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Marko Topic in einer Zeit, als in Cottbus noch über Sport gesprochen wurde. Bild: imago sportfotodienst

Kommentar

Als ich mich in die Multikulti-Truppe von Energie Cottbus verliebte

Dominik Sliskovic
Dominik Sliskovic

Anfang der 2000er begann ich, selbst Fußball zu spielen. Kurz vor der Einschulung entschied ich, dass Schalke 04 mein Verein ist – warum, weiß ich nicht. Aber er ist es bis heute. Ein anderer Club, mit dem ich im Anfangsstadium meiner Fußballliebe sympathisierte, war Energie Cottbus. Wie kommt ein Knirps aus Westfalen darauf, einen Teil seines Herzens ausgerechnet an ein Team aus der 600 km entfernten Lausitz zu vergeben? 

Nun, für mich gab es gleich mehrere Punkte, die dafür sprachen:

Der wichtigste Grund, der mich fast zehn Jahre lang nach den Schalke-Ergebnissen stets checken ließ, wie sich Energie geschlagen hatte, war Tomislav Piplica: Der eigenartige Cottbuser Torwart dürfte einer größeren Öffentlichkeit durch sein legendäres Eigentor aus dem Jahr 2002 bekannt sein, als er einen ungefährlichen langen Ball des Gladbachers Marcel Witeczek statt mit der Hand aufzunehmen ins eigene Tor köpfte. 

Falls sich jemand nicht erinnern kann: Wir sprechen über DIESES Piplica-Eigentor:

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Video: YouTube/Zenicaman

Für mich war Piplica jedoch unantastbar. Während alle über seine Schnitzer und Fehler lachten, staunte ich über seine  Reaktionsschnelligkeit auf der Linie und seine Flugeinlagen, mit denen er an guten Tagen auch die ausweglosesten Freistöße noch aus dem Knick kratzte. Als ihn alle einen Deppen nannten, schrieben mein Vater und ich Piplica, der so wie wir aus Bosnien stammt, einen Brief und sprachen ihm Mut zu. Blöd nur, dass wir Jahre später herausfanden, dass wir den Umschlag an die falsche Adresse in Cottbus geschickt hatten.

Piplica und der ganze sympathische Energie-Haufen

Doch Piplica war nur die Ursache für meine Energie-Sympathie. Er war für mich nur der wichtigste Bestandteil eines Teams, das mich faszinierte: In der Abwehr war da etwa der stoische Bosnier Faruk Hujdurovic, der einen Giovanne Elber genau so wegsenste wie einen Nico Patschinski. Im Mittelfeld zog der ungarische Glatzkopf Vasile Miriuta zusammen mit seinem rumänischen Meisterlehrling Laurentiu Reghecampf die Fäden. Im Sturm netzte der Bosnier Marko Topic und streckte nach jedem Tor seine Gene-Simmons-Gedächtniszunge in die TV-Kamera. An der Seitenlinie stand "Ede" Geyer, der in einer Zeit vor "Coaching Zones" und 4. Offiziellen jeden Spieltag das wildgewordene Rumpelstilzchen gab, nur um nach Abpfiff in seinem breiten sächsischen Akzent beim "Ran"-Field-Interview allen Beteiligten noch einmal die Leviten zu lesen. 

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Marko Topic (l.) und Vasile Miriuta (r.) prägten das Cottbuser Offensivspiel der Bundesligajahre. Bild: imago sportfotodienst

Die Jungs von Energie Cottbus waren die Outlaws der Bundesliga, sie waren für mich so undurchschaubar wie ein Ennio-Morricone-Held. Obendrein hatte ihre Heimstätte den wohl besten Namen, der einem Fußballstadion je gegeben wurde: Stadion der Freundschaft. Ein Stadion, das so heißt, ein Club, der nur dank seiner kulturellen Vielfalt so stark war, stellte für mich den Garten Eden des Fußballs dar. Da spielten elf No-Names aus Deutschland und der ganze Welt zusammen, zogen an einem Strang und überlebten die erste (und zweite) Bundesliga-Saison des Clubs gegen alteingesessene Traditionsvereine.

Am 6. April 2001 spielte das erste Mal in der Bundesliga-Geschichte ein Team ohne einen einzigen Deutschen:

Die Aufstellung von Energie gegen Wolfsburg (0:0)

- Tomislav Piplica (Bosnien, 1 Länderspiel)
- Rudi Vata (Albanien, 58 Länderspiele)
- Faruk Hujdurovic (Bosnien, 13 Länderspiele)
- Janos Matyus (Ungarn, 24 Länderspiele)
- Laurentin Reghecampf (Rumänien, 5 Länderspiele)
- Moussa Latoundji (Benin, 12 Länderspiele)
- Vasile Miriuta (Ungarn, 3 Länderspiele)
- Bruno Akrapovic (Bosnien, 7 Länderspiele)
- Andrzej Kobylanski (Polen, 30 Länderspiele)
- Franklin Bitencourt (Brasilien)
- Antun Labak (Kroatien)

Eingewechselt: 
- Sabin Ilie (Rumänien, 3 Länderspiele)
- Jonny Rödlund (Schweden, 2 Länderspiele)
- Wiltold Wawrzyczek (Polen)

Erst sehr viel später, als ich meine kindliche Naivität verlor und mich tiefer mit Fußball- und Fankultur beschäftigte, lernte ich die Schattenseiten von Energie Cottbus kennen. Die Erkenntnis, dass im Stadion der Freundschaft nicht alle Freundschaft untereinander suchen, ließ mein Interesse an Energie nach Piplicas Karriereende immer weiter ausbleichen.

Was passierte, als ich Energie aus den Augen verlor:

Energie und das Problem mit den rechtsradikalen Fans

Denn Energie Cottbus hat seit Jahren mit Rechtsradikalen in der eigenen Fanszene zu kämpfen. 

Was wir nicht vergessen dürfen: Die rechtsextremen Anhänger stellen auch in Cottbus mit großer Wahrscheinlichkeit nur einen verschwindend geringen Anteil der Anhängerschaft dar, gegen den darüber hinaus Initiativen wie "Energiefans gegen Nazis" auch noch überdeutlich Stellung beziehen.

Das Problem mit den rechtsextremen Fans bei Energie Cottbus ist jedoch, dass sie gut organisiert und als homogene Masse auftreten. Bereits 2005 zeigten einige Anhänger der Cottbusser ein Banner mit Judenstern in der Kurve. Es sollte Dynamo Dresden beleidigen. Dahinter soll die vom Verfassungsschutz beobachtete Gruppierung "Inferno Cottbus 99" gestanden haben. Und ganz Deutschland blickte auf  den Club aus der Lausitz. ("Potsdamer Neueste Nachrichten")

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Bild: imago sportfotodienst

Dass sich die Gruppe im Mai 2017 auflöste, da sie nicht mehr den "Sündenbock für das Versagen" des "Politmilieus" und das "gern genommene Karrieresprungbrett" für "investigative Jungspunde und verzweifelte Journailleveteranen" geben wollte, und sich dabei in nicht weiter benannte Verschwörungstheorien verirrte, ließe sich eigentlich als Erfolg gegen den Kampf gegen Nazis im Stadion der Freundschaft feiern – hätten sie nicht wohl weitgehend Unschuldige mit sich in den Abgrund gezogen. ("Faszination Fankurve")

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"Widerstand lässt sich nicht verbieten" – Inferno Cottbus bei einem Spiel 2006. Bild: imago sportfotodienst

Vier Monate nach der Auflösung von "Inferno Cottbus 99" als Fan-Gruppierung (nicht jedoch als rechte Politikbewegung) kündigte auch die unpolitische, der italienischen Ultra-Bewegung verbundene "Ultima Raka" ihre Auflösung an. Vorausgegangen war ein Treffen verschiedener Cottbuser Fanvertreter, die sich auf einen Schulterschluss einigen wollten. "Ultima Raka" wollte jedoch nicht mitmachen, nachdem bekannt wurde, dass die Kontrolle über die neue Allianz alte "Inferno"-Veteranen übernehmen sollten. Die sollten nämlich auch die treibende Kraft hinter den Ausschreitungen beim Landespokalfinale gegen den linksorientierten SV Babelsberg gewesen sein, bei dem rechte Parolen gerufen und der Hitlergruß aus dem Cottbuser Block heraus gezeigt wurde. ("Potsdamer Neueste Nachrichten")

Der Verein unterschätzte das Problem lange

Das Vereinspräsidium zeigte sich entsetzt und kündigte in einer Stellungnahme an, "alle Mittel" im Kampf gegen Rechtsextreme in der Cottbuser Fanszene auszuschöpfen. Der Club suchte kurz darauf auch Hilfe vom Aktionsbündnis "Cottbuser Aufbruch", das sich für mehr Toleranz und demokratische Werte in der Lausitzstadt einsetzt.

Bettina Handke, Mitglied des "Cottbuser Aufbruch", sagt im Gespräch mit watson, der Verein sei sich seiner Außenwahrnehmung durch seine vermeintlichen Fans erst durch die unrühmlichen Bilder aus Babelsberg richtig klar geworden. Gegen eine Zusammenarbeit habe sich der FC Energie lange gewehrt, "die dachten, wir würden ihnen etwas Böses wollen", erinnert sich Handke. Energies Verwaltungsratsvorsitzender Matthias Auth habe daraufhin interveniert, die Einladung vom "Cottbuser Aufbruch" anzunehmen, um sich gegenseitig kennenzulernen und Berührungsängste abzubauen. 

In den darauffolgenden Gespräche hätten sich beide Seiten selbstkritisch gezeigt, so Handke: "Nüchtern betrachtet wollte der FC Energie, dass nur Tore für den sportlichen Erfolg geschossen werden, wir sahen jedoch auch die politische Tragweite des Clubs." Der Knackpunkt für den Verein war, dass die Rechtsextremen nunmal Tickets kaufen und Energie hinterherreisen, der Club den Ticketverkauf alleine jedoch nicht steuern kann. 

"Diese Nazis, das sind nicht unsere Fans."

"Im Dezember 2017 positionierte sich der FC Energie dann ganz deutlich", sagt Handke. "Sie sagten uns: Diese Nazis, das sind nicht unsere Fans." Eine klare Ansage, auf die viel zu lange gewartet werden musste.

In der folgenden Zeit weiteten Energie und das Aktionsbündnis ihre Zusammenarbeit aus, organisierten ein "Fußballspiel für Toleranz" mit Studenten der Technischen Universität Cottbus und lassen seitdem im Stadion der Freundschaft einen Banner mit der Aufschrift "Cottbus ist bunt" gut sichtbar für die Dritte Liga übertragenden TV-Kameras hängen. Denn der schlechte Leumund der Cottbuser Fanszene fällt nicht nur auf Energie, sondern auf ganz Cottbus zurück. Das betont auch Bettina Handke: "Wir haben ein ganz reales Problem mit unseren Ruf. Die in unserer Region bitter benötigten Fachkräfte aus dem Ausland bleiben fern, weil sie glauben, Cottbus sei rechts – aber das sind wir nicht." 

Einen anderen Eindruck hinterließen einige unbekannte Energie-Anhänger, die die Feiern zum Aufstieg in die Dritte Liga missbrauchten, um sich in der Montur des rassistischen Ku-Klux-Klans als das personifizierte Böse zu profilieren. Das besonders Perfide daran: Ihre Selbstdarstellungsparade fand am helllichten Tag auf einem Cottbuser Platz statt. Ein Beweis dafür, wie selbstverständlich sich rechtsextreme Cottbuser offenbar in der Öffentlichkeit zeigen – und ein Nackenschlag für den FC Energie.

Die dritte Liga ist eine Chance

Dabei wäre eigentlich genau das der Weg, um die rechten Umtriebe im und um das Stadion der Freundschaft herum verschwinden zu lassen: Die Scheinwerfer auf sie richten, den problematischen Kern erkennen und ihn aus der Mitte der Kurve verdrängen. In der sportlichen Unbedeutendheit der viertklassigen Regionalliga fühlten sich die Energie-Nazis wohl. Kaum Besucher auf den Rängen, die ihre menschenverachtenden Parolen überstimmen könnten. Kaum Aufmerksamtkeit von Sportdeutschland, die den Verein anderweitig ins Gespräch brachte. Kaum TV-Zeit, in der über den Rechtsextremismus gesprochen wird, der Energie von innen zerfrisst.

In einer sportlich attraktiven Dritten Liga, in der die Zuschauerzahlen auch aufgrund lautstarker Gästefans steigen wird und in der die Telekom jedes Spiel live im Fernsehen überträgt, könnten die rechtsradikalen Fans sehr schnell als das entzaubert werden, was sie sind: eine dumme Minderheit.

Dann, so ist auch meine Hoffnung, könnte das Stadion der Freundschaft wieder die Freude in mir wecken, die es für mich in den Bundesligajahren zu einem fußballerischen Sehnsuchtsort werden ließ.

Ein ❤️ für Cottbus, ein ❤️ für die 3. Liga:

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