Heiko Westermann spielte fünf Jahre für den HSV, außerdem noch für Schalke, Ajax Amsterdam und Betis Sevilla.
Heiko Westermann spielte fünf Jahre für den HSV, außerdem noch für Schalke, Ajax Amsterdam und Betis Sevilla.
Bild: imago sportfotodienst / Pro Shots
Exklusiv

Heiko Westermann über seine Karriere und Deutschlands U17-Nationalmannschaft: "Alle zwei Wochen Mannschaftsabend – auch im Profi-Bereich"

06.10.2021, 11:5906.10.2021, 12:24

Insgesamt 15 Jahre war Heiko Westermann als Profi im Fußball aktiv. Der Verteidiger spielte für große Klubs wie dem Hamburger SV, Schalke 04 und Ajax Amsterdam. Aber gerade zu Beginn seiner Karriere war er für kleinere Vereine wie Bielefeld und Greuther Fürth aktiv.

Seit etwas mehr als zwei Jahren arbeitet er als Co-Trainer für den DFB in der Jugend, betreut aktuell die U17 mit und arbeitet auf die EM 2022 (16. Mai – 1. Juni) in Israel hin.

Im watson-Interview spricht er über seine eigene Zeit als Profi, was der größte Unterschied zur aktuellen Spielergeneration ist und worauf er als Trainer plötzlich besonderen Wert legt.

watson: Wenn man mit angehenden Trainern spricht, stellt sich oft die Frage, welcher Trainer-Typ man sein will. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Heiko Westermann: Ich bin ein Typ mit klaren Ansagen, komme schnell auf den Punkt und mag es nicht, zu viel zu quatschen. Ich will auf keinen Fall als Schlauberger rüberkommen. Die Jungs sollen selbst entscheiden und ihren Weg finden.

Sie sind bei der U-17-Nationalmannschaft Co-Trainer. Marc Meister ist Cheftrainer, hat aber nie leistungsmäßig Fußball gespielt. Macht das einen Unterschied?

Aber er war Jugendtrainer in Hamburg, Dortmund und Karlsruhe und hat enorm viel Erfahrung in diesem Bereich.

Merken Sie, dass er kein Profi war?

Er hat Fußball gespielt und man merkt, dass er auch kicken kann. Wir geben uns gegenseitig ehrliche Feedbacks zum Auftritt, den Verbesserungsmöglichkeiten und sehen natürlich Spieler auch anders, aber am Ende sind wir immer auf der gleichen Wellenlänge.

Die Trainer, die keine Profi-Erfahrung haben, werden mit Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und Julian Nagelsmann immer mehr. Wie wichtig ist eine Spieler-Karriere als Trainer?

Man sagt nicht umsonst, dass ein Name bei einer Mannschaft drei Monate zieht. Danach muss aber Input geliefert werden. Das heißt, wenn du keinen Namen hast, musst du sofort Input liefern. Das wichtigste ist der Auftritt vor den Jungs, dann kommt das Vermitteln von Inhalten und ein bisschen Humor schadet auch nicht. Wenn du das alles abdeckst, wirst du ein guter Trainer werden. Aber noch wichtiger ist ein gutes Trainer-Team.

"Wir nehmen jedes Training und Spiel auf Video auf. Danach können wir uns mit den Spielern zusammensetzen, drei Videos zeigen und ihn fragen, was er besser machen könnte."
Heiko Westermann über das Training mit jungen Spielern

Vor einigen Jahren gab es den Vorwurf, dass Spieler zu sehr in Systeme gepresst werden. Wie stehen Sie dazu?

Aus diesem Thema sind wir schon seit Jahren raus. Fußball ist schon fast ein Individualsport geworden. Klar, am Ende muss die Mannschaft gut zusammenspielen, aber man muss individuell auf die Spieler eingehen.

Wie machen Sie das?

Wenn ich beispielsweise einem offensiven Mittelfeldspieler vier Anweisungen gebe, auf die er achten soll, dann ist das für ihn nicht umsetzbar. Ihm musst du eine Sache mitgeben und sonst lässt du ihn in Ruhe kicken.

Das funktioniert aber nicht bei jedem Spieler…

Richtig. Beispielsweise kann man einem Abwehrspieler drei bis vier Leitplanken mitgeben, die ihm während des Spiels helfen. Die Jungs müssen am Ende in die Position gebracht werden, aus vielen Entscheidungsmöglichkeiten die bestmögliche zu treffen.

Was hilft grundsätzlich bei der Arbeit mit den jungen Spielern?

Wir nehmen jedes Training und Spiel auf Video auf. Danach können wir uns mit den Spielern zusammensetzen, drei Videos zeigen und ihn fragen, was er besser machen könnte. Wenn er selbst darauf kommt, wird er es auch umsetzen. Wenn ich ihm etwas vorgebe, hat es eine geringere Wirkung. Das ist aber natürlich nur die Idealvorstellung.

"Ich weiß gar nicht, ob die Spieler heute wissen, wo der Bus vor der Haustür hinfährt."
Heiko Westermann über die aktuellen Nachwuchs-Fußballer

Wie schaut es in der Realität aus?

Du hast im Profibereich manchmal nicht genug Zeit und stehst unter Druck. Dann werden auch viele Dinge vorgegeben.

Noch sind Sie Co-Trainer, haben Sie auch die Ambition irgendwann als Chef an der Seitenlinie zu stehen?

Momentan ist das für mich noch nicht denkbar. Im aktuellen Trainer-Team fühle ich mich nicht als Co-Trainer, sondern als Teil eines Teams. Ich leite auch Trainingseinheiten und bin mit den Spielern im Kontakt, sodass ich mich nicht hintenangestellt fühle.

Ihre Jugendvereine waren Bayern Alzenau und FC Hösbach. Das liest sich so, als sei ihre Jugend-Ausbildung komplett anders gewesen, wie sie es aktuell die Spieler in den Nachwuchsleistungszentren (NLZ) haben.

Hösbach war damals noch in der Bezirksoberliga und Bayern Alzenau in der Regionalliga. Aber ich hatte damals eine Clique von vier oder fünf Freunden, die echt gut waren. Wir haben immer zusammen den Verein gewechselt und das hat mir gut getan. Ich hatte meine Freunde um mich und mit Alzenau haben wir immer in der höchsten Jugend-Liga gespielt. Aber es war etwas komplett Anderes als heutzutage.

Was sind die Unterschiede?

Kurz nachdem ich 17 Jahre alt geworden bin, bin ich von zuhause weggegangen nach Fürth. Das war damals vor 20 Jahren noch extrem früh. Den Begriff NLZ gab es noch gar nicht. In Fürth habe ich in einem Haus mit ein paar anderen Jugendspielern gelebt. Da gab es noch keine Betreuer, die sich um dich gekümmert haben. Einmal in der Woche kam die Putzfrau.

Das heißt, es gab mit 17 Jahren auch immer Fertiggerichte?

Das habe ich mir fast nie gemacht. Es gab nach den Trainings immer etwas zu essen und ich habe gelernt zu kochen und Wäsche zu waschen, wobei meine Mutter auch nur 200 Kilometer entfernt war und mich unterstützt hat. Aber ich habe ziemlich schnell gelernt, alles selbst zu organisieren.

Wie oft waren Sie als 17-Jähriger, der nicht mehr zuhause wohnte, am Wochenende auch abends unterwegs?

Mit 17, 18 oder 19 Jahren hatte ich eine Phase, in der es völlig normal war, wegzugehen. Es war aber eine andere Zeit. Du hattest damals alle zwei Wochen Mannschaftsabende – auch im Profi-Bereich. Das gehörte dazu und wollte auch niemand verbieten.

Ist das ein Unterschied zu den Jugendspielern heute?

Ich weiß gar nicht, ob die Spieler heute wissen, wo der Bus vor der Haustür hinfährt. Ich bin damals um 6 Uhr morgens aufgestanden, bin um halb sieben zum Bus gelaufen, dann eine Viertelstunde zum Zug gefahren, eine halbe Stunde mit dem Zug gefahren und dann noch einmal zehn Minuten gelaufen. Das war mein einfacher Schulweg. Wenn das heute noch jemand machen müsste, wäre Leistungssport wohl kaum möglich.

Heiko Westermann debütierte 2003 im Alter von 19 Jahren bei den Profis von Greuther Fürth.
Heiko Westermann debütierte 2003 im Alter von 19 Jahren bei den Profis von Greuther Fürth.
Bild: Imago / Imago

Dafür sind die Spieler aber vermutlich fußballerisch schon weiter.

Definitiv. Sie sind viel besser ausgebildet, aber ihnen wird eben auch einiges abgenommen.

Dafür sind heutzutage gerade bei jungen Menschen die sozialen Medien ein großes Thema. Sehen Sie die ganzen Kanäle als Fluch oder Segen?

(lacht) Naja, das kann man sehen, wie man will. Ich würde es den Spielern empfehlen, dass sie die Aktivitäten auf Social Media mit jemandem zusammen machen. Und dann ist ganz wichtig, welcher Spieler-Typ ich bin und wie ich wahrgenommen werden will.

Weil Veröffentlichungen immer auch eine Reaktion hervorrufen?

Wenn ich nur Fotos mit dicken Autos und materiellen Sachen veröffentliche, muss ich mit einem Shitstorm rechnen, weil der Neid groß ist. Man muss sich bewusst sein, wie man wirken will. Aber es gibt natürlich auch Vorteile.

Welche?

Wenn man es vernünftig aufbaut, ist es eine riesige Plattform, um etwas außerhalb der Presse zu sagen und Position zu beziehen. Aber natürlich wird durch die Sozialen Medien auch die freie Bewegung der Profis eingeschränkt. Jeder hat mit dem Handy eine Kamera und sobald sich ein Profi falsch verhält, wird es festgehalten.

Ein anderes großes Thema auf Social Media ist ihr Kürzel HW4. Das fing beim HSV als Marketing-Aktion an. Hatten Sie damals gedacht, dass es noch so lange präsent ist?

Es ist noch immer präsent und ich werde darauf angesprochen, aber es wird definitiv weniger. Ich finde es auch nicht schlimm. (lacht)

Also können Sie auch darüber lachen, wenn auf Twitter beispielsweise geschrieben wird "HW4, halb Mensch, halb Tier"?

Es war grundsätzlich eine lustige Aktion. Wenn es ins Lächerliche gezogen wird, finde ich es nicht mehr lustig, weil ich natürlich auch einen seriösen Job habe und ihn auch in Zukunft machen will.

"Beim HSV ging es nicht wirklich ums Fußballspielen. Es ging darum, in der Bundesliga zu bleiben und irgendwie das nächste Spiel zu gewinnen."
Heiko Westermann über seine Zeit beim Hamburger SV

Während Ihrer Spielerkarriere haben Sie fünf Jahre beim Hamburger SV gespielt. Wie war die Zeit für Sie?

Hamburg war eine schwierige Zeit. Dennoch ist mir der Verein echt ans Herz gewachsen. Ein cooler Klub, mit geilem Stadion und vielen Fans. Aber beim HSV ging es nicht wirklich ums Fußballspielen. Es ging darum, in der Bundesliga zu bleiben und irgendwie das nächste Spiel zu gewinnen.

Wie kam es aus Ihrer Sicht zu dieser Situation?

Ich hatte elf Trainer in fünf Jahren. Ich bin ein sehr positiver Mensch, aber wenn der neunte Trainer kommt und wieder alles umschmeißt, ist es nicht von Vorteil.

In den letzten Jahren ging es auch bei anderen Traditionsklubs wie Bremen oder Schalke immer stetig bergab. Was sind die Gründe aus Ihrer Sicht und welche Rollen spielen die Medien bei solchen Klubs?

Es war auch in Hamburg ein Riesen-Thema, dass einzelne Verlage einen Standort in Hamburg hatten. Du hast viele Tageszeitungen, deshalb war immer Feuer unterm Kessel. Was dazukam: Wir hatten keine klare Führung.

Wie meinen Sie das?

Ich will niemandem einen Vorwurf machen, weil die Manager ja auch jährlich ausgetauscht wurden. Aber man sagt nicht umsonst, dass viele Köche den Brei verderben.

Welche Auswirkungen hatte dieses Chaos auf Sie?

Ich habe mich zu Themen geäußert, die gar nicht in meinem Bereich lagen. Eigentlich müsstest du dich als Spieler immer nur aufs Fußballspielen konzentrieren. Wir hatten zwar auch mal ein oder zwei ruhige Jahre, aber ansonsten war es schwer.

Sie hatten gerade zu Beginn Ihrer Karriere mit Bielefeld und Fürth ja auch kleinere Vereine. Was waren da die größten Unterschiede?

Ich kann nur über die Mannschaften sprechen, in denen ich gespielt habe. Aber in Bielefeld und Fürth waren wir erst durch die mannschaftliche Geschlossenheit konkurrenzfähig. Es war familiärer. Bei Schalke bestand die Mannschaft aus Stars, aber wir hatten trotzdem einen gemeinschaftlich geschlossenen Kreis, dann haut dich so schnell auch nichts um. In Hamburg war es nicht mehr so.

Kann man da dann von einer Ellbogen-Mentalität sprechen?

Ich weiß nicht, ob man das Ellbogen-Mentalität nennen kann. Es gibt immer Leute, die erst ihre Haut retten wollen. Ich glaube, das hat schon vor meiner Zeit angefangen.

Wenn man in Ihre Statistik guckt, fällt auf, dass sie keinen offiziellen Titel geholt haben…

Ich war oft Vize. (lacht)

Und nachdem Sie Schalke verlassen haben, holen die Königsblauen 2011 den DFB-Pokal. Ärgern Sie sich im Nachhinein über verpasste Pokale oder lachen Sie darüber?

Ich war beim EM-Finale 2008 dabei, stand im Europa-League-Finale und wurde mit Ajax Vizemeister. Vielleicht kommen die Titel noch. Die EM im nächsten Jahr wäre klasse. Aber insgesamt mache ich mir da weniger einen Kopf drum.

Bei der EM waren Sie 2008 im Kader, haben aber keine Minute gespielt. Wie lief das aus Ihrer Sicht?

Es war kurios. Ich habe vor der EM die Spiele von Anfang an gemacht. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Es war eines der letzten Vorbereitungsspiele in Kaiserslautern gegen Weißrussland. Eigentlich sollte unser Kind am nächsten Tag geboren werden, aber meine Frau hat angerufen und gesagt, dass die Fruchtblase geplatzt sei. Ich bin also nach Hause geflogen, ein anderer hat auf meiner Position gespielt.

Heiko Westermann bei seinem letzten Länderspiel gegen England-Legende Steven Gerrard.
Heiko Westermann bei seinem letzten Länderspiel gegen England-Legende Steven Gerrard.
Bild: Imago / imago images

Und danach waren Sie erst einmal außen vor?

Mein Vertreter hat seine Sache gut gemacht und natürlich wechselt man dann ungern in der Viererkette. Ich war meinen Platz für das Turnier los. Aber die Geburt meiner Tochter war das schönere Erlebnis.

Ein paar Jahre später haben Sie ganz unglücklich die WM 2010 verpasst.

Ich habe in der WM-Quali bis auf zwei Spiele immer gespielt. In einem der letzten Testspiele gegen Ungarn breche ich mir in der 94. Minute den Fuß. Als gesetzter Verteidiger vor der WM. Da musste ich leider zuhause bleiben.

Gegen Ende Ihrer Karriere hatten Sie noch einmal mit Sevilla, Amsterdam und Wien drei Auslandserfahrungen. Wie wichtig waren die für Sie?

Das war mit das Wichtigste, was ich gemacht habe. Noch einmal die Birne zu öffnen, eine neue Sprache und eine neue Kultur kennenzulernen. Meiner Meinung nach ist die spanische Kultur in Sevilla eine komplett andere als unsere in Deutschland. Die Menschen leben, um zu leben. Es geht bei den Trainings nur ums Fußballspielen. Da machst du keine Läufe oder irgendwas ohne Ball. Es wird permanent mit Ball trainiert.

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