Unsere Autorin ist von den Klischee-Sätzen, die sie als Veganerin zu hören bekommt, ganz schön genervt. (Symbolbild)
Unsere Autorin ist von den Klischee-Sätzen, die sie als Veganerin zu hören bekommt, ganz schön genervt. (Symbolbild)Bild: iStockphoto / Drazen Zigic
watson-Kolumne

"Veganern ist Tierleid wichtiger als Menschenleid": Wie du am besten auf Vegan-Klischees reagierst

"As vegan as possible" – die watson-Kolumne zu vegetarischem und veganem Leben
17.06.2021, 15:2929.06.2021, 14:39
Theresa Schwab
Theresa Schwab
Folgen

Wissenschaftliche Fakten, Studien und nachgewiesene Zahlen sind für mich wichtige Grundlagen, um über Veganismus zu diskutieren. Und das muss ich ziemlich häufig. Weil ich von Nicht-Veganern Sätze hingeworfen bekomme, die in der Gesellschaft verbreiteten Vorstellungen entsprechen.

Ich habe absolut nichts gegen eine andere Meinung, was Moralvorstellungen oder Interessen betrifft. Ich muss es akzeptieren, wenn jemand kein Problem damit hat, ein Tier zu schlachten oder sich nicht für den Klimawandel interessiert. Was mich jedoch aufregt: Wenn mit falschen Fakten um sich geworfen wird, klischeehafte Behauptungen aufgestellt werden und die Moral-Keule angeflogen kommt ("Aber dann in den Urlaub fliegen").

"Der Mensch war schon immer Allesesser" und weitere Vorurteile

Umso mehr habe ich mich gefreut, dass folgender Vegan-Trupp Ende Mai ein Buch herausgebracht hat: Niko Rittenau (Ernährungswissenschaftler), Patrick Schönfeld (Humanist, Tierrechtsaktivist) und Ed Winters (Speaker, Tierrechtsaktivist, Produzent). Unter dem Titel "Vegan ist Unsinn – Populäre Argumente gegen Veganismus und wie man sie entkräftet" sezieren sie gängige Aussagen mithilfe wissenschaftlicher Grundlagen und ethisch-moralischen Prinzipien.

"Was mich aufregt: Wenn mit falschen Fakten um sich geworfen wird, klischeehafte Behauptungen aufgestellt werden und die Moral-Keule angeflogen kommt ('Aber dann in den Urlaub fliegen')."

Zu jeder Aussage gibt es am Ende des Kapitels eine Richtigstellung anhand einer Tabelle mit der Spalte "Vorurteil" und "Faktenlage". Eine absolute Empfehlung, um sich weiterzubilden, aber ganz besonders, um bei Familientreffen oder in Smalltalks lapidar hingeworfene Sätze mit wenigen Argumenten zu entkräften und zu korrigieren.

Ein kleiner Auszug der Themenfelder, welche die drei Autoren in ihrem Buch aufgreifen: "Veganer*innen ist Tierleid wichtiger als Menschenleid", "Pflanzen sind auch Lebewesen und haben Gefühle", "Eierlegen schadet den Hühnern nicht", "Der Mensch ist ein Allesesser und Fleisch hat uns intelligent gemacht", "Vegane Ernährung im Kindesalter ist Kindesmisshandlung", "Vegane Ernährung für Hunde und Katzen ist Tierquälerei", "Vegane Ersatzprodukte sind pure Chemie" oder "Palmöl in veganen Produkten zerstört den Regenwald".

Die drei Aussagen, mit denen ich persönlich bisher am häufigsten konfrontiert wurde?

  1. Ich finde es wichtiger, sich erst mal um Menschen statt um Tiere zu kümmern.
  2. Der Mensch war schon immer ein Allesesser.
  3. Palmöl und Soja zerstören den Regenwald.

Veganern wird so viel Falsches vorgeworfen

Auf den ersten Vorwurf möchte ich anhand des Buches näher eingehen, weil dieses Kapitel wunderbar zeigt, wie komplex manche Themenbereiche sind. Und dass sich diese eben nicht auf einen Satz reduzieren lassen.

Über die Autorin
As vegan as possible – das beschreibt Theresa Schwab am besten. In ihrer Kolumne berichtet die freie Journalistin über positive Erkenntnisse, über Anstrengungen und darüber, warum es okay ist, manchmal im Alltag an einem nicht-tierischen Lebensstil zu scheitern.

Veganern wird vorgeworfen, eine falsche Priorisierung zu haben, also Tierleid über Menschenleid zu stellen. Was ich mich frage: Warum schließt das eine das andere aus? Wieso geht mein Gegenüber davon aus, verletzte Menschenrechte wären mir egal, nur, weil ich mich gegen eine industrielle Nutztierhaltung ausspreche? Woher weiß mein Gesprächspartner, dass ich mich nicht parallel für hilfsbedürftige Menschen engagiere, nur weil ich auf tierische Produkte verzichte?

Weitere interessante Betrachtungen finde ich dazu in dem oben genannten Buch. Die Autoren zitieren die Top-10-Gefahren für die Weltgesundheit im Jahr 2019 der WHO und analysieren, dass die weltweite industrielle Nutztierhaltung auf mindestens drei der Gefahren einen bedeutenden Einfluss ausübt.

Platz 1 lautet Luftverschmutzung und Klimawandel. Die weltweiten Treibhausgasemissionen aus der Nutztierhaltung sind mit 12 bis 18 Prozent ähnlich hoch wie der gesamte Transportsektor. Die ökologische Relevanz eines pflanzlichen Lebensstils ist somit enorm.

"Die Autoren benennen die vegane Bewegung somit als Multi-Problemlöser, der Tierrechte, Umweltschutz und Weltgesundheit positiv beeinflusst."

Platz 5 belegen die Gefahren, die von Antibiotikaresistenzen ausgehen, denn jährlich sterben etwa 1,6 Milliarden Menschen an antibiotikaresistenten Keimen. Einer der relevantesten Gründe: die übermäßige Gabe von Antibiotika in der Nutztierhaltung. Denn 70 bis 80 Prozent der weltweiten Antibiotika kommen nicht in der Humanmedizin, sondern in der Tierhaltung zum Einsatz. Ein gefährliches Unterfangen, mit dem eine medizinische Errungenschaft für den Menschen riskiert wird.

Auf Platz 6 der WHO-Liste landet die Gesundheitsgefahr durch Ebola und andere Hochrisiko-Pathogene, sogenannte Infektionskrankheiten, die zwischen Tieren und Menschen übertragen werden. Geflügelgrippe und Rinderwahn sind nur einige Beispiele. Es wird davon ausgegangen, dass 60 bis 75 Prozent aller humanpathogener Erreger aus der Nutztierhaltung stammen. Das American Journal of Public Health schrieb in diesem Zusammenhang, diejenigen, die Tierprodukte konsumieren, würden das Wohlergehen anderer Menschen gefährden. Die Autoren benennen die vegane Bewegung somit als Multi-Problemlöser, der Tierrechte, Umweltschutz und Weltgesundheit positiv beeinflusst.

Wer tierische Produkte isst, sollte sich über folgende Zahlen Gedanken machen

Ein schönes Schlusswort aber ich stelle lieber noch mal die Auswirkungen der weltweiten Nutztierhaltung in Zahlen ans Ende, die sich mit Naturkatastrophen, Krankheiten und Hungernöten logischerweise auch auf das Wohl des Menschen auswirken.

Wer tierische Produkte konsumiert, verantwortet…

  • 12 bis 18 Prozent aller Treibhausgasemissionen
  • 70 bis 80 Prozent der Amazonas-Regenwald-Abholzungen
  • 30 bis 33 Prozent der weltweit verbrauchten Landfläche und 70 bis 80 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche
  • 36 bis 46 Prozent der weltweiten Ernte in Bezug auf Lebensmittelverbrauch
  • zirka 30 Prozent des menschlich verschuldeten Artensterbens
  • zirka 33 Prozent der Überfischung
  • 70 bis 80 Prozent aller eingesetzten Antibiotika und
  • 60 bis 75 Prozent aller humanpathogener Erreger.

Mein Tipp: Auswendig lernen und beim nächsten Vorwurf parat haben!

Kerzen und Kekse ohne Klimakatastrophe: Tipps für einen nachhaltigen und gemütlichen ersten Advent

Endlich ist es wieder so weit: Draußen ist es kalt und dunkel, die Lichter leuchten und an allen Ecken duftet es nach Glühwein, gebrannten Mandeln und Tannenzweigen. Die Vorfreude auf das nahende Weihnachtsfest ist bei vielen Menschen groß – und gleichzeitig meldet sich das schlechte Gewissen. Nicht nur, weil die Coronazahlen rapide steigen und es vermutlich am besten wäre, allein Zuhause zu bleiben. Sondern auch, weil mit der Adventszeit die Konsumschlacht beginnt: Geschenke müssen ebenso gekauft werden wie Lichterketten, Kerzen, Adventskränze und Tannenbäume. Die Frage stellt sich: Geht Weihnachten feiern auch nachhaltig?

Zur Story