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Nachdem der Pilot von Greenpeace auf das Fußballfeld abgestürzt war, wurde er abgeführt. Bild: www.imago-images.de / ULMER

Meinung

Notlandung für Greenpeace: Wo Menschen gefährdet werden, geht Aktivismus zu weit

Während die Zuschauer des EM-Spiels Deutschland gegen Frankreich am Dienstag im Münchner Olympiastadion gespannt auf den Anpfiff warteten, kreiste über ihren Köpfen bereits das Unheil: ein Motorschirmflieger der Umweltorganisation Greenpeace, der als Protest gegen den Sponsor Volkswagen einen Ballon ins Stadion absenken wollte. Dabei geriet der Pilot in Schwierigkeiten und stürzte ab – direkt in die Stahlseilkonstruktion über dem Stadiondach. Nur mit Mühe konnte der Aktivist auf dem Fußballfeld landen, verletzte aber zwei Zuschauer dabei.

"Wenn dabei Unbeteiligte in Gefahr gebracht werden, hört Aktivismus auf und fängt Leichtsinn an."

Greenpeace fällt zwar immer wieder durch spektakuläre und teils aufsehenerregende Aktionen auf – doch wenn dabei Unbeteiligte in Gefahr gebracht werden, hört Aktivismus auf und fängt Leichtsinn an. Die Sprecher von Greenpeace entschuldigten sich zwar im Nachhinein für die misslungene Flugeinlage – aber ob sie durch diesen Fehlschlag für die Zukunft lernen werden?

Auch beim Kampf gegen die Klimakrise ist nicht alles erlaubt

Angesichts vergangener Aktionen kommt man an der Philosophie von Greenpeace langsam ins Zweifeln. Der Zweck heiligt die Mittel? Die Klimakrise gefährdet ja auch Menschenleben? Gut und schön. Aber irgendwo muss Schluss sein. In Berlin beispielsweise färbte Greenpeace im Juni 2018 den Kreisverkehr rund um die Siegessäule mit gelber Farbe ein: ein Protest für die Sonnenenergie und gegen die Kohleindustrie. Die hohen Reinigungskosten waren wohl von den Aktivisten einkalkuliert, da sie im Nachhinein die Rechnung bezahlten. Aber was war mit den Unfällen wegen der rutschigen, verschmierten Fahrbahn? Gefährlich wurde es nicht nur für Autos, selbst eine Fahrradfahrerin stürzte wegen der Aktion auf die Fahrbahn.

Gegen aufsehenerregenden und auch provokanten Aktionismus für ein so wichtiges Thema wie den Umweltschutz ist erstmal nichts einzuwenden. Oft muss man Grenzen überschreiten, um überhaupt Gehör zu finden. Hätten die Schulkinder von Fridays for Future nur am Wochenende demonstriert, hätte das wohl niemanden groß interessiert. Ein bisschen Applaus, ein paar Debatten und schon wäre das nächste Thema auf der Tagesordnung gewesen. Erst durch das Verstoßen gegen die Schulpflicht gewann die Organisation die notwendige Bedeutung, um bei der Klimapolitik der Regierung mitzureden.

"Wenn Greenpeace genau die Weitsicht fehlt, die sie von ihren Gegnern hinsichtlich der Klimakrise einfordern, haben wir ein Problem."

Deshalb mein Appell an Greenpeace: Klettert weiterhin auf Atomkraftwerke, kettet euch an Gleise, blockiert Öltanker. Eure Arbeit ist wichtig und richtig! Aber überlegt euch besser, welche Folgen euer Protest haben könnte.

Blinder Aktivismus schadet dem Kampf gegen die Klimakrise

Denn wenn Greenpeace genau die Weitsicht fehlt, die die Aktivisten von ihren politischen Gegnern hinsichtlich der Klimakrise einfordern, haben wir ein Problem: Mit solchen Aktionen wie am Dienstag schaffen die Umweltaktivisten kein Aufrütteln der Bevölkerung, keine breite Unterstützung für das Klima, sondern nur Ablehnung. Sie spielen ihren Gegnern, Klimawandelleugnern und Umweltsündern, in die Hände.

Wer Menschenleben für blinden Aktivismus gefährdet, und sei er noch so grün und sinnvoll, hat seine Chance auf Veränderung verspielt.

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