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Ricardo Lange kritisiert Corona-Aufarbeitung scharf und fordert Maßnahmen

Ricardo Lange Intensivpfleger
Intensivpfleger Ricardo Lange erhebt schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen in der Politik.Bild: Privat
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Prekäre Pflege-Situation: Ricardo Lange prangert mangelnde Corona-Aufarbeitung an

04.04.2024, 19:33
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Überlastete Pflegekräfte und Krankenhäuser, mangelnde Betreuung, Personal-Engpässe: Die Situation in der Pflege in Deutschland ist fatal und wird voraussichtlich noch prekärer. Das Problem: Obwohl Nachwuchs unerlässlich ist, wird die Pflege als Berufswahl für Menschen immer weniger attraktiv.

Ricardo Lange ist erfahrener Intensivpfleger und nimmt kein Blatt vor den Mund. Bereits während der Corona-Pandemie hat er auf die schlechten Zustände und Arbeitsbedingungen in Krankenhäusern und in der Pflege aufmerksam gemacht. Die massiven Engpässe an Pflegekräften bestünden aber auch nach der Pandemie weiter, wie er im Gespräch mit watson hervorhebt.

Dennoch sei das gesellschaftliche Interesse nach der Pandemie immens abgeflacht, leere Versprechungen im Sande verlaufen. Lange fordert angesichts der veröffentlichten Corona-Protokolle konkrete Maßnahmen und eine gemäßigte Diskussionskultur.

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Diskussionen um die Impfpflicht erhitzten die Gemüter wie kaum ein anderes Thema.Bild: Deutsche Presse-Agentur GmbH / Peter Kneffel

Ricardo Lange wird wegen Corona-Meinung angefeindet

"Ich muss immer mehr feststellen, dass es mittlerweile nur noch extreme Meinungen gibt", sagt Lange zu watson. Zwischen den Extremen vermisst er den Raum für einen sachlichen Diskurs. "Es gibt diejenigen, für die keine Corona-Maßnahme zu streng war und die auch heute teilweise noch Maßnahmen fordern. Und es gibt diejenigen, für die Corona lediglich eine Erfindung der Elite ist", erklärt Lange.

Gemäßigte Stimmen hielten sich häufiger zurück. Auch er selbst werde immer wieder angefeindet – mal als "Corona-Leugner", mal als "Mittäter". "Ein sachlicher Diskurs scheint mir aktuell kaum mehr möglich", sagt Lange.

Seinen Teil dazu beitragen möchte er trotzdem.

Denn in der Aufarbeitung der vergangenen Ereignisse sieht Lange eine dringende Notwendigkeit. Und zwar, ohne dabei in Umsturzfantasien abzudriften. In der aktuellen Debatte um die veröffentlichten, aber teils geschwärzten, Corona-Protokolle des RKI sieht er eine Chance. Es sind mehr als 1.000 Seiten, die nach einer langwierigen Klage des Online-Magazins "Multipolar" jetzt öffentlich sind: die Aufzeichnung interner und brisanter Besprechungen des Corona-Krisenstabs.

"Viele vergessen heute, dass während der Pandemie wirklich viele Menschen gestorben sind", sagt er und erinnert an die Tragödien, die sich in der Corona-Hochphase ereigneten. Nun müsse man sich fragen, was man hätte besser machen müssen, um auf künftige Krisen vorbereitet zu sein.

Lange erinnert auch an die schwierige Debatte um die damals diskutierte Impfpflicht. "Man hat einseitig die Verantwortung auf eine gewisse Gruppe reduziert", verweist Lange auf das negative Stigma, das ungeimpfte Menschen während der Pandemie trugen. Dies zu thematisieren, sei jedoch kaum möglich gewesen.

Ricardo Lange: Corona-Debatte soll Wiederholung von Fehlern vermeiden

Dass eine öffentliche Debatte wichtig ist, ist kaum von der Hand zu weisen. Während der Corona-Pandemie gerieten Krankenhäuser an ihre Belastungsgrenzen, das Gesundheitssystem drohte, zusammenzubrechen. Vielfach wurde darüber diskutiert, wie man Strukturen stärken und mehr Gesundheitspersonal gewinnen könne. Pfleger:innen sowie Ärzt:innen in den Krankenhäusern waren völlig überlastet.

ARCHIV - 30.11.2021, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Ärzte und Pflegekräfte betreuen Patienten in einem der Behandlungszimmer der Intensivstation in der Universitätsmedizin Rostock im Jahr 2021. Die  ...
Das Coronavirus brachte Intensivpfleger:innen an ihre Grenzen.Bild: dpa-Zentralbild / Jens Büttner

Geändert hat sich das nach Meinung des Intensivpflegers kaum.

"Corona spielt heute eigentlich gar keine Rolle mehr in meinem Arbeitsalltag", meint Lange. Dabei sollte es das, denn die Pandemie habe deutlich gemacht, wie fragil das System ist:

"Es gibt so viele andere Erkrankungen, die uns zu schaffen machen. Auch über die Problematik der multiresistenten Keime, gegen die es immer weniger wirksame Antibiotika gibt, spricht kaum einer. Zu Corona hatte man immer betont, das Gesundheitssystem nicht überlasten zu wollen. Davon spürt man heute nichts mehr. Medikamente sind schwer oder gar nicht zu bekommen, und viele Kliniken und Pflegeheime stecken in finanziellen Schwierigkeiten."

Zudem gebe es immer noch zu wenig Pflegepersonal.

Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) vom März 2023 verheißen nichts Gutes – und stützen Langes Aussagen: Demnach wird die Zahl pflegebedürftiger Menschen in Deutschland allein durch die zunehmende Alterung bis zum Jahr 2055 um rund 37 Prozent zunehmen. Die Folge: Der Bedarf an Pflegekräften könnte bis zum Jahr 2049 insgesamt auf rund 2,15 Millionen Menschen anwachsen. Die Versorgungslücke im Pflegebereich könnte sich dieser Berechnung zufolge auf rund 690.000 Pflegekräfte belaufen.

ARCHIV - 07.02.2024, Baden-Württemberg, Filderstadt: Eine Bewohnerin eines Pflegeheims wird von einer Pflegerin einen Gang entlang geschoben. (zu dpa: «Leichter Anstieg bei neuen Auszubildenden in der ...
Pflegepersonal wird in allen Bereichen des Gesundheitssystems benötigt.Bild: dpa / Marijan Murat

Intensivpfleger Lange fordert mehr Geld und Entlastung für Pflegekräfte

Seit Ende der Corona-Pandemie habe das Interesse an der Verbesserung des Gesundheitssystems deutlich nachgelassen, bemängelt der Intensivpfleger. "Wenn Bahnpersonal streikt und die Leute nicht mehr zur Arbeit kommen, interessiert das gefühlt alle. Beim Gesundheitspersonal nicht."

Sein Lösungsvorschlag? "Man muss irgendwie die Leute wieder in den Beruf kriegen", sagt er entschlossen. Doch das sei nur ein Teil der Lösung. Denn: "Was bringt es, wenn vier neue kommen, aber fünf wegen der schlechten Arbeitsbedingungen gehen?", fragt er.

Oberstes Ziel sollte deshalb sein, die bestehenden Pflegekräfte zu halten. Ohne Pfleger:innen laufe im Gesundheitswesen ohnehin nichts. Sie seien in allen Bereichen fundamental wichtig für die Versorgung von Patient:innen.

Zudem verweist er auf den Umstand, dass wer ständig überlastet sei, früher oder später Fehler mache oder gar ganz ausfalle. Nicht nur die Qualität der Versorgung leide unter diesen Bedingungen. Fehlende Pflege-Ressourcen würden ihm zufolge auch gesamtgesellschaftlich höhere Kosten mit sich bringen, wie beispielsweise durch pflegende Angehörige, die ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen könnten.

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Ricardo Lange: Reduktion der Arbeitszeit wichtigster Faktor

Der Intensivpfleger unterstreicht deshalb die Bedeutung von angemessenen Arbeitsbedingungen für die Pflegekräfte, etwa durch Arbeitszeitreduktion. Zur Erinnerung: Die Grünen hatten beispielsweise in der vergangenen Wahlperiode die 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich für alle Pflegekräfte gefordert. Gewerkschaften fordern diese schon lange. Bisher ohne den Erfolg einer bundesweiten Regelung.

Ricardo Lange
Ricardo Lange hat schon öfter bis über seine Belastungsgrenzen hinaus gearbeitet.Bild: Privat

Eine Möglichkeit, um die Anzahl der Pflegekräfte zu erhöhen, sieht der Intensivpfleger zudem in der Entlastung des Personals durch eine abschlagsfreie Rente mit 60: "Man weiß heute, dass jeder, der regelmäßig Nachtdienste macht, ungefähr acht Jahre seiner Lebenszeit verliert. Die Zeit könnte man ihnen quasi zurückgeben." Tatsächlich deuten Studien auf diesen Umstand hin.

Auch Geld ist laut Lange ein Faktor. Finanzielle Anreize allein würden allerdings nicht ausreichen, um Pflegekräfte langfristig zu binden, betont Lange. Er fügt hinzu:

"Man könnte sich trotz mehr Geld niemals an die schlechten Arbeitsbedingungen gewöhnen. Geld ist natürlich eine Triebfeder und hält die Leute eine gewisse Zeit bei der Stange, aber nicht auf Dauer."

Seine primäre Forderung lautet deshalb: Ein angemessenes Gehalt in Kombination mit guten Arbeitsbedingungen müssen her. Und das so schnell wie möglich.

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