Marcel Reif zweifelt am WM-Boykott und erntet für seinen "Lanz"-Auftritt Kritik.
Marcel Reif zweifelt am WM-Boykott und erntet für seinen "Lanz"-Auftritt Kritik.Bild: ZDF
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"Jenseits des Erträglichen": Marcel Reif erntet Kritik für "Lanz"-Auftritt

20.10.2022, 15:19
daniel guggeis

Einen Monat und einen Tag vor dem Eröffnungsspiel der WM 2022 zwischen Katar und Ecuador geht es bei Markus Lanz um die umstrittene WM im Golfstaat. Bringt ein Boykott noch etwas und wie geht es den Arbeitsmigranten in Katar jetzt? Das sind ein paar Fragen, die in der ZDF-Sendung zum Teil beantwortet wurden. Die Vorfreude auf die WM ist generell getrübt, "die Diskussionen will ich nicht ausblenden", sagt Marcel Reif schon zu Beginn der Show.

Doch der langjährige Sky-Kommentator hält den Boykott generell für falsch und versteht die Moralisierung des Fußballs, insbesondere der WM, nicht. Dafür wiederum erntet er Kritik im Netz.

Das waren die Gäste bei "Markus Lanz" am 19. Oktober 2022:

  • Marcel Reif. Fußballkommentator
  • Sebastians Sons, Islamwissenschaftler
  • Lena Cassel, Sportjournalistin
  • Andreas Rettig, Fußballfunktionär

Markus Lanz fragt früh alle Gäste, ob jemand nach Katar reist. Islamwissenschaftler Sebastian Sons wird als einziger anreisen, er will vor Ort Beobachtungen über die Abläufe machen und war zuvor schon mehrmals in Katar. Andreas Rettig und Lanz geraten gleich aneinander, als der Moderator dem ehemaligen Fußballfunktionär eine Falle stellt. Rettig spricht davon, dass er die WM boykottieren wird, die DFB-Spiele wird er sehen, gibt er zu. Lanz hakt nach, ob er bei einer möglichen Finalteilnahme Deutschlands nach Katar reisen würde. Rettig umgeht die List und beteuert, dass er nicht nach Katar reisen werde.

Zeichen setzen gegen die Katar-WM

Andreas Rettig präsentiert dazu eine Gegenbewegung. So sollen während der WM in Kölner Kneipen Gegenveranstaltungen stattfinden. Die Podcasterin und Sportjournalistin Lena Cassel findet das gut. Es braucht für sie keinen stillen Boykott, sondern es müssen Zeichen gesetzt werden. Der ehemalige Geschäftsführer der Deutschen Fußballliga (DFL) bekräftigt, wie wichtig das "Nichtschauen" ist, da es das Sportswashing und seine Sponsoren treffe, so zumindest seine romantische Vorstellung.

Lena Cassel sieht den Fußball als Brennglas der Gesellschaft.
Lena Cassel sieht den Fußball als Brennglas der Gesellschaft.Bild: ZDF

Marcel Reif entgegnet in einem kurzen Rededuell, dass das ein verlorener Kampf sein wird. Er versteht, dass die Einschaltquote ein Machtmittel ist, fürchtet aber, dass spätestens zu Beginn der WM viele zum Fernseher zurückkehren. Markus Lanz versucht wieder, Andreas Rettig unter Druck zu setzten, mit der Frage, wie er sich ein Urteil bilden kann, obwohl er noch nie in Katar vor Ort war. Dazu ist es Lanz wichtig, penibel herauszufinden, wie hoch genau die Zahl der Todesfälle bei den Baustellen ist.

Sons: "Anzahl der Todesopfer lässt sich nicht seriös beantworten"

Islamwissenschaftler Sons tut Lanz endlich den Gefallen und versucht die Zahlen einzuordnen. 15.000 Menschen seien im Zuge der Bauarbeiten zur Weltmeisterschaft ums Leben gekommen, aber ohne bekannte Todesursache. Seriös beantworten lässt sich die Frage also nicht. Dazu erklärt der Forscher noch das Kafala-System in Katar, bei dem katarische Staatsbürger über Arbeitsmigranten verfügen und so auch ausbeuten. Cassel findet das Sprechen über die Todeszahlen zynisch: "Ab wann gucken wir denn die WM nicht mehr? Ab drei toten? Fünfzig, sechzig oder 1000?"

Sebastian Sons klärt über die Gesellschaft in Katar auf.
Sebastian Sons klärt über die Gesellschaft in Katar auf.Bild: ZDF

Sons spricht allgemein ein global strukturelles Problem an, denn Staaten wie Nepal leben unter anderem von den Rücküberweisungen von Arbeitern in den Golfstaaten. Laut Sons machen sie sogar ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts Nepals aus. Der Islamforscher versteht die politische Kritik an der WM, sträubt sich aber hart dagegen, wenn die Argumente in kulturelle Richtung gehen, wie beispielsweise ein Alkoholverbot in Katar. Für ihn ist die arabische Welt klar Teil der Fußballfamilie.

Katar hat kein Interesse an System-Änderungen

Andreas Rettig bezweifelt stark, dass ein großes Sportevent je Missstände verbessert hat. "Was soll durch die Weltmeisterschaft passieren? 300.000 Kataris, haben die ein Interesse am System was zu ändern?". Aus seiner Sicht braucht es dafür keine Weltmeisterschaft in Katar. Cassel sieht hingegen eine WM als Brennglas der Gesellschaft und betont die Wirkmacht des Fußballs, stellt aber zugleich klar, dass diese WM nun auch das verkommene System zeigt.

Andreas Rettig sieht die Schuld vor allem bei der FIFA.
Andreas Rettig sieht die Schuld vor allem bei der FIFA.Bild: ZDF

Sons bestätigt, dass viele Reformen nicht umgesetzt wurden und wünscht sich mehr Druck für das autokratische System. Der Staat ist sehr klein und gut organisiert und versucht sich über Netzwerke unantastbar zu machen, das gelingt auch dank dieser Weltmeisterschaft. Doch nicht nur da ist Katar ein Thema.

Auch der FC Bayern ist mit Katar verbandelt, bringt Andreas Rettig ein, der sich zuletzt mit Ex-Bayern-Boss Uli Hoeneß im Doppelpass über das Thema gestritten hat. So wurde von Hoeneß behauptet, dass der Frauenfußball in Katar beispielsweise vorangetrieben wurde. Rettig fragt in den Raum, auf welchen Weltranglistenplatz die Mannschaft liegt. Auf ein kurzes Schweigen folgt die Antwort, dass Katar gar nicht geführt ist, da nicht genügend Spiele absolviert wurde, die Frauenmannschaft des Golfstaats ist also lediglich ein Feigenblatt, obwohl sie Bedingung für die WM-Vergabe war.

Marcel Reif: "Der Profifußball muss sich moralisch breiter aufstellen"

Für das Ärmel-Sponsoring durch Qatar Airways steht der FC Bayern in der Kritik. Marcel Reif entgegnet auf die Frage von Lanz, was von der finanziellen Unterstützung aus dem Golfstaat zu halten sei, dass der Profifußball eben moralisch breiter aufgestellt sein muss.

In sozialen Netzwerken hagelt es an diesem Abend viel Kritik für Reif. Insbesondere seine Aussage der moralisch breiteren Aufstellung des Fußballs wird als zynisch bewertet. "Jenseits des Erträglichen", lautet ein hartes Urteil.

Vielleicht ist er das schon, wenn man beispielsweise die Bewerbung um die WM 2030 von Saudi-Arabien betrachtet. Markus Lanz stellt zum Schluss der Sendung noch eine spannende Frage, auf die leider keine Antwort folgt. Hätte in der Konsequenz auch keine WM in Russland gespielt werden dürfen? Mit einem Blick in die Ukraine lässt sich das vielleicht beantworten.

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