Hasan Salihamidžić ist seit 2017 Sportchef beim FC Bayern.
Hasan Salihamidžić ist seit 2017 Sportchef beim FC Bayern.
Bild: EIBNER/Sascha Walther/POOL / imago images
Analyse

Der Mann, wegen dem Hansi Flick das Handtuch wirft: So viel Einfluss hat Hasan Salihamidzic beim FC Bayern wirklich

20.04.2021, 12:46

Und plötzlich ging es doch ganz schnell: Trainer Hansi Flick hat den Bayern München um die Auflösung seines Vertrags gebeten. "Ich habe der Mannschaft gesagt, dass ich den Verein unter der Woche informiert habe, dass ich am Ende der Saison aus meinem Vertrag raus möchte", sagte Flick am Samstag. Ob Flick nun schon bald beim DFB anheuert? Noch ist das unklar, doch denkbar scheint es.

Der Bayern-Coach zieht jedenfalls mit seiner Entscheidung die Reißleine im Streit mit Sportvorstand Hasan Salihamidžić. Flick, der Erfolgstrainer, der seine Wünsche nicht erfüllt bekommt und nicht mitreden darf – und auf der anderen Seite der Funktionär Salihamidžić, der von den großen Bossen wie Präsident geschützt wird.

Wer ist der Mann, wegen dem Flick das Handtuch schmeißt? Wie viel Macht und Einfluss hat Hasan Salihamidžić beim FC Bayern wirklich? Haben die Bayern auch dank ihm die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte gespielt – oder trotz ihm?

Das Problem bei der Bewertung von Salihamidžićs Arbeit ist aber, dass nicht klar ersichtlich ist, für welche Entscheidungen er die Verantwortung trägt.

Wenn man an Salihamidžić, den ehemaligen Außenbahnspieler, denkt, kommt man nicht um eine Szene aus dem Jahr 2006 herum. Der FC Bayern hat sich mit einem Unentschieden beim 1. FC Kaiserslautern gerade erneut zum Deutschen Meister gekrönt. Der damalige Bayern-Manager Uli Hoeneß steht für ein Interview bei Sky-Vorgänger Premiere. Da kommen Salihamidžić und Mehmet Scholl mit gut gefüllten Weißbiergläsern ins TV-Studio und wollen ihren Manager unbedingt eine Weißbierdusche verpassen. Nur auf mehrfache Bitten des Bayern-Patrons unterlässt ein Dauer-Grinsender Salihamidžić die Aktion.

Gut elf Jahre später steht der gebürtige Bosnier wieder neben Uli Hoeneß. Der ist damals Präsident des FC Bayern und stellt im Sommer 2017 im Medienraum der Münchner Hasan Salihamidžić als neuen Sportdirektor des Vereins vor. Wieder hat der heute 44-Jährige ein breites Grinsen im Gesicht. Er bekommt einen unglaublichen Vertrauensvorschuss von Uli Hoeneß und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge: Schließlich ist es sein erster Job in diesem Bereich.

Salihamidžić bei seiner Vorstellung mit Vorstandsboss Rummenigge (l.) und dem damaligen Präsidenten Hoeneß
Salihamidžić bei seiner Vorstellung mit Vorstandsboss Rummenigge (l.) und dem damaligen Präsidenten Hoeneß
Bild: www.imago-images.de / bHJS

Ein holpriger Start

Die ersten Monate seiner Amtszeit laufen für Salihamidžić holprig. Er wirkt bis heute in Interviews teilweise unvorbereitet und liefert ungelenke Antworten, die damals wie heute intern nicht immer wirklich gut ankommen.

Gerade in der Anfangszeit verfestigt sich bei Kritikern ein Bild, das Salihamidžić bis heute nachhängt: das des unerfahrenen Sportdirektors, der zwischen den großen Bayern-Bossen Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß steht und im damaligen Streit der Bosse um die Neubesetzung des Cheftrainerpostens nach dem Karriereende von Jupp Heynckes vermitteln soll. Rummenigge und Salihamidžić haben andere Namen auf dem Zettel als Präsident Hoeneß, der am Ende seine Wunschlösung Niko Kovac durchsetzt. Salihamidžić bekommt das Image des stillen Ja-Sagers, der seinem Mentor nicht widerspricht.

Doch mit der Zeit entwickelt der 44-Jährige sein eigenes Profil und klare Vorstellungen, in welche Richtung sich der Verein entwickeln soll. Stets begleitet von den wachsamen Augen seines großen Förderers Uli Hoeneß, der den Sportvorstand intern verteidigt und mittlerweile auch Präsident Herbert Hainer hinter sich weiß. So war "Brazzo" in den vergangenen drei Jahren an Transfers und Entscheidungen beteiligt, ohne die der FC Bayern nicht die aktuell erfolgreichste Phase seiner Klubgeschichte erlebt hätte.

Das Problem bei der Bewertung von Salihamidžićs Arbeit ist aber, dass nicht klar ersichtlich ist, für welche Entscheidungen er die Verantwortung trägt. Zudem ist die Bewertung seiner Arbeit stark geprägt von den vergangenen drei Transferperioden, die von den Auswirkungen der Corona-Pandemie beeinflusst waren. Hinzu kommt, dass Flick mit seiner Aussage, dass der Kader in der vergangenen Saison besser war, zusätzlich dafür sorgte, Salihamidžićs Arbeit nicht wirklich wertzuschätzen.

Kaderplanung ist Sache des Vorstands

In der nun eskalierten Machtdebatte zwischen Salihamidžić und Flick ging es vor allem um den Einfluss des Trainers auf die Kaderplanung und Vertragsverlängerungen. Flick wünschte sich seit seinem Amtsantritt mehr Mitsprache bei diesen Themen. Und er war nicht der erste Bayern-Trainer mit diesem Anliegen. Erst in der vergangenen Woche kritisierte Ex-Bayern-Coach Niko Kovac, nicht in die Pläne des Sportchefs eingebunden worden zu sein. "Wir wissen alle, wie es in München abläuft. Aber man möchte als Trainer bei der Kaderplanung mitgenommen und eingebunden werden", sagte er der "SportBild".

Gerade, wenn man sich die Triple-Mannschaft aus dem vergangenen Jahr anschaut, wird deutlich, welchen positiven Einfluss Salihamidžić mit seinen Transfers hatte.

Doch beim FC Bayern gilt schon immer das Modell, dass die Bosse bestimmen, welche Spieler verpflichtet werden. Das mussten die Trainer Niko Kovac, Jupp Heynckes und Carlo Ancelotti feststellen – und nun auch Hansi Flick.

"Bayern hat klar gesagt, dass Kaderplanung Chefsache des Sportvorstands ist. Und das macht Brazzo gemeinsam mit Chefscout Marco Neppe", erklärt auch Bayern-Kenner Vjeko Keskic im Gespräch mit watson.

FC Bayern: Umbruch mit Erfolg

Und in dieser Hinsicht hat der Sportvorstand in den vergangenen drei Jahren ziemlich gute Arbeit geleistet und dafür gesorgt, dass es ein klares Konzept bei der Verpflichtung von Spielern gibt: Jung und entwicklungsfähig sollen sie sein.

Unter Salihamidžić mussten Spieler wie Mats Hummels, Mittelfeldmann Arturo Vidal oder Douglas Costa den Verein verlassen. Auf den ersten Blick fragwürdige Entscheidungen, die sich am Ende jedoch als sehr sinnvoll erwiesen. Bei ihnen deutete sich bereits an, dass sie nicht mehr die nötige Konstanz besitzen, um über Jahre auf ganz hohem Niveau zu agieren. Ähnlich verhält es sich jetzt – zum Missfallen Hansi Flicks – bei Jérôme Boateng, dessen auslaufender Vertrag nicht verlängert wird.

Und wer weiß, wie sich Spieler wie Davies, Pavard, Hernandez, Kimmich, Goretzka oder Gnabry entwickelt hätten, wenn sie weniger Spielzeit erhalten hätten, da sie die Routiniers vor der Nase gehabt hätten.

Am Champions-League-Sieg des FC Bayern hatte auch Hasan Salihamidžić einen großen Anteil.
Am Champions-League-Sieg des FC Bayern hatte auch Hasan Salihamidžić einen großen Anteil.
bild: imago images

Gerade, wenn man sich die Triple-Mannschaft aus dem vergangenen Jahr anschaut, wird deutlich, welchen positiven Einfluss Salihamidžić mit seinen Transfers hatte.

An den Verpflichtungen Leon Goretzkas und Benjamin Pavards war er beteiligt. Goretzka kam sogar ablösefrei und kann als Top-Transfer verbucht werden. Für Pavard zahlten die Bayern 35 Millionen Euro. Doch auch diese Summe hat sich bisher mehr als bezahlt gemacht. In der vergangenen Saison hatte der Sportdirektor zudem einen großen Anteil an den Ausleihen von Ivan Perisic und Philippe Coutinho, die wichtige Rotationsspieler beim Triple-Sieg wurden.

Eine ausgezeichnete
Zukunftsperspektive

Zudem werden Salihamidžić vier Transfers zugeschrieben, die die Zukunft des FC Bayern nachhaltig beeinflussen könnten. Dass der FC Bayern Alphonso Davies für zehn Millionen Euro holte und der innerhalb kürzester Zeit zum Shootingstar wurde, ist der große Verdienst von Salihamidžić und Chefscout Macro Neppe. Ebenso wie die Verpflichtung Jamal Musialas, der in dieser Saison bereits auf 21 Einsätze und vier Tore kommt. Auch wegen der ablösefreien Verpflichtung von Tanguy Nianzou ist man europaweit neidisch auf den FC Bayern. Ex-Trainer Thomas Tuchel und Ralf Rangnick lobten ihn als größtes Talent auf seiner Position.

Salihamidžić hat ein Team zusammengestellt, das so auf Jahre für Furore sorgen kann.

Hinzu kommt Lucas Hernandéz, auf dem durch die Ablöse von 80 Millionen Euro ein hoher Druck lastet. Doch aufgrund zahlreicher Blessuren konnte er sein Potenzial bisher nur andeuten. Auch bei der Verpflichtung von Leipzigs Dayot Upamecano, der im Sommer für 45 Millionen Euro aus Leipzig nach München kommt, war Salihamidžić die treibende Kraft.

Mit Davies (20), Nianzou (18), Hernandéz (25), Upamecano (22), Musiala (18), Kimmich (26), Goretzka (26), Sané (25) und Gnabry (25) hat Salihamidžić in den vergangenen Jahren ein Team zusammengestellt, das so auf Jahre für Furore sorgen kann.

Kritik ist geprägt durch Costa, Roca, Sarr und Choupo-Moting

Dass die Rollen jedoch weiterhin klar verteilt sind und die Arbeit des Bosniers so stark in der Kritik steht, liegt an den Verpflichtungen in der vergangenen Transferperiode.

Doch gemessen an den Anforderungen, mit denen Douglas Costa, Marc Roca, Bouna Sarr und Eric-Maxim Choupo-Moting geholt wurden, ergeben fast alle Transfers auch bis heute einen Sinn. Durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind sie wohl noch die besten Lösungen gewesen.

Choupo-Moting kam ablösefrei, seine Rolle als Back-Up von Robert Lewandowski war klar und mit aktuell etwas mehr Spielpraxis zeigt er, dass er ein solider Ersatz des Polen sein kann. Auch Marc Roca zeigte bei seinen wenigen Kurzeinsätzen immer wieder sein Talent am Ball, bekommt von Flick jedoch nur so wenig Einsatzzeit geschenkt. Sein Verhalten gegen den Ball ist nicht immer optimal. Aber es ist eben kein Makel, der mit etwas Praxis nicht ausgebessert werden könnte.

Salihamidžić (r.) bei der Präsentation der Neuzugänge Douglas Costa und Marc Roca.
Salihamidžić (r.) bei der Präsentation der Neuzugänge Douglas Costa und Marc Roca.
Bild: Revierfoto / Revierfoto

Bouna Sarr und Douglas Costa können durchaus als Flops bezeichnet werden, bekamen von Flick aber auch kaum echte Einsatzchancen. Ein Transfer von Sarr wäre auch verzichtbar gewesen, wenn man dafür auf Eigengewächs Chris Richards gesetzt hätte, den man stattdessen nach Hoffenheim verlieh.

Es wäre aber zu einfach, die Transferplanung nur daran festzumachen, ob Salihamidžić schlechte Spieler verpflichtet hat oder Flick ihnen einfach keine Einsatzchancen gibt, um sich zu beweisen. Die Integration von Neuzugängen braucht Zeit und auch die Spieler müssen sich an eine neue Umgebung und ein neues Umfeld gewöhnen. Letztendlich hat es wohl einfach nicht richtig gepasst.

Ein Trainer-Abgang wäre
verschmerzbar​

Salihamidžićs Einfluss im Verein ist in den vergangenen drei Jahren stetig gestiegen. Flick wird genau gewusst haben, dass ein Großteil der Bayern-Bosse im Machtkampf wohl auf Brazzos Seite stehen.

Bei zeitweise neun verletzten Spielern ist es zudem schwierig, noch so gut in der Breite aufgestellt zu sein. Gerade in Zeiten der Pandemie, in der der Verein mit enormen Einnahmeverlusten zu kämpfen hat, kann man sich keine zweite Elf an Top-Spielern leisten.

Dass er sich zudem nicht in seine Arbeit hereinreden lässt, ist verständlich, wirkt aber auch kühl und kompromisslos.

Klar, Flick war im Moment der wahrscheinlich beste Trainer, den der FC Bayern sich wünschen kann. Doch seinen Abgang wird der Klub besser verschmerzen, als wenn nun Sportvorstand Salihamidžić sein Amt niedergelegt hätte. Zwar ist die Methode, den Trainer nicht mitentscheiden zu lassen, ziemlich veraltet. Doch der FC Bayern kann sich einen neuen Coach eher leisten, als einen neuen Sportvorstand installieren zu müssen.

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