Bilder von Hitzeperioden, die spielende Kinder zeigen, verharmlosen die Auswirkungen von Hitzewellen und damit auch der Klimakrise.
Bilder von Hitzeperioden, die spielende Kinder zeigen, verharmlosen die Auswirkungen von Hitzewellen und damit auch der Klimakrise. Bild: dpa / Serge Haouzi
Gastbeitrag

Fridays for Future kritisiert: "Der Klimawandel ist keine Poolparty"

15.07.2022, 15:39
Ole Horn und Patsy Islam-Parsons, Gastautor und gastautorin

Wir kennen sie alle, die Bilder von bunten Sonnenschirmen, Teenagern, die Rückwärtssalti in den See machen oder von Kindern, die fröhlich durch Springbrunnen rennen: Wenn wir uns dann die Artikel anschauen, geht es zumeist um die Hitzewellen der letzten Wochen. Doch statt einen Zusammenhang zur Klimakrise herzustellen, verkaufen die Medien die Hitzewelle als Badespaß.

Im Mai und Juni dieses Jahres erlebte Europa Hitzewellen mit Temperaturen, die bis zu 10 Grad über dem Normalwert lagen. Eine Wetterstation in Cottbus verzeichnete Temperaturen von 39,2 Grad, während in St. Jean de Minervois in Frankreich mit 40 Grad der Rekord für den wärmsten Tag im Juni aufgestellt wurde.

Alle zwei Wochen melden sich Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future in einem Gastbeitrag bei watson zu Wort.
Alle zwei Wochen melden sich Aktivistinnen und Aktivisten von Fridays for Future in einem Gastbeitrag bei watson zu Wort.

Bei diesen unglaublichen Temperaturen und der weit verbreiteten Trockenheit steigt auch die Gefahr von Waldbränden erheblich. Vor allem in Spanien zeigte sich das eindrücklich: Hunderte von Menschen wurden aufgrund der Brände gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Eines der Feuer erreichte eine Größe von über 25.000 Hektar.

Doch nicht nur in den vermeintlich wärmeren Ländern Europas hatte die Temperatur starke Auswirkungen, sondern auch hier in Deutschland. So gab es beispielsweise in Brandenburg große Brände, die über Tage nicht gelöscht werden konnten.

Es drohen Hitzewellen – auch für uns in Deutschland

Und die Hitzewellen sind noch nicht vorbei: In den kommenden Wochen werden die Menschen in Mittel-, Süd- und Westeuropa erneut mit starker Trockenheit konfrontiert werden. Prognosen gehen davon aus, dass die Temperaturen möglicherweise noch höher sein werden als vor einigen Wochen.

Nun sollte man meinen, dass wir auf die anstehenden Wetterextreme gut vorbereitet sind. Insbesondere nach den Ereignissen im Ahrtal, die sich in diesen Tagen zum ersten Mal jähren. Doch dem ist nicht so – ganz im Gegenteil.

Bei Treuenbrietzen in Brandenburg brannten Mitte Juni große Waldstücke ab.
Bei Treuenbrietzen in Brandenburg brannten Mitte Juni große Waldstücke ab. Bild: dpa

Medien erhalten Perspektive der "Business-as-usual-Welt"

Medien berichten über die Klimakrise, als wäre es ganz normal, dass in Europa riesige Brände toben, unsere Landwirtschaft mal wieder am Limit ist und unsere Grundwasservorkommen immer stärker sinken. Es kann sich nur um einen Versuch handeln, die Klimakrise herunterzuspielen um uns die Dringlichkeit zu handeln, auszureden. Wir sind im Jahr 2022, aber die Medien erhalten immer noch die Perspektive der bequemen "Business-as-usual-Welt" und ignorieren damit weiterhin die Ausmaße der Klimakrise.

Die Realität ist, dass Hitzewellen extrem tödlich sind: Von 2018 bis 2020 gab es in Europa fast 20.000 hitzebedingte Todesfälle. Aber selten sehen wir solche Zahlen auf der Titelseite von Zeitungen. Nicht nur in Europa werden durch die Klimakrise Hitzerekorde aufgestellt. Anfang dieses Jahres wurden in weiten Teilen Indiens und Pakistans Temperaturen von bis zu 49 Grad gemessen.

Zur Einordnung: Ab einer Außentemperatur von 37 Grad hat der menschliche Körper Probleme, mit den Temperaturen umzugehen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Indian Institute of Technology in Delhi stellten fest, dass die Wahrscheinlichkeit, einer solchen Hitzewelle in Indien und Pakistan aufgrund der Klimakrise um das 30-fache gestiegen ist.

"Die Klimakrise ist bittere Realität, sie raubt jeden Tag Menschen das Zuhause, die Angehörigen, das Leben. Die Klimakrise ist hier und jetzt"

Die Klimakrise ist längst Realität – sie muss ernst genommen werden

Die Fakten dazu liegen klar und deutlich auf der Hand. Statt mit diesen zu arbeiten, wollen Politikerinnen und Politiker, Journalistinnen und Journalisten sowie Wirtschaftsvertreterinnen und Wirtschaftsvertreter in Machtpositionen aber anscheinend verhindern, dass sie aus ihren Komfortzonen heraus müssen. Das hieße ja auch, sich mit der tatsächlichen Situation unserer von fossilen Brennstoffen abhängigen Gesellschaft zu beschäftigen.

Die Klimakrise ist längst Realität. Sie ist kein fernes Problem, und wir können nicht noch länger warten, es ernst zu nehmen. Die Klimakrise ist bittere Realität, sie raubt jeden Tag Menschen das Zuhause, die Angehörigen, das Leben. Die Klimakrise ist hier und jetzt.

"Nicht zuletzt das Urteil des Verfassungsgerichts zeigte deutlich: Unser Protest hat den Diskurs mehr als nur verschoben."

Deshalb gehen wir seit mehr als dreieinhalb Jahren freitags auf die Straße und streiken. Als Fridays for Future haben wir weltweit Millionen von Menschen mobilisiert, um echte Klimapolitik zu fordern. Es wurde mehr als nur klar gesagt, dass die enormen Profite großer Konzerne nicht weiter über Menschenleben gestellt werden dürfen. Immer wieder konnten wir mit unseren Klimastreiks enorme Erfolge erzielen.

So haben wir zum Beispiel die Bundesregierung zu einem Kohleausstieg bis 2030 und dem Ziel von 100 Prozent erneuerbaren Energien bis 2035 gebracht. Nicht zuletzt das Urteil des Verfassungsgerichts zeigte deutlich: Unser Protest hat den Diskurs mehr als nur verschoben.

Urteil des Verfassungsgerichts
Im Frühjahr 2021 nahm das Bundesverfassungsgericht eine Klage gegen das Klimagesetz der Bundesregierung an. Mehrere Fridays For Future Aktivistinnen und Aktivisten und der Bund für Umwelt und der Naturschutz Deutschland (BUND) sowie der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und Greenpeace hatten die Klage unterstützt. Laut Verfassungsgericht haben ausreichende Vorgaben für die Emissionsminderung ab 2031 gefehlt.


Seit 2018 demonstriert die Fridays-for-Future-Bewegung für Klima- und Umweltschutz.
Seit 2018 demonstriert die Fridays-for-Future-Bewegung für Klima- und Umweltschutz. Bild: imago images / imago images

Ampel-Regierung weicht Klimaziele wieder auf

Doch anstatt endlich die Ziele in den Sektoren zu erhöhen, um einen gerechten Beitrag zur internationalen Klimapolitik zu leisten oder ernsthafte Maßnahmen gegen die Hitzewellen zu treffen, weicht die Ampel-Koalition ihre Klimapolitik wieder auf. Anders als beispielsweise Frankreich, das seit 2004 einen vierstufigen Hitzeplan hat, ist in Deutschland nicht einmal der Ansatz einer wirklichen Antwort auf die drohenden extremen Temperaturen zu sehen. Als würde diese Planlosigkeit mit Blick auf die uns drohenden Ereignisse nicht reichen, macht die Regierung gerade aktiv Schritte in die falsche Richtung.

"Die Bundesregierung arbeitet eher daran, die Klimakrise weiter anzukurbeln, als sich dieser ernsthaft anzunehmen. Es ist ganz klar, dass Olaf Scholz und seine Regierung versuchen, alle unsere Fortschritte zurückzudrehen."

Egal ob bei den Verhandlungen über einen späteren Kohleausstieg, den Deals mit Katar oder dem Senegal für neue Gasquellen, den Bau neuer Gasinfrastrukturen oder der weiteren Aufweichung der Sektorenziele: Die Bundesregierung arbeitet eher daran, die Klimakrise weiter anzukurbeln, als sich dieser ernsthaft anzunehmen. Es ist ganz klar, dass Olaf Scholz und seine Regierung versuchen, alle unsere Fortschritte zurückzudrehen.

Wir können und werden nicht hinnehmen, dass die Regierung die Klimakrise weiter anheizt, anstatt gerechte Beiträge zur internationalen Klimapolitik zu leisten und endlich damit anzufangen, die größte Bedrohung der Menschheit ernst zu nehmen. Wir müssen endlich mit Zielen arbeiten, die der Situation gerecht werden, statt diese weiter aufzuweichen. Wir benötigen Maßnahmenpakete, um die Versäumnisse der letzten Jahre aufzuarbeiten. Es braucht jetzt Handlungen, damit wir auf die kommenden Hitzetage vorbereitet sind.

Wir werden weiter kämpfen für eine gerechte Welt, in der wir alle leben können!

0 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Mit Schale, Dotter und Eiweiß: Wie das Start-up "Neggst" ein veganes Ei herstellt

Vegane Alternativen zu tierischen Produkten gibt es momentan wie Sand am Meer – doch es sind vor allem Fleisch-, Fisch- und Käseprodukte, die pflanzlich ersetzt werden. Eine wirklich gute Alternative zum Hühnerei gab es bisher nicht, fanden Patrick Deufel und Verónica García-Arteaga. Mit ihrem Start-up "Neggst" wollen sie das ändern. Ihr pflanzliches Ei soll sich verwenden lassen wie ein tierisches – als Rührei, in Pancakes oder in Spaghetti Carbonara.

Zur Story