Eine komplette Saison lang mussten die Bundesliga-Klubs um Starstümer Robert Lewandowski fast ohne Zuschauer spielen. Die Sitze wurden mit Werbebannern abgedeckt.
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Bild: dpa-Pool / Peter Kneffel
Interview

"Die Vehemenz der Proteste wird eine neue Dimension erreichen": Fan-Vertreter der Initiative "Zukunft Profifussball" fordert Reformen der Profi-Vereine

22.05.2021, 14:0026.05.2021, 12:47

Die abgelaufene Spielzeit der Fußball-Bundesliga war geprägt von Geisterspielen, von Teams, die mit Corona-Infektionen zu kämpfen hatten, ausufernden Ablösesummen für Trainer und am Ende hieß der deutsche Meister wie schon in den vergangenen neun Jahren: Bayern München.

Nachdem im vergangenen April einige Klubs vor der Insolvenz gestanden hatten, predigten die Vereine Demut. Eine eigens eingesetzte "Taskforce Zukunft Profifußball", an der 37 Personen aus Fußball, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Fanszene beteiligt sind, erarbeitete Handlungsempfehlungen für die 36 Profi-Klubs der 1. und 2. Bundesliga, um die Bundesliga besser für die Zukunft aufzustellen.

Manuel Gaber war als Vertreter der Fanszenen und der Faninitiative "Zukunft Profifußball" in der Taskforce vertreten. Im watson-Interview fordert er, dass die Vereine endlich Reformen angehen, erklärt, welche Chancen die Klubs in der Pandemie verpasst haben und wie es der Fußball schafft, für Jugendliche und junge Erwachsene attraktiv zu bleiben.

watson: Herr Gaber, die Bundesliga-Saison ist vorbei, der FC Bayern hat zum 9. Mal in Folge die Meisterschaft gewonnen. Schauen Sie sich eigentlich noch gern Spiele der Bundesliga an?

Manuel Gaber: Als Fan des SC Freiburg schaue ich mir die Spiele meines Klubs sehr gerne an. Aber insgesamt ist es natürlich so, dass der Meisterschaftskampf keinen mehr interessiert. Spannend ist es fast nur noch im Abstiegskampf. Aber es ist schade, dass die Bundesliga und der Fußball dadurch an Faszination verloren hat.

Die erste Saison unter Corona-Bedingungen ist nun vorbei. Hat der Fußball irgendwas aus der Pandemiezeit gelernt?

Ich hatte die Hoffnung, dass der Fußball aus der Pandemie lernt. Aber wenn man sich anschaut, was im vergangenen halben Jahr passiert ist, dann ist es erstaunlich wenig.

Noch vor einem Jahr, als nicht klar war, ob die Saison zu Ende gespielt werden kann, standen einige Klubs aufgrund möglicher ausbleibender Fernsehgelder vor der Insolvenz. Die Verantwortlichen wollten künftig demütiger sein.

Es gab viele große Worte von Verantwortlichen und Funktionären, aber die tatsächlichen Reformen wie die neue Fernsehgeld-Verteilung in Deutschland oder die Champions-League-Reform sprechen eine andere Sprache. Die sorgen eher dafür, dass es weiter langweilig bleibt im Meisterschaftskampf.

Manuel Gaber (r.) übergibt Ex-DFB-Präsident Fritz Keller die Forderungen der Fan-Vereinigung "Unser Fußball" im August 2020.
Manuel Gaber (r.) übergibt Ex-DFB-Präsident Fritz Keller die Forderungen der Fan-Vereinigung "Unser Fußball" im August 2020.
Bild: dpa / Arne Dedert

Sie sprechen es gerade an: Für einen spannenderen Wettbewerb fordern Sie als Fan-Vertreter unter anderem eine gerechtere Verteilung der Fernsehgelder. Die 36 Profi-Klubs spaltet diese Frage in zwei Lager. Aber ist das Fernsehgeld wirklich der Schlüssel dazu, dass die Liga wieder spannender wird?

Es ist sicherlich einer der Schlüssel, aber natürlich nicht die alleinige Lösung des Problems. Dennoch: Das Fernsehgeld ist ein selbstgeschaffenes Belohnungssystem, bei dem große Vereine für ihre Erfolge überproportional viel Geld bekommen.

Ist die Schere zwischen den großen Klubs wie Bayern, Dortmund, Leipzig und kleineren Vereinen wie Bielefeld oder Paderborn aber nicht schon viel zu groß, als dass man sie dadurch schließen kann?

Es stimmt, dass die Schere schon viel zu weit auseinandergegangen ist und dass sich die Entwicklung in den vergangenen zehn, 20 Jahren immer weiter beschleunigt hat. Umso wichtiger ist es aber jetzt, dagegenzuwirken. Dazu muss man eine Chance wie diese Krise aber auch nutzen.

"Der DFB hat die Gesamtverantwortung für den deutschen Fußball und wäre in der Krise eigentlich der Akteur, der den Profi-Fußball in die Pflicht nehmen muss."

Und das ist nicht passiert?

Nein. Wir hatten vonseiten der Fans deutlich größere Erwartungen. Es hatten sich schon vor einem Jahr über eine halbe Million Menschen unserer Erklärung "Unser Fußball" angeschlossen. Dort forderten wir, die Zukunft des Fußballs grundlegend neu zu gestalten. Viele Funktionäre haben damals ihre Bereitschaft bekundet, etwas zu verändern. Bisher ist wenig bis gar nichts in diese Richtung passiert.

Könnte man nicht auch ein Eingreifen des DFB erwarten?

Der DFB hat die Gesamtverantwortung für den deutschen Fußball und wäre in der Krise eigentlich der Akteur, der den Profi-Fußball in die Pflicht nehmen muss. Er wäre auch auf internationaler Ebene dafür zuständig, ganz stark für Reformen zu werben. Aber wenn der Verband nur mit sich selbst befasst ist, dann kann er das auch nicht machen.

Im September wurde dafür durch das Präsidium der Deutschen Fußball-Liga die „Taskforce Zukunft Profifußball“ ins Leben gerufen, von der Sie ebenfalls Teil waren. Es sollte darum gehen, die Fehlentwicklungen der vergangenen Jahre zu reflektieren und Zukunftswege zu entwickeln. Sie kritisieren, dass im Endbericht Anfang Februar einige Dinge, die Sie angeregt hatten, nicht aufgenommen wurden. Können Sie sich erklären, warum?

Wir haben über viele wirtschaftliche Themen gesprochen, die es am Ende nicht hineingeschafft haben, aber warum es so war, kann man nur spekulieren. Das bringt uns nicht weiter.

Aus Fan-Sicht also wieder eine vertane Chance?

Ja. Es ist schade, weil es definitiv wieder eine vertane Chance ist. Aber das ändert nichts daran, dass aus Fan-Sicht diese Reformen angegangen werden müssen. Im Endeffekt sind es auch nur Empfehlungen der Taskforce. Es liegt bei den 36 Vereinen der DFL, tatsächlich Reformen umzusetzen und in den Austausch mit ihren Fans zu gehen, um herauszufinden, was ihnen wichtig ist.

Die Dominanz des FC Bayern: Die Münchner wurden in diesem Jahr zum neunten Mal in Folge Deutscher Meister.
Die Dominanz des FC Bayern: Die Münchner wurden in diesem Jahr zum neunten Mal in Folge Deutscher Meister.
Bild: dpa-Pool / Peter Kneffel

Glauben Sie daran, dass die Vereine diese Dialogbereitschaft haben werden?

Ich denke, die müssen sie haben. Viele Verantwortliche unterschätzen aktuell die Stimmungslage in den Fan-Szenen, weil es über ein Jahr keine Spiele mit Zuschauern gab. Ich glaube, wenn die Stadien wieder öffnen, werden sehr große, massive Proteste folgen. Spätestens dann werden die Verantwortlichen merken, dass sie wirklich handeln müssen. Sollten bis dahin keine neuen Reformen folgen, wird die Vehemenz der Proteste eine neue Dimension erreichen.

Wenn Vereinsverantwortliche über die fehlenden Zuschauer sprechen, dann meist nur im Zusammenhang damit, wie viel Geld ihnen pro Geisterspieltag verloren geht.

Ich glaube, vor einem Jahr hat schon jeder gemerkt, wie stark Fans fehlen und wie anders der Sport ist. Vielleicht ist das ein bisschen naiv, aber ich habe die Hoffnung, dass vielen Vereinsverantwortlichen deutlich geworden ist, dass Profi-Fußball ein Publikumssport ist und von vollen Stadien lebt.

Durch die Geisterspiele ist den Fans doch aber auch ein Druckmittel verloren gegangen, um ihre Standpunkte im Stadion lautstark und bildlich darzustellen.

Das hat man ganz stark gemerkt. Mit der "Unser Fußball"-Kampagne vor einem Jahr haben wir trotz Geisterspielen gezeigt, dass es nicht nur die Ultra-Gruppen oder die aktive Fan-Szene sind, sondern eine ganz breite Fan-Basis, die sich Veränderung wünscht. Während ein Teil der Fans versucht hat über Gespräche diese Veränderungen herbeizuführen, haben die Ultraszenen diesen Weg aufgegeben. Insgesamt merken wir alle, wie stark uns die Stadien als Druckmittel fehlen. Denn nur mit Gesprächen scheinen die Verantwortlichen nicht zu verstehen, in welche Gefahr sie gerade laufen.

Obwohl sie nicht im Stadion sein konnten, protestierten die Fans von Borussia Dortmund gegen die Reform der Champions League.
Obwohl sie nicht im Stadion sein konnten, protestierten die Fans von Borussia Dortmund gegen die Reform der Champions League.
Bild: SVEN SIMON/ Maik Hoelter/TEAM2sp / Maik Hoelter

Werden die Stadien denn genauso voll wie vor der Pandemie?

Das ist sehr schwierig einzuschätzen. Es gibt jetzt natürlich Menschen, die merken: 'Oh, cool, man kann am Wochenende auch andere Sachen machen und der Fußball hat mir in der Pandemie vor Augen geführt, dass er keine gesellschaftliche Vorbildrolle einnehmen will.' Es ist also eine reale Gefahr, dass sich Menschen abwenden, die vielleicht auch viel Herzblut in diesen Sport gesteckt haben.

Viele Fans haben sich auch vom Sport abgewendet, weil sie das Gefühl hatten, der Fußball genießt während der Pandemie eine Sonderrolle. Könnten gewisse Reformen dafür sorgen, dass der Fußball neue Sympathien gewinnt?

Die notwendigen Reformen können sicherlich zu einem positiven Image beitragen. Aber die Verantwortung für das Image liegt letztendlich auch bei den handelnden Personen. Wenn man ein paar gute Reformen macht, aber die Verantwortlichen sich immer noch nicht als gesellschaftliches Vorbild begreifen und entsprechend handeln, hilft das alles nicht viel.

Was bedeutet das gerade für junge und jugendliche Fans?

Das schlechte Image des Profifußballs kann durchaus dazu beitragen, dass junge Leute den Anschluss an den Fußball verlieren. Auf der anderen Seite haben Fan-Szenen in der Krise gezeigt, dass sie zusammenhalten. Es gab in vielen Städten Solidaritäts- und Hilfsaktionen. Es besteht ein großer Zusammenhalt und so zeigt sich auch jungen Menschen, was der Fußball für eine verbindende Kraft hat. Hinzu kommt mit der Ultra-Szene eine unfassbar große Jugendkultur. Da ist Potenzial da.

"Viele Verantwortliche unterschätzen aktuell die Stimmungslage in den Fan-Szenen, weil es über ein Jahr keine Spiele mit Zuschauern gab."

Im Endbericht der Taskforce spielte auch das Thema Nachhaltigkeit eine Rolle.

Gerade für junge Menschen ist das natürlich wichtig. Der Profi-Fußball war in dieser Hinsicht in den letzten Jahren stark im Rückstand. In der Taskforce haben sich nicht nur wir Fans, sondern auch Sponsorenvertreter stark dafür eingesetzt, dass der Fußball nachhaltiger wird und sich diesem Thema annimmt. Wir brauchen Nachhaltigkeitsstandards an die sich alle 36 Klubs halten müssen. Das kann von Zielen für Klimaneutralität bis zur Überprüfung von Lieferketten von Fanartikeln gehen. Wenn man das große Ganze betrachtet, bin ich optimistisch, dass es in dieser Richtung gute Fortschritte geben wird.

Also hat der deutsche Fußball in dieser Hinsicht mal eine Chance noch nicht vergeben?

Definitiv. Wenn er da aktiv wird, kann er ein Zeichen setzen. Es ist ja auch eine große Chance, sich als sozial- und okölogisch-nachhaltige Liga zu präsentieren. Damit hätte man ein Alleinstellungsmerkmal und könnte zeigen: 'Hey, es geht nicht nur um immer höher, immer weiter.' Mehr Nachhaltigkeit würde auch bedeuten, dass die lokale Verankerung der Klubs wieder gestärkt wird. Das kann dazu führen, dass der Fußball gesellschaftlich mehr Rückhalt findet.

Was wünschen Sie sich für die Bundesliga bis zum Jahr 2030?

Ich wünsche mir, dass man klare Reformen im wirtschaftlichen Bereich beschlossen hat und wir einen spannenden Wettbewerb haben, der nicht mehr so sehr von externen Geldern abhängt. Und dass dem Finanzdoping ein Riegel vorgeschoben wird. Gesamtgesellschaftlich hoffe ich, dass der Fußball weiter auf seine Fans zugeht und versteht, dass er demokratisch organisiert ist…

Ist er denn aktuell nicht demokratisch organisiert?

Er ist es dank der 50+1 Regel, laut der Investoren nicht die Stimmmehrheit in Vereinen übernehmen dürfen. Es gilt, das zu festigen, denn es ist eine Kerneigenschaft des deutschen Fußballs, dass wir eingetragene Vereine haben. Das ist eine wichtige Grundvoraussetzung für mehr Gemeinwohlorientierung und starke demokratische Strukturen im Profifußball.

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