welt nicht retten"

05.11.2021, 16:2806.11.2021, 08:39
florian könig, gastautor

Seit einigen Tagen ist Glasgow überfüllter als je zuvor. Tausende Menschen aus der ganzen Welt versammeln sich in den nächsten zwei Wochen hier in Schottland zur COP26. COP - was ist das überhaupt?

Die (eigentlich) jährlich stattfindende UN-Klimakonferenz ist DAS große Treffen der Vertragsstaaten des 2015 beschlossenen Pariser Klimaabkommens – die "Conference of the Parties". Die diesjährige Konferenz COP26 war ursprünglich als 26. Weltklimakonferenz im November 2020 geplant, wurde jedoch wegen Corona verschoben und hat nun also diesen Montag begonnen.

Noch bis zum 12. November kommen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus aller Welt zusammen und verhandeln über den Erhalt unserer Lebensgrundlagen. Neben all diesen Regierungschefs und Verhandlerinnen sind hier außerdem zahlreiche NGOs und Aktivistinnen und Aktivisten vor Ort, um sich zu vernetzen, Druck auf die Regierungen auszuüben und den Verhandelnden ihre immense Verantwortung bewusst zu machen.

Florian König ist 22 Jahre alt, wohnt in Hamburg, studiert Physik und ist seit 2019 bei Fridays for Future aktiv. Er plant die Hamburger Demonstrationen mit und ist seit 2020 Pressesprecher der Ortsgruppe.
Florian König ist 22 Jahre alt, wohnt in Hamburg, studiert Physik und ist seit 2019 bei Fridays for Future aktiv. Er plant die Hamburger Demonstrationen mit und ist seit 2020 Pressesprecher der Ortsgruppe.

Warum sind wir hier mit vor Ort? Warum lassen wir die Verhandelnden nicht einfach in Ruhe ihren Job machen? Weil dieses Treffen der Mächtigsten – die sich alle zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze bekannt haben – vor allem eines hervorbringt: Leere Versprechungen und unzureichende Pläne!

Auch nach fast drei Jahren weltweiter Klimastreiks, nach Hitzesommern und Dürren, nach Fluten und Stürmen, ist, wenn man sich die Emissionen anschaut, absolut nichts passiert: Heute sind die Emissionen so hoch wie noch nie! Und dennoch äußern die Regierungen vor allem schöne Worte mit wenig konkretem Inhalt.

"Die Klimagerechtigkeitsbewegung hat in den letzten Jahren gemeinsam mehr verändert als alle Weltklimakonferenzen."

So entmutigend und gefährlich dieses Nichts-Tun der verantwortlichen Politiker auch ist, ist die COP, beziehungsweise das, was darum herum passiert, trotzdem unfassbar wichtig. Unsere Hoffnung liegt letztendlich bei den aktiven Menschen, die hier in Glasgow zusammenkommen, die sich seit Jahrzehnten und jetzt auch hier zusammenschließen und für Klimagerechtigkeit kämpfen. Die Klimagerechtigkeitsbewegung hat in den letzten Jahren gemeinsam mehr verändert als alle Weltklimakonferenzen.

Dieses Jahr stehen hier vor allem Menschen aus sog. MAPA Regionen im Fokus. MAPA, das sind "Most Affected People and Areas", also die am stärksten betroffene Menschen und Gebiete. Ihre Stimmen müssen im Vordergrund jeder Debatte um echten Klimaschutz stehen. Alle gemeinsam fordern wir hier in Glasgow, dass Staaten endlich klare Emissions-Budgets und daran orientierte Ziele festsetzen, die dann auch von den Regierungen konsequent umgesetzt werden. Jetzt sofort! Die Länder müssen die 1,5-Grad-Grenze ernst nehmen, dürfen sie nicht aufgeben. Denn der Kompromiss wurde bereits 2015 geschlossen.

Mit geophysikalischen Tatsachen lässt sich nicht verhandeln, die Natur kann keine weiteren Kompromisse eingehen, ohne Millionen von Menschenleben zu gefährden. Nicht nur die zahlreichen Klimaaktivistinnen und -aktivisten auf den Straßen zeigen, dass das gesellschaftliche Momentum für einen gerechten Wandel da ist – jetzt muss entsprechend gehandelt werden.

Doch die große Aufregung um die COP26, die immense Dringlichkeit dieses Treffens, spiegeln sich nicht in den Zusagen der Verhandelnden wider. Es sieht nicht danach aus, als würden die von der Klimakatastrophe Betroffenen hier gehört, geschweige denn respektiert werden: Unsere Bundesregierung fährt ohne jeden Plan nach Glasgow. Dabei ist Deutschland als Hauptverursacherstaat in der historischen Pflicht, Kosten der Klimakrise zu übernehmen und schnellstmöglich weitere Zerstörung stoppen.

"Die sich jetzt formende Bundesregierung ist die letzte, die Deutschland noch auf den Pfad zur Einhaltung des 1,5-Grad-Limits bringen kann."

2016 haben alle Parteien im Bundestag das Pariser Klimaabkommen angenommen – nun müssen wir dem auch gerecht werden. Die sich jetzt formende Bundesregierung ist die letzte, die Deutschland noch auf den Pfad zur Einhaltung des 1,5-Grad-Limits bringen kann. In den vergangenen Monaten haben sich alle demokratischen Parteien zu dieser Verpflichtung bekannt.

Jetzt ist die Bundesrepublik gefragt! Menschen aus den am stärksten betroffenen Gebieten (MAPA) und der ganzen Welt fordern von ihr konsequenten Klimaschutz ein. Die neue Regierung muss ihrer Chance und Verantwortung gerecht werden und beweisen, dass sie die Dringlichkeit der Klimakrise ernst nimmt sowie ihre Wahlkampfversprechen einhalten.

Um die schlimmsten Katastrophen der Klimakrise zu verhindern, brauchen wir einen neuen Politikstil. Dafür müssen die regierenden Parteien über ihre bisherigen Pläne hinaus die Fehler der letzten Koalition beseitigen, um die Emissionen jetzt schnell drastisch zu senken.

In Lützerath demonstrieren viele Menschen für den Erhalt der Dörfer.
In Lützerath demonstrieren viele Menschen für den Erhalt der Dörfer.Bild: www.imago-images.de / Christoph Hardt

Deutschland muss sich endlich ehrlich global gerecht verhalten. Dafür brauchen wir einen 1,5-Grad konformen Koalitionsvertrag mit klarer Orientierung an einem gerechten Emissionsbudget und verbindlichen Reduktionszielen. Stattdessen sind Menschen in Deutschland noch immer gezwungen, dafür zu kämpfen, dass das Dorf Lützerath (NRW) nicht für weiteren Kohleabbau abgebaggert wird und keine weiteren Autobahnbauprojekte (z.B. in Sachsen-Anhalt) Ökosystemen gravierende Schäden zufügen.

Wir müssen endlich diese Zerstörung stoppen und eine sozial gerechte Energie- und Verkehrswende einleiten. Deutschland muss Verantwortungsbewusstsein übernehmen und seine Rolle anerkennen. Das bedeutet, dass Parteien nicht schon vor Regierungsantritt durch einen mangelhaften Koalitionsvertrag alle Zusagen zu 1,5 Grad über Bord werfen und damit bewusst das Leben von tausenden Menschen aufs Spiel setzen dürfen.

Auf der COP sehen wir, dass eben nicht nur ein paar Klimakids einen radikalen Wandel fordern. Stattdessen ist da eine Weltöffentlichkeit, Menschen erkennen die historische Chance, die Verantwortung, die die Bundesrepublik trägt. Die Erwartungen sind hoch und das müssen sie auch sein. Die Lage ist ernst, wir steuern auf eine Erderhitzung von 2,7 Grad zu – doch noch können wir intervenieren, die Reißleine ziehen und endlich den so dringend benötigten Politikwechsel wagen. Wir stehen in der Klimakrise an einem Scheideweg und es liegt an uns, den nötigen Wandel zu erwirken.

Die COP26 wird die Welt nicht retten – doch hier kann und muss eine Grundlage dafür gelegt werden, dass die Welt noch gerettet wird.

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