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Interview

"Kaotic" – das sind die rechten Ultras, die zum Aufmarsch in Chemnitz aufriefen

In Chemnitz sind nach einem Streit mit Todesfolge am Sonntag spontan Hunderte Menschen durch die Innenstadt gezogen. "Wir sind das Volk!" und "Das ist unsere Stadt!" schallte durch die Straßen. In sozialen Medien sind Aufnahmen zu sehen, wie Kundgebungsteilnehmer Menschen bedrohen und sie jagen.

Manche tragen dabei auch himmelblaue Fanartikel des Chemnitzer FC:

Denn wieder sind Fußballfans ganz vorne mit dabei bzw. Menschen, die sich auf ihrer Facebookseite als "Fanszene & Freundeskreis Chemnitz" bezeichnen. 

Die Rede ist von der Chemnitzer Ultra-Gruppierung "Kaotic Chemnitz", die der sächsische Verfassungsschutz als rechtsextrem einstuft. Der rechtsextremistischen Szene in Chemnitz werden insgesamt etwa 150 bis 200 Menschen zugeordnet. ("Zeit Online")

Unser Reporter berichtet am Montag live aus Chemnitz

Am Sonntag soll unter anderem "Kaotic" bei Facebook zu der Kundgebung in Chemnitz aufgerufen haben, zuvor warb auch die AfD zu der Versammlung. Hunderte folgten den Aufrufen.

Der Aufruf von "Kaotic" ist mittlerweile von der Facebook-Seite gelöscht worden:

Wie Zeit Online schreibt, wurde der Aufruf wurde bis zum Nachmittag mehrere Hundert Male geteilt.

Doch wer ist die Gruppierung "Kaotic Chemnitz"?

So setzt sich "Kaotic Chemnitz" auf ihrer Facebookseite selbst in Szene.

Wir haben darüber mit Robert Claus gesprochen. Er arbeitet bei der „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“ (KoFaS gGmbH), ist Experte für Fanszenen und Rechtsextremismus. Claus schrieb unter anderem auch das Buch "Hooligans", in dem er sich mit der Vernetzung rechter Fußball- und Kampfsportfans auseinandersetzt.


watson.de: Wer ist die Gruppe "Kaotic Chemnitz"?

Robert Claus: Die Gruppe hat schon 2012 ein Auftrittsverbot vom Chemnitzer FC erteilt bekommen. Sie war mal ein Versuch aus dem Umfeld der Hooligan-Gruppierung "HooNaRa" ("Hooligans Nazis Rassisten") mit einem politisch nicht verbrannten Label im Fußball in die Öffentlichkeit zu treten.

Seither hatte sie personelle Überschneidungen zu den mittlerweile verbotenen "Nationalen Sozialisten Chemnitz", ist also fester Bestandteil der extrem rechten Szene. Auch wenn die Gruppe auf Facebook zu der Demonstration aufgerufen hat, sollte man das alles nicht auf "Kaotic" beschränken. Es gibt in Sachsen eine lange Geschichte von gut vernetzter sehr agiler rechter Gewalt durch Hools.

Wie sieht diese Vernetzung aus?
Die Hooliganszene ist in Sachsen deutlich politischer als in anderen Bundesländern und war zu großen Teilen schon immer der militante Flügel der rechten Szene. "HooNaRa" war in den 2000er Jahren das führende Hooligan-Bündnis in Deutschland und bestand größtenteils aus Mitgliedern aus Chemnitz und Zwickau. Die heutigen Hools und rechten Ultras aus Chemnitz sind sehr eng verbandelt mit den rechten Hools und Ultras aus Cottbus. Sie fahren gemeinsam zu Kämpfen, Auswärtsfahrten und Feiern.

Der Angriff auf Leipzig Connewitz im Januar 2016 zeigte derartige Vernetzung auch: Damals kamen diverse Hools aus Chemnitz, ganz Sachsen und angrenzenden Städten wie Halle zusammen, um den alternativen Stadtteil anzugreifen. Die Szene hat schon vielfach bewiesen, dass sie fähig ist, ihre rechten Hooligan-Netzwerke politisch zu mobilisieren in kurzer Zeit. "Kaotic" ist Teil dessen, aber das Netzwerk geht weit darüber hinaus.

Ist die Vernetzung so groß wie nie zuvor?
Sachsen hat eine große Dichte an Fußballvereinen mit großen Fanszenen bei denen es auch gewaltaffine Teile der Fanszenen gibt. Es gibt Zwickau, Chemnitz, Aue, Dresden, Leipzig und auch noch nicht-sächsische Szenen wie in Halle und Cottbus, die alle sehr nah beieinander liegen.

Die Szene war immer schon gut vernetzt, aber es hat sich im Rahmen der politischen Debatte und des Rechtsruck in den vergangenen drei bis vier Jahren nochmals viel bewegt und ist viel sichtbarer geworden. Bei Pegida waren sehr viele Hooligans von Anfang an beteiligt – sowohl im Ordnungsdienst, als auch bei den Demonstranten. Bei Legida war es noch stärker, weil es noch radikaler rechts war als bei Pegida.

Wie groß ist die Szene in Chemnitz?
Ich würde den Kern rechter Hooligans auf 100 bis 150 Personen schätzen. In Chemnitz selber ist im vergangenen Jahr vielleicht weniger passiert als in Cottbus, Leipzig oder Dresden. Aber bei "Zukunft Heimat" in Cottbus, Pegida und Legida haben aber auch Hooligans aus Chemnitz teilgenommen. Es ist fast folgerichtig, dass es jetzt auch in Chemnitz zu negativen Ereignissen kommt.

Wieso agieren gerade Fußball-Hools und rechte Strukturen so gut miteinander?
Weil der gewaltaffine Teil der Fußballfanszenen eben Gewalterfahrung hat und weiß, wie man sich organisiert. Das ist ein guter Rekrutierungspool für rechte Organisationen. Gerade sächsische Hooligans sind sehr politisch.

Warum?
Unter anderem aufgrund des ganzen Sozialdarwinismus, also dem Recht des Stärkeren, der in der Szene gelebt wird. Dadurch tendiert man eher zu rechtem Gedankengut. Das hat schon immer gut mit nationalistischen Gedanken zusammengepasst.

Du arbeitest seit Jahren mit Fanprojekten zusammen. Was können Verein und Politik gegen solche Vernetzungen und Szenen tun?
Man kann einiges tun. Der Fußball und der Chemnitzer FC können deutlich mehr tun – vor allem im Bereich Prävention. Denn Maßnahmen beschränken sich nicht auf Stadionverbote. Die Polizei kann ein deutlich kritischeres Auge auf solche Gruppen haben. Und was ich immer sage: Wir müssen weniger über Fußball reden, mehr über Kampfsport.

Wieso?
Wir sehen, dass sich gerade im sächsischen Hooliganismus sehr viele Leute im Kampfsport professionalisiert haben und einige Kampfsport-Gyms und -Veranstaltungen aus der rechten Hoolszene entstanden sind. Dazu gehört das "Imperium Fight Team" aus Leipzig und auch im Boxclub "Chemnitz 94" haben diverse Neonazis geboxt. Die rechten Netzwerke laufen also auch außerhalb des Fußballs. Mit Prävention im Kampfsport beschäftigt sich aber kaum jemand.

Wie kann das aussehen?
Es muss flächendeckend Regularien für Kampfsportgyms und Veranstalter geben, die die Frage stellen, wie man mit rechtsextremer Gewalt umgeht. Welches Leitbild haben sie und welche Werte vermitteln sie ihren Mitgliedern, um rechte Straßengewalt zu verhindern? Und wie wird mit Kämpfern umgegangen, die durch rechte Gewalt aufgefallen sind?

(bn/as/reuters/dpa)

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