Weil Ibo Mohamed weiß, wie es sich anfühlt, sein Zuhause zu verlieren, engagiert er sich bei Fridays for Future für Klimagerechtigkeit.
Weil Ibo Mohamed weiß, wie es sich anfühlt, sein Zuhause zu verlieren, engagiert er sich bei Fridays for Future für Klimagerechtigkeit. privat
Klima & Umwelt

Ibos Kampf gegen die Klimakrise: "Ich will nicht, dass so viele Menschen ihre Heimat verlieren"

Flucht und Klima gehören zusammen: Was das bedeutet, hat der Fridays for Future-Aktivist Ibo Mohamed am eigenen Leib erlebt. Um Millionen anderen Menschen dieses Schicksal zu ersparen, engagiert er sich für Klimagerechtigkeit und ruft dazu auf, auf die Straße zu gehen und Druck zu machen.
25.03.2022, 09:4225.03.2022, 12:02

"Ich gebe alles, was ich kann", sagt Ibo Mohamed, 23 Jahre alt. Er ist Klimagerechtigkeitsaktivist bei Fridays for Future. Und 2015 aus der Region Rojava, Syrien, nach Deutschland geflohen. "Ich habe große Angst vor den Folgen der Klimakatastrophe, aber ich werde bis zur letzten Minute kämpfen." Die Klimakrise verschärft sich, Tag für Tag. Damit steigt auch das Risiko der Menschen im globalen Süden, die eigene Heimat zu verlieren. Das will Ibo mit all seiner Kraft verhindern: "Ich will nicht, dass so viele Menschen ihre Heimat verlieren", sagt Ibo. "Ich weiß doch, wie sich das anfühlt."

Das Datum vom 15. März 2011 hat sich für immer in Ibo Mohamed Kopf gebrannt: Es war der Beginn des Syrienkonflikts. Was inspiriert von den Protesten des arabischen Frühlings in Tunesien und Ägypten mit friedlichen Demonstrationen begann, führte schon bald zu gewaltvollen Aufständen, Unruhen, Bombenanschlägen. Und schließlich zu einer Eskalation des Krieges. "Es war so schlimm, dass wir nicht mehr schlafen konnten, weil wir solche Angst hatten. Überall sind Bomben geflogen", erzählt Ibo heute.

"Ich will nicht, dass so viele Menschen ihre Heimat verlieren. Ich weiß doch, wie sich das anfühlt."
Ibo MohamedFridays for future-aktivist

Die Lage vor Ort verschlimmert sich. Ibos Leben ist geprägt von Angst. 2015, da ist er gerade 17 Jahre alt, fällen seine Eltern eine Entscheidung: Ibo soll fliehen, bloß weg von hier, bevor er in nur wenigen Monaten ins Militär eingezogen wird. Seine Eltern verkaufen ihr Grundstück. 10.000 Euro – für Ibos Flucht, für seine Sicherheit, für einen Neuanfang. Sein kleiner Bruder muss bleiben, das Geld reicht nicht aus, um beide Söhne in Sicherheit zu bringen. Und bei Ibo drängt die Zeit.

Schweren Herzens verlässt er seine Familie, sein Zuhause und alles, was er kennt. Vor ihm: Ungewissheit. Und die blanke Angst. Wird seine Flucht gelingen? Wird er seine Familie jemals wiedersehen? Die Gedanken rasen in seinem Kopf. "Die Flucht war furchtbar – ich wusste die meiste Zeit nicht einmal, wo ich war." Als Ibo von Schleppern aus der Türkei nach Bulgarien gebracht wird, hält ihn die bulgarische Armee fünf Mal auf, bringt ihn zurück aufs türkische Festland. Sie nehmen ihm das Essen weg, schlagen ihn. "Sie haben uns gehalten wie Schweine", sagt Ibo. "Ich habe in dieser Zeit kaum eine freundliche Seele getroffen."

Migration und Klimakrise sind eng miteinander verwoben

Dann endlich schafft er es nach Bulgarien. Von dort geht es weiter über Serbien, Ungarn, Österreich – und schließlich nach Deutschland. Knapp drei Monate hat seine Flucht gedauert: Fremdes Land, fremde Kultur, fremde Sprache. Ibo bekommt eine Depression. Zu schlimm wirken die Eindrücke und Bilder seiner Flucht und des Krieges nach. Er fühlt sich allein, hilflos.

Einige Monate später geht es Ibo langsam besser, er fängt an; sich politisch zu engagieren, auch für den Klimaschutz. Dann, im Sommer 2019, ist er auf seiner ersten Fridays for Future-Demo in Bamberg, Bayern. "Ich fand es so krass, dass da so viele junge Menschen für eine klimagerechte Welt auf die Straße gehen – das hat mich nachdrücklich fasziniert und beeindruckt", erzählt er gegenüber watson.

Nach Ibos erster Fridays for Future-Demo steht für ihn fest: Er will sich gemeinsam mit all diesen jungen Menschen gegen die Klimakrise engagieren.
Nach Ibos erster Fridays for Future-Demo steht für ihn fest: Er will sich gemeinsam mit all diesen jungen Menschen gegen die Klimakrise engagieren.privat

Ibo will weitermachen, ist fortan auf jeder Fridays-for-Future-Demo dabei, bringt sich in der Bewegung mit ein. "Flucht und Klima gehören zusammen, und das wird sich mit der zunehmenden Erderwärmung nur verschlimmern", sagt er. "Es werden so viele Menschen ihre Heimat und ihre Existenz verlieren, deswegen engagiere ich mich auch bei Fridays for Future – denn das will ich nicht."

"Selbst, wenn wir das 1,5 Grad-Limit noch schaffen sollten, wird das ja alles noch viel schlimmer. Ich sehe da schwarz. Und ich habe wirklich große Angst vor dem, was noch passiert. Es kann doch nicht sein, dass Lobbyismus und Kapitalismus wichtiger sind, als unsere Zukunft."
Ibo Mohamedfridays for future-aktivist

Laut dem zweiten Teil des Groundswell-Berichts der Weltbank könnten die Folgen der Klimakrise bis zum Jahr 2050 rund 216 Millionen Menschen zur Migration zwingen. Insbesondere die Region südlich der Sahara würde schwer getroffen – bis zu 86 Millionen Klimaflüchtlinge werden allein aus dieser Region erwartet.

FFF-Demonstranten wollen Politik durch internationalen Klimastreik unter Druck setzen

Wie schrecklich die Folgen der Klimakrise sind, hätten wir auch in Deutschland im vergangenen Jahr wieder erlebt: Trockenheit, Überschwemmungen, zu viel oder ausbleibender Niederschlag – "und es wird immer schlimmer, vor allem im globalen Süden, wo man die Folgen schon jetzt viel stärker spürt", sagt Ibo. Dabei hat sich die Erde bislang erst um 1,1 Grad aufgeheizt. "Selbst, wenn wir das 1,5 Grad-Limit noch schaffen sollten, wird das ja alles noch viel schlimmer. Ich sehe da schwarz. Und ich habe wirklich große Angst vor dem, was noch passiert."

"Wir sagen seit Jahren, dass endlich was passieren muss. Und was ist? Es passiert nichts."
Ibo Mohamedfridays for future-aktivist

Und dennoch: Ibo kämpft weiter. "Es kann doch nicht sein, dass Lobbyismus und Kapitalismus wichtiger sind, als unsere Zukunft. Wir sagen seit Jahren, dass endlich was passieren muss. Und was ist? Es passiert nichts."

Manchmal habe Ibo das Gefühl, dass die Politik die jungen Aktivisten nicht ernst nehme. "Deswegen ist es jetzt so wichtig, dass wirklich viele Menschen auf die Straße gehen und so viel Druck machen, damit die Politiker das auch endlich mal ernst nehmen und dann auch wirklich reagieren."

"Noch können wir etwas tun, um das Ziel zu erreichen. Wir sind nicht machtlos, wenn wir mit Millionen von Menschen auf die Straße gehen. Da kann die Politik gar nicht wegschauen."
Ibo Mohamedfridays for future-aktivist

Trotz allem gibt er aber nicht auf, wie er sagt: "Wir müssen weitermachen, auch dann, wenn wir zwischenzeitig mal keine Hoffnung haben, das 1,5 Grad-Limit noch zu erreichen." Immerhin hätte man sich durch das Pariser Klimaabkommen ein hohes Ziel für die nur noch wenig verbliebene Zeit gesetzt. "Die Sache ist die: Noch können wir etwas tun, um das Ziel zu erreichen, wir sind nicht machtlos, wenn wir mit Millionen von Menschen auf die Straße gehen. Da kann die Politik gar nicht wegschauen."

Auch wenn es mit Putins Krieg in Russland und der Corona-Krise derzeit zahlreiche Krisen gebe, dürfe die Klimakrise nicht hinten runterfallen. "Wenn das passiert, haben wir verloren. Es wird nicht einfach wieder gut werden, wir müssen etwas tun, auf die Straße gehen. Der neue IPCC-Bericht zeigt: Die Klimakatastrophe ist eine Überlebensfrage."

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Für Besitzer von Autos mit schlechten Abgaswerten soll das Fahren in ganz London im kommenden Spätsommer teuer werden. Bürgermeister Sadiq Khan will Ende August die bereits in den Innenstadtbezirken geltende Niedrigemissionszone auf alle Teile der britischen Hauptstadt ausweiten und damit dreckige Fahrzeuge so weit wie möglich verbannen. Davon sind Hunderttausende Autofahrer betroffen.

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