Fridays-for-Future-Sprecherin Pauline Brünger fordert auf einem Klimastreik mehr Klimagerechtigkeit.
Fridays-for-Future-Sprecherin Pauline Brünger fordert auf einem Klimastreik mehr Klimagerechtigkeit.Bild: www.imago-images.de / imago images
Interview

"Ampel ist Koalition der Rückschritte": Klima-Aktivistin mit klaren Worten an die Bundesregierung

23.09.2022, 16:3524.09.2022, 16:53

Die Klimaschutzbewegung Fridays for Future hat an diesem Freitag zum elften Mal zum weltweiten Klimastreik aufgerufen. Allein in Deutschland sind Aktivist:innen in über 270 Städten auf die Straße gegangen, um für mehr Klimagerechtigkeit zu demonstrieren.

Eine von ihnen ist die Kölnerin Pauline Brünger. Sie ist Sprecherin von Fridays for Future. Im Interview mit watson erzählt sie, wie sie mit den Rückschlägen in der Klimapolitik umgeht und was passieren muss, um mehr Klimagerechtigkeit zu erreichen.

Pauline Brünger ist Sprecherin bei Fridays for Future.
Pauline Brünger ist Sprecherin bei Fridays for Future.bild: timo förster

watson: 2021 war es Corona, 2022 sind es der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise und die Inflation, die das Thema Klimakrise immer wieder aus dem Fokus der Gesellschaft rücken. Bereitet dir das Sorgen oder macht es dich vielleicht sogar wütend?

Pauline Brünger: Es ist kein Wunder, dass auch andere Themen als das Klima gerade die öffentliche Debatte prägen. Auch ich mache mir Sorgen über die steigenden Preise oder die noch ausstehende Heizkostennachzahlung meiner WG. Wütend macht mich deswegen vor allen Dingen eine Regierung, die weder die Menschen in diesem Winter ausreichend absichert, noch endlich Tempo beim Klimaschutz macht. Das ist gefährlich.

"Ich finde es absurd, einer Gesellschaft zu unterstellen, sich immer nur über ein einziges Thema Gedanken machen zu können. Faktisch sieht es einfach anders aus."

Im Vergleich zu 2019, aber auch mit Blick auf die letzten beiden Jahre, ist es verhältnismäßig ruhig geworden um Fridays for Future. Die Zahl der Ortsgruppen und ihre Mobilisierungsfähigkeit ist zurückgegangen. Haben die Menschen gerade andere Sorgen als das Klima?

Gerade in diesem Sommer haben viele Menschen die Klimakrise sehr deutlich gespürt. In Deutschland leidet die Wirtschaft, weil der ausgetrocknete Rhein den Gütertransport blockiert, in Pakistan rutschen durch die dramatischen Fluten Millionen Menschen in die Armut ab, in Frankreich sorgt die Hitzewelle für eine weitere Destabilisierung der Energieversorgung, weil Atomkraftwerke nicht mehr richtig gekühlt werden können.

Ich finde es absurd, einer Gesellschaft zu unterstellen, sich immer nur über ein einziges Thema Gedanken machen zu können. Faktisch sieht es auch einfach anders aus: Allein in dieser Woche organisieren in über 250 deutschen Städten junge Menschen mit Fridays for Future Proteste für mehr Klimaschutz.

Wie schafft man es, den Menschen klarzumachen, wie akut die Klimakrise ist – auch wenn wir die Folgen, zumindest in Deutschland, noch nicht immer zu sehen und zu spüren bekommen?

Es ist ein großes Missverständnis, zu glauben, dass wir einfach noch zu wenig über die Klimakrise wissen und deswegen nicht ausreichend handeln. Die meisten Menschen haben sehr gut verstanden, wie groß die Gefahr einer eskalierenden ökologischen Katastrophe ist. Die Bundesregierung entscheidet sich jedoch trotzdem dagegen, effektiv zu handeln. Das ist ein Problem des politischen Willens.

"Die Ampel ist eine Koalition der Rückschritte – auf Kosten von Millionen von Menschen in diesem Land und weltweit."

Aus Sorge vor Energieengpässen und der steigenden Inflation wird die Klimakrise in der Politik hinten angestellt: Kohlekraftwerke werden doch nicht abgeschaltet, 2023 steigt die CO2-Steuer nicht, um Bürger:innen zu entlasten, ein Nachfolger des Neun-Euro-Tickets bleibt bislang aus. Fährt die Ampel die Klimapolitik gegen die Wand?

Ja. Wichtige klimapolitische Maßnahmen werden in die Zukunft verschoben, gleichzeitig drohen jahrzehntelange neue Abhängigkeiten von Öl und Gas. Die Ampel ist eine Koalition der Rückschritte – auf Kosten von Millionen von Menschen in diesem Land und weltweit.

Wie gehst du mit diesen politischen Rückschlägen um – insbesondere mit Blick auf die vielen weiteren Warnungen der Forschenden, dass Überschreitungen von Kipppunkten drohen?

Die aktuelle klimapolitische Situation zeichnet ein düsteres Bild. Ich versuche immer auch, den Blick auf die positiven Entwicklungen zu lenken. Zum Beispiel auf die tausenden Menschen, die gerade in allen Ecken dieses Landes für Veränderung kämpfen und diese aktiv voranbringen.

Tausende Menschen gehen in Deutschland auf die Straße und protestieren für mehr Klimagerechtigkeit.
Tausende Menschen gehen in Deutschland auf die Straße und protestieren für mehr Klimagerechtigkeit.Bild: imago images

Was müsste politisch deiner Meinung nach unbedingt passieren?

Die großen aktuellen Krisen haben einen gemeinsamen Ursprung: unsere Abhängigkeit zu Kohle, Öl und Gas. Dadurch steigen gerade einerseits die Energiepreise, andererseits feuern wir die Klimakrise weiter an. Fridays for Future fordert deswegen ein neues Sondervermögen über 100 Milliarden Euro, um die Energiewende massiv zu beschleunigen und Menschen hier und auf der ganzen Welt eine soziale Absicherung zu garantieren. Die Regierung muss endlich wieder die Bedürfnisse der Menschen über die Profit-Interessen der fossilen Industrie stellen.

Was kann Fridays for Future tun, um diese Prozesse anzustoßen?

Starke soziale Bewegungen, Streiks und Proteste waren in der Vergangenheit immer wieder die Treiber von echter Veränderung. Ich bin überzeugt, dass wir den politischen Kampf gewinnen werden, wenn wir uns richtig organisieren.

"Damit die Menschen wieder ein sorgenfreies und sicheres Leben leben können, braucht es Protest und Veränderung überall."

Erfolgreich war Fridays for Future vor allem mit Großdemos: Das Klima wurde zum Politikum, vor allem aber schöpften viele Menschen neue Hoffnung und Mut. An diesem Freitag steht der elfte globale Klimastreik an. Kann es Fridays for Future durch Großdemos gelingen, die Aufmerksamkeit wieder vermehrt auf die Klimakrise zu lenken?

Demos allein werden die Klimakrise wahrscheinlich nicht aufhalten. Genauso, wie es politisch nicht ausreichen wird, allein unseren Strom nachhaltig zu produzieren, während wir im Verkehr weiter Unmengen an Emissionen in die Atomsphäre schleudern. Damit die Menschen wieder ein sorgenfreies und sicheres Leben leben können, braucht es Protest und Veränderung überall. Unser Klimastreik am heutigen Freitag war da ein Anfang.

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