"Gitti" verspricht, bei seinen Nagellacken auf natürliche Inhaltsstoffe zusetzen. Im Green Lab testet watson die Marke auf ihre Nachhaltigkeitsversprechen.
"Gitti" verspricht, bei seinen Nagellacken auf natürliche Inhaltsstoffe zusetzen. Im Green Lab testet watson die Marke auf ihre Nachhaltigkeitsversprechen.Bild: iStockphoto / DevMarya
Green Lab

"gitti"-Nagellack im Green Lab: Ist die neue Trend-Marke tatsächlich nachhaltig?

03.05.2022, 10:3703.05.2022, 14:01

Mit der Produktbeschreibung vegan, umweltfreundlich und ohne schädliche Zusatzstoffe erobert die Marke "gitti", die vor allem Nagellack herstellt, die Drogeriemärkte und den Online-Handel gerade im Sturm. Diese Versprechen lässt sich die Marke zumindest teuer bezahlen: Der Preis für die "conscious beauty", sprich: für "bewusste Schönheit", beläuft sich auf 18-22 Euro pro Nagellack-Fläschchen. Doch kann das neue Unternehmen sein Nachhaltigkeitsversprechen halten und verfügen die Produkte tatsächlich über keine bedenklichen Stoffe?

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, hat watson bei einer Chemikerin und einer Dermatologin nachgefragt und einen Nagellack von "gitti" im Labor testen lassen.

Was verspricht das Unternehmen?

Den Namen "gitti" basiert auf dem Vornamen der Mutter von Unternehmens-Gründerin Janin und soll als Empowerment-Statement für das stehen, was bestärkt werden sollte: Nach der Meinung von Gründerin Janin ist das eine bessere Zukunft mit nachhaltigen Kosmetika. Der online-Shop wird seit zwei Jahren betrieben und die bunten "gitti"-Nagellacke gibt es inzwischen bereits in den meisten gängigen Drogeriemärkten.

Die Produkte des Jung-Unternehmens sollen frei von 19 potentiell schädlichen Zusatzstoffen sein: konkret sind das Ethyl Tosylamide (in Europa ist der Einsatz verboten), Triphenylphosphat (TPP/TPHP), Benzophenone -1, Kolophonium, Propyl Acetate, Formaldehyd, Toluol, Dibutyl Phthalat, Formaldehyd-Harz, Kampfer, Parabene, Duftstoffe und Xylene), aber auch auf tierische Bestandteile, sowie Tierversuche wurde laut Aussage des Unternehmens verzichtet, damit die Lacke vegan, nachhaltig und tierfreundlich sind.

Unser Nagellack im Test: Mitternachtsblau.
Unser Nagellack im Test: Mitternachtsblau.bild: gitti

Unter fairen und umweltschonenden Bedingungen werden die Lacke in einem Partnerlabor in Frankreich produziert. Für Inhalte und Herstellung mag das Nachhaltigkeitsversprechen Wirkung haben. Die Fläschchen und Tuben kommen bei "gitti" jedoch noch mit relativ viel Plastik aus. So besteht auch der Deckel der Nagellack-Fläschchen weiterhin aus Kunststoff. Hier sind andere Marken dem Unternehmen schon einen nachhaltigen Schritt voraus.

Auf Nachfrage erklärt "gitti", dass bereits nach einer Alternative zum Kunststoff-Verschluss gesucht wird. Ihn aus teilweise recyceltem Plastik (PCR) herzustellen, lehnt das Unternehmen ab, weil es dabei zu Qualitätsproblemen kommen kann: "Der Verschluss ist nicht fest genug und die Flasche kann sich öffnen, was zu einem Leistungsverlust des Produkts selbst führt."

Das Problem mit konventionellem Nagellack

Aber warum braucht es eigentlich für einen nachhaltigeren Nagellack? Das Problem besteht darin, dass konventionelle Lacke oftmals mit bedenklichen Inhaltsstoffen belastet sind. Der Stoff EPA ist beispielsweise höchstwahrscheinlich krebserregend. Die Dämpfe, die aus den Lacken hervorgehen, die nicht selten Nebenprodukte von Autolacken sind, schaden nicht nur unserer Gesundheit, sondern auch der Umwelt.

Beim Auftragen der Lacke können deshalb Kopfschmerzen oder Übelkeit auftreten. Die Lacke bleiben zudem nicht auf dem Nagel: nach wenigen Stunden sind diese im Körper nachweisbar. 2015 wurde dazu von der Duke University in einer Studie bestätigt, dass herkömmliche Nagellacke die DNA nachhaltig verändern oder zu Unfruchtbarkeit führen können.

Mikroplastik: eine unbekannte Gefahr

Ein weiteres großes Problem von herkömmlichen Nagellacken ist, dass sie oft Mikroplastik enthalten. Chemie-Expertin Luise Körner vom BUND erklärt, dass dieses leicht ins Abwasser und in die Umwelt gelangen kann und über die Langzeitfolgen der Aufnahme von Mikroplastik wenig bekannt sei – sowohl bei Menschen als auch bei Tieren. Stellt sich deshalb die Frage: "Wollen wir solche vermeidbaren Stoffe in unserer Kosmetik verwenden oder überlegen wir uns sinnvolle Alternativen?"

Ob Mikroplastik in einem Nagellack enthalten ist, erkennt man am besten, wenn man die Inhaltsstoffe genau unter die Lupe nimmt. Endet ein Word auf -polymer, könnte es sich dabei um Mikroplastik handeln. Wer nicht lange suchen will, kann außerdem die ToxFox-App vom BUND verwenden, mit denen man Produkte schnell auf Schadstoffe überprüfen kann. "Die App erkennt alle schädlichen Stoffe – auch unter ihren Decknamen. Denn die Industrie erfindet häufig neue Namen für die gleichen Stoffe, um sie so unbemerkt in ihren Produkten zu verwenden", erläutert Körner.

"Wir plastifizieren den Planeten und wissen nicht, was auf uns zukommt."
Luise Körner vom BUND

Wie groß das Mikroplastik-Problem geworden ist, erkennt man beispielsweise daran, dass es vor Kurzem zum ersten Mal in menschlichen Blut nachgewiesen wurde. Luise Körner zeigt sich besorgt: "Wir plastifizieren den Planeten und wissen nicht, was auf uns zukommt."

Damit sich bestimmte Herstellungsprozesse, die sich in der Industrie festgesetzt haben, wirklich ändern, braucht es Körner zufolge auch den Druck durch Verbraucherinnen und Verbrauchern.

"gitti" setzt auf natürliche Inhaltsstoffe

"gitti" will auf Mikroplastik und 18 weitere bedenkliche Inhaltsstoffe verzichten. Ein gutes Versprechen – doch kann das Unternehmen es auch halten? Wir haben einen "gitti"-Nagellack im Labor auf Mikroplastik und Weichmacher testen lassen. Das Ergebnis: die schädlichen Inhaltsstoffe konnten nicht nachgewiesen werden.

Green Washing oder Green Life? Jeden Monat prüfen wir mit Experten und Laboren die Nachhaltigkeitsbemühungen großer Firmen: Willkommen im Green Lab von watson.
Green Washing oder Green Life? Jeden Monat prüfen wir mit Experten und Laboren die Nachhaltigkeitsbemühungen großer Firmen: Willkommen im Green Lab von watson.Bild: gettyimages

Stattdessen setzt "gitti" auf natürliche Inhaltsstoffe und bietet zwei verschiedene Nagellack-Sorten an: die pflanzenbasierten (82 Prozent Pflanzen) und die wasserbasierten (55 Prozent Wasser). Luise Körner vom BUND sieht in der Hinwendung zu natürlichen Stoffen einen Fortschritt: "Es ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung zu überlegen, welche pflanzlichen Stoffe sich verwenden lassen, um zum Beispiel Erdölprodukte zu ersetzen."

"Nur weil etwas vegan ist, ist es noch lange nicht nachhaltig."
Luise Körner vom BUND

Der "gitti"-Nagellack ist nicht nur natürlich(er), sondern auch vegan. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass er auch umweltfreundlicher ist, meint Körner. "Für Menschen, die vegan leben, ist die Kennzeichnung wichtig. Aber nur weil etwas vegan ist, ist es noch lange nicht nachhaltig."

Der nachhaltige Nagellack im Test

Natürlich haben wir den Nagellack für euch im Vergleich zu konventionellen Produkten getestet. Beim Auftragen auf die Nägel hätten wir erwartet, dass der Lack, der ohne Zusatzstoffe auskommt, auch weniger penetrant riecht. Das ist aber nicht der Fall. Der Geruch kommt dem eines herkömmlichen Nagellacks aus der Drogerie doch ziemlich nahe. Die Farbe lässt sich angenehm auftragen, hier besteht kein Nachteil zu teureren Nagellack-Varianten.

Bei der Farbe Mitternachtsblau (108) muss man den Lack lediglich einmal auftragen, damit er deckt und aussieht, wie auf den Bildern der Website. Anschließend hält die Farbe für ganze 6 Tage, bevor sich leichte Abnutzungen zeigen. Zweimal aufgetragen erhöht die Deckkraft ohne Risse auf etwa 8 Tage. Im Vergleich zu anderen Nagellack-Produkten sind das jeweils an die 2-3 Tage länger.

Was am Produkt beeindruckt, ist die Qualität: noch nie wurde unsere watson Autorin so häufig auf einen "so schön glänzenden und satt aussehenden" Nagellack angesprochen.

In diese Verpackung passt eine kleine Nagellack-Flasche von "gitti" in etwa 16 mal hinein.
In diese Verpackung passt eine kleine Nagellack-Flasche von "gitti" in etwa 16 mal hinein.bild: privat

Alles andere als nachhaltig ist dagegen die Verpackung, in welcher der Nagellack geliefert wird. Der Flakon wird in einer kleinen Pappschachtel versendet, die wiederum in einer großen Pappschachtel steckt. Die Nagellackflasche würde in diese ungefähr 16-mal hineinpassen. Auf seiner Website schreibt das Unternehmen: "Wir möchten unsere Verpackungen auf ein Minimum reduzieren." Dieses Vorhaben ist "gitti" angesichts der großen Pappschachtel nicht wirklich gelungen.

"Nachhaltigkeit ist für uns eine Priorität, aber sie muss mit der Qualität der Lieferung einhergehen."
Pressesprecherin von "gitti"

Wir haben das Unternehmen zur Rede gestellt. Die Antwort: "Wir haben 3 Standardgrößen von Versandkartons + ein 'Tray' (der kleine Karton) mit verschiedenen Größen, die auf der Anzahl der Nagellacke basieren. Der erste Grund, warum wir beide verwenden, ist, die Produkte während des Versands zu schützen und einen Bruch zu verhindern. Der zweite Grund ist, dass es nachhaltiger ist, Standardgrößen von Versandkartons zu produzieren, anstatt viele verschiedene Größen herzustellen." "gitti" hat ein Standardmaß gefunden, in das die durchschnittliche Bestellmenge hineinpasst. Das Unternehmen erklärt: "Nachhaltigkeit ist für uns eine Priorität, aber sie muss mit der Qualität der Lieferung einhergehen."

Wie schädlich ist Nagellack für unsere Nägel?

Konventionelle Nagellacke können einige gesundheitsschädliche Reaktionen auslösen, aber fällt dieses Risiko bei der Verwendung von Öko-Lacken wie von "gitti" weg? Sind umweltfreundliche Produkte auch automatisch besser für die Gesundheit? Yael Adler, Dermatologin und Autorin von "Wir müssen reden, Frau Doktor! Wie Ärzte ticken und was Patienten brauchen", erklärt, warum das nicht der Fall ist.

"Auch pflanzliche Inhaltsstoffe wie ätherische Öle, die als Duftstoffe genutzt werden, können schon in kleinsten Mengen Allergien auslösen", erklärt die Expertin. Das passiere aber deutlich seltener als bei synthetischen Duftstoffen. "Farbstoffe können zudem toxisch oder krebserregend sein, auch wenn sie 'natürlich' sind."

"Farbstoffe können toxisch oder krebserregend sein, auch wenn sie 'natürlich' sind."
Dermatologin Yael Adler

Prinzipiell wäre es für die Nägel am besten, gar keinen Nagellack zu tragen, sagt Adler. In ihrer Praxis sieht sie oft trockene und brüchige Nägel, die durch den Gebrauch von Nagellack geschädigt wurden. "Menschen, die regelmäßig Nagellack benutzen, haben oft sehr schwache Nagelplatten, Gelbverfärbungen, die etwa durch die UV-Schutzfilter im Nagellack entstehen."

Ein Unterlack hilft dagegen nicht, wie sie erläutert: "Kosmetischer Nagellack ist in der Regel für die Nägel ungesund und selbst Lacke, die den Nagel vermeintlich stärken sollen oder Pflegeöle können zu Nagelveränderungen und zum Austrocknen führen. Auch Nagellacke, die zum Schutz mit Vitaminen oder Proteinen angereichert sein sollen, retten die Nagel-Gesundheit nicht. Denn der Nagel kommt aus der Wachstumszone heraus und ist dann im Prinzip 'fertig' – er kann dann nicht mehr genährt werden. Das ist lediglich ein leeres Werbeversprechen."

Wer seine Nägel wirklich stärken will, sollte das der Expertin zufolge über die Ernährung tun und Nahrungsergänzungsmittel, die beispielsweise Biotin, weitere B Vitamine, Zink, Selen, Eisen oder spezielle Aminosäuren enthalten, zu sich nehmen.

Wie entsorgt man Nagellack ordnungsgerecht?

Auch "gitti" bietet solche Nagelpflege-Produkte an, allesamt aus natürlichen Zutaten hergestellt – genauso wie die Lacke. Obwohl sich die Inhaltsstoffe von herkömmlichen Nagellacken teilweise unterscheiden, gehören auch die "gitti"-Lacke zum Sondermüll. Luise Körner vom BUND weist darauf hin, dass Nagellack immer im Wertstoffhof oder im Schadstoffmobil abgegeben werden muss Dass das nur die wenigstens Menschen wissen, ist ihr bewusst. Damit sich das ändert, sollte man "diese Info am besten präsent auf die Nagellackfläschchen drucken", sagt Körner gegenüber watson.

Als wir "gitti" dazu befragen, warum der Hinweis zur umweltfreundlichen Entsorgung nicht auf ihren Produkten zu finden ist, sagt das Jung-Unternehmen: "Die Vorschriften für die Entsorgung verschiedener Materialien ändern sich von Land zu Land (manchmal auch von Stadt zu Stadt), sodass wir keine spezifischen Informationen über das Recycling geben können, die allgemein gültig wären."

Dennoch gelobt das Unternehmen, die ordnungsgerechte Entsorgung zukünftig transparenter zu kommunizieren: "Wir werden auf jeden Fall versuchen, klarere Hinweise zu diesem Thema zu geben."

Fazit: Wie nachhaltig ist "gitti"?

"Gitti" versucht allem Anschein nach, wirklich etwas anders zu machen als herkömmliche Nagellack-Hersteller. Die Produkte sind von unserem Labor getestet worden und weisen keine schädlichen Inhaltsstoffe auf. Dass auch der naturbasierte Nagellack nicht gut für die Nägel ist, macht den Ansatz des Unternehmens dabei nicht schlechter.

Natürlich hat das neue Öko-Produkt auch seinen Preis. 18 Euro für ein kleines Nagellack-Fläschchen ist definitiv viel. Das Unternehmen weist jedoch darauf hin, dass alle Rohstoffe von ausgewählten Lieferanten bezogen werden, die nach "ethischen Gesichtspunkten" ausgewählt wurden. Dass "gitti" nur die höchsten Standards in der Produktion – die übrigens in Europa stattfindet – und Lieferung akzeptiert, erklärt den hohen Preis des Produkts.

Auch für Luise Körner vom BUND ergibt diese Erklärung Sinn. Sie sagt: "Dadurch, dass alternative Stoffe verwendet werden und die Arbeit mit ihnen noch nicht der Mainstream ist, kann es sein, dass die Herstellung für solche Vorreiter wie "gitti" noch deutlich teurer ist." Die Bezeichnung "Vorreiter" ist sehr treffend gewählt – denn "gitti" geht innerhalb der Kosmetikbranche tatsächlich einen alternativen Weg. Und obwohl das Unternehmen noch nicht zu 100 Prozent nachhaltig ist, leistet es einen ersten guten Schritt in Richtung zu mehr Umweltbewusstsein in der Branche.

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