Hertha-Fan Kay Bernstein in den Geschäftsräumen seiner Event-Agentur.
Hertha-Fan Kay Bernstein in den Geschäftsräumen seiner Event-Agentur.Bild: wirherthaner.de
Interview

"So macht es bitte nicht": Kay Bernstein im Gespräch über die Hertha

Ex-Ultra Kay Bernstein will Hertha-Präsident werden. Im Vorfeld des Rückspiels gegen den HSV spricht er im watson-Interview über die Relegation, über Fan-Kultur und über die Zukunft seiner Hertha.
23.05.2022, 15:4823.05.2022, 15:59
Philipp Kay Köppen
Philipp Kay Köppen
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Für Hertha BSC geht es heute Abend um alles. Im Relegations-Rückspiel gegen den Hamburger SV müssen die Berliner einen 0:1-Rückstand aufholen, um so noch den Verbleib in der Fußball-Bundesliga zu sichern. Aber nicht nur sportlich läuft es bei der Hertha aktuell alles andere als rund.

"Wir haben alles getan, um dem Hamburger SV den Rang des Lächerlichkeits-Meisters abzunehmen"
Kay Bernstein über den Vergleich mit dem HSV

Der unzufriedene Investor Lars Windhorst zur Abwahl von Präsident Werner Gegenbauer gerufen. Auch die Anhänger sind unzufrieden, für die Mitgliederversammlung am 29. Mai liegen mehrere Abwahlanträge gegen den 71-Jährigen vor. Doch nicht nur Gegenbauer, auch Windhorst ist bei den Anhängern der Hertha nicht gerade beliebt.

Klares Statement der Fans beim Relegationshinspiel. "Windhorst und Gegenbauer raus" steht auf dem Banner über der Ostkurve.
Klares Statement der Fans beim Relegationshinspiel. "Windhorst und Gegenbauer raus" steht auf dem Banner über der Ostkurve.Bild: dpa / Andreas Gora

Aus der Fan-Initiative "WirHerthaner" hat sich Ex-Ultra Kay Bernstein als Kandidat für die Gegenbauer-Nachfolge ins Gespräch gebracht.

watson: Herr Bernstein, Hertha und Hamburg sind beides Vereine, die durch Investoren zu Geld gekommen sind. Jetzt stehen beide in der Relegation. Für neutrale Fans ist die aktuelle Situation irgendwo auch eine Genugtuung, dass Geld doch keine Tore schießt?

Kay Bernstein: Erstmal glaube ich, dass wir alles getan haben, um dem Hamburger SV den Rang des Lächerlichkeits-Meisters abzunehmen. Deshalb ist es schon ein bisschen Fußballgott-like, die beiden in der Relegation aufeinandertreffen zu lassen. Zur Frage: Natürlich kann das Geld eine unterstützende Maßnahme sein. Aber wenn man das aber nicht mit dem sportlichen Sachverstand und mit einer klaren Planung vollzieht, dann wirst du schnell größenwahnsinnig.

Das Hinspiel hat Hertha mit 0:1 verloren. Glauben Sie noch an den Klassenerhalt?

Ich rechne eigentlich mit dem Gang in die zweite Liga. Denn wenn ich meine blau-weiße Brille mal absetze, sind da keine Argumente mehr, warum es plötzlich besser werden sollte. Wir können die fehlenden sportlichen Argumente anscheinend nicht durch Mentalität wettmachen. Aber natürlich wünsche ich mir den Klassenerhalt für jeden Herthaner, der sagt: Ich will nicht in die Zweite Liga.

Hertha-Coach Felix Magath (r.) resigniert beim Relegations-Hinspiel.
Hertha-Coach Felix Magath (r.) resigniert beim Relegations-Hinspiel.Bild: imago images / imago images

Wie weit würde der Abstieg den Verein zurückwerfen? Besonders mit Blick auf den von Hertha-Manager Fredi Bobic angestrebten Neuanfang?

Ich kann mir vorstellen, dass so ein Neustart in der zweiten Liga sogar ein bisschen einfacher geht aufgrund der kleineren Etats, des schlankeren Vereinsapparats und auch der Demut, die man dann lernen muss. Aber der Weg der Erneuerung ist alternativlos, egal ob in der ersten oder zweiten Liga. Die große Frage ist natürlich: Kannst du den Abstieg finanziell verkraften? Aber das kann ich nicht beurteilen, weil die Finanzen für uns Mitglieder nicht transparent sind.

Die Initiative "WirHerthaner" und Sie fordern mehr Transparenz. Sind denn beispielsweise die Finanzen etwas, worüber die Öffentlichkeit informiert werden muss?

Nicht in erster Linie die Öffentlichkeit. Aber jedes Mitglied und jeder Herthaner, der sagt: Ich möchte es wissen. Wenn es dann am Ende die Medien auch wissen, dann ist das halt so.

Während Ihrer Zeit als Ultra waren Sie oft Vermittler zwischen Fans und Funktionären. So jemanden könnten wir auch heute gut brauchen.

Allerdings, gerade vor der Pandemie war der Konflikt zwischen Fankurven und DFB ja quasi am Eskalieren. Dann kam die Pandemie und das hat erstmal alles egalisiert. Jetzt sind die Fans wieder da, mit Pyrotechnik und Platzstürmen. Und auf einmal ist das alles gar kein Thema mehr.

Pyrotechnik während des DFB-Pokal-Finals im Berliner Olympiastadion.
Pyrotechnik während des DFB-Pokal-Finals im Berliner Olympiastadion.Bild: dpa / Robert Michael

Bestraft wird es vom DFB aber immer noch.

Klar, Sanktionen gibt es noch, aber es wird keine große Kontroverse mehr draus gemacht. Es scheint mir eher so, dass alle froh sind, dass die Fans wieder zurück sind.

Also bietet die Pandemie auch die Gelegenheit für einen Neuanfang zwischen Fans und Funktionären?

Absolut, weil beide Seiten jetzt verstanden haben, voneinander abhängig zu sein. Die Einen brauchen die Faszination der Kurve, um ihr Produkt ins Schaufenster zu stellen, und die Anderen brauchen das Produkt Fußball, um ihre Leidenschaft auszuleben.

"Eine Warnung für alle Vereine aus der ersten, zweiten und dritten Liga: Wenn ihr irgendwie zu Geld kommt, schaut auf diese Stadt. So macht es bitte nicht."
Kay Bernstein über den Umgang mit den von Windhorst investierten 374 Millionen Euro

Als Lars Windhorst bei Hertha eingestiegen ist, hat er wohl auch Fan-Potential in der Hauptstadt gesehen. Statt Hertha genießt nun aber Union Berlin den großen Fan-Zulauf.

Die sportliche Leistung ist natürlich die Grundlage dafür, dass du begeistern kannst, dass die Leute zu dir kommen. Aber auch die Kommunikation kann einen Unterschied machen: Bei Union ist ja auch nicht alles gut, da wird zum Beispiel auch kritisch über Sponsoren diskutiert. Aber bei Union kommuniziert man viel demütiger, bei Hertha eher von oben herab. Dadurch wirkt Union echt und wie das gallische Dorf, dem man die Daumen drücken will. Perfekter Image-Aufbau.

Und Hertha ist der Klub, der 374 Millionen verbrannt hat.

Der Klub, der jetzt eine Warnung ist für alle Vereine aus der ersten, zweiten und dritten Liga: Wenn ihr irgendwie zu Geld kommt, schaut auf diese Stadt. So macht es bitte nicht.

"Wen haben wir in den letzten 20 Jahren nicht alles vom Hof gejagt?! Das dürfen wir mit Gegenbauer eben nicht machen."
Kay Bernstein über die Abschiedskultur bei Hertha

Einer, der für die vielen Fehler verantwortlich gemacht wird, ist der aktuelle Präsident Werner Gegenbauer. Ist er der Hauptverantwortliche für die derzeitige Misere, oder ist er eher das Opfer der Umstände, nun eben einen unzufriedenen Investor zu haben?

Nein, er trägt ja schon in vielen Prozessen eine Verantwortung. Beispielsweise in der Personalie Klaus Teichert [Ex-Chef der Stadion GmbH], mit der das Kind Stadionbau schon in den Brunnen gefallen war, weil schon auf politischer Ebene ganz viele Türen zu waren. Das war klar eine Fehleinschätzung, die hat auch Gegenbauer zu verantworten. Auch hat er in den letzten Jahren das Präsidium ein wenig zum Schatten-Gremium verkommen lassen. Da war kaum noch irgendetwas Positives zu spüren.

Investor Lars Windhorst (r.) fordert die Abwahl von Werner Gegenbauer (l.)
Investor Lars Windhorst (r.) fordert die Abwahl von Werner Gegenbauer (l.)Bild: dpa / Andreas Gora

Für die Mitgliederversammlung am 29. Mai liegen Abwahlanträge gegen ihn, aber auch alle Präsidiumsmitglieder vor. Damit Gegenbauer abgewählt wird, braucht es eine 75-prozentige Mehrheit. Ist das zu erwarten?

Nein. Die 25 Prozent, die er braucht, um im Amt zu bleiben, würde er wohl bekommen.

Könnte so eine Kampfabstimmung nicht auch Herthas Image schaden?

Ich denke nicht, dass es zu einer Abstimmung kommen wird. Ich glaube, dass Gegenbauer seinen Exit gesichtswahrend vorwegnimmt und zurücktritt, weil er diese Quasi-Abwahl nicht über sich ergehen lassen will.

Außerdem braucht Hertha auch wieder eine vernünftige Abschiedskultur. Wen haben wir in den letzten 20 Jahren nicht alles vom Hof gejagt?! Das dürfen wir mit Gegenbauer eben nicht machen. Seine Jahre, in denen es auch Verdienste gab, müssen fair gewertet werde. Wenn man am Ende einer Beziehung feststellt, dass es nicht mehr passt, muss man dennoch nicht ausfällig werden.

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