Joshua Kimmich hat sich laut "Bild"-Zeitung mit dem Corona-Virus infiziert.
Joshua Kimmich hat sich laut "Bild"-Zeitung mit dem Corona-Virus infiziert.Bild: www.imago-images.de / MIS
Interview

Kimmich mit Corona-Virus infiziert: Forscher warnt vor Folgen: "Leistung verschlechtert sich um fünf bis sechs Prozent"

24.11.2021, 17:5524.11.2021, 20:02
Nikolai Stübner, lukas grybowski

Kaum aus der Quarantäne entlassen, musste sich Joshua Kimmich vergangenen Freitag schon wieder in Isolation begeben, weil er mit einer positiv getesteten Person Kontakt hatte. Jetzt kam heraus, dass sich Kimmich bei diesem Kontakt sogar infiziert hat. Ab dem Tag seines positiven Tests muss er jetzt 14 Tage in häuslicher Quarantäne bleiben.

Das hieße, dass Kimmich auch das Top-Spiel gegen Konkurrent Borussia Dortmund (4. Dezember) verpassen würde. Kimmich hatte sich zunächst gegen eine Impfung entschieden und bei Sky erklärt: "Weil ich einfach für mich warten will, was Langzeitstudien angeht. Trotzdem bin ich mir meiner Verantwortung bewusst. Ich halte mich natürlich an die Hygienemaßnahmen."

Offenbar hat das allerdings nichts gebracht. Am frühen Mittwochabend wurde bekannt, dass er dennoch infiziert ist. Zunächst berichtete die "Bild"-Zeitung, später bestätigte der FC Bayern in zwei kurzen Sätzen: "Joshua Kimmich befindet sich in häuslicher Isolation, nachdem er positiv auf das Coronavirus getestet worden ist. Dem Mittelfeldspieler des FC Bayern geht es gut."

Das ist für den Moment die Hauptsache – aber neben akuten Erkältungssymptomen und einem schlimmen Verlauf könnte eine Corona-Infektion auch gravierende Langzeitfolgen haben. Das zeigt eine Studie der Uni Düsseldorf.

Im Gespräch mit watson erklärt James Reade, einer der Autoren der Studie, wie sich Corona auf Profi-Fußballer auswirkt und warum es so wichtig ist, dass sich Spieler wie Joshua Kimmich, Serge Gnabry und auch Jamal Musiala impfen lassen.

watson: Prof. Reade, Sie und andere Wissenschaftler haben die Folgen untersucht, die eine Corona-Infektion bei einem Profi-Fußballer nach der überstandenen Krankheit auslöst. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

James Reade: Hauptsächlich fanden wir heraus, dass sich die Leistung zunächst zwischen fünf bis sechs Prozent verschlechtert, nachdem der Spieler wieder fit ist. Sie erholen sich danach langsam und selbst ein Jahr nach der COVID-Infektion sind sie noch nicht wieder so leistungsfähig wie vor der Infektion.

Zur Studie

In der Studie "The Long Shadow of an Infection: COVID-19 and Performance at Work" (zu Deutsch: Der lange Schatten einer Infektion: COVID-19 und die Leistung auf der Arbeit) untersuchten drei Wissenschaftler die Auswirkung einer Corona-Erkrankung auf Fußball-Profis.

Von Beginn der Pandemie bis Juli 2021 sammelten die Forscher Daten aus der Bundesliga und der italienischen Serie A. In diesem Zeitraum gab es in beiden Ligen insgesamt 257 Spieler, die sich mit dem Corona-Virus infizierten. Davon konnten 233 Profis durch Zeitungsartikel, Mitteilungen der Klubs, Spieler oder Verbände identifiziert werden.

Dann sollte bestimmt werden, wie sich die Leistung nach einer Genesung einer COVID-Infektion verhält. Dafür bezogen sich die Wissenschaftler vor allem auf die Pass-Anzahl vor und nach der Infektion.

Können Sie die Ergebnisse vom Profi-Sport auf die Gesellschaft übertragen?

Eine Generalisierung einer Analyse von nur einem Sektor ist immer schwer – besonders bei einem Sektor mit Eigenheiten wie der Profi-Fußball. Das Besorgniserregende für den Rest der Gesellschaft ist, wenn man hier generalisieren kann, dass die meisten nicht so fit und gesund sind, wie Profi-Fußballer. Natürlich muss aber auch nicht jeder von uns solche physischen Leistungen erbringen wie Profi-Fußballer. Ähnliche Belastungen haben wahrscheinlich nur Menschen, die im Bausektor arbeiten. Fußball ist auch eine mentale Herausforderung und viele Berufe in der Wirtschaft sind auch mental herausfordernd.

Inwiefern?

Es ist schwer vorzustellen, dass es keinen Einfluss auf die geistige Leistung hat, in einem Wettbewerb wie dem Fußball. Man muss wach im Spiel sein, es lesen können und wissen müssen, welche Positionen man einnehmen muss, um in das Spiel der eigenen Mannschaft eingebunden zu werden.

"Der negative Effekt einer Infektion ist unter Spielern, die älter als 30 Jahre alt sind, schlimmer. Ihre Performance nimmt rund zehn Prozent ab."
James Reade von der University of Reading über die Folgen einer Corona-Erkrankung

Sie messen die Leistung und die Produktivität hauptsächlich auf Grundlage der Pass-Anzahl. Warum ist das ein guter Indikator für die Leistung?

Heutzutage ist Fußball ein sehr schnelles und passintensives Spiel. Man muss in der Partie sein, um viele Pässe zu spielen. Das heißt, dass man ein gewisses Fitnesslevel braucht, um in die Positionen zu kommen, in denen du den Ball bekommst. Wie schon erwähnt, muss man auch schnell sein im Erkennen von Situationen und wissen, wie man sich freilaufen muss, um einen Pass zu bekommen und danach einen zu spielen."

In der Gesellschaft gehören ältere Menschen zu der vulnerablen Gruppe mit schlimmeren Verläufen als die junge Generation. Welche Rolle spielt das Alter bei Profi-Fußballern?

Der negative Effekt einer Infektion ist unter Spielern, die älter als 30 Jahre alt sind, schlimmer. Ihre Performance nimmt rund zehn Prozent ab, während jüngere Spieler weniger betroffen sind.

"Nach jeder anderen Verletzung oder Erkrankung sind die Spieler sehr schnell wieder auf dem alten Leistungslevel. Außer bei Corona."
James Reade von der University of Reading über die Folgen einer Corona-Erkrankung

Sie haben auch die Folgen einer Corona-Infektion mit den Folgen von anderen Verletzungen oder Atemwegserkrankungen verglichen. Was sind die Ergebnisse?

Es war offensichtlich, dass wir das checken mussten. Der Unterschied zwischen den Folgen ist riesig. Nach jeder anderen Verletzung oder Erkrankung sind die Spieler sehr schnell wieder auf dem alten Leistungslevel. Außer bei Corona. Die Spieler brauchen länger. Das ist es auch, was mich zutiefst besorgt.

Sie beziehen sich rein auf statistische Zahlen und vergleichen die Pässe vor und nach der Erkrankung. Haben Sie nach ihrer Studie auch mit Wissenschaftlern aus der Medizin über Ihre Erkenntnisse gesprochen?

Ich hatte einige Gespräche mit Personen, die in Fußball-Klubs arbeiten. Sie erzählten auch, dass die Genesung von Spielern nach einer COVID-Erkrankung länger dauert. Und auch sie haben einen Leistungsabfall der Spieler feststellen können.

Wie steht es um die Anzahl der Minuten, die ein Spieler nach einer überstandenen COVID-Infektion spielt?

Man kann dort einen negativen Effekt feststellen, der am Anfang auch signifikant ist, nach ein paar Monaten aber insignifikant wird, weil der Effekt weniger wird. Wir interpretieren es so, dass es möglich ist, dass Spieler einfach schlechter spielen und deshalb früher ausgewechselt werden oder von der Bank starten, statt in der Startelf."

"Unser Ergebnis zeigt, dass Impfungen eine gute Idee sind, wenn sie das Risiko reduzieren wollen, sich mit dem Virus zu infizieren."
James Reade von der University of Reading über die Folgen einer Corona-Erkrankung

Nachdem Sie die Folgen einer COVID-Infektion untersucht haben. Würden Sie Fußballer dazu motivieren, sich zu impfen?

Man muss zu unserer Studie sagen, dass sie bis zum Ende der Saison 2020/21 lief, also bevor der Großteil der Spieler geimpft wurde. Unser Ergebnis zeigt, dass Impfungen eine gute Idee sind, da sie gezeigt haben, dass sie das Risiko einer Infektion reduzieren.

Ihre Forschungsergebnisse zeigen, dass sich vor allem Mittelfeldspieler mit Corona infizieren. Woran liegt das?

Das ist wirklich schwierig zu erklären, weil wir nur diese eine Untersuchung haben. Aber die Studie zeigt, dass die Übertragung von Corona nicht auf dem Fußballplatz erfolgt.

Wo denn dann?

Es passiert einfach in der Freizeit, wenn die Spieler zusammen sind. Ich glaube nicht, dass es damit zu tun hat, dass Mittelfeldspieler während einer Partie in zahlreiche Zweikämpfe und direkte Duelle verwickelt sind. Es liegt viel mehr daran, dass sie meist Führungsspieler sind und somit mit zahlreichen verschiedenen Personen in Kontakt kommen.

Werden Sie in Zukunft weiter über COVID und Profi-Fußball forschen?

Wir haben einige Ideen, wie wir die Auswirkungen einer Corona-Infektion eines Profi-Fußballers zusätzlich untersuchen können. Wir werden schauen, wie sich der Marktwert eines Spielers nach einer Corona-Infektion verändert hat und ob seine Karriere durch eine Infektion nachhaltig beeinflusst wurde. Und natürlich, mit mehr zeitlichem Abstand, können wir die langfristigen Folgen einer COVID-Infektion auf die Leistung von Profi-Spielern bestimmen."

Und davon abgesehen?

Es wird interessant zu beobachten, ob sich Corona auch unter den Fans im Stadion verbreitet und wie man die Zuschauer davor schützen kann. Es gibt also noch einige Fragen, die zu beantworten sind.

Stammplatz verloren: Flieht dieser DFB-Star jetzt nach Italien?

Florian Neuhaus von Borussia Mönchengladbach muss sich gerade vorkommen wie im falschen Film. Letztes Jahr galt er noch als einer der kommenden Leistungsträger im deutschen Fußball, der sowohl im Verein als auch in der Nationalmannschaft mit wichtigen Toren und konstant guten Leistungen punktete. Doch aktuell ist die Realität für ihn eine andere: Unter dem neuen Gladbach-Trainer Adi Hütter hat Neuhaus seinen Stammplatz verloren und kommt oft nur noch von der Bank. In der Bundesliga stand er nur sechs Mal in der Startelf, über die vollen 90 Minuten durfte er nur in den ersten beiden Ligaspielen ran.

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