Der erste Tag bei "Big Brother": Im "Glashaus" stehen den Bewohnern Technik-Gadgets en masse zur Verfügung.
Der erste Tag bei "Big Brother": Im "Glashaus" stehen den Bewohnern Technik-Gadgets en masse zur Verfügung.
Bild: Sat.1

Sat.1 macht bei "Big Brother"-Revival vieles richtig – und nur einen Fehler

11.02.2020, 06:4811.02.2020, 09:19

Vor zwanzig Jahren hießen sie Zlatko und Jürgen. Sie waren Teil eines noch nie gesehenen TV-Sozialexperiments, durch die deutsche Medienlandschaft ging ein Aufschrei. Durfte man 13 Personen für 100 Tage in einen Container sperren und sie unter der Dusche, beim Fremdknutschen und bei Keilereien filmen?

Heute heißen Realityshow-Kandidaten Elena Miras und Danni Büchner, medienerprobte Selbstinszenierungs-Profis, krasser Gegensatz zu den "Big Brother"-Kandidaten der ersten Stunde. Und wenn sie sich vor Millionen Zuschauern aufs Übelste beleidigen und tote Maden mampfen, geht sich der Durchschnitts-Glotzer noch eine frische Tüte Rote-Beete-Chips holen.

Alles schon gesehen, der Kick der vielen ersten Male im TV ist abgeklungen, Protagonisten-Geschichten längst auserzählt, der Zuschauer abgestumpft.

"Big Brother"-Sieger bekommt nach 100 Tagen im Haus 100.000 Euro

20 Jahre, nachdem die erste "Big Brother"-Staffel in Deutschland ausgestrahlt wurde, holt Sat.1 also die Mutter aller Reality-Shows zurück: 100 Tage lang werden 14 Fremde in zwei Häusern wohnen, so (un-)real wie möglich sein, damit die Zuschauer sie lieb haben und ihnen zu 100.000 Euro Siegesprämie verhelfen. Was übrigens ein bisschen geizig vom Sender ist – der erste "BB"-Sieger John hatte noch 250.000 Mark erhalten. Aber das nur am Rande.

Die neuen Regeln

"Was ein Mensch wert ist, bestimmst du" – dieser Werbeslogan für die Jubiläumsstaffel wurde Sat.1 noch vor dem "Big Brother"-Start zum Verhängnis. Oder zum wohl platzierten PR-Coup, je nach Auslegung.

Denn die Zuschauer können erstmalig in einer App zur Show die Bewohner anhand von gelben Sternen bewerten, was Kritiker an Nationalsozialismus-Zeiten erinnerte, in denen jüdische Bürger offen sichtbar einen Davidstern (den so genannten "Judenstern") tragen mussten. Gegenüber watson wies ein Sat.1-Sprecher diese Vorwürfe als "absurd" zurück: "Für uns bei Sat.1 hat jegliches antisemitisches Gedankengut keinen Platz."

Zuschauer bewerten Bewohner

Nun funktioniert die neue Show jedenfalls so: Jeden Tag können die Sat.1-Zuschauer täglich ihre Sternchen an alle 14 Bewohner auf einer Skala von 1 bis 5 verteilen. "Big Brother" ermittelt dann die durchschnittliche Bewertung oder den so genannten "BW", den "Bewohner-Wert". Je höher, desto besser – Kandidaten mit einem höheren BW können zum Beispiel vor einer Nominierung geschützt werden oder bestimmen, wer aus dem Glashaus ins Blockhaus ziehen muss.

Die Bewohner nominieren sich gegenseitig, der Zuschauer wählt raus

Denn wie auch im Original von 2000 gilt die alte Regel: Alle zwei Wochen nominieren sich die Bewohner gegenseitig, anschließend bestimmen die Fans, wer ausziehen muss. Nach 100 Tagen winken 100.000 Euro Siegerprämie - und ein Platz im "Promi Big Brother"-Haus (kleiner Gag).

Anders als in vorherigen Staffeln werden die Bewohner nicht in einem Haus in einen reichen oder einen armen Bereich, sondern gleich auf zwei Häuser aufgeteilt: Ins futuristische Glashaus und ins bodenständige Blockhaus. Essen bekommen die Bewohner aber in beiden Bereichen reichlich, auch warmes Wasser und Kosmetika sind vorhanden.

Tricky: Im "Glashaus" bekommen die Bewohner ihre aktuelle Zuschauerwertung und die (fiesen) Kommentare brühwarm aufs Tablet serviert. Könnte aber auch was Gutes haben:

Big-Brother-Gag des Tages

"Zuschauer, begrüßt den einzigen Promi dieser Staffel: Jochen Schropp!"
Big Brother zur Eröffnung der Show

Bewohner-Spruch des Tages

Kandidat Tim bei seiner Vorstellung:

"Ich bin Tim und ich mag Apfelschorle."

Beste. Vorstellung. Ever. Bonus-Spruch von Tim: "Ich studier' schon gerne, aber nicht so hart."

Der spannendste Kandidat

Denny, der liebe Boxer (r.) mit Moderator Jochen Schropp und den Kandidatinnen Rebecca (l) und Michelle.
Denny, der liebe Boxer (r.) mit Moderator Jochen Schropp und den Kandidatinnen Rebecca (l) und Michelle.
Bild: Sat.1/Willi Weber

Bewohner Denny (Team Blockhaus) hat einfach alles, was einen guten Trash-TV-Kandidaten ausmacht: Eine softe Ader ("Ich helfe krebskranken Kindern"), eine harte Seite ("Ich bin Profiboxer"), einen charmanten Dialekt (gebürtiger Berliner, lebt in Brandenburg), eine liebe Familie, einen eingängigen Vornamen, Tattoos und Fitness als Hobby. Ohnehin ist der Kollege berufsbedingt "immer im Wettkampf-Modus". Bestens. Die Ansage war übrigens kein leeres Versprechen: Denny entschied das erste Match für sich.

Der Trostpreis geht an Kandidat Mac (Team Glashaus), der wegen Cannabis-Handels schon mal im Knast saß (kleinen Gruß an Bachelor Sebastian an dieser Stelle) und jetzt vegane Burger testet. Beruflich. Schon länger. Das findet selbst Sat.1 lustig:

Und wie macht es sich so, das alte, neue "Big Brother"?

Sat.1 macht mit der Auftaktfolge zur neuen "Big Brother"-Staffel wenig falsch und fast alles richtig: Die Vorstellung der Normalo-Bewohner von Jochen Schropp, die Befragung der aufgeregten Angehörigen im Publikum, die spürbar ehrlich staunenden Blicke des ersten (und beliebtesten) Bewohners Philipp, als er zum ersten Mal das schickere der beiden Häuser betritt, sind wohl so authentisch („Boah, Fitnessstudio, da freue ich mich total drauf“), wie sie die D-Promi-Kandidaten der übrigen Formate nur mit sieben Jahren Schauspieltraining auf die Reihe bekommen würden. Unaufgeregt, unterhaltsam, nett zum Anschauen.

Philipp, der erste "Big Brother"-Bewohner der neuen Staffel.
Philipp, der erste "Big Brother"-Bewohner der neuen Staffel.
Bild: Screenshot Sat.1

Nostalgie-Couchen mit "Big Brother"

"Big Brother" versprüht in seiner Wiederauflage wohlige Nostalgie-Coucherei und schürt banale, aber für die Show alles entscheidende Erwartungshaltungen, bei denen man nicht wusste, dass sie einen je wieder umtreiben würden: Wie kommt Kellnerin Gina mit den expressiven Augenbrauen mit dem Kajalstift-Verbot im Haus klar (damit könnten die Bewohner schreiben und das ist verboten)? Werden Schwiegermutti-Typ Philipp oder Boxer Denny zum Haus-Alpha? Und wer vergnügt sich heimlich in der Toilette?

Kandidatin Gina kurz vor ihrem Einzug.
Kandidatin Gina kurz vor ihrem Einzug.
Bild: Screenshot Sat.1

Fragen, die sich Boomer nach 20 Jahren endlich wieder stellen dürfen und die Millennials näher bringen, wie simpel das damals so war, in den verrückten Anfangsjahren der heute omnipräsenten Reality-Welt.

Das einzig Störende: Sat.1 gönnt seiner Einzugsshow über drei Stunden Sendezeit. Das wäre bei einem Fomat wie "Promi Big Brother" nicht weiter schlimm, bei dem die Zuschauer die Kandidaten kennen (na gut, zumindest die Hälfte davon) und ihnen auch am Anfang gerne zuschauen, wenn eigentlich noch nichts außer einem großen Hallo passiert.

In der Normalo-Variante ist es aber schwierig, den Vorstellungsfilmen und Sofa-Talks von Jochen Schropp mit den einzelnen Bewohnern gebannt zu folgen, die Zuschauerbindung muss sich erst noch aufbauen.

120 Minuten hätten gut und gerne gereicht – aber wir haben ja noch 99 Tage Zeit, um alle Kandidaten kennenzulernen und sie ausgiebig ins Herz zu schließen.

Sat.1 zeigt "Big Brother" ab dem 10. Februar immer montags um 20.15 Uhr und von Mo-Fr um 19 Uhr. Die Folgen sind auch auf Joyn abrufbar.

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