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Greenwashing

Wenn jetsettende Influencer plötzlich ihre Liebe zur Umwelt entdecken

Bild: imago stock&people

Bianca Xenia Jankovska
Bianca Xenia Jankovska

Wir schreiben den 1. August 2018. Es ist Welterschöpfungstag, auch Earth Overshoot Day genannt. Eine normschöne Influencerin aus Deutschland posiert mit ihrem Backpack auf den Berggipfeln der Cordillera de Mérida – dem nordöstlichen Ausläufer der Anden in Venezuela – und schreibt dazu eine herzzerreißende Caption, auf die gut kalkulierter digitaler Applaus folgen wird:      

"Ich bin schockiert. Bis zum heutigen Tag haben wir bereits mehr von der Natur genutzt, als unser Planet in einem Jahr wiedererneuern kann. Vor zehn Jahren war der #WorldOvershootDay am 23. September, was den drastischen Anstieg der Ressourcen zeigt, die durch unseren rücksichtslosen Überkonsum verbraucht wurden."

"Ich bin überzeugt, dass wir den Klimawandel nur bekämpfen können, wenn wir unseren Konsum verändern. Sei der Wandel, den du in dieser Welt sehen willst!"

Es folgt neben hunderttausenden Herzen und unterstützenden Kommentaren ("You go, girl. Ein echtes Vorbild!") eine Aneinanderreihung von Dingen, die "wir" reduzieren müssen, um "unseren" Planeten zu retten: Fleischkonsum, Kleidungsverbrauch, Plastikverpackungen, Flugreisen. Wir sollen nachhaltige Produkte kaufen und Altes reparieren lassen.  

"So", schreiben die Influencerinnen des Landes, die gerade das 1x1 des nachhaltigen Lebens auf YouTube nachholen beinahe synchron auf ihrer Lieblings-Selbstbeweihräucherungsplattform, "könnten wir einen großen Teil des Umweltproblems lösen", bevor sie ihre pinken Plastik-Flamingos aus dem Koffer holen, um Selfies im Pool zu schießen.    

Pathetic? Auf jeden Fall.

Einerseits plädieren gewisse Influencer-Größen für nachhaltigen Konsum, andererseits denken sie, dass es mit einer fair in Polen produzierten Tote-Bag (#ethical) beim Einkaufen am anderen Ende der Welt getan wäre, obwohl sie bis zu ihrer Ankunft in besagtem Land 3,3 Tonnen CO2 (Economy, Two Way BER – VE) verballert haben. Das entspricht dem wohnspezifischen CO2-Wert einer Person, die ein ganzes Jahr in einem Mehrparteienhaus auf 70 Quadratmetern lebt, duscht statt badet und Elektrogeräte verwendet, die jünger als 10 Jahre sind (Quelle: CO2-Rechner).  

Anderer Vergleich gefällig?

Ein Kilogramm Bio-Schwein schlägt klimabilanzmäßig mit 1,5kg CO2-Äquivalenten zu Buche – das wären aufs Jahr hochgerechnet bei einem durchschnittlichen Konsum von 500 Gramm Schwein pro Woche 39 kg CO2.    

Immer wieder tappen weltverbessernde Models, Schauspieler oder ganz normale Kim Kardashians von nebenan in die Öko-Falle, ohne vorher nachzurechnen, was sie da von sich geben – unabhängig davon, ob Fleischkonsum nun gut oder schlecht ist.

Es geht viel mehr darum aufzuzeigen, dass der Verzicht auf Fleisch alleine nicht reicht, um eine Weltreise zu legitimieren. Zumindest, wenn wir hier rational und nicht moralisch argumentieren.      

"Die Malediven sind durch den Klimawandel, der zur Steigung des Meeresspiegels führt, in Gefahr, irgendwann überflutet zu werden und unterzugehen", schreibt die aktuelle Miss Schweiz Jastina Riederer auf Instagram.

Sie fände das sehr traurig und schade, deshalb rufe sie jeden dazu auf, etwas zum Klimaschutz beizutragen. Nach dieser Ausnahmereise werde sie es wieder im Alltag tun. Sie hole ihr Gipfeli mit dem Einrad statt dem Auto – und gehe mit Strom und Wasser sparsam um (watson.ch berichtete).

Würde Riederer ihre Gipfeli statt mit dem Einrad mit dem Auto holen (Annahme: 5 Kilometer Fahrt, Benzin, Verbrauch: 10 Liter auf 100 Km) entstünde dadurch eine CO2-Menge von 2 Kilogramm. 

Die amtierende Miss Schweiz könnte anstelle ihres Fluges in die Malediven also exakt 1450 Mal mit dem Auto Gipfeli holen und sich den mühsamen Weg mit dem Einrad ersparen.

Die Kritik kommt gar nicht gut an. Denn: radikale Selbstbestimmung diktiert ihr Leben. Reisen, das macht frei im Kopf und erweitert den Horizont. Reisen, das gehört zu einem fancy Lifestyle eben dazu, den man verkaufen muss. Auf wessen Kosten auch immer. Und außerdem tun sie ja schon so viel für ihre, pardon, unsere Umwelt. Sie fahren – im besten Fall – kein Auto, sie ernähren sich vegan, sie tragen kein Leder und sammeln Plastik am Strand von Bali ein.  

Da wird bis ans andere Ende der Welt geflogen, um dort für 50 Minuten aufzuräumen "#beachcleanup" und sein schlechtes Gewissen via Insta-Post zu beruhigen "#healing".

Was man selbst dazu beiträgt, dass der Klimawandel voranschreitet? Geschenkt. Ja, immerhin hat man doch etwas getan! "Besser als gar nichts", rufen jetzt die Beleidigten an den Stränden von Phuket, Kuta, Armação dos Búzios oder Thinadhoo. "Besser, als so weiterzumachen wie bisher."

Ich finde: Es wird größtenteils so weitergemacht wie bisher, nur mit neuen, PR-gerechten Verschleierungstechniken, die der Umwelt so gut helfen wie Vaseline gegen Sonnenbrand.  

Nur, weil man einmal etwas "Gutes" getan hat, heißt das noch lange nicht, dass es einen signifikanten Impact hat. #sorrynotsorry

Sadfact: Das Pseudoöko-Dasein alleine wird die Welt nicht retten, sofern wir alle nicht endlich aufhören, um den Globus zu jetten und anfangen, das Glück dort zu finden, wo es ist. Vor unserer Nase. Unsere Welt wird sich nicht von selbst regenerieren, nur weil wir die Worte der nicen "Feel Good"-Influencerin nachplappern, die sich nicht an ihre eigenen Regeln hält.    

Was man stattdessen tun könnte: Accounts entfolgen, die Öko-Cherrypicking für ihre eigene Reichweite betreiben, und sich nur das herausnehmen, was gerade angenehm zum Lifestyle passt. Auf Fleisch zu verzichten ist heutzutage leichter, als auf die drei Reisen rund um den Globus pro Jahr, selbst wenn im Falle des Falles (!) eher auf Letzteres als auf Ersteres verzichtet werden müsste, um eine okaye CO2-Bilanz vorweisen zu können. In Deutschland liegt diese bei 9,8 Tonnen CO2 pro Jahr und Kopf – Tendenz steigend. (Spiegel Online)      

Man könnte das nächste Mal einen Urlaub in Europa buchen. An Politiker und Politikerinnen appellieren, statt aus der Ferne an das zuhause gebliebene Individuum.  

Denn plastikfreier Konsum kann nicht die Aufgabe einiger weniger privilegierter Menschen sein, die dreimal pro Woche Zeit haben mit ihrer süßen Bambus-Tupperware zum Biomarkt zu laufen. Es muss gesetzlich geregelt zum Mainstream werden. Weltweit. Alles andere ist Erbsenzählerei – und personifiziertes Greenwashing.    

Aber so wichtig scheint die Umwelt den meisten ja dann doch nicht zu sein.  

Namaste!

Zu dem Thema hat Saskia auch eine klare Meinung: "Wie mich die Klimaignoranz ankotzt"

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Video: watson/Saskia Gerhard, Lia Haubner

Und nur mal so: Mutter Natur schlägt zurück!

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Video: watson/Knackeboul, Madeleine Sigrist, Lya Saxer

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