Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen auch aufgrund der Klimakrise immer wieder neue Krankheiten (Symbolbild)
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchen auch aufgrund der Klimakrise immer wieder neue Krankheiten (Symbolbild)Bild: Zoonar.com/Robert Kneschke / picture alliance
Interview

Affenpocken: Warum die Klimakrise die Gefahr neuer Krankheiten in die Höhe treibt

27.05.2022, 10:2527.05.2022, 13:11

Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei und doch steht eine neue Viruserkrankung bereits in den Startlöchern. Erst vor wenigen Tagen wurde in Deutschland der erste Fall von Affenpocken bestätigt. Weltweit sind inzwischen weit über 100 Fälle nachgewiesen, die Zahl steigt stetig an. Doch wie konnte es dazu kommen?

Bereits zu Beginn der Corona-Pandemie waren sich Wissenschaftlerinnen und Virologen weitgehend einig darüber, dass ein relevanter Zusammenhang zwischen Klimawandel, Umweltzerstörung und dem Ausbrechen und Verbreiten von Krankheiten besteht. Bundesumweltministerin Svenja Schulze sagte in der Bundespressekonferenz im April 2020: "Mit zunehmender Naturzerstörung steigt das Risiko von Krankheitsausbrüchen bis hin zu Pandemien. Daher ist ein engagierter Naturschutz in vielen Weltregionen ein wichtiger Schlüssel, um neuen Infektionskrankheiten vorzubeugen."

Zwei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie breiten sich die Affenpocken aus

Jetzt sind zwei Jahre vergangen und mit den Affenpocken ist die nächste ungewöhnliche Krankheit auf dem Vormarsch.

Ist der Ausbruch der Affenpocken der Beweis dafür, dass nicht ausreichend Naturschutzpolitik betrieben wurde?

Prof. Dr. Josef Settele geht genau diesen Fragen auf die Spur. Er ist Biologe, Wissenschaftler und Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Zudem war er Co-Vorsitzender des Weltberichts zum ökologischen Zustand der Erde (IPBES). Als die Corona-Pandemie ausbrach, war für ihn klar, dass sie Teil einer "Triple-Krise" ist. In seinem gleichnamigen Buch beschreibt er die Zusammenhänge zwischen Artensterben, Klimawandel und Pandemie. Watson hat mit dem Experten darüber gesprochen, inwiefern auch der Ausbruch der Affenpocken Teil dieser Krise ist.

Prof. Dr. Josef Settele ist Biologe, Wissenschaftler und Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle.
Prof. Dr. Josef Settele ist Biologe, Wissenschaftler und Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle.bild: ufz.de

watson: Wie hängen Klimakrise, Naturzerstörung und die Verbreitung von Krankheiten zusammen?

Josef Settele: Es besteht ein wesentlicher Zusammenhang zwischen Naturzerstörung und Pandemien. Wenn wir in einigermaßen ungestörte Gebiete vordringen, verändern wir dort mitunter gravierend die Zusammensetzung von Arten. Das führt dazu, dass bestimmte Arten dominant werden und eine Art Monokultur bilden. Wenn das passiert, finden potenzielle Krankheitserreger ideale Bedingungen vor, um sich auszubreiten und weiterzuentwickeln. Und diese Erreger können auf die Menschen überspringen. Die Biodiversität stellt so etwas wie ein Schild gegen die Ausbreitung von Krankheiten dar. Diverse Wälder sind deshalb auch resistenter gegen Schädlinge, zum Beispiel Borkenkäfer.

Wie wird dann aus der lokalen Epidemie eine globale Pandemie?

Covid-19 hat innerhalb weniger Wochen den Globus komplett erobert. Das wäre früher nicht so leicht möglich gewesen, weil die Transportwege andere waren und die Menschen weniger vernetzt waren. Heute wird eine Epidemie also schneller zur Pandemie als früher. Und weil die Natur durch den Klimawandel teils geschwächt und regional beachtliche Teile der Biodiversität bereits verloren sind, sind die Ausgangsbedingungen für die Verbreitung von Viren und anderer Krankheitserreger sehr begünstigt. Außerdem passiert es, dass Krankheiten, die schon als ausgerottet galten, wieder zurückkommen – zum Beispiel dann, wenn Permafrostböden auftauen. Es gibt Erreger wie zum Beispiel die des Milzbrandes, die dort schlummern und durch den Klimawandel wieder aufgeweckt werden.

"Der Klimawandel in Kombination damit, wie wir mit der Natur umgehen, sorgt schon dafür, dass solche Ereignisse immer öfter passieren werden."

Wenn wir die Klimakrise nicht stoppen, können wir dann davon ausgehen, dass sich solche Krankheiten häufen werden?

Der Klimawandel in Kombination damit, wie wir mit der Natur umgehen, sorgt schon dafür, dass solche Ereignisse immer öfter passieren werden. Innerhalb der letzten 20 Jahre lässt sich da ein Trend erkennen, zum Beispiel am Auftauchen von MERS, SARS und Ebola.

Was lässt sich daraus schließen, dass sowohl das Coronavirus als auch die Affenpocken Zoonosen sind, sie also vom Tier auf den Menschen übertragen werden?

Dieses Phänomen ist in der Natur alles andere als selten. Die Affenpocken bekommen derzeit wahrscheinlich eine so große Aufmerksamkeit, weil sie direkt nach der Covid-19-Pandemie kommen. Denn bisher gibt es noch nicht viele Fälle und wir sind für die Pocken auch gar nicht der klassische Wirt, während Malaria in tropischen Regionen ein permanentes Problem darstellt. Zoonosen sind also allgegenwärtig.

Schon zu Beginn der Pandemie war sich die Wissenschaft darüber einig, dass der Erhalt gesunder Ökosysteme notwendig ist für den Schutz gegen Infektionen – ist der Ausbruch der Affenpocken-Welle der Beweis dafür, dass nicht ausreichend Naturschutzpolitik betrieben wurde?

Covid-19 und die davor bekannten großen Pandemien sind ein Beleg dafür, dass die Natur nicht ausreichend geschützt wurde, dafür gibt es sichere Anhaltspunkte. Ich denke, die Affenpocken zeigen uns zumindest auf, dass die Gefahr von Zoonosen allgegenwärtig ist, auch wenn nicht alle dasselbe gefährliche Potenzial haben.

Begünstigt die voranschreitende Erderwärmung ebenfalls die Verbreitung von Krankheiten?

Gewisse Krankheiten, die eher in tropischen Regionen zu Hause sind, können sich beispielsweise durch Stechmücken wie die asiatische Tigermücke weiter ausbreiten und auch zu uns kommen. Die Erderwärmung ist ein entscheidender Faktor und nur einer der vielen Gründe, warum wir dem Klimawandel effektiv entgegenwirken müssen.

"Auch in der heimischen Landwirtschaft müssen wir auf Vielfalt setzen."

Durch welche Maßnahmen kann der Erhalt der Artenvielfalt gesichert und die Verbreitung von Krankheiten gestoppt werden?

Artenreiche Lebensräume wie tropische Wälder und Korallenriffe müssen geschützt und erhalten werden. Und auch in der heimischen Landwirtschaft müssen wir auf Vielfalt setzen – in der Nutzung, also in dem, was ich anbaue oder was ich wie als Haustier nutze, aber auch beispielsweise in der Struktur der Landschaft, die aus der Nutzung resultiert.

Was können wir im Alltag tun, um dem Verlust der Artenvielfalt entgegenzutreten?

Da gibt es vielfältige Möglichkeiten. Ich selbst lasse zum Beispiel in meinem Garten Vielfalt und Chaos zu – das ist meine Strategie. Und natürlich hat auch unser Konsum einen massiven Einfluss auf die Umwelt. Wer es sich leisten kann – und das ist meist eher eine Frage des Wollens als des Könnens – könnte beispielsweise zu Produkten in Bio-Qualität greifen und auch weniger Fleisch konsumieren. Aber auch der Einsatz für eine transformierte Wirtschaft, in der die wahren Kosten der Produkte abgebildet werden, ist wichtig – also einschließlich der Kosten für die Behebung von Umweltschäden, die aus der Produktion resultieren.

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