Nachhaltiger Konsum ist im Trend, doch nicht jeder will ein Second Hand Geschenk bekommen.  Im Interview gibt Konsumforscherin Janina Steinmetz Tipps, worauf man bei nachhaltigen Geschenken achten kann.
Nachhaltiger Konsum ist im Trend, doch nicht jeder will ein Second Hand Geschenk bekommen. Im Interview gibt Konsumforscherin Janina Steinmetz Tipps, worauf man bei nachhaltigen Geschenken achten kann. Bild: iStockphoto / StockRocket
Interview

Nachhaltiges Weihnachtsgeschenk: Expertin verrät, worauf es dabei wirklich ankommt – und was viele beim Schenken nicht bedenken

14.12.2021, 14:0215.12.2021, 10:51

Ob Vintage Kilo Sales, Flohmärkte oder Do it Yourself-Geschenke: Nachhaltiger Konsum liegt voll im Trend. Doch denken wir anders, wenn es um nachhaltiges Schenken geht?

Rechtzeitig vor Weihnachten hat watson die Sozialpsychologin und Konsumforscherin Janina Steinmetz im Interview dazu befragt, wie nachhaltiges Schenken funktioniert und worauf man dabei achten sollte.

Professor Dr. Janina Steinmetz beschäftigt sich als Konsumforscherin unter anderem mit dem Kaufverhalten unserer Gesellschaft.
Professor Dr. Janina Steinmetz beschäftigt sich als Konsumforscherin unter anderem mit dem Kaufverhalten unserer Gesellschaft.

Frau Dr. Steinmetz, bald ist Weihnachten und viele Leute sind noch auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken. Viele kaufen dafür Konsumgüter ein, um ihren Liebsten eine Freude zu machen. Was genau löst der Kauf dabei in uns aus?

Janina Steinmetz: Wenn wir für andere etwas kaufen, dann sind wir oft zu sehr auf den Moment fokussiert, in dem wir das Geschenk kaufen oder in dem wir das Geschenk übergeben. Hier vergisst man aber öfter, auf die langfristigen Glücklichkeitsfolgen zu achten – sich also Gedanken zu machen, ob das Geschenk denn auch den Beschenkten langfristig glücklich macht.

"Dabei vergisst man so ein bisschen die langfristigen Folgen für das Wohlbefinden des anderen."

Etwas, das langfristig glücklich macht?

Ja, denn wir gewöhnen uns sehr schnell an etwas Schönes. Oft ist es ja so, dass – wenn man dann einen Gegenstand eine Weile hat – man sich daran gewöhnt und eigentlich die positiven Effekte davon gar nicht mehr so richtig wahrnimmt. Im Kaufmoment denkt man oft, dass sich der Beschenkte bestimmt stark darüber freut, da wir uns auf den Moment fokussieren, an dem das Geschenk überreicht wird. Dabei vergisst man so ein bisschen die langfristigen Folgen für das Wohlbefinden des anderen.

Verläuft dieser Gewöhnungseffekt anders, wenn es um Geschenke und nicht um Selbstgekauftes geht?

Eigentlich gibt es da keinen großen Unterschied, denn das Geschenk kann sich ja beim Beschenkten genauso "abnutzen". Es passiert oft, dass sich der Schenkende zu sehr auf den Moment der Übergabe konzentriert und vielleicht eine Überraschung mit dem Geschenk produzieren will. Der Beschenkte interessiert sich aber vielleicht gar nicht für den Überraschungseffekt oder wie hübsch das Geschenk aussieht.

"Eine Überraschung ist für den Beschenkten vielleicht kurz lustig, aber kurz danach vielleicht langfristig relativ nutzlos."

Wie genau meinen Sie das?

Eine Überraschung ist für den Beschenkten vielleicht kurz lustig, aber kurz danach vielleicht langfristig relativ nutzlos. Was wichtig zu verstehen ist, ist, dass die Erwartungen vom Schenkenden und Beschenktem an das Geschenk unterschiedlich sind. Der Beschenkte möchte diesen Gegenstand ja am besten langfristig nutzen. Oder wenn es etwas Immaterielles ist, sich längerfristig darüber freuen.

Und was ist dann das Problem?

Der Schenkende bekommt diesen positiven Effekt aber vielleicht gar nicht mehr mit und möchte die unmittelbare Freude beim Anderen direkt an Heiligabend und nicht erst später sehen. Weil hier beide einen etwas anderen Fokus haben, kann es häufig zu einem "Mismatch" kommen, dass also das, was der Beschenkte eigentlich gerne gehabt hätte, ursprünglich etwas anderes gewesen wäre.

Jetzt geht der Trend von Konsumenten ja immer mehr in Richtung von nachhaltigen Produkten oder Second Hand Gütern. Verringert das, weil das Geschenk nicht mehr neu ist, seinen Wert?

Das kommt vor allem darauf an, was eigentlich als schönes Geschenk wahrgenommen wird, und ob man das Gefühl hat, dass sich der Schenkende hier Mühe gemacht hat. Wenn ich mir vorstellen kann, dass meine Freundin durch mehrere Second-Hand-Shops gestöbert ist und nach der schönsten Tasche für mich geguckt hat, dann fließen ja ihre Mühe und Gedanken mit in das Geschenk ein.

Das heißt, dass es für den oder die Beschenkte eigentlich am wichtigsten zu wissen ist, dass sich der Schenkende Gedanken gemacht hat?

Ja, denn die Geschichte, wie man das Geschenk zum Beispiel auf dem Flohmarkt gefunden hat, wird somit ein Teil von dem Geschenk, das dann etwas Besonderes wird. Aber wenn ich natürlich einfach bei Ebay im 10er Pack irgendwas Secondhand kaufe, dann fehlt natürlich diese Geschichte. Deshalb kommt es beim Geschenk eher darauf an, ob beim Beschenkten das Gefühl entsteht, dass sich der Schenkende auch wirklich etwas dabei gedacht hat. Aber wenn es einfach nur darum geht, irgendwas Second Hand zu kaufen, dann ist das sicher kein Allheilmittel.

Schenken wir also eigentlich, um gemocht zu werden? Oder was steckt dahinter?

Ja, Schenken ist eigentlich so eine Tradition, mit der man anderen zeigen möchte "Hier ist eine Geste meiner Zuneigung. Ich denke an dich, ich bringe dir Aufmerksamkeit". Denn eigentlich geht es um die Geste, was das Geschenk selber ist, ist dann so ein bisschen zweitrangig, solange es eben zu dieser Geste passt. Also wenn ein entfernter Bekannter mir ein ganz furchtbar teures Geschenk schenkt, dann fühle ich mich eher beschämt, weil ich denke, dieses Geschenk passt eigentlich nicht zu der Botschaft, die ich erwartet hätte.

Die klassischen Wollsocken zu Weihnachten sind vielleicht gut gemeint, verfehlen aber oft das Ziel, den Beschenkten wertzuschätzen. (Symbolbild)
Die klassischen Wollsocken zu Weihnachten sind vielleicht gut gemeint, verfehlen aber oft das Ziel, den Beschenkten wertzuschätzen. (Symbolbild)Bild: dpa-tmn / Christin Klose

Und umgekehrt?

Wenn mir vielleicht meine Familie oder mein Partner nur eine Tafel Schokolade mitbringt, dann denke ich "Na ja, da hättet ihr euch mehr Mühe geben müssen." Das Geschenk sollte eben passen zu der Beziehung und der Botschaft, die man senden will. Und je mehr man das Gefühl hat, dass sich der andere Mühe gegeben hat, desto schöner fühlt man sich eben wertgeschätzt. Dann kommt es weniger darauf an, was das Materielle tatsächlich ist, sondern dass man das Gefühl hat wow, da geht es jemandem um mich. Da hat sich jemand um mich Gedanken gemacht und hat nicht einfach irgendeine Flasche Wein im Kiosk gekauft.

Jetzt gibt es aber auch Phänomene wie zum Beispiel das Schrott-Wichteln. Schon allein, dass hier das Wort Schrott verwendet wird, impliziert doch, dass das Verschenkte hier als minderwertig angesehen wird.

Ich glaube das Gute am Schrott-Wichteln ist ja mehr, dass man diese Dinge ja sonst wirklich weggeworfen hätte. Das Verschenken wird hier durch die witzige Gruppenaktivität aber wiederum okay. Ich kann natürlich nicht an Weihnachten zu der Familie gehen und sagen "Ich habe jetzt beschlossen, dass wir Schrott-Wichteln machen und hier ist mein ganzer Schrott und ihr wisst nichts davon." Der Kontext sollte also vorher geklärt sein.

Und wie sehen Sie das beim Verschenken von Second-Hand-Produkten?

Zunächst ist der Kauf von Second-Hand-Produkten ja nicht per se unbedingt nachhaltiger. Denn oft kommt es zu widersprüchlichen Kaufhandlungen, die dann mit dem Argument "Alles Second Hand" gerechtfertigt werden. Die Leute kaufen dann mehr, weil sie ein besseres Gefühl haben und denken "Ich kann danach sowieso alles wieder weiter verschenken und spenden". Dieses Phänomen, vermittelt den Leuten, die "gut" gehandelt haben, dass sie danach so ein bisschen Bonuspunkte gesammelt haben und dann vielleicht danach in anderer Hinsicht wieder etwas weniger Nachhaltiges tun dürfen, denn jetzt sei die Welt ja wieder in Ordnung.

"Das Nachhaltigste ist weiterhin, gar nichts zu kaufen oder nichts Materielles zu kaufen."

Inwiefern?

Wenn ich mir extra viele neue Klamotten kaufe, weil ich ja gerade eben noch die alte Kleidung zum Recycling gegeben habe, verbessert das rein gar nichts. Das Nachhaltigste ist weiterhin, gar nichts zu kaufen oder nichts Materielles zu kaufen.

Wir sollten uns also auch vom Nachhaltigkeitstrend nicht zu mehr Konsum verführen lassen. Aber sind nachhaltige Produkte denn nicht trotzdem besser?

Ja, total, Nachhaltigkeit ist den Konsumenten immer wichtiger. Aber man sollte trotzdem darauf achten, dass ein Einkauf im Second-Hand-Shop natürlich auch keine Lizenz zum besinnungslosen Einkaufen ist. Ich sollte mich auf das beschränken, was ich brauche. Gute Taten wie Second-Hand-Shopping, sollen eben nicht paradoxe Nebeneffekte haben, wie "jetzt hab ich ja schon so brav nur Second Hand gekauft, dann kann ich auch nach Thailand fliegen". Man muss halt einfach gucken, dass man den positiven Effekt nicht direkt an anderer Stelle wieder aushebelt.

Jetzt sollte man aber beim Schenken ja auch die andere Perspektive beachten: Ich, die etwas Nachhaltiges einkauft, um jemanden zu beschenken, habe in dem Moment das Gefühl, dass ich mir Mühe gebe mit einem nachhaltigen Geschenk, weil ich darin viel mehr Sinn sehe. Diese Sichtweise erwarte ich aber gleichzeitig auch von der anderen Person. Wenn jetzt aber der Beschenkte das anders empfindet, haben wir ein "Mismatch". Wie könnte hier denn ein Umdenken stattfinden?

Ja, da muss man so ein bisschen im Auge behalten, wie wichtig dem Beschenkten Nachhaltigkeit ist. Denn wenn einem selber Nachhaltigkeit total wichtig ist, dem Beschenkten aber vielleicht weniger, dann kann das gleich so eine ideologische Komponente haben, so dass sich der Beschenkte vielleicht denkt:

"Es ist ja schön, wenn du alles Second Hand kaufst, aber lass mich damit in Ruhe. Ich will nicht deine Nachhaltigkeitsideologie vorgelebt bekommen, sondern ich will meine eigene Entscheidung treffen."

Viele sind da ein bisschen trotzig, wenn sie das Gefühl bekommen, dass ihnen mit dem Geschenk eine bestimmte Weltanschauung aufgedrückt werden soll. Deshalb sollte man schon überlegen, ob man jetzt weiß, wie wichtig den Beschenkten auch nachhaltige Werte sind, ob sie für sowas empfänglich sind.

Was kann man denn tun, wenn man nicht weiß, ob die nachhaltigen Geschenkideen beim anderen gut ankommen?

Für den Fall kann man ja immer noch etwas Immaterielles schenken. Tolle Geschenke können auch eine Spotify-Playlist für den anderen, irgendwelche Reise-Vorschläge oder ein digitales Fotoalbum sein. Das sind alles ganz nachhaltige Geschenke, die aber nicht diesen "Du sollst jetzt auch Second Hand kaufen"- Stempel tragen, sondern eben zeigen: Ich denke an dich, du bist mir wichtig und es geht mir um dich als Person.

Das ist eigentlich das, was man rüberbringen möchte mit dem Geschenk. Was dann genau dazu dient, das kommt dann eben auch auf den Einzelnen an. Aber wenn man Nachhaltigkeit wichtig findet, möchte aber nicht ideologisch "nervig" rüberkommen, dann gibt es ganz viele tolle Möglichkeiten von digitalen Geschenken, die wahrscheinlich nachhaltiger sind als vieles, was man im Second Hand Shop gefunden hat.

Danke für die Tipps, damit sind Sie meiner letzten Frage schon zuvor gekommen! Denn natürlich will man anderen eine Freude machen und nicht nur von ihnen einfordern, sich über ein gut gemeintes, nachhaltiges Geschenk zu freuen.

Genau, wenn jemand am liebsten Steak isst und dann einen ganz tollen vegetarischen Brotaufstrich geschenkt bekommt, dann ist auch der Nachhaltigkeit nicht geholfen, wenn das danach direkt im Müll landet. Man sollte den anderen also respektieren und nicht die eigene Ideologie unbedingt rüberbringen. Das ist ganz wichtig. Und wenn man nur nachhaltige Geschenke machen will, dann eben nur Digitales, Selbstgemachtes oder gemeinsame Aktivitäten oder Ausflüge.

"Wenn man sich wertgeschätzt fühlt, dann ist das das schönste Geschenk und darauf kommt es eigentlich an."

Ich meine, wenn wir alle mal zurückdenken, was die schönsten Geschenke waren, die wir je bekommen haben, dann war das bestimmt nichts, das jemand vor fünf Minuten in der Drogerie gekauft hat. Sondern dann war das etwas, wo wir dachten "Wow, da hat jemand genau zugehört oder da hat jemand genau geguckt, was meine Lieblingsfarbe ist". Also wenn man sich wertgeschätzt fühlt, dann ist das das schönste Geschenk und darauf kommt es eigentlich an.

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